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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Form und Inhalt der neuen
„
nur durch ein bei offener Scene gespieltes Orchester-Inter
mezzo unterbrochen. Die knappe Form ist mit tödtlichem
Zündstoff gefüllt, der rasch explodirend die Hauptpersonen
in Stücke reißt. Die Handlung, nach einer
Jules
trefflich ins
eines der jüngsten Carlisten-Aufstände. Ein muthiges armes
Mädchen,
ersticht dort den Anführer der Carlisten — nicht um, wie
summe zu verdienen, die sie als Mitgift zu ihrer Heirat
braucht. Schwerverwundet wird ihr Geliebter, der Sergeant
Fluche von sich und stirbt zu ihren Füßen, während sie in
wahnsinniges Lachen ausbricht. Man sieht, in dem
„
concentrirter als in der „
Herzklopfen eilt die Handlung vorwärts und treibt jeden
der wechselnden Gemüthsaffecte gleich auf die äußerste Spitze.
Trotz dieses Zusammentreffens zählt
den Nachahmern
bar den Stempel ihres Autors und klingt so ausgesprochen
sich
listisches Drama mußte „
Gegenwart spielen. Dem heutigen Opernwesen ist aber
gerade noch so viel Poesie oder Idealismus geblieben, daß
es das Salonkleid unserer feinen Gesellschaft auf der Bühne
schlechterdings nicht brauchen kann, also für moderne Stücke
immer wieder zu den Bauern zurückgreift. Die Ehebruchs-
und sonstigen Unglücksdramen von
von
Costüms wegen schwer zu verwenden. Fast alle die zahl
reichen Nachfolger der „
sind Bauernstücke.
Soldatenstück, und zwar eines im Kriege. Der malerische
und poetische Reiz, womit der Soldat durch schmucke Uni
form, stramme Haltung und frisches Temperament sich
von der bürgerlichen oder bäuerlichen Umgebung abhebt, ist
zwar älteren Operncomponisten auch nicht entgangen, doch
waren es immer nur einzelne Figuren, wie
„
men
bildet die
Schleichhändlern und den Stierkämpfern das bewegende dra
matische Element; das Militär verschwindet in den beiden
letzten Acten vollständig.
rischen Schauplatz und die kriegerische Handlung von Anfang
bis zu Ende fest. Das ist etwas Neues. Nicht wie in „
men
Hauptwache, sondern Schlachtenlärm und ernste militärische
Zurüstung beherrschen die Scene. Schon das wilde Vorspiel,
worin Trommeln und Trompeten das große Wort führen,
läßt uns ahnen, daß wir hier mehr ein Gemälde als eine Oper
zu erwarten haben. Der Vorhang geht auf; wir befinden
uns vor einer Barricade, im Bivouak, Hornsignale und
Trommelwirbel schmettern von allen Seiten, Verwundete
werden hereingetragen, der General und die Officiere, von
den Insurgenten besiegt, folgen ihnen in düsterem Schwei
gen. Die musikalische Schilderung dieser Exposition besorgt
allein das Orchester, welches die stummen pantomimischen
Vorgänge auf der Bühne erklärt und colorirt. Diese und
noch andere Partien in „
sames Licht auf das sich immer mehr verschiebende Ver
hältniß zwischen Gesang und Orchester in den neuesten
Opern. Kaum hätte noch vor zwanzig Jahren ein
Componist diese erste Scene ohne einen Soldaten
chor, überhaupt ganz ohne Vocalmusik sich ab
spielen lassen. Der Gesang scheint qualitativ und
quantitativ in der modernen Oper immer mehr zurückzu
treten, das Orchester eine immer wichtigere Rolle zu erobern.
