Zur Biographie Franz
Liszt’s.
Ed. H. Noch immer strömen neue Beiträge aus Liszt’s
Correspondenz, dieser unerschöpflichen Quelle. Zuerst kam
der hochbedeutende Briefwechsel Liszt-Wagner, dann folgten
zwei Bände Briefe von Liszt und dessen „Briefe an eine
Freundin“. Nun liegen zwei weitere Bände vor uns: dies
mal nicht Briefe von, sondern anLiszt.
„Briefe hervorragender Zeitgenossen an Franz Liszt.“ Heraus
gegeben von La Mara. (Leipzig bei Breitkopf & Härtel, 1895.)
Die Heraus
geberin der früher genannten Sammlungen, Frau La
Mara, erwirbt sich damit ein neues Verdienst. Durchaus
interessant als Geistesproducte und Bekenntnisse so vieler
bedeutender Zeitgenossen Liszt’s, werfen diese Briefe auf den
Empfänger selbst einen hellen Widerschein. Es sind darunter
wenige, in welchen Liszt („l’homme le plus abusé“, wie
ihn H. W. Ernst nennt) nicht um irgend etwas ge
beten würde; bald soll er jungen Componisten Verleger
schaffen, Concertgebern Empfehlungsschreiben senden, bald
hohenorts die Genehmigung von Dedicationen oder gar Orden
erwirken. Und wenn wir nur wenige Seiten weiter blättern,
so sagt uns gewiß ein Dankbrief desselben Schreibers, daß
Liszt die Bitte erfüllt hat. Seine Autorität und sein Einfluß
waren ebenso groß, wie seine Gefälligkeit, seine Herzensgüte.
Diese aus den verschiedensten Kreisen stammenden Briefe,
gegen 500 an der Zahl, geben zusammen ein ganz einziges
Bild von Liszt’s Weltverkehr, wie er bei keinem anderen
Musiker je seinesgleichen fand. Die Herausgeberin durfte
den ganzen handschriftlichen Schatz des Weimarer „Liszt-
Museums“, dieser schönen Stiftung der Fürstin Marie
Hohenlohe in Wien, unbeschränkt benützen. Als willkommenen
charakteristischen Schmuck hat sie jedem Briefe die auto
graphirte Unterschrift des Verfassers beigegeben.
Wenn wir die erste Abtheilung aufschlagen: „Virtuosen-
und Wanderjahre 1824 bis 1847“, so überrascht uns gleich auf
der ersten Seite ein interessanter Brief unseres Karl Czerny
aus Wien. Er schreibt an seinen „lieben Franzi“ nach London,
wo sein junger Zögling erfolgreiche Concerte gibt. Czerny
titulirt ihn mit „Er“ und gibt ihm väterliche Ermahnungen:
„Er wird nie vergessen, daß, je größer der Ruf und der
Enthusiasmus des Publicums ist, desto schwerer und wich
tiger es ist, sich darin zu erhalten, und daß das Urtheil ein
zelner wahrhaft großer Meister und Kenner mehr werth ist
und länger dauert, als das einstimmige Klatschen der
Menge.“ Erst viele Jahre später weicht das pädagogische
„Er“ dem höflichen „Sie“. Das Verhältniß hat sich um
gekehrt: der alte Czerny schickt seinem berühmten Schüler
nach Weimar einige seiner „eigenen Scriblereien“ und
empfiehlt sie dessen „schützender Meisterhand“. ... Aus
Liszt’s erster Pariser Zeit datirt einer der merkwürdigsten
Briefe von George Sand, Ausbrüche einer leiden
schaftlich erregten, fast verzweifelnden Seele. Sie bittet
den Freund, sie nicht zu besuchen, da sie in ihrer
schmerzlichen Lage, eine Beute tiefsten Kummers und
grausamer Zweifel, auch von der echtesten Theil
nahme keinen Trost erwarte. „Ich will abreisen, um
eine tiefe, schreckliche Leidenschaft in mir zu ersticken. Schwerlich
wird das mir zu irgend etwas nützen, denn jeder neue Tag
läßt mich an meiner Willensfreiheit zweifeln. Sie werden
mir bezeugen, daß ich in den Tagen meines größten Schmerzes
den Urheber meiner Leiden nicht angeklagt habe. Daß ich
fliehe, beweist meine Schwäche, nicht meine Stärke. Meine
Vernunft und meine Religion verlassen mich. Gott weiß,
was aus mir wird. Meine Seele ist vielleicht für immer
verloren.“ Von berühmten deutschen Frauen begegnen wir um
diese Zeit Bettina Arnim. Trotz ihrer 60 Jahre bleibt
sie immer „das Kind“, dessen Naivetät nicht leicht von
Affectation zu unterscheiden ist. Natürlich duzt sie ihn. „Ist
es schwer“ — so beginnt ihr erster Brief an Liszt —
„mir zu schreiben, so ist es auch schwer, von dir gelesen zu
werden. Es ist das Tiefste und Innigste, was auch das
Einfachste ist. Dies allein kann dem Freund etwas gelten.
