Zur Biographie Franz
Liszt’s. II.
(Schluß.)
Ed. H.
Vergl. Nr. 11259 der „Neuen Freien Presse“ vom 28. De
cember 1895.
So lange Franz Liszt als Virtuosen-Schmetter
ling rastlos durch Europa flatterte, war er nicht so leicht
einzuholen und zu haschen. Als er aber in Weimar seß
haft geworden und allmächtig am großherzoglichen Hofe, da
überschüttete ihn tagtäglich die Post mit Briefen von Freunden,
Bewunderern und — Bittstellern. „Du solltest eigentlich
Helferich statt Franz heißen,“ schreibt ihm Adolph Stahr
(dessen jetzt noch in Weimar lebende Töchter Liszt’s be
sonderen Schutz genossen), „denn eine hilfsbereitere Menschen
seele als dich habe ich in meinem Leben nie kennen gelernt!“
Zunächst hatte der „Helferich“ viel seufzende Sehnsucht nach
dem Weimarischen Falken-Orden zu stillen. „Ich fliege dem
Vogel nach,“ bekennt Dingelstedt, und er hat durch
Liszt den „Vogel“ erhalten, ebenso wie Mosenthal,
Dessauer, E. Devrient, Dawison, Tichatschek
und noch manche Andere, von welchen keine Briefe vorliegen.
So viele Orden wie Liszt hat wol noch kein Künstler verschafft,
Wagner ausgenommen, der gelegentlich seiner Festspiele
bayrische Auszeichnungen vertheilte wie ein Souverän. Der
Musik-Theoretiker C. Weitzmann begnügt sich mit dem
Doctordiplom, das ihm Liszt von der Universität Jena er
wirkte. Dann kommen die Bitten von Robert Franz,
Ferdinand David und Anderen um Annahme von
Dedicationen oder Befürwortung dieses Ansuchens bei kaiser
lichen und königlichen Hoheiten. Minna Wagner wünscht,
daß eine Nichte Richard Wagner’s in Weimar als Schau
spielerin engagirt werde. Marie Seebach bestürmt Liszt
um eine melodramatische Musik zu Bürger’s „Leonore“ und
„Des Sängers Fluch“ von Uhland. („Ich hätte mögen auf
den Knien am liebsten vor Ihnen liegen und beten!“
Berlioz hofft durch Liszt auf einen Verleger für seinen
„Faust“; Capellmeister C. Krebs auf die Aufführung
seiner Oper „Agnes“. Johanna v. Beethoven (die
Witwe des „Neffen Karl“) bittet in großer Bedrängniß
um eine wiederholte Geldunterstützung, indem sie sich für
bereits empfangene hundert Gulden bedankt. Aber eines
der allerinteressantesten Anliegen kommt von dem 73jährigen
Rossini. Er berichtet dem neugeweihten Abbé von seiner
kürzlich componirten und in Privatkreisen gesungenen vier
stimmigen Vocalmesse: „Man wollte, daß ich die Messe
instrumentire, um sie sodann in einer Pariser Kirche auf
führen zu lassen. Doch widerstrebte mir’s, da ich all mein
geringes musikalisches Wissen an dies Werk gelegt und es
mit wahrhaft religiöser Hingebung geschaffen habe. Es
existirt, wie man mir versichert, von einem früheren Papste
her eine beklagenswerthe Bulle, die ein Zusammen
wirken beider Geschlechter in der Kirche verbietet. Könnte
ich jemals zugeben, meine armen Noten von den mißtönen
den Knabenstimmen singen zu hören, statt von Frauen, die
für die geistliche Musik herangebildet sind und, um musika
lisch zu sprechen, mit ihren wohllautenden, lichten Stimmen
gleichsam Engel des Himmels darstellen? Wäre es mir,
gleich Ihnen, vergönnt, im Vatican zu wohnen, ich würde
mich zu den Füßen meines angebeteten Pius IX. nieder
werfen, um seine Gnade für eine neue Bulle anzurufen,
die den Frauen gestattet, vereint mit den Männern in der
Kirche zu singen. Diese Maßregel würde der in völligem
Niedergang befindlichen Kirchenmusik neues Leben verleihen.
Als wackerer Abbé vereinigen Sie sich, Theuerster, mit mir
und versuchen wir es, bei Sr. Heiligkeit eine Gnade zu er
langen, die Ihnen als Diener der Kirche wie als Musiker
doppelt am Herzen liegen muß.“
Auch in ernsten politischen Fällen mußte Liszt
mitunter den Vermittler spielen; so für zwei Oesterreicher:
Moriz Hartmann und Eduard Reményi.
