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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H.
Briefe von Theodor Billroth. Herausgegeben von
Beim ersten Durchblättern der
nichtärztliche Publicum sich vielleicht etwas enttäuscht fühlen
durch das starke Ueberwiegen der speciell medicinischen
Stücke. Die an Aerzte gerichteten Briefe füllen mehr als
zwei Drittheile des Buches, vollends wenn man die aus
schließlich dem Neubau der chirurgischen Klinik betreffenden
(an den Architekten Hofrath
zieht hastig die Fühlhörner zurück, wenn er auf breite Erörterungen
über chirurgische Technik, schwierige Operationen, klinische Ein
richtungen und Aehnliches stößt, das für uns
In zahlreichen Briefen beantwortet
fragen von Fachgenossen und sucht auch wiederum bei
Autoritäten Aufklärung über einzelne ihm zweifelhafte Punkte.
Wie jeder ehrliche, von Selbstvergötterung verschonte Meister
hat
fragen. Beim Anblicke so zahlreicher Briefe an ärztliche
Collegen kam mir anfangs der Zweifel, ob es nicht vielleicht
besser gewesen wäre, dieselben, abgesondert von den übrigen,
herauszugeben. Eingehendere, gesammeltere Lectüre heilte
mich jedoch von diesem Bedenken. Fürs erste würde durch
diese Ausscheidung oder Zweitheilung die chronologische An
ordnung des Ganzen zerstört, welche
hier von seiner Studentenzeit bis zu Ende so schön und
vollständig vor uns entfaltet. Nur so gewinnen wir ein
Bild von seiner unvergleichlichen Vielseitigkeit. Wie in
roth
cinische und musikalische, allgemein wissenschaftliche und
humanitäre Interessen. Wie hübsch ist es, wenn er z. B.
einen Brief chirurgischen Inhalts an Professor
mit den Worten beginnt: „Meine Finger zittern augen
blicklich, weil ich eine Stunde lang
strengt die Finger gewaltig an; denn nicht nur jeder Tact,
das Ganze muß dastehen wie ein gothischer Bau, steinern,
hoch und groß; ich habe mich heute Morgens mit einer
Art Leidenschaft dieser Musik hingegeben.“ Hierauf spricht
er über die Krankheiten der Brustdrüsen. Oder wenn er
einem andern medicinischen Briefe die Mittheilung anhängt:
„Ich habe eben alle meine musikalischen Compositionen ins
Feuer geworfen; es stank fürchterlich!“
Mit der ärztlichen Correspondenz wäre ferner vieles
Werthvolle und für
Kenntniß und Theilnahme entzogen geblieben. In
hing der Mensch, den wir Alle so innig geliebt haben,
untrennbar mit dem Gelehrten, dem Arzt, dem Künstler
zusammen. Die meisten seiner medicinischen Briefe enthalten
Stellen, aus welchen der umfassende Geist, das weiche, theil
nehmende Gemüth
überströmt. Ein Beispiel aus dem Sommer
verschiebt seine ihm so nothwendige Erholungsreise nach
St.
Professor Arlt beizustehen. Er schildert in einem Briefe an
das nicht großartig? „Welch ein Mensch!“, der Ausruf
roth
zartfühlender, überall mitleidender Seele: Er schreibt an
Professor Dittel im Mai
Wer denkt da nicht unwillkürlich an
schönen Ausspruch: „Nur ein guter Mensch kann ein guter
Arzt sein!“
„Es ist die Grundbedingung für den inneren, ja meist auch
für den äußeren Erfolg der ärztlichen Thätigkeit. Ich möchte
zu dem „guten Menschen“ noch hinzugefügt wissen und „gut
erzogen“, d. h. in einer Familie, in der ein wohlwollender
Geist gegen alle Menschen lebt. Er muß einen unwidersteh
lichen Drang zum Helfen anderer unglücklicher Menschen
haben, zunächst angeboren und anerzogen; dann kommt er
später auch auf dem Wege geläuterter Empfindung und
Lebenserfahrung durch Reflexion zu der Ueberzeugung, daß,
so viel der sittlich erzogene Mensch auch nach Glück jagen
mag, er doch schließlich das Glück wesentlich darin findet,
Andere nach Kräften glücklich zu machen. Nur in diesem
Punkte darf er egoistisch sein, ich meine, sich selbst glücklich
machen, und zwar so viel als er kann. So wie dies aus
sittlicher Erziehung entspringt, so wird es auch immer wieder
neue Quelle innerer Läuterung, Stärkung des Pflichtgefühls,
Befestigung eigener Sittlichkeit. Trifft ihn ein Unglück, so
wird er in der Hilfe Anderer, die noch unglücklicher sind
als er, Trost und Stärkung zu neuem Aufschwung nehmen.“
Das sind goldene Worte, die man jedem angehenden
Mediciner auf das erste Blatt seines Stammbuches
schreiben sollte.