Wie das Kind vom Schlaf befallen wird, während es Nah
rung saugt, so geht mir’s, ich muß gleich träumen, wenn
ich an dich denken will. Du bist ein Organ der Zeit; ich
weiß auch Wie und Warum, aber ich bin mit im Werden
in dir begriffen und muß mich leidend verhalten.“ Je weiter
desto enthusiastischer und unverständlicher wird die poetische
Dame: „Du, der das Haupt untertaucht in den Quellen der
Harmonie, wie könntest du nach Anderem dich sehnen, als nach
Ihr, die eines Vaters Tochter ist, der des Himmels Schöpfer
ist und der Erde nach der Natur!“
Ernest Legouvé, einer der wenigen noch Ueberlebenden
aus jenem glänzenden Pariser Künstlerkreis von 1830 bis
1840, ist durch einen Brief vertreten, indem er ebenso
geistreich wie vornehm eine Verstimmung Liszt’s besänftigt.
Letzterer war verletzt davon, daß Legouvé in einem musikali
schen Essai ChopinüberLiszt gestellt habe. Legouvé be
dauerte sehr, dem Freunde unabsichtlich weh gethan zu haben,
hält jedoch seine individuelle Meinung aufrecht und erklärt
sie folgendermaßen: „Was mir in den Künsten den höchsten
Rang zu verdienen scheint, ist die Einheit, die Vollständig
keit. Chopin, so glaube ich, ist ein Ganzes; Composition und
Ausführung, Alles ist bei ihm in Uebereinstimmung und
von gleichem Werth; sein Spiel und seine Werke sind zwei
von ihm gleichmäßig geschaffene Dinge, die sich gegenseitig
unterstützen und in ihrer Art vollkommen sind. Chopin ist
zur Verwirklichung seines Ideals gelangt. Sie im Gegen
theil, sind erst auf dem halben Weg Ihrer Entwicklung; der
Virtuose steht auf der Höhe, aber der Componist ist ein
wenig zurückgeblieben. So ist es, so muß es sein. Noch
kämpfen zu viele Ideen in Ihrer Phantasie. An dem Tag,
wo der innereLiszt zum Vorscheine kommen wird, an
dem Tag, wo diese wunderbare Macht der Ausführung ihre
Ergänzung gefunden in einer ebenbürtigen Kraft der Com
position — an diesem Tag wird man nicht mehr sagen, Liszt
sei der erste Pianist in Europa — man wird ein anderes
Wort finden. Eugen Sue wird Ihnen bestätigen, daß ich der
jenige bin, der ihm am meisten Böses über seine Werke
sagt; das ist sehr einfach: ich liebe ihn, ich kenne ihn und
bin wüthend, zu sehen, daß seine Bücher weniger Talent be
sitzen, als er. Können Sie mir verübeln, daß der Liszt, den
ich in der Zukunft sehe, mich verhindert, den Liszt von heute
ebenso sehr zu bewundern?“
Von Heine finden wir nur zwei kurze Billette aus
dem Jahre 1844, welche eben den Keim zu bleibendem
Zerwürfnisse zwischen den beiden Männern enthalten. Im
ersten ersucht Heine um Karten zu Liszt’s Concert, im
zweiten erbittet er sich Liszt’s Besuch. „Ich habe bereits
einen ersten Artikel über Sie geschrieben, den ich vor Ihrem
zweiten Concerte fortschicken möchte, und es steht vielleicht
etwas darin, was Ihnen nicht gefiele; deßhalb ist es mir
ganz recht, daß ich Sie erst spreche.“ Liszt scheint die von
Heine ihm vorgelesenen Stellen übel genommen und heftig
