Ambroise
Thomas.
(
1811—
1896.)
Ed. H. Ambroise Thomas, der allverehrte Patriarch
des musikalischen Frankreich, hat das hohe Alter von
85 Jahren erreicht — wie es scheint, ein Privilegium aller
Directoren des Pariser Conservatoriums. Der erste unter
ihnen, Cherubini (vor dem es nur eine „Ecole de chant
et de déclamation“ gab), starb mit 82 Jahren, sein Nach
folger Auber mit 89. Im Zeitraum von nur fünf
Jahren hat die französische Oper drei ihrer begabtesten
Componisten verloren: Leo Délibes (1891), Gounod
(1893) und jetzt Ambroise Thomas. Um den dramati
schen Nachwuchs ist es in Frankreich fast noch schlimmer
bestellt, als in Deutschland und Italien; denn dort steht
die Oper auf den zwei Augen Massenet’s. Ambroise
Thomas war im Jahre 1811 in Metz geboren, der ehemals
deutschen und seit 25 Jahren wieder deutschgewordenen Reichs
stadt. In seiner Musik (wie in der Massenet’s) ist ein starker
deutscher Einschlag ganz unverkennbar. Als Sohn eines Musikers
gewann der junge Ambroise frühe Vertrautheit mit der Tonkunst.
Siebzehnjährig kam er ins Pariser Conservatorium und
ging vier Jahre später als Grand prix de Rome nach der
Ewigen Stadt. Von dort zurückgekehrt, mußte er die bittere
Erfahrung so vieler seiner preisgekrönten Collegen an sich
erneuern, daß Mühe und Noth nun erst recht anging. Er
selbst hat mir erzählt, daß er am Vorabende der Première
seines später so erfolgreichen „Caïd“ noch in drückendster
Geldverlegenheit gewesen sei. Seine erste Oper „La double
échelle“ (1837) gefiel zwar, erlebte aber wenige Wieder
holungen. In den folgenden sechs Jahren brachte Thomas
alljährlich eine neue komische Oper, welche die Achtung der
Musiker errang, aber keinen nachhaltigen Erfolg. Ver
bitterung und Mißmuth nisteten in seinem Gemüth, vor
seinem bescheidenen Dachzimmer lauerte die Sorge. Das
machte ihn aber nicht unthätig, wie so manches „verkannte
Genie“; im Gegentheil er studirte immer emsiger, steckte
sich immer höhere Ziele. Mehrere Jahre verwendete er,
ohne Neues zu bringen, auf ernste Arbeit, ins
besondere auf das Studium der besten Meister.
Dann trat er wieder hervor mit der komischen Oper „Le
Caïd“ (der Kadi), der rasch zwei andere folgten: „Ein
Sommernachtstraum“ und „Raymond“. Durch
diese drei Opern ist Ambroise Thomas zuerst in Wien be
kannt geworden. Nur wenige ältere Theaterfreunde dürften
sich dieser interessanten Aufführungen erinnern. „Ein
Sommernachtstraum“ erschien 1854 im Kärntnerthor-
Theater mit Ander als Shakespeare und der Wildauer
als Königin Elisabeth. Diese glorreichen Namen und allerlei
geschichtlicher Flitter sind da als Aushängschild für eine
romantische Erfindung unmöglichster Art benützt. Das Stück
entwickelt sich aber anmuthig mit jener lustspielmäßigen Zu
spitzung, welche die französische Spieloper auszeichnet, und
einer Musik voll graziöser Einzelheiten. Weniger glänzend,
aber musikalisch einheitlicher, natürlicher ist die Musik der
dreiactigen komischen Oper „Raymond, oder: Das Ge
heimniß“. Es war der erste musikalische Schmetterling,
der nach vielen Jahren wieder durch das erstaunte kleine
Josephstädter Theater flatterte. Das Textbuch, welches die
geheimnisvolle Geschichte der Eisernen Maske zu einem
romantischen Intriguenstücke verwerthet, ist echt fran
zösisch wie die Musik mit ihrem nirgend tiefen, aber feinen
graziösen Inhalt. Das Josephstädter Theater vermochte
diesen nicht zur Geltung zu bringen und hat, wenn ich nicht
irre, seine Concurrenz mit dem Hofoperntheater bald wieder
eingestellt. Letzteres siegte um so glänzender (1856) mit der
Aufführung des „Kadi“, einer höchst ergötzlichen komischen
Oper, in deren Hauptrollen unser Mayerhofer als Kadi
und der Spieltenor Karl Maria Wolf als Friseur sich her
vorthaten. Das Stück spielt in einem algerischen Städtchen
und gewinnt durch die charakteristische Mischung des Pariser
Elements mit dem orientalischen eine höchst glückliche Local
färbung.
