Concerte.
Ed. H. Es kann nicht immer vollen Sonnenschein
geben; nicht einmal in den Productionen unseres glorreichen
Männergesang-Vereins. Seine letzte stand im
Schatten der vorangegangenen glänzenderen Concerte. Herr
Camillo Horn, von dem man anmuthige, melodiöse Lieder
kennt, ist mit seiner „Ouvertüre“ weniger glücklich hervor
getreten. Eine achtbare Composition, wenn wir sie als ein
Uebungs- und Vorbereitungsstück für reifere Orchesterwerke
ansehen dürfen, aber an sich von geringer Kraft und Selbst
ständigkeit. Sie segelt meist im Fahrwasser der bekannten
Reissiger- und Lindpaintner-Ouvertüren, in welchen Vieles
neu und wirksam klang, was heute den Eindruck des Auf
gewärmten macht. Wir kennen sie ganz gut diese er
künstelte Leidenschaft aufgeregter Violinfiguren, diese akade
misch geradlinige Durchführung und den wohlfeilen
Pomp ihrer Coda. Es fehlt der Horn’schen Ouvertüre
nicht an Form, aber an bedeutendem Inhalt und indivi
dueller Prägung. Der Hymnus „Phöbos Apollon“ von
Fr. Gernsheim, zuerst in dem Jubiläums-Concert des
Vereins 1893 vorgetragen, hat uns jetzt bei obendrein
mangelnder Feststimmung noch kälter gelassen, als damals.
Trotz seiner gräcisirenden Erhabenheit und seines gewaltigen
Chor- und Orchesterschalls macht dieser Hymnus doch nur den
Eindruck einer sich berauschenden Capellmeistermusik. Nachbil
dungen der Antigone- und Oedipus-Chöre können stets nur
auf kühle Anerkennung zählen, insbesondere wenn ihre
Autoren nicht Sophokles und Mendelssohn heißen, sondern
Allmers und Gernsheim. Das schwierige Werk ist obendrein
eine Art Männerchor-Turnleistung, ermüdend durch die an
haltend stark und hoch geführten Tenorstimmen. Neben den
jugendlichen Tenoristen des Vereins singen aber doch auch
manche ältere, die man nicht reizen darf. Geringe Er
frischung boten die Liedervorträge der Hofopernsängerin
Frau Elizza. Es that uns leid, Schubert’s „Gretchen
am Spinnrad“ und R. Heuberger’s poetisches Lied: „Der
Liebste schläft“, von reizloser Stimme so dilettantisch gesungen
zu hören. Beinahe hätte es uns sogar um Grünfeld’s
„Erste Liebe“ leid gethan. „Balkanbilder“ betitelt sich eine
umfangreiche Novität für Soli, Chor und Orchester, von
E. Kremser. Der Text dieser verschämten Concert-Oper
leidet an dem sehr unklaren Zusammenhang der einzelnen
dreizehn Nummern. Dem geschätzten Componisten, welcher
uns so manchen lebendigen und heiteren Chor gespendet,
können wir diesmal nur das eine Lob zollen, dessen er
längst nicht mehr bedarf: das Lob seines sangbaren, effect
vollen Chorsatzes. Die Phantasie hat ihn bei diesem
Opus 144 unfreundlich im Stich gelassen, wahrscheinlich
verstimmt durch die vielen langsamen, tristen Gesänge. Auch
in Betreff der einheitlichen Grundfarbe scheint Kremser
nicht recht schlüssig geworden. Dem Schauplatz der
„Balkanbilder“ entsprechend, dachten wir uns in der
Musik den Ton rumänisch-serbischer Volksweisen
festgehalten. In Kremser’s Liederspiel scheiden sich
aber orientalische und rein deutsche Partien wie Oel und
Wasser. Am glücklichsten getroffen ist der orientalische Charakter
in der kurzen charakteristischen Einleitung. Auch der erste
Klaggesang der Bässe und die „Botschaft“ (von deren wich
tigem Inhalt kein Mensch eine Idee bekommt) tragen noch
discrete Localfarbe. Nun folgen aber recht charakterlose
Nummern, wie das sentimentale Bariton-Solo und das
Sopran-Solo „Sehnsucht“. Die Chöre „Rachebündniß“,
„Gebet um Sieg“, „Heimkehr“ sind gangbare Liedertafel-
Musik, und nicht von der besten Sorte. Der Componist
scheint bei diesen Stücken mehr an den Stuttgarter Lieder
kranz, dem das Werk gewidmet ist, als an die Balkanvölker
gedacht zu haben. Die effectvollste Nummer kommt glück
licherweise zuletzt: ein „Hochzeitsreigen“, volksthümlich-lustig
und mit pikanten Schallwerkzeugen, wie Tamtam, Glöckchen
und Tamburin so freigebig ausgestattet, daß jede Möglichkeit
des Einschlafens ausgeschlossen ist. Natürlich hielt das Publi
cum sich nicht an die Aufforderung des Schlußverses:
„Schleichet sachte, sachte fort!“, sondern applaudirte stand
haft und beherzt zu Ehren Kremser’s und seiner erprobten
Balkansänger.