erwidert zu haben. Hierauf hat Heine den Artikel mit noch
schärferen Spitzen und einem geringschätzigen Schlußwort
versehen. Heine soll gegen Liszt aufgebracht gewesen sein,
weil ihm dieser die verlangten Concert-Billette nicht zu
geschickt habe. Solche Züge kleinlicher Rachsucht sind leider
nicht selten bei Heine; sein Talent und seine Lust, zu ver
letzen, erprobte er ohneweiters auch gegen Freund. Blättern
wir weiter nach den großen Namen des damaligen Frank
reich, so stoßen wir gleich auf Lamartine. Er bittet
Liszt nach Mouceau zu Tische. „Wir speisen zu welcher
Stunde Sie wollen. Es steht kein Clavier da. Wir wollen
Sie und nicht Ihre Hände.“
Gegen Ausgang der Vierziger-Jahre erscheint Hector
Berlioz immer häufiger unter den Briefschreibern. Die
lebhafte Sympathie, welche Liszt jedem genialen Künstler zu
wendete, welcher neue Wege einschlug, ist auch Berlioz zeit
lebens zu statten gekommen. Zuerst half Liszt durch seinen
von Robert Schumann bewunderten Clavierauszug der
„Sinfonie fantastique“ dieses Werk verbreiten, später, in
seiner Weimarer Zeit, war er unermüdlich in Vorführung
der in Deutschland noch wenig bekannten Berlioz’schen
Werke. Berlioz, bekanntlich ein leidenschaftlicher Raisonneur,
beginnt seine Briefe aus dem Jahre 1848 mit heftigen An
griffen auf die französische Regierung, „diese Leute, welche
vorgeben, uns zu regieren, und den Ruin der Musik
decretiren“. Von London heimgekehrt, habe er im Pariser
Conservatorium eine Commission von zehn Einfaltspinseln
vorgefunden, welche die Aufhebung des Bibliothekarpostens
beschlossen haben. Wenn der Minister, wie vorauszusehen,
zustimmt, werde er (Berlioz) von ein paar Feuilletons leben
müssen, welche jetzt nur zu halbem Preise bezahlt werden,
oder gar nicht. Berlioz ist entzückt von Liszt’s Antrag, die
Oper „Benvenuto Cellini“, die seit ihrem Pariser
Fiasco vom Jahre 1838 vollständig vergessen war,
in Weimar aufzuführen. „Ich habe diese Oper jetzt
durch 13 Jahre ernsthaft geprüft und schwöre, daß ich
diese Cellini’sche Gewalt, diesen Aufschwung und Ideenreich
thum niemals wiederfinden werde. Aber die Aufführung ist
jetzt nur noch schwieriger, da die Theaterleute, insbesondere
die Sänger, keine Spur von Humor besitzen.“ Zur Auf
führung in Weimar kündigt Berlioz sein Erscheinen an;
Liszt’s Vorschlag, ein Concert vorausgehen zu lassen, hält
Berlioz für unmöglich, denn die Oper dauert drei Stunden
und „das deutsche Publicum muß um zehn Uhr im Bette
liegen“! Nachdem der „Benvenuto Cellini“ auch in der
italienischen Oper in London von Anfang bis zu Ende
ausgezischt worden und am nächsten Tage zurückgezogen
war, schreibt Berlioz an Liszt: „In meinem Kopfe tobt ein
großer Conflict zwischen der Liebe zur Kunst und dem Ekel,
zwischen dem Ueberdruß des Bekannten und der Sehnsucht
nach dem Unbekannten. Die Musik, so wie wir sie ver
stehen, ist eine Millionärkunst! Sie braucht Millionäre.