Nach dem „Kadi“ war von Ambroise Thomas lange
Zeit nichts zu hören. Da erschien im Sommer 1866 in der
Opera comique „Mignon“, das beste und berühmteste
Werk des damals 55jährigen Thomas. Es vereinigt in
schöner Reife alle werthvollen Eigenschaften und Eigenheiten
des Meisters. „Mignon“ hat seinen Namen in das Goldene
Buch der französischen Musik eingetragen und ihn in
Ländern populär gemacht, denen er bishin fremd geblieben.
Die tadelnden Stimmen, welche „Mignon“ als eine Ver
sündigung an Goethe’s Meisterwerke gebrandmarkt, sind ver
hallt, seitdem das Publicum aller Nationen und ganz be
sonders das deutsche Publicum sich durch dreißig Jahre
an dieser Oper erfreut und die berühmtesten Sängerinnen
ihr Talent daran entzündet oder vervollkommt haben. Wir
ehren die pietätvolle Scheu deutscher Componisten, Meister
werke unserer Literatur für ihre musikalischen Zwecke zu
verwenden. Franzosen und Italiener brauchen nicht so
schüchtern zu sein; sie sagen mit Voltaire: „Je prends
mon affaire, où je la trouve.“ Wie Textdichter und Com
ponist mit dem entlehnten Stoff zurechtkommen, ist ihre
Sache und eine Frage des Talents und der Bildung.
Scheitern sie und liefern eine unbeabsichtigte Parodie (wie
Verdi mit den „Räubern“), so trifft der Schaden ihr Werk
und ihre künstlerische Reputation; das Ansehen und die
Wirkung des Originals bleiben davon unberührt. Es ist
bezeichnend, daß eine Oper und ein Drama desselben In
halts an jeder Bühne unbeirrt neben einander bestehen
können, während von zwei gleichnamigen Opern sofort eine
weichen muß. Die ästhetischen Voraussetzungen und Wirkungen
sind eben andere bei der Oper als beim Drama; es handelt
sich um zwei verschiedene Kunstsphären, die einander nicht
decken, sondern nur an der Peripherie schneiden. In Mignon
und dem Harfner (Goethe stattet sie beide reichlich mit Liedern
aus), in Philine und Wilhelm Meister hat Ambroise
Thomas liebenswürdige und charakteristische Rollen ge
schaffen und ihr Zusammenwirken in eine duftige Atmo
sphäre von Heiterkeit und Empfindung getaucht. Fern von
derer Lustigkeit wie von tragischem Pathos bewegt sich die
ganze Oper auf jenem mittleren Niveau des Ausdrucks,
das wir als das eigenartigste fruchtbarste Gebiet der fran
zösischen Oper kennen und lieben. Neben „Mignon“ lebt
von Thomas’ Werken nur noch der „Hamlet“ auf
unseren Bühnen. Wie dort Mignon’s kindlicher Reiz, so
war es hier die rührende Gestalt Ophelia’s, welche den
Componisten gefesselt und nicht mehr losgelassen hat. Trotz
vieler lebensvoller und geistreicher Einzelheiten, steht
Hamlet als Ganzes doch entschieden hinter der anspruchs
loseren Mignon zurück. Eine Versündigung gegen Shakespeare
sehe ich auch darin nicht, wol aber einen zweifachen Miß
griff im Stoff. Von vornherein eine verfehlte Wahl für
jeden Opern-Componisten, war „Hamlet“ es außerdem noch
für die Individualität des Ambroise Thomas. Die düstere
Tragik dieser Handlung bleibt bei ihm ohne den über
zeugenden Ton und die nachhaltige Kraft des Ausdrucks.
Es ist bezeichnend, daß der weitaus beste, ja ganz eigentlich
der rettende Act dieser Oper, der vierte, sich in reiner, an
muthiger Lyrik bewegt, „un rayon de soleil“, wie der Meister
ihn selbst zu bezeichnen liebte.