Ein ähnliches Resultat ergab das außerordentlich gut
besuchte Concert des Schubertbundes: vortreffliche Aus
führung eines nur theilweise glücklichen Programmes. Als
strahlendes Juwel überglänzte Schubert’s „Gesang der
Geister“ die übrigen Repertoirestücke. Unter den Novitäten
interessirte zumeist R. Heuberger’s Chor (mit Orchester-
Begleitung) „Nun grüße dich Gott, Frau Minne“. Das
Gedicht, von dem jung gestorbenen Grafen Moriz Strach
witz, erschwert und gefährdet die musikalische Behandlung
nicht blos durch manche gequälte, schwer verständlich
Wendung, sondern noch mehr durch seine auseinanderfallende
Form. Eine Ballade vom sterbenden Ritter Walter wird da
künstlich eingeklemmt zwischen zwei höchst persönliche, lyrische
Ergüsse des Dichters. Diese drei Theile gehörig zu sondern
und sie doch zugleich als einheitliches Ganzes wirken zu
lassen, ist keine leichte Aufgabe. Heuberger hat sie geistreich
und effectvoll gelöst, indem er die „Ballade“ blos von Baß
stimmen, schlicht erzählend, unisono vortragen läßt, hingegen
die beiden sie einschließenden lyrischen Sätze im lebendigsten
Aufschwunge des vollen Chores und Orchesters emporhebt.
„Frau Minne“ klang vortrefflich und hat dem Componisten,
der in seiner energischen und umsichtigen Weise selbst diri
girte, lebhaften Beifall eingetragen.
Wiens Verständniß für ernste Künstlerschaft hat den
Erfolg von vier Concerten der Herren Messchaert und
Röntgen neuerdings bewiesen. Der Sänger Messchaert ist
in diesen Blättern bereits so vollständig gewürdigt, daß mir
kaum mehr als ein Wort der Zustimmung übrig bleibt.
Nicht überfeinertes oder klügelndes, sondern starkes, natür
liches Gefühl ist es, was, gebändigt durch Schönheitssinn
und sichere Technik, uns aus den Gesängen Messchaert’s
unmittelbar anspricht und mit fortzieht. Seiner Natur ent
sprechen am meisten die starken, männlichen Empfindungen,
so in Schumann’sDichterliebe „Ich grolle nicht“. Die
zarten, mitunter raffinirt sentimentalen Lieder dieses Cyklus
kommen seinem, in der tieferen Lage etwas starren Bariton
weniger günstig entgegen. Der Sänger schien mir manchmal
zu viel Stimme zu geben. Seine Auffassung hingegen ist
durchaus wahr und eindringend. Messchaert hat den Geist
eines Mannes, der es nicht darauf anlegt, geistreich zu sein.
