Concerte.
Ed. H. In dem vorletzten Philharmonie-Concert inter
essirte zumeist die Sängerin Frau Lillian Henschel. Die
geistreiche kleine Amerikanerin mit dem blassen, pikanten
Gesichtchen sang zwei Coloratur-Arien von Händel und
Rameau, unter deren gehäuftem Schmuck der eigentliche
Körper, Fleisch und Knochengerüste der Musik, beinahe ver
schwindet. Für Preisaufgaben dieses Styls eignet sich am
besten eine Stimme, die leicht beweglich, wie ein feines
Seidenfädchen, nirgends durch ihr eigenes Volumen behindert
wird. Aus Frau Henschel’s Vogelkehle kam das Alles über
aus zierlich und geschmackvoll heraus. Allerdings mußten die
Zuhörer auf den entfernteren Plätzen scharf aufpassen, um
nichts von diesem holden Gezwitscher zu verlieren. Daß
man vom Texte kein Wort verstand, konnte hier nicht
schaden, denn sowol Händel’s wie Rameau’s Arie
dürften allenfalls solfeggirt werden, da beide zunächst
der Gesangs-Virtuosität dienen und im rein elementaren
Klang schwelgen. In der Händel’schen Arie hält sich der
Dichter thatsächlich an das Bild des flatternden Vogels;
dieser wird dem Componisten zum musikalischen Motiv.
Welch hochausgebildete Gesangstechnik wurde damals bei
jeder Primadonna vorausgesetzt! In derselben Händel’schen
Oper „Alessandra“, worin Faustina Hasse jene Vogel-Arie
sang, rivalisirte mit ihr (1726) eine zweite, ebenso große
Sängerin, die Cuzzoni. Beide mußten als Solosängerinnen
gleichmäßig bedacht und am Schluß des ersten Actes in einem
effectvollen Duett vereinigt werden. Von ähnlichem Charakter,
nur melodisch weniger reizvoll, ist die zweite von Frau Hen
schel vorgetragene Coloratur-Arie aus Rameau’s Oper
„Hippolyte et Aricie“ (1733). Ein Gesangstück von Rameau,
dem großen französischen Zeitgenossen Händel’s, ist heute ein
seltenes Ereigniß und darum doppelt interessant. An Kraft
und Reichthum der musikalischen Erfindung steht Rameau
gegen Händel weit zurück; speciell als Dramatiker überholt er
diesen in vielen Stücken. In Rameau’s „Castor et Pollux“
herrscht eine Gewissenhaftigkeit gegen das Wort und die
Situation, sogar eine Energie des dramatischen Ausdruckes,
wie wir sie in Händel’s ganz dem italienischen Modegeschmack
huldigenden Opern nur ausnahmsweise begegnen. „Hippo
lyte und Aricie“ war die erste Oper Rameau’s und behan
delt denselben Stoff, wie Racine’s „Phädra“. Von der
Händel’schen Arie wie von der Rameau’s könnte man sagen,
sie gehören zu jenen Musikstücken, die einmal schön waren.
Heute von überwiegend historischem Interesse, bedeuten sie
mehr einen Triumph der Sängerin als des Componisten.
Nicht das Genie der beiden Meister spricht daraus, sondern
der Geschmack ihres Publicums und der Glanz einer ent
schwundenen Gesangskunst. Heute leben wenige Sängerinnen,
welche solchen Aufgaben vollkommen gewachsen sind. Kein
geringer Ruhm für Frau Henschel, daß sie zu diesen weni
gen zählt.
Von Instrumentalstücken hörten wir Mendels
sohn’s Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“, Brahms’
F-dur-Symphonie und dazwischen eine fünfsätzige Suite für
Clavier und Streichinstrumente von Hugo Reinhold.
Letztere enthält neben oberflächlichen Redensarten und er
müdenden Wiederholungen (besonders im Finale) auch sehr
anmuthige, melodiöse Partien. Die Suite hat sehr ge
fallen und Herrn Reinhold als Componisten und elegantem
Clavierspieler lebhaften Beifall verschafft. Trotzdem war uns
die Wahl dieses Stückes nicht recht verständlich. Es ist ein
Erstlingswerk, mit welchem der junge Reinhold schon vor
achtzehn Jahren sein Debüt bei den Philharmonikern gemacht
hat. Seit dieser langen Zeit wird er wol Reiferes, Be
deutenderes geschaffen haben. Und dann: wie kostbar und
vielumworben ist ein Platz auf dem Programm der Phil
harmoniker! Wie viele weit bessere Compositionen sind seit
diesen achtzehn Jahren zur ersten Aufführung gelangt, ohne
einer zweiten gewürdigt zu werden! Schließlich war die Auf
führung der sehr ausgedehnten Reinhold’schen Suite, un
mittelbar vor Brahms’ dritter Symphonie, auch noch ein
ökonomischer Fehler. In einem Wiener Mittagsconcert darf
man eine große, die volle Aufmerksamkeit und Frische der
Hörer fordernde Symphonie, wie die von Brahms, nicht
erst kurz vor 2 Uhr beginnen lassen. Die höchst bedauerliche,
aber unausbleibliche Folge davon ist, daß nach jedem der
ersten drei Sätze ein immer größerer Theil des Publicums
sich entfernt. Eine Ouvertüre an Stelle der fünfsätzigen
Suite würde zur Ausfüllung des Programms genügt und
die Zuhörer empfänglicher und freudiger vorgefunden haben
für die mächtige Tondichtung von Brahms.
