Billroth in seinen Briefen. II.
Ed. H.
Siehe Nr. 11405 der „Neuen Freien Presse“.
Es ist das denkbar reizendste Portal, das uns
zu der langen Reihe der Billroth-Briefe führt: ein vierzehn
Druckseiten füllendes Schreiben, worin der zwanzigjährige
Student seiner Mutter, der Frau Pastor Billroth in
Greifswalde, das Erscheinen der Jenny Lind in
Göttingen schildert. Die berühmte Sängerin hatte sich auf
Ersuchen des ihr befreundeten Musikdirectors Wehner gern
bereit erklärt, in Göttingen ein Concert zu geben. Die
stille Universitätsstadt, welcher musikalische Genüsse spärlich
zuflossen, gerieth außer sich in glücklicher Erwartung. Vor
Allem die Studenten, und unter diesen zumeist der junge
Mediciner Billroth. „Fordere nicht von mir, liebe Mama,“
so schreibt er im Februar 1850, „dir unsere Freude, unsere
Wonne und unseren Enthusiasmus zu beschreiben. Das ist
unmöglich. Die Gefühle der Begeisterung für etwas Großes
und Erhabenes lassen sich nicht schildern, sie lassen sich nur
fühlen! Dennoch will ich es versuchen, dir eine Schilde
rung von den Tagen, die wir mit ihr, mit der einzigen
Jenny Lind, durchgelebt haben, zu geben.“ Keineswegs auf
die Rolle des passiven Zuhörers beschränkt, bethätigte sich
Billroth als unermüdlicher Concert-Arrangeur und Mit
wirkender, übernahm zuerst die Vormerkung der Billette,
dann die Kasse. „Nie habe ich bisher so im Gelde herum
gewühlt, wie diesen Morgen!“ Mit drei anderen Studenten
eröffnete Billroth das Concert mit der Ouvertüre zu
„Jessonda“, achthändig auf zwei Clavieren. Wie herz
lich ihnen Jenny Lind dafür dankte! „Sie impo
nirte uns aber durch ihre Worte, ihre Grazie und
Anmuth so, daß wir ganz erstarrt dastanden und
Keiner von uns ein Wort herausbrachte, so daß
wir uns schrecklich lächerlich nachher vorkamen.“ Nun tritt sie
auf. Billroth beschreibt aufs genaueste ihren Anzug, ihr
Benehmen. Und erst ihr Gesang! „In dem einen Augen
blicke rollen Einem die Thränen von den Backen, und im
andern möchte man laut aufschreien vor Vergnügen! Des
Eindrucks, welchen ich von dem Concert nach Hause nahm,
bin ich mir nicht klar bewußt; ich träumte wachend und
irrte noch in dem Zaubergarten der himmlischen Töne um
her. Da es uns Allen, die wir sie so nahe bei uns gesehen
hatten, unmöglich war, in den nächsten Stunden zu schlafen,
so setzten wir uns bei einem Bekannten stumm und schwei
gend zusammen. Niemand rauchte oder aß und trank. Jeder
war in sich versunken. Darin aber stimmten wir Alle über
ein, daß etwas Schöneres von Musik nicht denkbar oder für
den Menschen wenigstens nicht ertragbar sein könnte.“ Bill
roth sollte der Angebeteten noch näher treten; er darf mit
mehreren Collegen sie in ihrem Absteigequartier (bei Wehner)
besuchen, wo sie ihnen Lieder vorsingt, mit ihnen Thee
trinkt und plaudert. „Als wir uns um 10 Uhr entfernten
und sie uns nochmals für die Mühe dankte, die wir für
sie gehabt hatten, und uns dann die Hand reichte, hätte ich
vor Verrücktheit das Wahnsinnigste anfangen können. So
taumelte ich denn nach Hause, immer noch ihre Lieder vor
mir hersummend, mehr träumend als wachend!“ Aber es
kam immer noch schöner. Jenny Lind, die leidenschaftlich
gern tanzte, jedoch selten Gelegenheit dazu fand, arrangirt
eine kleine Tanzunterhaltung, zu der natürlich auch Billroth
geladen wird.
Abwechselnd tanzt er mit der Göttlichen und spielt er
zum Tanz. Bei der Damenwahl erhielt er die erste Cotillon
schleife aus ihrer Hand. Ein Fackelzug von 400 Fackeln
mit allem studentischen Gepränge zieht an ihren Fenstern
vorüber. Als sie am andern Morgen abreist, geben ihr die
Studenten feierliches Geleite. In 20 Extraposten folgen sie
Jenny’s Wagen, acht schmucke Bursche in Studententracht
als Vorreiter. In der Station Northeim heißt es Abschied
nehmen. Da wird noch Champagner credenzt und ein Quartett
gesungen; die Studenten fallen im Chor ein, dazu die Lind
mit hohen Trillern. Dann steigt sie auf einen Stuhl und
spricht einige rührende Abschiedsworte an die Studenten.