Befremdet hat mich nur die fast heroische Kraft, mit welcher er die
echt Heine’sche Pointe „und wem es just passiret, dem bricht
das Herz entzwei“ hervorhob. Dieses Pathos stimmt nicht
wohl zu der tändelnden Ironie der früheren Strophen;
eher ein leichter Ton verbissenen Humors. Wie richtig hat
Messchaert durch starke Accentuirung des letzten Wortes
ein anderes Gedicht interpretirt: „Dein Gefühl enthülle
mir, dein wahres!“ in Brahms’ bekanntem Liede. In
diesen und vier anderen Gesängen von Brahms (worunter
die seelenvolle „Mainacht“) hat Messchaert den Ton des
Dichters und des Componisten unvergleichlich getroffen. Den
Begleiter Messchaert’s, Herrn Julius Röntgen, darf
man einen ebenbürtigen großen Künstler nennen. Man
braucht allerdings ein Weilchen, um sich an die Aeußerlich
keiten dieses Pianisten zu gewöhnen: er ist ganz Hingebung,
ganz Gefühl und begleitet jedes Motiv, ja die einzelne
bedeutungsvolle Note mit heftigen Bewegungen des ganzen
Körpers und wechselndem Mienenspiel. Aber man fühlt
sofort, daß an diesem theilnehmenden Beiwerk keine Spur
von Affection, Alles vielmehr ein leidenschaftliches Miterleben
ist. Die Beethoven’sche C-moll-Sonate, op. 111, habe ich nie
zuvor mit so überlegener, freier Technik und so klarem Aus
einandersetzen des verschlungenen rhythmischen und harmonischen
Gewebes spielen gehört, dabei mit so inniger persönlicher
Hingebung. Nach der titanischen Gewalt des ersten Satzes
dieses verklärte Adagio-Thema; die Variationen in Einem
Strom sich ergießend bis zu dem Schlusse, der in Triller
ketten (auch über und unter dem Thema) sich nicht ersättigen
kann! Da verging Einem das Lächeln über den nervös
beweglichen kleinen Herrn mit dem glattrasirten, brillen
bewehrten Schulmeistergesicht. Athemlos lauschte Alles bis
zur letzten Note: dann brach sturmesgleich der Beifall los,
nicht enden wollend.
Das letzte Philharmonische Concert be
scheerte uns als Novität ein symphonisches Zwischenspiel aus
der Oper „Malawika“ von Felix Weingartner. Das
vom Componisten bearbeitete gleichnamige Drama des großen
indischen Dichters Kalidasa behandelt die sehr verwickelte
Familiengeschichte des Königs Aquimitra zu Vidisa im
zweiten Jahrhundert vor Christus. Die Autorschaft Kalidasa’s,
des Dichters der ungleich bedeutenderen „Sakuntala“, wird
bekanntlich von Autoritäten bestritten. Aus einem anderen
Gedankengange dürfte vielleicht in zwanzig Jahren die Autor
schaft Weingartner’s an dem „Malawika“-Zwischenspiel be
zweifelt werden; denn es ist so ziemlich dieselbe Musik, die
heute alle jungen Wagner-Capellmeister schreiben. Gleich
Weingartner sind sie alle virtuose Dirigenten, alle im Besitze
einer raffinirten Orchestertechnik und alle recht arm
an eigenen musikalischen Gedanken. Aus solchen In
gredienzien läßt sich trefflich „ein System bereiten“,
und einige Opern noch dazu. Wagner’sche Redensarten,
geschickt verbunden und vor eine Wandeldecoration von
chromatischen Gängen und enharmonischen Verwechslungen
gestellt, dazu zwei Harfen, eine Baßclarinette, tremolirende
getheilte Violinen, Schlaginstrumente u. s. w. In diesem
Schweben und Wogen, Schwirren und Toben vermag ein
gläubiger Sinn alles Erdenkliche zu erblicken, nur nicht ein
plastisch vortretendes Thema, eine sangbare Melodie, eine
künstlerische Form. Mehr als diese „Malawika“ haben uns
einige literarische Publicationen des Herrn Weingartner
