Concerte.
(„
Franciscus“, Oratorium von E.
Tinel.)
Ed. H. Liegt das Oratorium wirklich in den letzten
Zügen? Es will manchmal so scheinen. In der öffentlichen
Kunstpflege nimmt es längst nicht mehr den breiten vorneh
men Raum ein, den frühere Jahrhunderte ihm gegönnt
haben. Im siebzehnten Jahrhundert von unbestrittener Vor
herrschaft, noch fruchtbar und mächtig im achtzehnten, tritt
das Oratorium seit hundert Jahren allmälig immer
tiefer in den Hintergrund. Eine große, weitreichende, noch
lebendige Wirkung haben von den modernen Oratorien
einzig die beiden Mendelssohn’schen hervorgebracht.
Neben ihnen vermochten nur Spohr’s „Letzte Dinge“ und
„Des Heilands letzte Stunden“ ihr mildes Licht bis gegen den
Ausgang in der Vierziger-Jahre zu fristen. Mit „Paulus“ und
„Elias“ schienen aber dem Oratorium alle weiteren
Eroberungen wie abgeschnitten. Die Production floß
immer spärlicher; die wenigen Componisten, welche
mit einem Oratorium (meistens nur mit Einem)
noch vor die Oeffentlichkeit traten, sahen sich bald in ihren
Hoffnungen getäuscht. Hiller’s „Zerstörung Jerusalems“,
Zenger’s „Kain“, Schachner’s „Rückkehr Israels“,
Marx’ „Moses“, Rheinthaler’s „Jephta“, Rein
ecke’s „Belsazar“, Rubinstein’s „Paradies“ — wie
schnell und spurlos sind sie alle verschwunden! Man mußte
in den letzten sechzig Jahren neben Händel, Bach und Haydn
immer wieder zu Mendelssohn Zuflucht nehmen. So stetige
Pflege des Oratoriums, wenn auch nur in seinen classischen
Repräsentanten, spricht für die unversehrte Anhänglichkeit
des Publicums an diese Kunstform. In neuester Zeit wurde
immer lebhafter der Wunsch vernehmbar, es möge auch in
der modernen Kunst dem Oratorium ein grünes Reis er
blühen. Mag sein, daß diese Sehnsucht zusammenhängt mit
dem angeblich so stark neuerwachten religiösen Gefühl; ich
glaube, daß mehr ein ästhetisch-musikalisches Bedürfniß ihr
zu Grunde liegt. Die Gesellschaftskreise, aus welchen sich
der regelmäßige Concertbesuch bildet, dürften doch weniger
von kirchlichen als von künstlerischen Motiven bewegt sein.
In der That besitzt das Oratorium als musikalische Kunst
gattung (gleichviel ob biblischen oder profanen Inhalts) un
bestritten große eigenartige Vorzüge in seinen geschlossenen
Musikformen, seiner mächtigen Vorherrschaft der Chöre,
seiner von theatralischen Bedingungen ungehemmten freien
Entfaltung — Vorzüge, in welchen weder die Oper noch
die Concertmusik ihm gleichkommt.
Seit Mendelssohn’s Tod geschieht es jetzt zum ersten
male, daß ein Oratorium die allgemeine Aufmerksamkeit
fesselt und eine Art Siegeszug durch ganz Deutschland und
Belgien fortsetzt: Tinel’s „Franciscus“. Annäherungs
weise hat etwa Liszt’s „Heilige Elisabeth“ bei ihrem Er
scheinen gleiche Begrüßung erfahren, mit dem erheblichen
Unterschiede, daß ihr der Ruhm und Zauber von Liszt’s
Persönlichkeit stark vor- und mitgearbeitet hatte, während in
ganz Deutschland kein Mensch etwas wußte von Herrn
Tinel. Beide Werke, „Elisabeth“ wie „Franciscus“, präsentiren
sich schon durch ihre Stoffe als moderne Abzweigungen des
Oratoriums, dessen ganze Geschichte einen immer stärkeren
Zug vom Kirchlich-Religiösen zum Profan-Historischen auf
weist. Beide sind christliche Legenden von vorwaltend bio
graphischem Interesse. Es ist charakteristisch, daß Elisabeth,
die holde Landgräfin von Thüringen, der romantischen Phan
tasie Liszt’s ebenso verlockend entgegenkam, wie der fromme
Mönch Franciscus dem als strenggläubig bekannten belgischen
Katholiken Tinel. Sein Porträt zeigt uns diesen Tondichter
als einen hageren, bartlosen, düster blickenden Mann, der
nur die Mönchskutte anzulegen braucht, um dem büßenden
Franz von Assisi zu gleichen. Ja, mich dünkt, die ehrwürdige
Erscheinung des heiligen Franciscus mochte noch weit mehr
den gläubigen Katholiken anziehen, als den Künstler in
Tinel. Die großen Maler der Renaissance (Giotto, Cimabue)
haben in den Franciscus-Legenden ein fruchtbares Stoff
gebiet gefunden, für den Tondichter erscheint die passive Ge
stalt des Heiligen weniger ergiebig.