„O, könnte ich dir, liebe Mama, sagen,“ so schließt
Billroth den langen Brief, „wie erhaben man sich in dieser
allgemeinen Begeisterung fühlte! Worte sind zu schwach und
zu todt, um dies lebendige Gefühl auszudrücken. Ich vermag
nichts mehr zu sagen, denn sie ist nicht zu beschreiben. Nur
singen kann ich mit ihrem Lied: Wie der Gesang zum Herzen
drang, vergess’ ich nicht mein Lebelang!“ Ich glaube, ohne
diesen köstlichen Brief ist der ganze Billroth nicht vollständig
zu verstehen. Die naive, herzenswarme Kunstliebe, der un
verbrauchte Schatz von Jugendbegeisterung und Glücksgefühl
kann sich nicht wahrer, nicht schöner aussprechen. Der ganze
Aufsatz ist offenbar in Einem Zug fortwährender Wärme
geschrieben und doch zugleich mit der ordnenden Anmuth
des guten Erzählers.
In diesem Briefe ist der junge Billroth ganz Musiker
und Kunstenthusiast. Nun sehe man gleich das nächstfolgende
Schreiben, welches ein Jahr später aus Berlin an Professor
Baum in Göttingen gerichtet ist. Da spricht wiederum der
wissensdurstige, eifrigste Mediciner, und nur dieser. Also
dicht neben einander beide Hälften von Billroth’s Janus
kopf. Die Musik und die medicinische Wissenschaft, das
waren die beiden Flammen, welche Billroth’s Dasein durch
glühten und erleuchteten. Wie schön wußte er beide in sich
zu vereinen, wie weise sie auseinanderzuhalten! Ein Abbild
von Billroth’s Leben, wechseln in unserer Sammlung medi
cinische und musikalische Briefe; nur ganz ausnahmsweise
fällt ein versprengter Funke aus dem einen Gebiete in das
andere. Sehr natürlich, denn nur ganz ausnahmsweise fand
er musikkundige Aerzte und medicinisch gebildete Tonkünstler
— Menschen, die, wie er selbst, zwei so verschiedene Geistes
thätigkeiten mit gleicher Energie der Einsicht und der Liebe
umfaßten. Die musikalischen Leser blättern gewiß zuerst nach
den Briefen an Brahms. Sie dürften ihre Erwartungen
nicht ganz erfüllt sehen. Nur zwei von diesen Briefen behandeln
eingehend Musikalisches: der eine über Schumann’s Schriften,
der andere über das Vorherrschen von Dur oder Moll in Volks
liedern. Sonst fast nur Einladungen für Mittag oder Abend,
kurze Verabredungen zu gemeinsamem Theaterbesuch, trocken
skizzirte Reiserouten nach der Schweiz oder Italien u. dgl.
Bei diesem Anlaß gestatte man mir, eine bescheidene Frage
einzuschieben. Sollte für eine dritte, abermals vermehrte
Auflage, die kaum lange ausbleiben wird, sich nicht empfehlen,
eine Anzahl kürzerer, unwesentlicher Billette wegzulassen,
die thatsächlich nur für den Empfänger Interesse gehabt
haben? Es ließen sich viele dieser Art namhaft machen.
Selbst von den zweiunddreißig Briefen an den Architekten
Gruber dürfte ohne Nachtheil die Hälfte wegfallen, da sie
alle rein fachmännisch denselben Gegenstand behandeln; den
Bau einer Klinik, die heute noch nicht fertig ist. Jede Brief
sammlung verliert dadurch, daß der Leser viele Nummern
überschlagen darf oder an ihnen ermüden muß. Die kürzlich
erschienene, gewiß werthvolle Sammlung von Briefen Hanns
v. Bülow’s leidet in noch höherem Grade an dem gleichen
Mißstand. Als ein Muster erscheint hingegen die von Ed.
Zeller veröffentlichte Auswahl von Briefen Fr. D. Strauß’;
es ist eben eine Auswahl, in welcher wir kein einziges
Stück entbehren möchten.
Warum gerade an Brahms so wenige musikalisch
interessante Briefe in der Sammlung erscheinen, während
er deren bekanntlich so viele besitzt? Daran ist nur Brahms’
Bescheidenheit schuld, jene echte Bescheidenheit, welche von
der bescheiden thuenden Eitelkeit so vieler Künstler wesentlich
absticht. In den Briefen an Brahms’ ließ Billroth seinem
Enthusiasmus über dessen Compositionen gern freien Lauf.