junge Leute in ihrer Sehnsucht nach dem ärztlichen
Stand zu bestärken. Er that es nur, wo er In
telligenz, Willensstärke und Begeisterung zweifellos vorfand.
Gewissenhaft, fast schonunglos betont er die Mühsal und
Verantwortlichkeit des ärztlichen Berufes. Die höchsten An
sprüche stellt
Name, je glänzender seine Leistungen werden, desto un
genügender dünkt ihm sein Wissen und Können. Im Juli
bad
noch mit ganzer Seele an mir von Jahr zu Jahr mehrt
sich ihre Zahl, die Last wird schwerer und schwerer. Vor
einer Stunde verließ ich eine vortreffliche Frau, die ich
gestern operirte, eine schreckliche Operation. Mit welchem
Blick sie mich heute ansah! „Werde ich leben?“ Ich hoffe,
sie wird leben; doch unsere Kunst ist so unvollkommen!
Ein Jahrhundert stets sich steigernden Wissens und Er
fahrens möchte ich haben, dann könnte ich vielleicht etwas
thun! Doch so wie es nun einmal ist, geht es doch recht
langsam mit unseren Fortschritten, und das Wenige, was
der Einzelne erreicht, ist so schwer auf Andere übertragbar,
ebenso wie sich die Cultur von einem Volke zum andern
doch auch nur unvollkommen überträgt; der Empfangende
muß doch das Beste noch dazu thun.“
Zwei schöne Charakterzüge, die bei großen Gelehrten
nicht immer beisammen wohnen, leuchten aus der langen
Reihe der
zerstörbare Verehrung und Dankbarkeit gegen seine Lehrer,
sodann seine warme, werkthätige Liebe zu den Schülern.
Seinem Lehrer, dem Professor Baum in
Funken der Begeisterung für das Große und Erhabene in
der Wissenschaft in meine damals noch schwankende Seele
und noch schwankenderen Charakter warf. Sie ließen mich
Ziele sehen, die ich wol nie zu erreichen hoffte, doch deren
Anstrebung mich erhob und nach und nach die Energie und
den Ehrgeiz in mir weckten, zu erproben, wie weit meine
Kräfte wol reichten. Ich sah in Ihnen auch, daß es mög
lich sei, Wissenschaft und Kunst vereint zu bewältigen, ja
daß künstlerische Bildung dazu dienen könne, die wissen
schaftliche Lehrkraft zu steigern.“ Er berichtet dann über
seine Lehrmethode und Grundsätze. „Ich trachte in meinen
Schülern die möglichst vorsichtige naturwissenschaftliche Me
thode der Beobachtung und die schärfste Selbstkritik selbst
mit etwas Pessimismus auszubilden, um sie vor Ueber
hebung und allzu frühem Fertigsein zu bewahren; sie sind
durch die Jugend genugsam vor Depressionen geschützt. ...