Mit den Millionen verschwindet jede Schwierigkeit, erleuchtet
sich jede Intelligenz, wird der Marmorblock ein Gott und
das Publicum ein Mensch. Und kein Monarch, kein Roth
schild, der das begreift!“ — Liszt bemühte sich auch, den
„Cellini“ an der Dresdener Hofoper anzubringen; aber erst
vierunddreißig Jahre später gelangte die Oper dort zur
Aufführung.
Mit Liszt’s Niederlassung in Weimar tritt eine große
Zahl neuer Correspondenten auf den Schauplatz. Zuerst
Dingelstedt, dessen Briefe, flott und burschikos ge
schrieben, ein seltsames Gemisch von deutschen und franzö
sischen Sätzen bilden. Er fühlt sich unbehaglich in seiner
Stellung als Bibliothekar in Stuttgart und sucht (bereits
1845!) durch Liszt Anknüpfung mit Weimar. Er schreibt:
„Cher excellent! Riemer ist zu Weimar gestorben. Gott
hab’ ihn selig: er war ein langweiliger, alter —. Weise
für die Stelle des Ober-Bibliothekars in Weimar auf mich
hin. Das Geschäft verstehe ich durchaus, und die Person
kriegen sie drein, auch noch das Talent meiner Frau, die
für die Gesellschaft dort eine Acquisition wäre. Hier bleib’
ich nicht. Es ist mir zu „gemüthlich.“ Dingelstedt’s Wunsch,
gemeinsam mit Liszt das Weimarer Theater zu leiten, ging
erst zwölf Jahre später in Erfüllung.
Ein ergreifendes Bild bedrückten Künstlerlebens und
verschämter Armuth bietet ein Brief von dem später be
rühmt gewordenen Componisten der „Verkauften Braut“,
Friedrich Smetana in Prag. Voll Vertrauen wendet sich
der 24jährige, völlig mittellose Musiker an Liszt. „Meine
Conditionen bringen mir monatlich 12 fl. CM., so daß ich
gerade so viel habe, um nicht zu verhungern. Meine Com
positionen kann ich nicht drucken lassen, weil ich daraufzahlen
müßte und leider mir nicht so viel ersparen kann. In
meiner Noth, ohne Aussicht auf Hilfe, ohne Freund, fuhr
es wie ein Blitz durch meine Gedanken — der Name
Liszt auf einem Musikstücke, das auf meinem Tische lag,
bewog mich, Ihnen, dem Künstler ohne Gleichen, von dessen
Großmuth alle Welt redet, Alles zu vertrauen.“ Er bittet
Liszt, sein Opus 1 anzunehmen und es drucken zu lassen.
Aber noch eine größere Bitte fügt er hinzu: um ein Dar
lehen von 400 fl.! Smetana möchte eine Musik-Bildungs
anstalt errichten. „Wenn ich nur so viel Geld hätte, um
eine Wohnung miethen zu können und wenigstens zwei
Instrumente anzuschaffen, so wäre meine Existenz gedeckt. Ich
besitze kein Instrument; ein Freund erlaubt mir, bei ihm
zu üben.“ Liszt half wie immer.
Nicht ohne Rührung wird man den Brief lesen, in
welchem Ottilie v. Goethe die Oper ihres Sohnes Walther
v. Goethe, behufs einer Aufführung in Berlin, Liszt
empfiehlt: „Ich wollte Ihnen nicht gleich schreiben, denn es
erschien mir so zudringlich; es sah aus, als wenn ich nun
gleich aus dem zarten flüchtigen Seidenfaden unserer Be
kanntschaft ein Ankertau drehen wollte. Es war Unrecht von
mir, daß ich nicht so aussehen wollte, denn es war ja
wahr.“ Liszt’s guter Wille und Einfluß waren gewiß auch
diesmal so stark wie immer, aber das Talent Walther’s
v. Goethe war zu schwach. Es scheint nicht, daß seine Oper
irgendwo zur Aufführung gelangt ist. Zwei Tonkünstler, die
nun häufiger und mit längeren Briefen an Liszt heran
kamen, sind Robert Volkmann und Robert Franz.