Mit „Mignon“ und „Hamlet“ ist eigentlich das Lebens
werk Thomas’ abgeschlossen, soweit ihm bleibende Bedeutung
zukommt. Zwei Werke, die er noch der Großen Oper ge
schenkt, „Francesca di Rimini“ (1882) und das
romantische Ballet „Der Sturm“ (1889) sind nicht
über Paris hinausgedrungen und haben auch dort nur ein
kurzes Scheinleben geführt. Einem siebzigjährigen Componisten
pflegen in der Oper keine neuen Lorbeern zu blühen. Vollends
eine so tief leidenschaftliche, schwerblütige Tragik wie
„Francesca di Rimini“ mit dem unglückseligen allegorischen
„Vorspiel in der Unterwelt“ mußte unsern alten Troubadour
erdrücken. Trotz der gewissenhaftesten, immer wieder nach
feilenden Arbeit ist die Musik kalt geblieben, und das
Publicum desgleichen. Eine scheinbar leichtere Aufgabe, aber
noch ungeeigneter gerade für A. Thomas, war das große
Ballet d’action „Der Sturm“, welches auf dem Gerüste
von Shakespeare’s letztem Drama uns die Figuren Ariel
und Caliban, Miranda und Ferdinand tanzend und panto
mimend vorführt. Interessant ist, daß Renan in seinem
Drama „Caliban“ zu der Scene, wo Prospero die wohl
thätigen Geister aufruft, die Anmerkung setzte: „Air à
composer par Gounod“. An Ambroise Thomas hatte er
nicht gedacht. In der That, weder seine 78 Jahre noch die
Natur seines Talents machten ihn besonders geeignet für
die Composition von Balletmusik.
Einen ganz unvergleichlichen Triumph sollte Ambroise
Thomas noch erleben in seinem dreiundachtzigsten Jahre.
Nicht mit einer Novität, sondern mit seiner „Mignon“,
welche am 13. Mai 1894 ihre tausendste Aufführung
in der Opéra Comique feierte. Daß eine Oper in Gegen
wart des Componisten zum tausendstenmal auf der
selben Bühne gegeben wird, ist ein Ereigniß ohne
Beispiel; eine Thatsache, die man noch niemals
erlebt hat und vielleicht nicht wieder erleben wird. Heute
noch, da unsere großen Meister längst todt sind, hat noch
keine Oper von Gluck, Mozart, Beethoven oder Weber es
zu tausend Aufführungen in derselben Stadt gebracht! So
nachhaltigen Erfolges wie „Mignon“ rühmt sich nur noch
Gounod’s „Faust“, dessen 1000. Aufführung (schon nach
35 Jahren!) kürzlich in Paris stattfand — leider ein Jahr
nach Gounod’s Tod. Die 1000. Vorstellung der „Mignon“
fand als Freitheater statt; das seit frühem Morgen
belagerte Haus erzitterte von den Jubelrufen beim Eintritt
des greisen Componisten. Es war ein Nationalfest. Tags
darauf folgte eine Gala-Vorstellung für geladene Gäste.
Ambroise Thomas erschien, mit dem Großcordon der Ehren
legion geschmückt, an der Seite des Präsidenten der Re
publik, Sadi Carnot, in dessen Loge. Das war sein „letztes
Glück“ — der „letzte Tag“ war nicht weit.
Mit Ambroise Thomas war ich persönlich befreundet
und habe während der beiden Pariser Weltausstellungen
1867 und 1878 durch viele Wochen tagtäglich mit
ihm verkehrt. Er präsidirte der musikalischen Jury,
wo er, der Meister glänzender und poetischer Instrumen
tirung, gründlichste Fachkenntniß bewährte. Nach den
Sitzungen vereinigte uns Jurymitglieder jedesmal ein zwang
loses Frühstück in einem Restaurant, manchmal auch ein
musikalischer Abend bei August Wolf, dem Chef der be
rühmten Pianofabrik Pleyel & Wolf, der eine Nichte von
Ambroise Thomas zur Frau hatte. So ward mir reichliche
Gelegenheit, die ungewöhnliche musikalische Bildung wie den
vortrefflichen Charakter von Ambroise Thomas kennen zu
lernen. Für unsere classische deutsche Musik hegte er die
größte Bewunderung und kannte sie gründlich. Rührend
war seine Bescheidenheit, bewunderungswürdig sein Fleiß.
