Concerte.
(Festconcert der Gesellschaft der Musikfreunde. „
Die Jahreszeiten.“ Zwei neue
Sonaten von
Brahms.)
Ed. H. Vor einem Jahre noch stand auf dem Neue
Markt das fürstlich Schwarzenberg’sche Palais. Darin
hat vor vierundneunzig Jahren die erste Aufführung von
Haydn’s „Jahreszeiten“ stattgefunden. Eine kunstsinnige Ge
sellschaft aus dem hohen Adel — van Swieten war ihr be
ständiger Secretär — gab diese denkwürdige Première für
sich und ihre geladenen Freunde. Der neunundsechzig
jährige Haydn dirigirte das Orchester, Salieri accom
pagnirte am Flügel. Die „Jahreszeiten“ mit der um zwei
Jahre älteren „Schöpfung“ übergingen dann in die Hände
der „Tonkünstler-Witwen-Societät“, welche alljährlich im
alten Burgtheater beide Oratorien schlecht und recht ab
spielte. Das dauerte so mehrere Decennien, bis man endlich
diesen regelmäßigen Wechsel von „Schöpfung“ und „Jahres
zeiten“ in zunehmend schleuderischen Aufführungen satt be
kam. Welcher Jubel erscholl, als nach langer Pause Her
beck im Jahre 1860 die „Jahreszeiten“ wieder heraufholte
zu neuem, kräftigem Leben! Seither pflegt die Gesellschaft der
Musikfreunde alle vier oder fünf Jahre eines der beiden Ora
torien Haydn’s in sorgfältigster Aufführung zu geben und findet
jedesmal dafür ein sehr empfängliches, ja begeistertes Audi
torium. Sie hat es auch an diesem 9. Januar gefunden,
trotz des furchtbaren Schneesturmes, der den Ein- und Aus
gang arg gefährdete. Diesmal erschienen die „Jahreszeiten“
als Festconcert, zum 25jährigen Jubiläum unseres Musik
vereins-Gebäudes. Der Verein selbst (die ehrwürdige „Gesell
schaft der Musikfreunde“) hat bereits vor 33 Jahren seinen
fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Damals sprach Minister
Schmerling in einem schwungvollen Toast die Zuversicht
aus, es werde die Gesellschaft „bald im eigenen Hause
walten und selber Gastrecht üben“. So ist es auch ge
kommen. Das hoffnungsvolle Lied vom eigenen Haus war
ihr übrigens früher schon gesungen worden. Jahrelang
mußte sie für ihre Concerte sich den großen oder den kleinen
Redoutensaal erbitten, dessen Bewilligung jedesmal von dem
besonderen Wohlwollen des Obersthofmeister-Amtes abhing.
Immer dringender, unabweislicher für die „Gesellschaft“
wurde somit der Bau, wenn nicht eines eigenen
Hauses, doch wenigstens eines eigenen Concertsaales.
Das war der „alte Musikvereinssaal“ unter den Tuchlauben,
„zum rothen Igel“. Seine feierliche Eröffnung geschah am
4. November 1831 mit einem von Grillparzer eigens
gedichteten, von Franz Lachner componirten „Weihgesang“.
Man fühlte sich wie im Himmel — beinahe vierzig Jahre
lang. Für ein rasch aufblühendes Musikwesen sind vierzig
Jahre eine halbe Ewigkeit. Der Himmel des „rothen Igels“
wurde uns bald unerträglich eng. Es galt, einen großen
Entschluß zu fassen. Die Direction der Musikfreunde ar
beitete mit Muth und Erfolg an dem Zustandekommen
eines würdigen Neubaues, wofür ganz Wien sich lebhaft
interessirte. Unser musikheiliger Nikolo, genannt Dumba,
muß seine Hand stark im Spiele gehabt haben, denn das
neue Musikvereins-Gebäude stand am Neujahrstage 1870
fertig da und wurde am 6. Januar feierlich mit Sang
und Klang eröffnet. Ein Ehrentag für Meister Theophil
Hansen, den wir jetzt bei dem fünfundzwanzigjährigen
Jubiläum seiner Schöpfung schmerzlich vermißt haben, wie
so viele der früheren trefflichen Directionsräthe: Dr.