Wir sehen Franciscus allerdings zu Beginn des Ora
toriums mit lebenslustigen Jünglingen in heiterer Geselligkeit
verkehren. Plötzlich bewirkt jedoch eine „Stimme von Oben“
seine Abkehr von aller Weltlichkeit; er vertheilt sein Geld
unter die Armen, verläßt die Genossen und erwählt zu seiner
Braut — „die Armuth“. Von da an besteht das ganze
Leben des Heiligen in Beten, Fasten und Predigen. Wenn
zum mindesten die letztere Thätigkeit, die wichtigste des
historischen Franciscus, von Tinel verwerthet wäre in irgend
einer ergreifenden lebendigen Ansprache an das Volk! Liszt
hat doch wenigstens in einer Clavier-Etüde dargestellt, wie der
heilige Franz den Vögeln predigt! Die zweite Abtheilung des
Oratoriums zeigt uns den Heiligen „durch strenges Fasten
“abgemagert, der Welt völlig abgestorben“; der dritte Theil
behandelt ausschließlich sein Sterben und sein Begräbniß.
Dadurch verfällt die Dichtung in eine Monotonie, welcher,
bei der Länge des Werkes, die Kunst kaum eines Componisten
gewachsen ist. Blos von Frömmigkeit und Entsagung,
von Beten und Fasten kann selbst ein Oratorium nicht
leben; der Held muß mit seinen heiligen Gesinnungen auch
einmal thätig in die Außenwelt treten, mit ihr in Conflict
gerathen. Huß und Luther, zwei nicht minder glaubensstarke
Diener Christi, sind (Ersterer von Curt Loewe, Letzterer von
Meinardus) in Oratorien verherrlicht worden — in
mancher Hinsicht bedenkliche Stoffe, aber doch viel günstigere,
wie mir scheint, als Franciscus, welchen kein Kampf für
seine religiöse Ueberzeugung aus der Ruhe des Klosterlebens
hinaustreibt. Ich erinnere noch an Savonarola, der, ein
italienischer Bettelmönch und Prediger wie Franciscus und
von gleichem Eifer für die katholische Kirche erfüllt, sein
kühnes Auftreten gegen die verderbte Clerisei und Aristo
kratie in Florenz mit dem Leben büßte. Was für ergreifende
Scenen bieten einem Oratorium die Schilderungen in
Lenau’s „Savonarola“! Dem frommen Lebenswandel des
demüthigen Franciscus hingegen ist niemals ein Stein in
den Weg gelegt worden. Papst Innocenz III. ertheilt ihm
das Recht der freien Predigt; er darf sogar vor Honorius III.
predigen. Obwol in waldensischen Anschauungen erzogen,
hält er fest und gehorsam zur Kirche. Er lebt und lehrt
unbehindert und stirbt ruhig inmitten einer zahlreichen, ihn
vergötternden Gemeinde. Er gewährt uns nicht einmal jenes
Minimum dramatischen Interesses, das jedem Oratorium
unentbehrlich ist. Ein gelehrtes, umfangreiches Werk von
Professor H. Thode, dem Schwiegersohn Hanns v. Bülow’s,
„Franz von Assisi“, erzählt uns aus dem Leben des Heiligen
manche Anekdote von etwas lebendigerem Charakter.