„Moriz Hartmann ist gefangen,“ schreibt Adolph Stahr im
October 1854 an Liszt. „Seine Freunde in Paris schreiben
mir, daß, wie sie aus Wien erfahren, ein Theil der dor
tigen Minister es aus Furcht vor Scandal selbst für poli
tischer halte, den Dichter wieder in Freiheit zu setzen, der
seit sechs Jahren ohne politische Thätigkeit, rein nur seinen
schriftstellerischen Arbeiten gelebt hat. Es sei Alles noch im
ersten Stadium der Untersuchung und eben noch Zeit, für
den Dichter thätig zu sein. Auch ohne Auftrag von Paris
her würde ich dazu deine Mitwirkung, deinen Einfluß, deine
Verbindungen in Anspruch nehmen, denn es gilt einem
Freund, einem edlen Charakter, einem Dichter, einem Un
glücklichen. Je mehr von allen Seiten Bitten und Befür
wortungen nach Wien kommen, um so eher ist Aussicht
dazu da, daß Kaiser Franz Joseph und seine Räthe thun
werden, was menschlich und politisch das Klügste ist, zumal
in einem Augenblick, wo ein Louis Napoleon einen Bar
bès begnadigt und wo Oesterreich durch einen solchen Act
die Stimmung von ganz Deutschland gewinnen kann.“ Was
den jungen Geiger Reményi betrifft, so hatte er sich nach
der Besiegung der ungarischen Revolution geflüchtet und
durfte nicht nach Oesterreich zurück. Wiederholt hatte Liszt
ihn ermahnt, Schritte für seine Rehabilitirung zu thun;
der Trotzkopf wollte nichts davon wissen. Nun wendet er
sich (1854 aus London) doch an seinen mächtigen Beschützer,
damit dieser ihm die Erlaubniß zur Rückkehr nach Oester
reich erwirke.
So von allen Seiten von Einzelnen und für Einzelne
in Anspruch genommen, hat Liszt doch ununterbrochen
daran gedacht, wie er im Großen für deutsche Kunst und
Bildung wirken und Weimar durch ein monumentales Werk
zu neuem Glanze erheben könne. Er plante eine großartige
„Goethe-Stiftung“, welche ihren Sitz und Mittelpunkt in
Weimar haben sollte. Zweck und Einrichtung dieser Stiftung
erklärte Liszt in einer (sonderbarerweise französisch ge
schriebenen) Broschüre: „De la fondation — Goethe“, die er
noch vor ihrer Veröffentlichung verschiedenen Künstlern und
Schriftstellern zur Beurtheilung schickte. Die meisten Freunde
und Verehrer Liszt’s, auch Stahr und Dingelstedt, haben
seinen Entwurf in Pausch und Bogen gepriesen. Eine Aus
nahme macht Gutzkow, der in einem ausführlichen, sehr
verständigen Briefe manchen unpraktischen Ideen Liszt’s ent
gegentritt. „Allgemeine, vague, blind ins Leere hinausge
schriebene Preisaufgaben halte ich für keine Förde
rung der Kunst. Sehen Sie nur das klägliche Resultat der
Laube’schen Concurrenz in Wien! Talent wird nicht ge
weckt durch Preise, im Gegentheile, statt zu encouragiren,
decouragirt die Concurrenz. Wie mancher talentvolle junge
Mann ist über seinen Durchfall in einer Concurrenz halb
verrückt geworden! Aber lassen Sie noch mehr wegfallen! Die
Krönungs-Ceremonie, die ganze Richard Wagner’sche Kunst-
Zukunfts-Volks-Universal-Acclamation. Das ist Bombast! Das
Wesen der Kunst im 19. Jahrhundert ist — die Individualität.“
Ein anderes Schriftstück, das Liszt auf dem Herzen lag,
war die Dichtung des „Nibelungenring“, die Wagner be
kanntlich noch vor der Musik selbstständig veröffentlicht hatte.