In ihrem sechsten Concert machten uns die Philharmoniker
mit einer neuen Concert-Ouvertüre von Dvořak bekannt.
Sie ist „In der Natur“, betitelt und ein sehr erfreuliches
Seitenstück zu seiner jüngst gehörten „Carnevals-Ouvertüre“.
In beiden Stücken pulsirt ein jugendlich drängendes Leben
— dort in übermüthiger Faschingslust, hier in milderer
Frühlingsfreude. A. B. Marx, der einmal mit Mendelssohn
über die Farbe einer Composition stritt, würde die erste
Ouvertüre etwa purpurroth, die zweite hellgrün gefunden
haben. Aber beide beherrscht dieselbe Freude am schönen
Klang, dieselbe melodische Frische, Unmittelbarkeit und
Natürlichkeit. Mit den besten Compositionen Dvořak’s haben
sie jenes Glücksgefühl gemein, das in unseren pessimistischen
Tagen doppelt wohlthuend wirkt. Nach modernem Maßstab
wird man vielleicht keine der beiden Ouvertüren „bedeutend“
nennen — sie legen es gar nicht darauf an — aber echt
und liebenswürdig sind sie, eine Erfrischung nach
der Mehrzahl der neuesten Orchesterwerke, die sich
für tief und bedeutend ausgeben, während sie nur tief
im Größenwahn stecken und bedeutend sind in falschen Con
trasten und angeschminktem Weltschmerz. Zugleich mit diesen
zwei Ouvertüren hat Dvořak eine dritte, „Othello“, ver
öffentlicht, also eine Einleitung oder Nachdichtung des
Shakespeare’schen Trauerspieles. Es dürfte nicht an Stimmen
fehlen, welche diese tragische Ouvertüre gegen jene zwei
heiteren für die „bedeutendere“ erklären. Mir scheint das
Gegentheil richtig. Im „Carneval“ und der Frühlings-Ouver
türe ist Dvořak er selbst, im „Othello“ trägt er eine Maske,
die bald an Liszt, bald an Wagner erinnert. Hier wollte
Dvořak einmal tragisch kommen, und da seiner Natur der
vernichtende dramatische Conflict, das Selbstzerfleischen und
Blutvergießen ferne liegen, so nimmt er Zuflucht zu künst
licher Injection. Auch sein „Othello“ interessirt durch geist
reiche Züge und wirkt durch instrumentalen Pomp, aber
man merkt nicht blos die Absicht, sondern auch die
Anstrengung. Die „Othello“-Ouvertüre sucht den drama
tischen Verlauf der Tragödie nachzubilden und verweilt
mit grausamer Ausführlichkeit bei dem Erwürgen der
Desdemona. Dvořak kehrt hier am unrechten Ort den
dramatischen Componisten hervor; er ist aber kein drama
tischer Componist im eminenten Sinne: das hat er am
rechten Ort, in seinen Opern, gezeigt, welche nur durch ihre
lyrischen Schönheiten, vorzüglich in gemüthvoller und heiterer
Stimmung glänzen. Nicht ohne einiges Verwundern wird
man in Dvořak’s „In der Natur“ ein Motiv entdecken,
das auch in den beiden anderen Ouvertüren („Carneval“ und
„Othello“) auftaucht. Es heißt, Dvořak habe ursprünglich alle
drei Ouvertüren in einem gewissen Zusammenhange gedacht.
Ein solcher Zusammenhang ist, wie ich glaube, schlechterdings
unverständlich. Gut, daß der Componist den Einfall auf
gegeben hat, die drei Stücke auch äußerlich als etwas Zusam
mengehöriges erscheinen zu lassen, was sie doch nimmermehr
sein können. Dvořak’s Ouvertüre „In der Natur“ wurde
unter Hanns Richter’s Leitung ebenso glänzend ausgeführt
und so stürmisch applaudirt, wie jüngst sein „Carneval“.