Es widerstrebte Brahms im Innersten, solche Verherrlichung
in die Oeffentlichkeit zu schicken; gesprochenes oder gedrucktes
Lob weckt überhaupt kein Echo in seiner Seele, noch weniger
mag er selbst den Rufer machen. Man muß das anerkennen
und sehr bedauern. Was aber Brahms’ Bescheidenheit zu
hindern nicht vermocht hat, ist die Veröffentlichung von
Briefen, in denen Billroth gegen andere Personen sein
Brahms-Herz ausschüttet. So in den zahlreichen Zuschriften
an Professor Wilhelm Lübke, welche, ein unverhoffter, neu
hinzugekommener Schmuck der zweiten Auflage, überwiegend
musikalischen Inhalts sind. Bevor Lübke als Professor der
Kunstgeschichte nach Stuttgart kam, docirte er einige Jahre
gleichzeitig mit Billroth in Zürich. Mit diesem theilte der
geistreiche Schriftsteller und liebenswürdige Gesellschafter die
Liebe zur Musik, und so kam es, daß Billroth seine musika
lischen Erlebnisse aus Zürich, später aus Wien, größtentheils an
Lübke mittheilt. Unter Anderm zwei Aussprüche von Brahms,
die für diesen als Künstler und als Menschen höchst charakteri
stisch sind. Nach einer Aufführung von „Figaro’s Hochzeit“
sagt Brahms: „Jede Nummer in Mozart’s „Figaro“ ist
für mich ein Wunder; es ist mir absolut unverständlich,
wie Jemand etwas so absolut Vollkommenes schaffen kann;
nie ist wieder so etwas gemacht worden, auch nicht von
Beethoven!“ Mit solcher Verehrung für unsere Clas
siker verbindet Brahms die freudigste Anerkennung und För
derung jüngerer Talente; wohlgemerkt, wenn sie wirklich
Talent haben und recht viel, wie z. B. Dvořak. „Wenn
N. N.,“ erzählt Billroth, „von Dvořak etwas mitleidig
spricht, sagt Brahms: ich verstehe Sie nicht; ich möchte vor
Neid aus der Haut fahren über das, was dem Menschen
so ganz nebenbei einfällt.“ Die persönliche Bekanntschaft
Brahms’ macht Billroth im Frühjahre 1866 in Zürich.
Da spielt Brahms mit Th. Kirchner auf zwei Clavieren
symphonische Dichtungen von Liszt. „Horrible Musik,“
wettert Billroth, „Dante, Mazeppa, Prometheus, lauter
Höllenmusik, nicht mehr Musik zu nennen; dazwischen wieder
höchst raffinirte harmonische, pseudomelodische Sätze.
Beim Dante kamen wir bis zum Purgatorium;
ich legte dann vom medicinischen Standpunkte ein Veto
ein, und wir purgirten uns mit Brahms’ neuem Sextett,
das eben herausgekommen ist. B. und K. spielten es vier
händig. Ich weiß noch nicht, was ich darüber denken soll;
doch kommt es mir vor, als wenn die melodische Kraft
geringer oder von der Keuschheitskunstgedanken-Blässe an
gekränkelt wird; die thematische Entwicklung dagegen stei
gert sich zu Bach’scher Höhe.“ Was uns an Billroth’s
musikalischen Aussprüchen sofort gefangen nimmt, ist deren
köstliche Frische, Unbefangenheit und ungenirte Aufrichtig
keit. Ohne sein Urtheil Jemandem aufdrängen zu wollen,
hat Billroth im brieflichen wie im mündlichen Verkehre
seine Eindrücke immer voll und unabgeschwächt zum leben
digsten Ausdrucke gebracht. Dabei sind freilich Liszt und
Wagner nicht am besten weggekommen.