Liszt wünscht zuerst das Urtheil der Brüder Grimm und
wendet sich deßhalb an Bettina. Diese antwortet: „Ich
habe die Söhne aufgefordert, den Nibelungentext den beiden
Grimm von deiner Seite zu übergeben; sie haben mir es
abgeschlagen und mir betheuert, daß sich kein gutes Resultat
daraus erwarten ließe. Ich möchte auch nicht, daß Schaden
daraus erwüchse, da dein Eifer für diesen Freund doch
immer etwas Heiliges hat, das weit schöner ist als das,
worum es sich handelt.“ Noch schlimmer ergeht es den
Nibelungen bei Adolph Stahr, welcher doch von Wagner’s
früheren Werken eingenommen war. „Um es kurz zu sagen,“
schreibt Stahr, „ich weiß kein anderes Urtheil über diese Pro
duction als dasjenige, welches in dem Dilemma enthalten ist:
entweder bin ich unfähig, zu verstehen und zu empfinden, was
möglich, darstellbar und dramatisch wirksam, was tragisch und
die Menschen ergreifend ist — oder: diese Dichtung
ist von Anfang bis zu Ende ein einziger un
geheurer Mißgriff. Einen genialen Menschen so ver
irrt zu sehen, daß man kaum noch das Wort des Polonius
(Wenn das Wahnsinn ist, so ist doch Methode darin) auf
ihn anwenden kann, das ist geradezu ein Schmerz. Dies
Gedicht ist in Allem ein Abfall von seiner ganz früheren
Weise, nur insofern nicht, daß alle Mängel und Fehler der
früheren Dichtungen hier zu riesiger, überwuchernder Höhe
aufgeschwellt sind, während die schönen menschlich poetischen
Eigenschaften fast ganz in den Hintergrund treten. Hier ist
eine Sprache, die kein Lebender spricht, eine Rhythmik
und ein Versbau, die meinem Ohre fremd sind; der
Wortsinn schwer verständlich, sogar für den ruhig auf
merksamen Leser; die Reden lang und überlang, der
Gang der Fabel ohne Gelehrsamkeit und Wissen geradezu
unverständlich, und das ganze über- und untermenschliche
Wesen dieser ganzen Welt in Motiven, Ansichten, Thaten,
Schicksalen im höchsten Grade interesselos, ja — lang
weilig!“
In Liszt’s Weimarer Zeit (1855 bis 1861) fällt die
lebhafteste Correspondenz mit seinen Lieblingsschülern
Tausig, Cornelius und Bülow. Die Briefe des
Letzteren stehen nicht in der Sammlung von La Mara,
sondern sind selbstständig in zwei Bänden erschienen, auf
die wir auch einmal zurückkommen. Alle drei Jünglinge
sind von der aufrichtigsten Begeisterung für Liszt und seine
Werke erfüllt — fast möchte man sagen: besessen. „Be
greift man erst Ihre Musik,“ schreibt Tausig, „so wird
erst dann Bach verstanden werden!“ Und später: „Ist
Ihr Dante erschienen? Ich habe großes Bedürfniß nach
echt classischer Musik, und bis ich nicht wieder eine
neue Partitur von Ihnen vor mir sehe, bekomme ich
nicht meine Herzensruhe.“ Dem armen Tausig ging es
lange Zeit recht übel. Aus den verschiedensten Städten
wiederholen seine Briefe dieselbe Klage, daß seine Eltern
ihm jede Unterstützung entziehen und er die nächsten Monate
werde „von der Luft leben müssen“. Da hat denn „Helfe
rich“ immer wieder geholfen. Auf Liszt’s Rath geht Tausig
Ende 1860 nach Wien, wo er bekanntlich mehrere Orchester
concerte zu dem Zwecke veranstaltet hat, um für Liszt’s
symphonische Dichtungen Propaganda zu machen. Das
Unternehmen fand wenig Anklang und verursachte große
Unkosten. Dennoch bleibt Tausig auf Liszt’s Wunsch in
Wien. „So leicht ist mir der Entschluß, in Wien zu bleiben,
keineswegs geworden, und ich habe überwinden müssen.