Wir lesen soeben von einer neuen (auch aus der „
herausgeborenen) einactigen deutschen Oper „
erste Scenen sich nur pantomimisch abspielen. Das Auftreten
des Generals
cieren, das erste Gespräch
und ihr Monolog, das Alles ist nur recitativisch, über einer
stetigen Orchester-Begleitung ausgeführt. Erst als
ihren geliebten
melodisch geformten Gesanges. Hier war dem Liebesduett
eben nicht auszuweichen. Das Duett, aus dem die hohen
Brusttöne des Tenors wie Raketen aufsteigen, wirkt mehr
durch leidenschaftlichen Ausdruck, als durch die Melodie
selbst. Nun tritt
Bauer, zu den Liebenden und versagt seine Einwilli
gung, falls nicht
Thalern beschaffe. Ihr Flehen „Verlangt nicht Geld
um Geld“, ein rührendes Andante in Fis-dur,
ragt melodisch fast als einziger Höhenpunkt aus
der Partitur hervor. Und auch diesem gesangvollen Thema
gönnt der Componist keine Entfaltung; schon im fünften
Tact wird es durch convulsivisches Parlando verzerrt und
zerrissen. Die Melodie erinnert an das Liebesduett zwischen
das sich aber viel einheitlicher, musikalischer entwickelt. Man
hat in
nommen, daß man diese wirkliche Gesangsmelodie mit ver
doppelter Freude begrüßt. Darum möchte ich jedoch jene
Scenen der „
sächlich, fast nur als erklärende Begleitung des Orchesters
behandelt ist, nicht geringer achten. Es gehören in diese
Classe wol die eigenthümlichsten und geistreichsten Partien
der Oper; nur die Thatsache, daß dem melodisch geformten
Gesange eine weit untergeordnetere Stellung darin eingeräumt
ist, sollte hier betont sein. Da haben wir gleich zwei merk
würdige Gesangstücke, in welchen die Singstimme völlig un
bedeutend, stellenweise ganz nichtig ist, und welche trotzdem
durch den exotischen Reiz der Begleitung eigenartig fesseln.
Beide sind
die Erzählung
ländlichen Fest ihren
ihre Schilderung in zerpflückten Parlandosätzen ins Orchester
hinab, wo eine fortlaufende Fandango-Melodie dieselben auf
fängt und zusammenhält. Dieser Fandango ist eine arm
selige Tanzmelodie auf einer noch armseligeren Harmonie,
wenn man vier kurz abgerissene Baßnoten so nennen kann
— aber das Ganze wirkt durch seinen von Tamburin und Ca
stagnetten belebten, fremdartigen Rhythmus und eine naive,
nicht ungraziöse Unbeholfenheit. Das zweite Beispiel liefert
uns der Soldat
er seinen Kameraden ein Lied vor, in welches sie, tactweise
in die Hände klatschend, mit einem kurzen Chor-Refrain auf
Einer Note einfallen. Die Melodie ist trivial, die Be
gleitung besteht aus zwei, die Guitarre imitirenden Accor
den in monotonen gleichen sechs Achteln. Also absichtlich aller
dürftigste Volksmusik, Musik in ihren Kinderschuhen. „Chanter
très fort et sans nuances“ lautet die Anweisung des Com
ponisten, der somit ängstlich besorgt scheint, der Sänger könnte
etwa durch „Vortrag“ das plumpe Stück ein bischen ideali
siren. Auch dieses Gesangstück macht seine Wirkung durch
derbe Realistik und exotischen Klang. Daß es unser musi
kalisches Gefühl befremdet, ja stellenweise verletzt, entspricht
vollkommen den Absichten der neuesten realistischen Schule
in der Musik, welche selbst das Volkslied möglichst natura
listisch, ungewaschen und ungekämmt uns vorführt. Man
vergleiche nur diese zwei Beispiele mit den Barcarolen in
der „
keineswegs idealisirt, aber doch so weit „stylisirt“, daß sie
mit den Schönheitsgesetzen, mit dem Styl des Ganzen har
moniren.
Das Musikstück, welches allenthalben den Erfolg der
Novität hauptsächlich begründet hat, ist keine Gesangsnummer,
sondern, sehr bezeichnenderweise, ein Orchesterstück: das Inter
mezzo zwischen der ersten und zweiten Abtheilung. Die Sol
daten haben nach den Anstrengungen des Tages, in ihre
Mäntel gehüllt, sich auf den Boden gelegt und schlafen.
Das Orchester begleitet ihren Schlummer mit einem zarten
Nocturno, das sich auf einem durch 36 Tacte festgehalte
nen Orgelpunkt bewegt. Ein Gefühl wohliger Ermüdung
durchdringt die sanfte Monotonie dieses Musikstückes. Von
schönem, eigenthümlichem Effect ist das tactweise stark an
geschlagene tiefe F der Harfe, auf dem die zartere Beglei
tungsfigur der Bratschen und höher die zwitschernde Me
lodie von Flöten und Clarinetten sich erhebt. Auch hier wirkt
hauptsächlich der Reiz des Fremdartigen, der geheimnißvolle
Zauber des Klanges. Wahrscheinlich entstand dieses Noc
turno als ein Concurrenzstück zu
berühmtem „
feiner und geistreicher. In dieser Kunst stimmungsvollen
Farbenmischens entfaltet
schicklichkeit, und für den Musiker steckt die ganze Orchester-
Partitur voller Leckerbissen. Darauf ist „
von Navarra
kann in dieser anhaltend gewitterschwülen elektrischen Span
nung nicht tief athmen, nicht aus eigenen Mitteln leben
und sich bequem machen; den größeren Theil der Oper
hindurch wirkt sie nicht gestaltend, sondern decorativ.