Egger, Eduard Schön, General Drathschmiedt,
Dr. Standhartner, Mosenthal, Herbeck,
Hellmesberger! Tags darauf wurde der „kleine
Saal“ von Clara Schumann eingeweiht — ein gutes
Omen, das aber nicht recht nachzuwirken scheint. Schade,
daß dieser schmucke Saal, der durch seine Lage und innere
Einrichtung ungleich bequemer ist, als der Bösendorfer’sche,
jetzt so wenig benützt wird von Virtuosen und Quartett
vereinen.
Erst fünfundzwanzig Jahre lang steht unser Musik
vereinssaal. Eine kurze Zeitspanne, und doch — wie viele
hochbedeutende glänzende Namen, mitunter Marksteine unserer
Musikentwicklung, sind damit verbunden! Liszt hat in
seinen alten Tagen als Abbé zum letztenmale hier mit
Orchester gespielt; Bülow und Rubinstein haben da
ihre schönsten Triumphe gefeiert. In diesem Saale lauschten
wir der Geige Joachim’s, Sarasate’s, Wilhelmj’s;
dem Gesange der Adelina Patti, Nilsson, Albani,
Bellincioni, Barbi; dem Orgelspiele Bruckner’s und
Labor’s. Richard Wagner, Bülow, Liszt, Herbeck,
Dessoff haben hier ihren Commandostab geschwungen;
nach ihnen Brahms, Richter, Gericke. Alle großen Chor-
und Orchesterwerke von Brahms, die wesentlichsten von
Liszt, Rubinstein, Goldmark, Dvořak, Smetana u. A. stammen
sämmtlich für uns aus dem neuen Musikvereinssaal.
Habe ich mich wegen des langen historischen Rückblicks
zu entschuldigen? Dann citire ich Berger’s Festgedicht:
„Jeglich Menschenwerk, groß oder klein, wie sich’s auch
wandle in der Zeiten Wechsel, des eig’nen Ursprungs bleib’
es eingedenk!“ Alfred v. Berger war auch diesmal, wie
jüngst bei der Johann Strauß-Feier, rasch und gefällig mit
einem Prolog bei der Hand. „Bereit sein ist Alles,“ sagt
Shakespeare. Unser Dichter nimmt seinen Ausgang
bedeutungsvoll von den politischen Weltereignissen, unter
deren Einwirkung die alte Gesellschaft der Musik
freunde erwuchs. Das neue Haus selbst bot ihm
weniger poetische Motive. Gelegenheitsgedicht ist häufig
Verlegenheitsgedicht; es entsteht nicht immer auf specielle
Einladung der Minerva. Berger’s Poem, sachgemäß und
würdig, muß sich ohne die poetischen Fittiche behelfen, auf
denen sein Strauß-Prolog sich so kräftig aufschwang. Der
alte Johann Strauß stimmt uns noch immer lyrischer als
ein fünfundzwanzigjähriges Haus. An Lewinsky, dem
Sprecher des Prologs, bewunderten wir wieder die Kunst
der klaren und doch warmen, gehobenen Rede. ... Die
Aufführung der „Jahreszeiten“ unter Director Gericke’s
Leitung entsprach allen Anforderungen. Voll des Dankes
und der Zufriedenheit ist diese Musik ein Heilmittel —
wenigstens ein momentanes — gegen den Pessimismus
unserer Zeit. Aber jedesmal frappirt es uns von neuem,
wie die einzelnen Jahreszeiten auf Haydn’s Phantasie eine
so ganz andere, fast umgekehrte Wirkung üben, als auf uns
im wirklichen Leben. Herbst und Winter sind bei ihm nicht
blos die blühendsten, frischesten Jahreszeiten, in ihnen fängt
überhaupt geniales Leben erst recht an, während der Früh
ling nach Haydn ein ziemlich gleichgiltiger, der Sommer
sogar der verdrießlichste Abschnitt sein müßte, in dem man
blos schwitzt und sich vor dem Gewitter fürchtet. Sogar die
Liebe zwischen Lucas und Hannchen läßt er nicht im
wunderschönen Monat Mai erwachen, sondern erst im
October. Frau Lillian Henschel, die Gattin
Georg Henschel’s, der im Londoner Musikleben seit
zehn Jahren eine bedeutende Stellung als Sänger,
Componist und Dirigent behauptet, sang die Sopranpartie.