Wien ist mir unausstehlich, und meine Stellung, wenn ich
überhaupt darauf ausgehe, jetzt oder später eine einzunehmen,
ist zu aller Welt eine schiefe, unangenehme und höchst un
entwickelte.“ Bei allem Enthusiasmus für Liszt benimmt
er sich doch nicht so herausfordernd wie Bülow, der in Berlin
(1859) als Dirigent von Liszt’s „Idealen“ einige Zischende
laut aufforderte, den Saal zu verlassen. „Ich hätte es für
würdiger gehalten,“ schreibt Tausig, „wenn er hätte die
Leute zischen lassen. Diese Schroffheit verdirbt Alles. Wie
will er, daß die Leute in seine Concerte gehen, wenn er
ihnen verbietet, ihre Meinung zu sagen? Es bleibt ihm
nichts übrig, als sich mit Jedem, der nicht seiner Meinung
ist, zu duelliren.“ Noch entschiedener äußert sich die berühmte
Sängerin Pauline Viardot gegen Liszt: „Gewiß wird
das Publicum stets günstig aufnehmen, was ihm von
Ihnen selbst, persönlich vorgeführt wird, aber ich habe
jedesmal Angst, wenn Bülow und die anderen Fanatiker
sich hineinmischen. Sie schädigen die Sache, welcher sie dienen
wollen, indem sie andere als musikalische Mittel zur Ueber
redung anwenden. Sie sind exaltirt, ungeduldig und heftig
bis zur Grobheit; sie suchen Streit und schreiben Kampf
artikel gegen Alle, die nicht geneigt sind, ihnen aufs Wort zu
glauben, und nicht gewillt, einer neuen Musik zuliebe auf
jene zu verzichten, die das Glück ihres Lebens gewesen ist.
Das ist absurd. Sie allein können, ja Sie müssen die
Hitze Ihrer jungen Leute mäßigen! Die heftigen oder scan
dalösen Scenen, die sie hervorrufen, werfen einen Schein
von Lächerlichkeit auf Ihre Sache. Bringen Sie also alle
die verrückten und ungeschickten Thoren zum Schweigen
und sprechen Sie!“
Sehr bemerkenswerth sind die Briefe von zwei aufrichtigen
Freunden und Verehrern Liszt’s, welche inmitten der fanatischen
Propaganda für dessen Compositionen sich verpflichtet fühlten,
aufrichtig ihre Bedenken dagegen auszusprechen: Ferdinand
Hiller und Joachim. „Ich hätte dir,“ schreibt Hiller,
nach dem Aachener Musikfest, „mit dem besten Willen nicht
viel Freundliches sagen können, ohne Comödie zu spielen.
Wenn auch meine Sympathie für dich immer die gleiche ist,
so muß ich doch hinzufügen, daß es sich mit einem Theil
deiner musikalischen Bestrebungen ganz anders verhält, daß
ich nicht allein in denselben nicht mit dir übereinstimme,
sondern es nachgerade für Pflicht halte, dir mit allen Kräften
entgegenzutreten, so schwach sich dieselben auch deiner Stellung
und deinem Einfluß gegenüber erweisen mögen.“ Mit schöner
Offenheit betont Joachim, indem er die Einladung zu
dem Musikfest in Weimar ablehnt: „Was hilft es, wollte
ich noch länger zaudern, auszusprechen, was ich empfinde!
Ich bin deiner Musik gänzlich unzugänglich; sie widerspricht
Allem, was mein Fassungsvermögen aus dem Geist unserer
Großen seit früher Jugend als Nahrung zog. Ich kann euch
kein Helfer sein und darf dir gegenüber nicht länger den
Anschein haben, die Sache, die du mit deinen Schülern ver
trittst, sei die meine.“
Einmal kommt es doch vor in dieser Sammlung
von 240 Briefen, daß Liszt selber eine Gefälligkeit von
Jemandem ansucht. Er bittet Berlioz, in Paris seine Wahl
zum Membre de l’institut (nach Spohr’s Tod) anzuregen,
was Berlioz gerne und mit Erfolg thut. Berlioz berichtet
auch, daß R. Wagner sich in London durch seine Gering
schätzung Mendelssohn’s sehr geschadet habe. „Wagner hat Un
recht,“ schreibt Berlioz, „den Puritaner Mendelssohn nicht als
eine reiche und schöne Individualität anzuerkennen. Wenn
ein Meister ein Meister ist, und wenn dieser Meister immer
und überall die Kunst geehrt und hochgehalten hat, dann
muß man ihn gleichfalls ehren und hochhalten, mag auch
unsere Richtschnur von der seinen abweichen.“ Wie mühsam
es Berlioz geworden, seine Oper „Die Trojaner“ zur Auf
führung in Paris anzubringen, illustrirt er Liszt durch
folgende kleine Erzählung: „Der Kaiser hatte mich auf
gefordert, ihm das Libretto zu bringen, und gewährte mir
eine (wie ich glaubte) besondere Audienz: es waren unser
42. Kaum war es mir möglich, ihm ein paar Worte zu
sagen. Er hatte seine Miene von 25 Grad unter Null, ver
sprach, mein Buch zu lesen, falls er einen Augenblick der
Muße finden könnte, und seitdem habe ich nichts mehr davon
gehört. Die Sache war abgethan. Das ist so alt wie die
Welt. Ich bin gewiß, daß der König Priamus sich ganz
ebenso benommen hat.“
Von Rubinstein finden sich nur wenige Briefe in
der Sammlung, aber sie sind nicht ohne Interesse. Es
erging dem jungen Virtuosen anfangs ganz so miserabel,
wie seinen beiden Collegen Tausig und Bülow. Und doch
bildeten diese Drei die herrlichste Blüthe der nachliszt’schen
Clavier-Virtuosität. Zuerst eine bittere Klage aus Berlin
(1855), wo Rubinstein für sein erstes Concert 160 Thaler
aus eigener Tasche zuzahlen mußte, um seine Ocean-
Symphonie durchfallen zu sehen. Dann im selben Jahre
Wien, wo das Vergnügen, ein Concert zu geben, ihn
bare 260 Gulden kostete. Einen leeren Saal gibt es frei
lich nicht in Wien nach Rubinstein’s Versicherung, da drei
Viertheile der Plätze von Freibilletten verschlungen sind.