interessirt. Es ist charakteristisch, daß unsere jungen Hof
capellmeister sich gern auch als schneidige Schriftsteller hervor
thun und mit einer meist aus Schopenhauer flüchtig zu
sammengerafften Bildung Philosophie dociren. „So wie weitere
philosophische Systeme nur auf Schopenhauer basiren können,“
schreibt Herr Weingartner, „so können auch weitere künst
lerische Bestrebungen, soweit sie das musikalische Drama be
treffen, nur von Richard Wagner ausgehen.“ Weingartner’s
Schrift „Vom Dirigiren“ enthält, weil seinem eigensten
praktischen Beruf entnommen, ganz vortreffliche Bemerkungen,
wenngleich darin weniger vom Dirigiren, als von (und
gegen) Dirigenten gesprochen wird. Eine zweite größere
Abhandlung Weingartner’s heißt „Die Lehre von der
Wiedergeburt und das musikalische Drama“. Indem
sie ein gewaltiges Schopenhauer-Wagner’sches Feuerwerk von
Erlösung, Verneinung des Willens, Brahma und Nirwana
abbrennt, beleuchtet sie damit den eigentlichen Zweck und
Plan des Verfassers: die Verkündigung seines großen
Mysteriums „Die Erlösung“. Dasselbe wird aus drei
Theilen bestehen (Kain, Jesus, Ahasver), von denen die
erste und dritte je Einen Abend, die mittlere zwei Abende
in Anspruch nimmt. Diese Tetralogie soll nicht an einem
der bestehenden Theater aufgeführt werden, sondern „in
einem besonders dazu eingerichteten Hause, mit der Auswahl
der geeignetsten Kräfte und den nothwendigen scenischen
Vorbereitungen in dem Sinne, wie Wagner seine Bühnen
festspiele geplant hat“. Die Wagnerianer beherrscht ein
merkwürdiger Nachahmungstrieb, nicht blos im rein
Musikalischen, sondern auch in Bezug auf exotische
Theatergründungen. Für ihre übermenschlichen Ideen sind
alle unsere Opernhäuser zu klein, unsere Bühnentechnik zu
armselig, unser Publicum zu einfältig. Fühlen sie wirklich
nicht, welche Selbstüberhebung darin liegt, daß sie dabei sich
auf Wagner’s Vorgang berufen? Wagner hatte für die
so mißachteten Opernhäuser sechs große Werke geschaffen
(Rienzi, Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, Meister
singer) und mit ihnen die musikalische Welt erobert, bevor
er daran ging, für eine Schöpfung von ganz ungewöhn
lichem Inhalt und Umfang ein eigenes Festspielhaus zu er
richten. Er durfte es wagen, denn er, der Dreiundsechzig
jährige, hatte Schritt für Schritt sich das Vertrauen und
die Zuneigung der Nation erworben. Aber was hat Herr
Weingartner geleistet, um für seine noch ungeborene Tetralogie
ebenfalls ein eigenes Theater zu beanspruchen? Nichts, als
eine Oper „Genesius“, welche in Berlin ein solches Ent
setzen hervorrief, daß der Componist sie nach der zweiten
Aufführung zurückzog, natürlich weil das Publicum sie nicht
versteht. „Genesius“, so hieß es in dem Berliner Manifest
Weingartner’s, „wird dem Hörer nicht auf der flachen Hand
geboten, er stellt höhere geistige Ansprüche an das Publicum.
Wer wollte es auch dem nervös gemachten Großstädter ver
übeln, wenn er im Kunsttempel nichts weiter will, als sich
amüsiren, Witze hören, Witze machen u. s. w.“ Aber Wein
gartner steht mit seiner Erwartung, daß man ihm ein
zweites Bayreuth schaffe, nicht mehr allein. Herr v. Gold
schmidt in Wien hat für seine Riesenoper „Gaea“ ähn
liche Absichten und unstreitig ähnliche Rechtsansprüche: denn
auch ihm ist eine Oper „Helianth“ in Leipzig durchgefallen.
Mit gleichen Sonderbunds-Ideen trägt sich, dem Vernehmen nach,
Herr August Bungert für sein Musikdrama „Nausikaa“.