Auch eine Novität von Grieg ward uns bescheert.
Die „Drei Orchesterstücke aus Sigurd Jorsalfar“ sind zur
Aufführung des gleichnamigen Dramas von Björnson com
ponirt, also ursprünglich Zwischenacts- und Bühnenmusik,
wie Grieg’s Musik zu Ibsen’s symbolisch-nationalem Schau
spiel „Peer Gynt“. In beiden Fällen hat sich der Com
ponist zu einer nachträglichen Adaptirung für den Concert
saal entschlossen. Werth und Wirkung dieser Composition
speciell für Björnson’s Drama vermag ich, ohne Kenntniß
desselben, nicht abzuschätzen. Als Concertmusik erreicht sie
nirgends die reizende (erste) „Peer Gynt“-Suite. Sie hört sich
nicht übel an, reizt vorübergehend durch einige norwegische
Klänge, ist aber im Ganzen von dürftiger Erfindung und
sehr bequemer Arbeit. Das Vorspiel ist ein etwas steif
idyllisches „Allegretto semplice“ (molto semplice!),
welches durch das auffallend langsam genommene Tempo
an die Grenze des Langweiligen gerieth. Es folgt
ein ängstlich düsterer „Traum der Borghild“, der man
wahrscheinlich etwas geborgt hat, was sie nicht zurückzahlen
kann. Zweimal springt sie plötzlich auf, fleischt die Zähne,
lacht convulsivisch und legt sich wieder schlafen. Die dritte
und letzte Nummer, ein Triumphmarsch, weist auf einen
glücklichen Ausgang des Dramas hin. Das Thema des
Marsches ist von einer unerschrockenen Alltäglichkeit und
wird nur durch das Aufgebot aller materiellen Kraft ge
steigert. Schon des Contrastes wegen freut man sich an
dem Trio, einer sanften Geigenmelodie über Harfenaccorden,
worauf leider der Marsch wieder losgeht. Von Militär-
Capellen im Freien gespielt, mag er Beifall finden, im
Concertsaal hat dieses brutale Fortissimo aller Blechinstru
mente sammt Becken, Pauken, großer und kleiner Trommel
nur die Wirkung, daß wir mit Goethe’s Faust ausrufen:
„Baumwolle her! Der Kerl sprengt mir die Ohren!“
Noch eine dritte Novität verdanken wir dem Phil
harmonischen Concert — nicht ein neues Tonstück, aber
einen neuen, vielbesprochenen Tonkünstler: den Pianisten
Joseph Hofmann. Wie gegenwärtig sein jüngerer pol
nischer Landsmann Bronislaw Hubermann, so gehörte kurz
zuvor der (jetzt sechzehn- bis siebzehnjährige) Hofmann zu den
angestaunten Wunderkindern. Außer seinem Talent verfügt
er über eine interessante „Legende“. Vor acht Jahren in
Amerika concertirend, erregte er durch sein kränklich über
müdetes Aussehen das Mitleid eines reichen Menschen
freundes, welcher den talentvollen Knaben der Gefahr fort
gesetzter Ausbeutung entziehen wollte. Er bot dem Papa
Hofmann eine große Summe gegen das Versprechen, den kleinen
Joseph mehrere Jahre lang nicht öffentlich auftreten, sondern in
Ruhe weiterstudiren zu lassen. Der Handel wurde geschlossen
und hat dem jungen Künstler vortrefflich angeschlagen. Die
übernächtige Blässe ist von seinem feinen intelligenten Ge
sichte verschwunden und sein Clavierspiel zu sicherer Meister
schaft gediehen. Hofmann’s hochausgebildete Technik, sein
klangvoller Anschlag, auch die Art, zu phrasiren und zu be
tonen, erinnern auffallend an seinen Meister Anton Rubin
stein. An Kraft natürlich steht er hinter diesem Titanen
zurück. Rubinstein’s D-moll-Concert setzt die Virtuosität des
Pianisten auf eine starke Probe; der junge Hofmann hat
sie glänzend bestanden, da in dem beschleunigten Tempo des
Finales noch ein Uebriges gethan. Ob er auch so viel Tiefe
und Gemüth besitzt wie Bravour, das läßt sich nach diesem
Rubinstein’schen Concert, das weder tief noch gemüthvoll ist,
nicht entscheiden. Der junge Hofmann gibt dem Wiener
Publicum, das ihn überschwänglich ausgezeichnet hat, gewiß
noch Gelegenheit, sein Talent von allen Seiten kennen zu
lernen.