Was nun auf das Intermezzo folgt — das Erwachen
der Soldaten, Hereinstürzen der
Mord, ihre Dialoge mit
eigentlich die ganze zweite Abtheilung ist nicht melodisch
geformte und entwickelte Musik, sondern zwischen Andeutung
und Aufschrei wechselnde Declamation. Kein Wunder, daß
alle diese heißen Interjectionen, der jähe Wechsel zwischen
tonlosem Psalmodiren (
dolchartig einschneidenden Schmerzensrufen uns allmälig
müde und nervös machen. Zum Schluß gar die nicht enden
wollenden Todtenglocken für den gemordeten
wilde Empörung
Der Wahnsinn, das ist in solchen Fällen die ultima ratio
der Operncomponisten, ein verbrauchtes, widerwärtiges
Theater-Requisit. Fast mit denselben Wendungen wie die
elegante
die Kirche. Sie warten schon!“ beginnt
Nach Vorschrift des Autors hat sie das auch noch „mit
reizender Liebenswürdigkeit, wie ein Kind“ zu sagen.
Soll ich die Summe der Eindrücke ziehen, die ich
hier rasch geschildert? Wer noch daran hält, auch in der
Oper musikalisch denken und genießen zu können, der
wird für das „
jedenfalls hat er nach dem „Nocturno“ seinen Lohn dahin.
Was darauf folgt, mag jene Opernfreunde befriedigen, die
nur dramatisch geschüttelt und gepeinigt sein wollen und
am liebsten ins Theater gehen, um das Gruseln zu lernen.
Bei aller Bewunderung für
und bei aller Vorliebe für die Schönheiten in „
und „
auf mich, wie ein überheizter, rothglühender Ofen, der jeden
Augenblick zu zerspringen droht.
Die Aufführung der neuen Oper war ganz ausgezeichnet,
und ebenso die Aufnahme derselben im Publicum. An
Fräulein Renard (
Nicht ganz so traurig wie „
verläuft das neue Ballet „ Amor auf Reisen“. Die
geschickt; ein Thema, aus dem wol eine Reihe lustiger
Abenteuer und Verwicklungen hervorgehen konnte. Allein
dem
er sich nur so, um den
gleichen uninteressanten Umständen befindet, nicht zu
beschämen? Wir bekommen mit schrecklicher Ausführ
lichkeit zu sehen, wie
gestochen, dann von Brieftauben umflattert wird, worauf er
ein zerbrochenes Wagenrad und ein zerbrochenes Pfeffer
kuchenherz reparirt. Natürlich verschießt er auch etliche von
seinen berühmten Pfeilen. Ein blonder Jüngling und eine
brünette Jungfrau sinken sich liebeglühend in die Arme, und
wir wähnen, daß damit Alles zu Ende und gut ausgegangen
sei. Ausgegangen ist aber nur dem
in seiner Rathlosigkeit bringt er statt einer Fortsetzung der
Handlung eine „Allegorie“. An diese zweite Abtheilung ist
die denkbar glänzendste Ausstattung gewendet worden; die
blendendsten Decorationen, die farbenprächtigsten Costüme,
das Alles überfluthet vom elektrischen Licht. Da sehen wir
zunächst die Neuvermälten am Traualtar; sie haben ein
sehr gründliches „Myrten- und Schleier-Ballabile“ zu über
stehen, ehe sie ihr „Entin seuls!“ lispeln können. Wir
müssen hierauf 25 Jahre überspringen oder übertanzen, um
uns im nächsten Bilde an der silbernen Hochzeit des zärt
lichen Paares erbauen zu können. Das folgende Bild heißt
„Nach 50 Jahren“ und zeigt uns die beiden Alten, mit
goldenen Kränzen geschmückt, in jämmerlicher Entkräftung
eine Rasenbank aufsuchen, wo sie auch sterben. Und nun
ereignet sich das Unglaubliche. „Der irdischen Hülle ledig,“
wie das Textbuch versichert, schweben ihre beiden Herzen
vereint zum Himmel empor! Es sind dies zwei veritable
plumpe rothe Herzen, wie man sie auf dem Jahrmarkte
kauft; fehlt nur der Papierstreif mit der Devise: „Aus
Achtung!“ Weiter kann die Geschmacklosigkeit nicht mehr
gehen. Das scheint auch
schleunigst sein Ränzel auf und setzt auf einem colossalen Luft
ballon seine Reise fort. Vielleicht erlebt das verschmitzte Kind da
etwas Interessantes. Nur unter diesem ausdrücklichen Vor
behalt könnten wir uns an den Gedanken eines Wiedersehens
allmälig gewöhnen.