Vorwärts geht es wahrlich in unserer
doch wenn wir keine Rückschritte machen wollen, müssen wir
sehr bedächtig den Weg auf seine Sicherheit nach allen Rich
tungen prüfen. Ich gehörte früher wol mehr der leichteren
Cavallerie und den Pionnieren in der Chirurgie an und
versuchte manchen kühnen Sprung; jetzt bin ich ganz zum
schweren Geschütz übergegangen und hoffe nun auch eine
Stelle im Generalstab zu verdienen.“ Wie glücklich fühlte
sich
Empfangene ihm an dessen Sohn
welcher sein Schüler ward.
Seine Schüler dürfen wiederum stolz sein auf das
rühmliche Zeugniß, das
auszustellen. Wie oft erklingt in seinen Briefen das Lob
seiner Schüler und Assistenten Czerny,
konnte, wo wir stehen, so werden wir nicht gar so großartig
davon denken, daß wir in einigem Detail etwas mehr
wissen. Ob über die Lebensprocesse im Ganzen und Großen
unsere Kenntnißnahme einen so sehr großen Zuwachs in
den letzten Decennien erhalten hat, ist mir zweifelhaft.“ Ab
hold wie der Zukunftsmusik ist
müthigen „Zukunftschirurgie“. Er bekennt dies in einem
der schönsten Briefe an Professor
Ihnen nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, daß Sie gleich beim
Beginn meiner Studien den historischen Sinn und die
höchste Achtung vor unseren Vorfahren in mir geweckt
haben. Es gibt nichts, was mehr vor Ueberhebung unserer
Leistungen schützt, als wenn man sich immer nur im
Rahmen des Ganzen denkt. Es gibt jetzt so viele Leute,
auch unter unseren Besten, die glauben, sie haben die ganze
Chirurgie erfunden, und mit denen sich nur verkehren läßt,
wenn man ihnen dies a priori zugibt. Die Geschichte der
Wissenschaften macht keine Sprünge. Wenn Einer sich ein
bildet, er habe einen großen Sprung gethan, so muß er
ihn gewiß zu drei Vierteln wieder zurückthun. Eine solche
kritische Zersetzung zerstört freilich unsere schönsten Illu
sionen, doch bewahrt sie uns auch vor Selbstüberschätzung
und Stagnation.“ In gleichem Sinne richtet
Professor Winiwarter, der eine neue Auflage seines
Geradezu classisch in ihrer Schärfe und Einfachheit sind
die Winke, welche Mikulicz gibt für die Abfassung eines Compendiums der
wähnen Sie nur beiläufig. Die Vollständigkeit eines Lehr
buches bleibt immer eine Illusion. Neue Auflagen müssen
immer mit neuem Leben wieder in die Welt geschleudert
werden. Schreiben oder dictiren Sie flott hinter einander;
drei Monate nach dem zuerst Geschriebenen lesen Sie den
Anfang wieder und streichen Sie unbarmherzig, wenn auch
mit blutendem Herzen. Seien Sie stylistisch sehr streng gegen
sich; streichen und corrigiren Sie so lange, bis Alles sich
kinderleicht liest. Der Leser muß immer die Empfindung
haben, die Chirurgie sei eigentlich sehr einfach und leicht.
Treiben Sie keine Polemik! Schmeicheln Sie Keinem; doch
sprechen Sie von Jedem, der ernst arbeitet oder gearbeitet
hat, immer mit dem Hut in der Hand. Wenn Sie auch
seine Meinung nicht theilen.“
Auch pädagogische Grundfragen streift
einem Briefe an Professor His mit einigen bedeutenden
Diese wenigen Beispiele — sie ließen sich leicht verzehn
fachen — dürften hinreichend darthun, daß an Mediciner keineswegs blos für Mediciner interessant
sind, vielmehr jedem gebildeten Leser, der im Ueberspringen
einiger exotischen Zeilen nicht ungeschickt ist, Lehrreiches und
Anziehendes bringen. Wir haben uns heute nur an
den Arzt und Forscher, gehalten; die reichlichere Ausbeute,
welche die Briefe des Musikers und Kunstfreundes gewähren,
soll uns ein nächstesmal beschäftigen.