Andere jugendliche Titanen werden nicht zurückbleiben wollen,
und bald sehen wir lauter specielle Opernbühnen für Opern-
Specialisten sich erheben — musikalische Chambres séparées
für jeden einzelnen Componisten und für jedes einzelne
Opernungeheuer. Charakteristisch ist nebenbei, daß diese sich
eminent deutsch und modern nennenden Tondichter ihre
Opernstoffe aus den ältesten Zeiten und den entlegensten
Völkern nehmen: Genesius, Malawika, Urwasi, Helianth,
Gaea, Nausikaa, u. s. w. Gewiß hegen Weingartner
und seine übrigen schon durchgefallenen oder noch nicht
aufgeführten Collegen die ehrliche Ueberzeugung, daß der
Kunst nur durch colossale Dimensionen und Separat-
Theater gedient sein kann, und daß in allergrößtem Format
sie auch Allergrößtes leisten werden. Dagegen möchten wir
nur schüchtern den Zweifel äußern, ob Jemand, dessen
Ideenvorrath nicht für Einen Abend ausgereicht hat, sich in
vier aufeinanderfolgenden Abenden wirklich als Krösus
legitimiren werde. Noch immer gilt der Ausspruch
Diderot’s: „Quand on désespère de faire une chose
belle, naturelle et simple, on en tente une bizarre.“
Der Laibacher Musikverein „Glasbena Matica“ hat die
Wiener mit Dvořak’s Ballade „Die Geisterbraut“ be
kannt gemacht. Als „the spectre’s bride“ erschien sie zuerst
in englischer Sprache am Musikfest zu Birmingham (1885),
sodann böhmisch in Prag (als „Hochzeitshemd“), jetzt endlich
bekamen wir sie in Wien in slovenischer Sprache zu
hören. Die Gesellschaft der Musikfreunde wird hoffentlich
nicht zögern, dieses uns seit zehn Jahren vorenthaltene Werk
auch mit deutschem Texte aufzuführen. Indem wir bis
dahin eine eingehende Würdigung der „Geisterbraut“ uns
aufsparen, beschränken wir uns vorläufig auf einige flüchtige
Andeutungen. Dvořak’s Ballade steckt voll Talent und naiver
Empfindung; sie ist lieblich in den rein lyrischen Partien,
charakteristisch und effectvoll in den malenden. Der specifische
Musiker in Dvořak, den es nach Ausbreitung und Ver
tiefung verlangt, übt darin bewußte Oberherrschaft über den
Dramatiker. Die ganze Erzählung, die wir uns in Einem
Zuge vorüberjagend denken — sie stimmt bis auf den guten
Ausgang im Wesentlichen mit Bürger’s Leonore überein —
theilt Dvořak in sieben gesonderte Abschnitte. Mit Vorliebe
verweilt er bei den sentimentalen Gesängen und leiht sogar
dem todten Bräutigam recht menschlich liebenswürdige Can
tilenen, um die schauerlich gespenstischen Eindrücke nicht allzusehr
zu häufen. Die Zuhörer, die sich nicht gerne anhaltendem
Grausen und Gespensterspuk hingeben, sind ihm dafür dank
bar; ja, für umfangreiche Form dürfte diese Erzählung
nur mit Hilfe solcher lyrischer Ruhepunkte und mit einigem
Verzicht auf streng einheitlichen Charakter musikalisch möglich
sein. Die von Dvořak persönlich dirigirte Aufführung gab
vor Allem der Sängerin Fräulein Fanny Verhunc Ge
legenheit, sich auszuzeichnen. Noch Schülerin des Wiener
Conservatoriums, soll sie bereits für Berlin engagirt sein
und dürfte eine schöne Zukunft haben. Auch der stimm
kräftige Tenorist des Böhmischen National-Theaters, Herr
Lašek, und der Bassist Herr Kliment fanden
lebhaften Beifall. Das Concert endete mit einer lang
andauernden begeisterten Ovation des ganzen Publicums
für Dvořak. Einen nicht geringeren, viel intimeren
Genuß verdanken wir Dvořak’s seit fünfzehn Jahren
hier nicht wieder gehörtem originellen Streichsextett
op. 48, mit welchem die letzte Production des „Böhmischen
Quartetts“ begann. Von einer großen, sehr erfolgreichen
Kunstreise in Italien und Frankreich eben zurückgekehrt,
konnten die trefflichen Quartettspieler sich nicht schöner von
Wien verabschieden, als mit Dvořak’s Sextett und (unter
Mitwirkung von Herrn Richard Epstein) mit dem herrlichen
Clavierquartett in G-moll von Brahms. In diesem har
monischen letzten Ausklang des musikalischen Winters wehte
bereits ein Hauch von beseligender Osterstimmung. Vom
Eise befreit sind Strom und Bäche ...