Liszt hat bekanntlich Beide hochgeschätzt und kräftig gefördert.
Volkmann übersendet ihm aus Pest (1850) eine seiner
ersten Compositionen, das Claviertrio in B-moll, mit der
Bitte um Liszt’s Urtheil und um dessen guten Rath, wie
er für diese und ähnliche Compositionen „am ersten einen
Erfolg hoffen könne?“ Wie mit Volkmann verhält es sich
mit Robert Franz. Liszt macht Beide durch rühmende
Aufsätze dem größeren Publicum bekannt, vermittelt ihnen
Dedicationen u. s. w. Robert Franz schreibt (wol Liszt zu
liebe) auch einige Artikel zu Gunsten der Zukunftsmusiker,
obwol er „von dem unseligen Parteiwesen kein Heil für die
Kunst erblicken kann.“ Aber groß ist sein Schrecken, als
sein Schwager, Dr. Hinrichs, eine geistvolle Broschüre
gegenWagner veröffentlicht und Robert Franz von
mancher Seite für ein bischen mitschuldig gehalten wird. „Hätte
ich ahnen können, welche Folgen meines Schwagers Arbeit
für mich mit sich bringen würde — keine Sylbe hätte er
schreiben dürfen!“
Den schwärmerischen Freundinnen Liszt’s bringt das
Jahr 1849 mancherlei Befürchtungen. Die geistvolle Schau
spielerin Charlotte v. Oven, geborene v. Hagen, schreibt:
„Sonst gaben doch noch die Zeitungen Nachricht über Sie,
jetzt liest man nur Politik. Wenigstens hoffe ich, daß diese
Wirren keinen Bezug haben auf jene mystische Stelle Ihres
Briefes, worin es heißt, „sie sei ernst und entscheidend für
Ihr Schicksal“. Ich dachte zuerst an den ungarischen Krieg,
und das stimmte mich sehr ernst — dann fiel es mir ganz
heiß aufs Herz: Heirat! Und ich bekam beinahe ein
Fieber, denn jetzt erst weiß ich, welches Uebel in der Welt
das größte ist, und wollte, ich hätte die tugendhafteste Hand
lung meines Lebens nicht begangen. Vorbei, vorbei!“
Eine andere Freundin, die italienische Fürstin Belgio
joso, hält ihm eine kleine politische Strafpredigt: „Ihr
Vaterland ist jetzt unterlegen wie das meine. Wie ist es
möglich, lieber Liszt, daß Sie nicht theilnehmen an dem
Kampfe? Ist Ungarn nicht Ihr Vaterland? Thatsächlich
und nach Ihrer Wahl? Ich glaubte Sie längst jenseits der
Donau.“ Liszt war viel zu vernünftig dazu. — Die Briefe
von Robert und ClaraSchumann (meistens schreibt sie
im Namen ihres Mannes) sind fast durchaus ganz prak
tischen, sachlichen Inhalts, Concertreisen betreffend, wichtige
Aufführungen in Leipzig oder Weimar u. dgl. Um so auf
fallender sticht ein einzelner Brief Schumann’s davon ab.