So ließ sich Franciscus einmal, als er in einer Krankheit
sich die Wohlthat kräftiger Nahrung hatte zu Theil werden
lassen, nackt an einem Stricke durch die Straßen schleifen
und auf den Armensünderstein erheben, damit er sich so den
Leuten zum Spotte und Hohne für seine fleischliche Gesin
nung bloßstelle. Auf seinen Reisen warf er die Sandalen
und den Stock weg, ging barfuß, blos in eine rauhe
Mönchskutte ohne Unterkleid gehüllt, und erbettelte sich seine
tägliche Nahrung. Er besuchte Pestkranke im Spital und küßte
Aussätzige. Das ist Alles sehr schön, aber nicht wohl in einem
Oratorium zu verwenden. Auch nicht, was ihm nach dem
Glauben der katholischen Kirche die höchste Weihe verlieh:
die Stigmatisation. „In ekstatischem Gebete, in fieberischer
Verzückung muß ihm die Gemeinschaft mit Christus im
Leben und Leiden zur vollen Wirklichkeit geworden sein,
in seraphischen Gluthen seine Seele sich zu einer Gott
anschauung und Vergöttlichung erhoben haben, die man wol
ferne ahnen, aber nicht schildern kann.“ Also schreibt Pro
fessor Thode, der vollen Anspruch auf die Würde eines
Ehren-Franciscaners erheben darf. — Als biographische
Notiz sei beiläufig erwähnt, daß der Componist des „Fran
ciscus“, Edgar Tinel, 1854 zu Sinay in Belgien geboren
ist und seit vierzehn Jahren als Dirigent und Lehrer an der
Kirchenmusikschule zu Mecheln wirkt. Von den zahlreichen
Gesangsstücken und Clavier-Compositionen, die er in jüngeren
Jahren veröffentlicht hat, ist in Deutschland kaum etwas be
kannt. Auch zwei größere Werke Tinel’s für Chor, Soli
und Orchester, „Die Rolandsglocke“ und „Die Mohn
blumen“, sind bisher nur in seinem Vaterlande aufge
führt worden. Die erste deutsche Aufführung des „Franciscus“
brachte Frankfurt a. M. im Jahre 1890, seinen größten
Triumph das vorjährige Musikfest in Aachen.
Angesichts der glänzenden Erfolge dieses Oratoriums
berichte ich von meinem persönlichen Eindruck nicht ohne
einiges Zagen. Mich hat der „Franciscus“ stellenweise inter
essirt, in keinem Moment entzückt und größtentheils gelang
weilt. Was wir von einer neuen großen Composition in
erster Linie verlangen, schöpferisches Vermögen und originelle
Erfindung, habe ich im „Franciscus“ fast durchgängig ver
mißt. Was speciell ein Oratorium charakterisiren soll, ge
sunde Kraft des Ausdrucks, vermochte ich gleichfalls nur
ausnahmsweise zu gewahren. Ungleich dem historischen
Franciscus, der im Leiden wie im Thun eine energische
Natur verräth, ist der Tinel’sche weichlich, marklos, sen
timental. Am lebendigsten und anziehendsten wirkt der erste
Theil. Der Stoff nöthigte den Componisten, das lebensfrohe
Weltkind Franciscus doch mit leuchtenderen Farben zu
malen. Er singt da noch immer züchtig und bescheiden genug.
Der C-Dur-Chor der Gäste mit seinem lustig aufsteigenden
Hornmotiv ist effectvoll und wäre es noch weit mehr, hielte
er sich in etwas engeren Grenzen. Tinel kann recht grausam
sein in seiner Redseligkeit. Das „Tanzstück“ in F-dur be
wegt sich in anmuthigen Figuren und nobler Haltung; neu
in den Themen finde ich es ebensowenig wie den voran
gehenden Chor in C-dur und die sich anschließende Ballade
von der Armuth. Zwischen diesen Musikstücken werden lange
„Recitative“ (richtiger erzählende Ariosos, streng im Tact)
nicht von Einer Stimme, sondern durchwegs unisono
von allen Tenoren des Chors gesungen, wodurch sie
unverständlich in den Worten, starr und schwerfällig im
Ausdruck werden. Die Aufgabe des Recitativs ist in dieser
modernen Manier vollständig verkannt. Ueberall gefällt sich
der Componist in unersättlichem Weiterführen und Wieder
holen desselben Motivs, vornehmlich im Accompagnement.
Ein Beispiel für viele: das Chor-Recitativ „Leis, leis“ mit
dem sich anschließenden langen Dialog der Himmelsstimme
mit Franciscus. Der Uebelstand der Monotonie steigert
sich in den beiden folgenden Abtheilungen bis zur Unerträg
lichkeit, indem hier fast ununterbrochen lauter langsame
Tempi aufeinanderfolgen. Nachdem Franciscus im ersten
Theil eine „Ballade von der Armuth“ vorgetragen, singt er
im zweiten noch ein „Lied von der Armuth“; dieser in
lauter gleichen Viertelnoten pendelnde Gesang zeigt recht
augenfällig den Mangel an rhythmischer Abwechslung,
woran Tinel’s ganzes Werk leidet. Endlich wären auch noch
die vielen Anklänge an Wagner, an Schumann, selbst an
Liszt zu erwähnen. Neben diesen Mängeln besitzt das neue
Werk, wie sich von selbst versteht, auch unleugbare und schätzens
werthe Vorzüge. Vor Allem die echte künstlerische Gesin
nung des Tondichters, dem es Ernst ist um seine heilige
Sache; sodann sein tüchtiges musikalisches Können, seine
Beherrschung der Form und des polyphonen Styls.