Deutschen Vorurtheilen gegenüber kann man es nicht oft
genug wiederholen: Es gibt nichts Fleißigeres als einen
fleißigen Franzosen. Als Mitglied des Instituts (schon seit
1851, nach Spontini), als Director des Conservatoriums,
als Jury-Präsident war er fortwährend überhäuft mit
Arbeiten und Geschäften administrativer, pädagogischer und
künstlerischer Natur. Alles das erledigte Thomas mit der
peinlichsten Pflichttreue. Von dem Erträgniß seiner „Mignon“
konnte sich Thomas vor 20 Jahren ein hübsches Grundstück
kaufen, eigentlich eine kleine Insel (Zilliec bei St. Gillay
in der Bretagne), wo er, fern von aller Civilisation, im
ungestörten Verkehr mit einer großartig schroffen Natur alljähr
lich die Ferienzeit verlebte. Als er mit der kindlichen Freude
eines nagelneuen Grundbesitzers von dieser Insel erzählte, ahnte
Keiner von uns, daß der 68jährige Maitre Ambroise auf
jenem Eiland nicht allein zu hausen beabsichtige. Im October
1879 zeigte er mir seine Vermälung mit Mlle. Elvire Ré
maury an. Ihre Schwester ist Madame Caroline de Serres,
den Wienern als geistreiche, liebenswürdige Dame und vor
treffliche Pianistin bekannt. In den Jahren ihres Wiener
Aufenthaltes, den sie leider wieder mit Paris vertauscht hat,
hielt Madame de Serres meine Verbindung mit Ambroise
Thomas aufrecht, in dessen Auftrag sie mir seine zwei
letzten Werke, beide mit sehr herzlichen Dedicationen, über
brachte.
Im vorigen Sommer ward mir noch die unverhoffte
Freude, Ambroise Thomas nach 17 Jahren wiederzusehen.
Es war in dem weiten, luftigen Foyer des „Quellenhofs“
in Ragaz, wo wir, müßig schlendernd, einander plötzlich
gegenüberstanden. Eine starke Constitution gehörte doch
dazu, um in seinem Alter noch eine Reise in die Schweiz
zu unternehmen. Auch fand ich Thomas wirklich nicht sehr
verändert. Ich hatte ihn doch immer nur graubärtig, auf
fallend hager, vorgeneigt und mit ernst träumerischer Miene
gekannt — mehr einem asketischen Mönch ähnlich als einem
Componisten komischer Opern. Trug er doch schon vor dreißig
Jahren im Conservatorium den Spitznamen Sombracceuil
(etwa „Düsterling“). Aber der Zug von milder Herzlichkeit
und Treue war ihm jetzt noch stärker, noch wohlthuender
aufgeprägt. Er bat mich und meine Frau, mit
ihm zu soupiren, aber nicht im großen Speisesaal,
wo man von allen Seiten behorcht werde, sondern
oben, in seinem etwas engen Zimmer. Da machte uns
Madame Thomas mit echt französischer Anmuth die Honneurs,
und Maitre Ambroise ließ sich von Wien erzählen, das er
als junger Mann besucht und liebgewonnen hatte. Er lauschte
sichtlich erfreut, als ich ihm wahrheitsgetreu von der unge
schwächten Anziehungskraft seiner Opern berichtete, von der
poetischen Mignon unserer Renard und dem ergreifenden
HamletReichmann’s. Empfänglichkeit und Theilnahme
waren frisch in ihm geblieben, nicht also sein Gedächtniß.
Er wußte nichts mehr von der Generalprobe seiner neu ein
studirten Oper „Psyche“, die wir (1878) in seiner Gesell
schaft gehört hatten, und erinnerte sich an die schönste, be
liebteste Nummer des Amor erst, als meine Frau ihm bei
Tisch die erste Strophe aus dem Gedächtniß vorsang. Es
war spät geworden, und dennoch wollte Thomas uns, deren
Abreise knapp bevorstand, nicht fortlassen. Er ahnte, es war
ein Abschied für immer. Wie theuer ist mir jetzt die Erinne
rung an diesen letzten Abend im „Quellenhof“ von Ragaz!
Ambroise Thomas war eine edle, wahrhafte Künstlernatur,
ein reiches vornehmes Talent, ein redlicher Charakter. Auch
in hohem Alter scheidet man nicht gern von dieser Erde;
Ambroise Thomas konnte es wenigstens mit dem tröstlichen
Bewußtsein, die Achtung der Künstlerwelt, die Liebe und
Bewunderung seiner Nation errungen und zuletzt die höchsten
Ehren genossen zu haben, welche Frankreich je einem Ton
dichter dargebracht hat.