Er betrifft die Composition „Faust’s Verklärung“, nach
welcher Liszt sich erkundigt hatte. Nun scheint Schumann
ein abschätziges Wort Liszt’s über Musik und Musiker in
Leipzig übel vermerkt zu haben; es reizt ihn zu folgender
Auslassung: „Würde Ihnen, lieber Freund, die Composition
nicht vielleicht zu leipzigerisch sein? Oder halten Sie
Leipzig doch für ein Miniatur-Paris, in dem man auch
etwas zu Stande bringen könne? Im Ernst — von Ihnen,
der so viele meiner Compositionen kennt, hätte ich
etwas Anderes vermuthet, als in Bausch und
Bogen so ein Urtheil über ein ganzes Künstlerleben aus
zusprechen. Wahrlich, sie waren doch nicht so übel, die
in Leipzig beisammen waren — Mendelssohn, Hiller, Benett
und Andere; mit den Parisern, Wienern und Berliner
konnten wir es allenfalls auch aufnehmen. Gleicht sich aber
mancher musikalische Zug in dem, was wir componirt, so
nennen Sie es Philister oder wie Sie wollen, alle verschie
denen Kunstepochen haben dasselbe aufzuweisen, und Bach,
Händel, Gluck, später Mozart, Haydn, Beethoven sehen sich
an hundert Stellen zum Verwechseln ähnlich (doch nehme
ich die letzten Werke Beethoven’s aus, obgleich sie wieder
auf Bach deuten). Ganz originell ist Keiner. So viel
über Ihre Aeußerung, die eine ungerechte und beleidigende
war. Im Uebrigen vergessen wir das Alles — ein Wort
ist kein Pfeil — und das Vorwärtsstreben die Hauptsache.“
Dies ist wol der einzige Brief in der ganzen großen
Sammlung, welcher einen Vorwurf gegen Liszt enthält.
Hingegen mußte er manche Klage über Extravaganzen seiner
Schüler und Verehrer anhören. So hatte Hanns v. Bü
low die große Sängerin Henriette Sonntag (Gräfin
Rossi) bei Gelegenheit ihres Auftretens in Weimar in einem
scharfen Artikel — seinem ersten schriftstellerischen Debüt —
angegriffen, und nicht blos als Künstlerin. Auch hier hatte
Klatschsucht sich geregt und, wenigstens in halben Andeu
tungen, Liszt als nicht ganz unbetheiligt an jener Kritik
bezeichnet. Die Künstlerin bedauert, daß die glaubwürdigen
Aufklärungen, welche Liszt ihr persönlich gegeben, leider keine
Wirkung auf die irregeleitete öffentliche Meinung üben können.
„Das ist schlimm und läßt sich nicht wieder gutmachen.“
Die Correspondenz Liszt’s beschränkte sich keineswegs
auf Künstler; unter den Briefstellern finden wir Namen
vom höchsten Range. König Friedrich Wilhelm IV., die
Prinzessin Augusta, nachmalige Kaiserin von Deutschland,
der Fürst von Hohenzollern-Hechingen, Herzog Ernst von
Coburg-Gotha — sie Alle schreiben an Liszt eigenhändig
und in liebenswürdigstem, fast freundschaftlichem Tone. Der
Herzog Ernst wendet sich in seiner Eigenschaft als Opern
componist an Liszt, und in dieser Beziehung ist sein Brief
sehr charakteristisch. Im Begriffe, ein Libretto von der
Birch-Pfeiffer zu componiren, wünscht der Herzog, Liszt
möchte zwischen ihm und R. Wagner den Vermittler
machen. „Ich habe bereits über die Hälfte des ersten Actes
fertig. Nun tritt die große Frage in Bezug auf die In
strumentation hervor. In keiner Weise habe ich Lust, diese
schwere Aufgabe Lampert (Hofcapellmeister zu Gotha) oder
einem unbedeutenden Componisten zu übertragen; wer ließe
sich aber besser vorschlagen, als unser genialer Wagner?
Hier handelt es sich also nur darum, ob er geneigt ist, den
bereits fertigen Musikstücken die Instrumentation anzupassen
und, sozusagen, die letzte Hand ans Werk zu legen. So viel
ich höre, soll Wagner wenig beschäftigt und nicht in
brillanten Umständen sein. Vielleicht kommt es ihm gelegen,
in wenig Monaten 100 Louisd’or zu verdienen. Alles dies
ist jedoch Nebensache, wenn es ihm im Ganzen Freude
macht, an einem Werke theilzunehmen, das ja doch nicht
seinen Namen tragen dürfte.“ Es ist begreiflich, daß
Wagner, der eben mit Leib und Seele an seinen Nibelungen
arbeitete, auf diesen gutgemeinten Antrag nicht einging.
Eher könnte man sich denken, daß Liszt ihm gar nichts
davon gesagt habe.