Schließlich seine durchaus moderne, glänzende Instrumen
tirungskunst, heute das unentbehrlichste und dankbarste
Requisit unserer Componisten. Kein Wagner-Liszt’scher
Orchester-Effect ist ihm unbekannt und mit keinem geizt er.
Getheilte Violinen in anhaltend höchsten Lagen, rauschende
Harfen-Arpeggien, über welche verschämte Flötenklänge
huschen, die schaurigen Mysterien der tiefen Clarinett- und
Fagotttöne, dazwischen das Klirren von Triangeln und
Becken, leiseste Sphärenmusik und daneben dröhnender
Posaunen- und Paukenlärm: Tinel hält das Alles in seiner
Hand. Glänzende Theater-Decorationen; wir wünschten nur
ein gedankenreicheres, genialeres Stück dazu.
Neben dem neuen Componisten Tinel brachte uns das
erste Gesellschaftsconcert auch einen neuen Dirigenten:
Herrn Richard v. Perger. Er ist ein geborener Wiener
und als mehrjähriger Director des Musikvereins in Rotter
dam im Besitze einer umfassenden Dirigentenpraxis. Als
Componist hauptsächlich auf dem Gebiete der Kammermusik
thätig, hat Perger auch mit einer komischen Oper: „Der
Richter von Granada“ (nach der spanischen Erzählung „Der
Dreispitz“), in Köln Erfolg gehabt. Ein kleines Singspiel
seiner Composition, „Die vierzehn Nothhelfer“, ist vor
Jahren im Hause Billroth’s von Dilettanten aufgeführt
worden. Aus jener Zeit her den besten Kreisen Wiens wohl
bekannt und sympathisch, ist Herr v. Perger als glücklich
Heimgekehrter jetzt mit aufrichtiger Wärme begrüßt worden.
Man bringt ihm Vertrauen entgegen. Es spricht für ihn,
daß er sein Debüt als Director der Gesellschaftsconcerte
mit einem in Wien noch unbekannten, neuen großen Ora
torium machen wollte. Gegen die Wahl des „Franciscus“
gilt keine Einwendung; auch von denen nicht, welche, wie
wir, den Enthusiasmus für Tinel nicht theilen. Perger
dirigirte mit Ruhe und deutlichen, präcisen Tactzeichen;
sein Auge haftete auf den Sängern und nicht auf der Par
titur. Besonderen Dank verdient die Einsicht und Energie,
mit welcher er sehr einschneidende Kürzungen des Orato
riums vornahm. In der unbarmherzigen Ausdehnung des
Originals würden wir das Oratorium, insbesondere die
zwei letzten in Trauer und Wehmuth zerfließenden Abthei
lungen nur mühsam bis zu Ende gehört haben. Auch so
überkam uns manchmal die Empfindung, als ob nicht Tinel’s
„Franciscus“, sondern die „Mohnblumen“ auf uns einwirkten.
Dieses Gefühl hatte sich thatsächlich sehr zahlreicher Zuhörer
bemächtigt, welche in einer Art musikalischen Schlafwandels
schon nach der zweiten Abtheilung den Ausgang suchten.
Die Aufführung des sehr schwierigen und anstrengenden
Werkes gelang vortrefflich von Seite des Orchesters und
der Chöre unseres „Singvereins“. Herr Rothmühl,
königlich württemberg’scher Hofopernsänger, fand als
Franciscus noch mehr Gelegenheit, sich auszuzeichnen, als
jüngst im Mascagni-Concert. Seine vorzügliche Gesangs
technik und edle Vortragsweise erzielten den besten Eindruck.
Für die Sopranpartie war ursprünglich die bekannte
rheinische Oratorien-Sängerin Wally Schauseil angesetzt;
ihre plötzliche Erkrankung gab der Frau Baronin Leonore
Bach Anlaß, ihre rühmlich bekannte Gefälligkeit und musi
kalische Sicherheit in der schnellen Uebernahme dieser Partie
zu bewähren. Der süße Klang ihrer Stimme, sowie ihr
ruhiger, seelenvoller Ausdruck kamen gerade dieser Aufgabe
besonders zu statten. In der kleinen, sehr hochliegenden
Baritonpartie machte sich die schöne, kräftige Stimme Herrn
Grienauer’s vortheilhaft bemerkbar. Am Schluß der
ersten Abtheilung fiel der ganze Singverein, Herren und
Damen, lebhaft applaudirend in den Beifall des Publicums
ein — eine herzliche Ovation für den Dirigenten Herrn
v. Perger, der sichtlich überrascht und gerührt dankte.