Ein feines, leicht ansprechendes, wohlgeschultes Stimmchen,
das besonders in kleinem Raume, bei Clavierbegleitung vor
trefflich wirkt. In ihrem eigenen Concert hat Frau Henschel
das Publicum entzückt mit dem geistreichen Vortrag französischer,
deutscher und englischer Lieder. Was in den „Jahreszeiten“
den Styl des heiteren Singspiels streift, wie das Duett mit
Lucas, sang Frau Henschel mit vollendeter Grazie. In den
langsamen, pathetischen Sätzen, im Recitativ zumal, fühlte
sie sich weniger behaglich und verfiel leicht in Manierirtheit.
Verschweigen läßt sich auch nicht, daß ihre Aussprache leider
ganz unverständlich blieb. Frau Henschel fand sehr lebhaften
Beifall, desgleichen Herr Sistermans, der uns vom
vorigen Jahre her in gutem Andenken steht. Stimmlich
schien er mir diesmal weniger disponirt. Die treffliche Me
thode dieses Sängers, stylvoller Vortrag und deutliche Aus
sprache müssen ersetzen, was seinem Organ an Farbe und
sinnlichem Reiz abgeht. Der Beste von Allen war wiederum
— Herr Walter. Ein fast überraschendes Lob, das wir
bereits drei Jahrzehnte lang der strengsten Wahrheit gemäß
wiederholen. Bei der Einweihung des neuen Musikvereins-
Gebäudes, im Januar 1870, entzückte Walter die Hörer mit
dem Vortrag einer Mozart’schen Arie — und jetzt, bei der
fünfundzwanzigjährigen Jubelfeier desselben Hauses, entzückte
er sie ganz ebenso in Haydn’s „Jahreszeiten“. Er ist immer
gleich liebenswürdig und „wird es ewig, ewig bleiben!“
Wir sind jetzt reich an Musik — an lebendiger echter
Musik, nicht blos an musikmachenden Concertgebern. So
haben wir binnen wenig Tagen zwei neue, noch ungedruckte
Compositionen von Brahms zu hören bekommen: Sonaten
für Clarinette und Piano. Jede Novität dieses sparsam zurück
haltenden Tondichters versetzt unser Publicum in eine fest
liche Stimmung. Diesmal versprach gar sein herrliches
Clarinet-Quintett eine hoffnungsvolle Descendenz! Nach
einander ein Quintett, ein Trio und zwei Sonaten —
Brahms’ Spätliebe für die Clarinette scheint zu förmlicher
Brautschaft gediehen. C. M. Weber und Brahms, zwei so
grundverschiedene Naturen, begegnen sich in der Vorliebe
für dieses Organ schwärmerischer Romantik; sogar in der
Thatsache persönlicher Anregung durch einen idealen Clarinet
tisten. Weber hat ihn in Bärmann, Brahms in Herrn
Richard Mühlfeld gefunden, dem berühmten Blasengel
der herzoglich meiningen’schen Capelle. Den neuen Clarinett-
Sonaten danken wir eine bleibende und ganz eigenartige
Bereicherung unserer Kammermusik. Die packende Wirkung,
welche das Clarinett-Quintett namentlich in seinem genialen,
tief ergreifenden Adagio ausübt, hat Brahms in den zier
licher geformten Sonaten nicht erreicht, auch nicht be
absichtigen können. Bescheidener an Wuchs und gelasseneren
Temperaments besitzen doch beide die Vorzüge echt
Brahms’scher Prägung. Anders als im Quintett hat im
Duo die Clarinette entschieden die führende Stimme;
der Componist, der sie weislich in den Grenzen ihrer
schönen Wirkungen hält, verfügt hier über keinen
sehr weiten Spielraum. Er kann unmöglich in jedem der
acht Sonatensätze stets überraschend Neues bringen und