Auch die Kritik, welche für Wilhelmine Clauß schwärme,
habe ihn schlecht behandelt, besonders Hanslick. Dieser sage:
„Sie hat das ästhetisch Schöne in der Kunst mit Löffeln
aufgefressen, so daß für die Anderen nicht mehr als ein
Leck für einen Groschen übrig bleibt.“ Dieser mir zuge
schriebenen Albernheit stehe ich vollständig fremd und un
schuldig gegenüber. Auch ist es nicht ganz mein Styl. Von
da an klafft eine breite Lücke in der Correspondenz zwischen
Rubinstein und Liszt bis zum Jahre 1871, wo Rubinstein
seine Trauer um den früh heimgegangenen Tausig aus
spricht. Dieser sei mit Bülow und Nikolaus Rubinstein der
letzte große Pianist gewesen. „Die Instrumental-Musik,“
sagt Rubinstein, „kann aber nur verlieren mit dem Ver
schwinden der Virtuosität; die „guten Musiker“
sind es nicht, durch welche die Kunst vorwärts kommt.
Man hat gut sagen, der „gute Musiker“ sei der Deputirte
der Rechten, oder des Centrums, oder der Linken — die
Kunst verlangt aber einen Dictator, einen Imperator.“
Die weit überwiegende Mehrzahl der uns vorliegenden
Briefe Liszt’s datirt aus seiner Weimarer Zeit; da waltete auch
die sorglich hütende Hand der Fürstin Wittgenstein über den
Schriftstücken. Aus Liszt’s römischen Jahren und seinem
Pester Aufenthalte haben wir nur eine spärliche Ausbeute.
Im Jahre 1871 benachrichtigt ihn der Minister-Präsident Graf
Julius Andrassy, daß der Kaiser seine Ernennung für
Pest mit dem Titel eines königlichen Rathes und einem
Gehalt von 4000 Gulden genehmigt habe. In Erwartung
eines seinem Genie entsprechenden Amtes werde Liszt durch
seine bloße AnwesenheitPest zu einem musikalischen
Mittelpunkt machen. Die Briefe seiner ungarischen Verehrer
übertreffen in schwärmerischer Huldigung Alles, was Liszt
in diesem Artikel sonst erlebt hat. „Welch tiefen Gehalt,“
schreibt E. v. Mihalovich, „welch unvergleichlichen Werth
soll das Leben wieder für mich gewinnen, wenn es mir ver
gönnt sein wird, in der elektrischen Sonnennähe des Gött
lichen zu leben, aus dessen geflügelten Worten und er
habenen Mienen u. s. w. u. s. w.“ Und Cornel
v. Abranyi: „Seitdem ich denke, und gar seitdem ich
musikalisch denke, habe ich nur eine einzige Idee: diese
Idee concentrirt sich in Ihrem unsterblichen Genie!“ Ein
Brief des berühmten Theologen Karl v. Hase in Jena an den
(damals erkrankten) Liszt beschließt die Sammlung; er
endet mit den hübschen Worten: „Ich würde selbst den
heiligen Franciscus für Ihre Genesung anrufen, wenn mir’s
nicht am Glauben fehlte.“ Es war der Anfang vom Ende:
mit Einemmale kam das Alter über ihn, dessen er bisher zu
spotten schien. Fünf Jahre später (1886) war Liszt nicht
mehr unter den Lebenden.