nicht auch manchmal an Stellen seiner früheren Clarinett-
Compositionen erinnern. Entzückend ist der erste Satz der
Es-dur-Sonate. Ein Thema, wie vom Himmel ge
fallen, oder richtiger, aus schönster Jugendzeit herüber
duftend, voll süßer Schwärmerei und drängendem Liebes
glück! Um dieser Melodie willen, mit welcher die Clarinette
ohne jedes Vorspiel anhebt, sich am eigenen Gesang be
rauschend, ist mir dieser Satz der liebste und die Es-dur-
Sonate lieber als die zweite in F-moll. Und doch vernahm
man am zweiten Concertabend zahlreiche Stimmen, welche
die F-moll-Sonate vorziehen. Um so besser! Der zweite
Satz, ein Allegro appassionato in Es-moll, unterbricht den
der Clarinette weniger zuträglichen Gefühlssturm, um in
einen gesangvollen, langsamen Dur-Mittelsatz einzulenken,
nach welchem der erste Theil zurückkehrt und in tiefen
Schalmeitönen leise hinstirbt. Ein Sechsachteltact, Es-dur,
in dem sinnenden, bequem schlendernden Gang, den
Brahms für seine mittleren Sätze liebt, bringt einige
reizende Variationen und leitet unmittelbar in das Finale,
welches bei geringerer Erfindung doch einen effectvollen
Abschluß bildet. ... In der F-moll-Sonate
ist der erste Satz (gleichfalls ein Allegro appassionato) der
musikalisch bedeutendste, nicht so sehr durch melodiöse
Erfindung als durch seine vielgestaltigen geistvollen Combi
nationen. Ein stimmungsvolles kurzes Andante in As-dur
verwendet in schönem Wechsel alle hohen und tiefen Klang
wirkungen der Clarinette. Ihm folgt der unmittelbar an
sprechendste aller Sätze: ein Allegretto grazioso, dessen
idyllische Anmuth und Heiterkeit an Schubert’sche und an
Brahms’ eigene Ländler erinnert. Es wird überall große
Eroberungen machen. Frisch und behend strömt das Finale
dahin, ein rascher alla breve-Satz, in welchem eine Clarinett
figur von stakkirten Achtelnoten originell und witzig heraus
sticht. Beide Sonaten sind in Rosé’s Quartett-Abenden
überaus beifällig aufgenommen worden. Wie fast
allen Compositionen von Brahms, steht ihnen bei
näherer Bekanntschaft ein wachsender Erfolg bevor.
Gehören sie auch keineswegs zu den schwerfaßlichen
Werken, so liegen doch ihre feinsten Züge und intimsten
Reize nicht gerade auf der Oberfläche. Die historische Weihe
und der Nimbus der ersten Wiener Aufführung werden freilich
nicht jeder Stadt zu Theil: Brahms und Mühlfeld
einträchtig zusammenwirkend! Ueber Mühlfeld’s unvergleich
liche Kunst habe ich mich bereits vor zwei und drei Jahren
im Lobe erschöpft und kann heute nur constatiren, daß sie
ganz die alte geblieben. Daß Mühlfeld, meines Erachtens,
jetzt noch schöner spielt, wird mir doch Niemand glauben.
Brahms, den Schöpfer dieser schönen Sachen, selbst am
Clavier zu sehen, ist uns immer ein Anblick voll freudiger
Rührung. Mag er auch mitunter mehr in sich hinein und
für sich spielen, als für das Publicum — ungefähr wie
Schumann zu dirigiren pflegte — es kann ihn doch Keiner
ersetzen. An jedem der beiden Rosé-Abende feierte Brahms
einen Doppeltriumph. Nebst seinen zwei neuen Sonaten
wurde nämlich auch das herrliche G-dur-Quintett (op. 111)
und das Clarinett-Quintett in vollendetem Zusammenspiel
zu Gehör gebracht.