Aus München schreibt er (1869) an Lübke über eine
Aufführung des „Rheingold“: „Das Gedicht kennen Sie:
die Charakterlosigkeit der sogenannten Götter, die Unmög
lichkeit der deutsch sein sollenden Sprache, die furchtbare
Geschmacklosigkeit der Göttercostüme — alles das ist nun
leider durch die übermäßig langweilige Musik nicht zu retten,
und so fiel denn das Ganze glänzend durch. Nur Einmal
(als Alberich überlistet und gefangen wird) glaube ich die
Empfindung eines fünfzehn volle Minuten zusammenhängen
den Musikstückes gehabt zu haben. ...“ Im Jahre 1872
ersucht er Lübke, gelegentlich einen tüchtigen Hieb auf die
Wiener Deutsche Zeitung zu führen, zu deren Gründung
Billroth 1000 fl. beigesteuert und in deren „politischen
Beirath“ man ihn gewählt hatte. „Vorgestern passirte etwas,
was dem Fasse den Boden ausgeschlagen hat. Der Redacteur
des Feuilletons läßt sich von der hiesigen Wagner-Clique
veranlassen, einen Artikel von Cornelius über Wagner auf
zunehmen, und setzt darunter: „Da die Sache Wagner’s
nicht mehr von der deutschen Sache zu trennen ist. Die
Redaction.“ Von meiner Wuth über diese Anmerkung
können Sie sich gar keine Vorstellung machen. Oeffentlich
konnte ich nichts machen, da ich ja selbst Unternehmer der
Zeitung hin; doch der Redaction habe ich einen Brief ge
schrieben, der nicht von schlechten Eltern war. Dem Präsi
denten des politischen Beirathes habe ich heute erklärt, daß
ich mich somit als ausgetreten betrachte, da ich nicht mehr
zu einer Redaction stehen kann, welche die Perspective er
öffnet, daß sie nächstens etwa erklärt, die Sache der Herren
Liszt (bei dessen Christus-Oratorium Alles aufhört) oder
Mosenthal oder Makart etc. nicht mehr von der deut
schen Sache trennen zu können. Man lasse die Musik ganz
aus dem Spiele. „Wagner’s Götterdämmerung!“ Und die
soll von der deutschen Sache nicht zu trennen sein? Ei, da
schlag’ doch der Deibel drein!“
Billroth läßt sich auch von den stolzesten Namen nicht
imponiren, wenn ein Werk ihm geradezu widerstrebt. Nach
dem er Beethoven’s große D-dur-Messe zum drittenmal
gehört, gesteht er: „Für mich ist diese Musik viel todter,
als das Schwächste von Bach oder Händel. Nicht, daß es
besonders obstrus wäre! Nein, langweilig; unbedeutend in
der Erfindung ist es; gequälte, ausgetiftelte Musik. Beet
hoven kann nicht für Chor schreiben, es klingt eben Alles
nicht. Wenn die Menschen ehrlich sein wollten, so würden
die meisten reden wie ich. Für den Musiker von Fach ist
dies wie Michelangelo’s Sixtinische Capelle für den Maler.“
Ein andermal nennt er Beethoven’s D-Messe „ein groß
artiges Werk, doch ebensowenig rathsam nachzuahmen, wie
etwa Michelangelo. Es gibt in der Messe schon recht be
denkliche Widerhaken, an denen Liszt und Wagner hängen
geblieben sind und noch zappeln.“ Am wärmsten wird Bill
roth, wenn er von Brahms spricht. „Sein Triumph
lied ist hier mit Orgel und colossalem Chor zu
einer wunderbaren Wirkung gekommen; es gehören
große Massen dazu, es ist monumentale Musik. Die
Wirkung fortgesetzte musikalische Gänsehaut jeglicher an
genehmer Art, dabei Alles so einfach übersichtlich, im groß
artigsten al fresco-Styl. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
seit Händel nichts auch nur annähernd so Bedeutendes ge
schaffen ist.“ Einen unbeschreiblich tiefen Eindruck nimmt
Billroth aus Schumann’sManfred-Musik mit sich fort.
„Manfred! Ach, daß du ihn nicht hörtest und sahst! Was
nützt da alle Reflexion, man kommt ja gar nicht dazu;
Vollblutpoesie und Vollblutmusik! Man ist sinnlich betäubt,
man träumt, man schwimmt in lauer Luft, ohne sich zu
rühren. Die Scene mit dem Geiste der Astarte treibt mir
jedesmal das Wasser in die Augen; ja jetzt, wo ich nur
daran denke, schauert es mich durch und durch. Die
Musik! „Verzeihst du mir? Manfred, lebe wohl!“ Ich
sage dir, es ist um toll zu werden. Ist es ein Glück, so
etwas zu empfinden, oder ein Unglück?“
Im ersten Winter seines Wiener Aufenthaltes bekommt
Billroth eine große Menge vorzüglicher Concerte zu hören;
er zählte deren neunzehn in zwei Monaten. „Was sagen Sie
dazu!“ apostrophirt er Lübke. „Ich habe mir vorgenommen,
diesen Becher, selbst mit Wermuth versetzt, bis auf den
Grund zu leeren in diesem Winter. Wenn jedes Jahr so
viel Interessantes kommt, was mir neu ist, so kann man
es schon aushalten. Wenn Brahms und Joachim zu
sammen Beethoven, Bach, Schubert spielen, so werden nicht
die Noten à la Bülow photographirt, sondern die Con
ceptionen erscheinen wie lebende Tonbilder vor dem Ohr;
sie erscheinen und verschwinden wieder. Mir war es immer
sonderbar, daß man dazu klatschen sollte.“ So stark der
deutsche Charakter auch in Billroth’s Musikgeschmack vor
herrscht, er macht ihn nicht unempfänglich oder ungerecht
gegen Fremdes. So schreibt er (1875) über Verdi’s
Requiem. „Er ist immerhin ein sehr eigenartiges
starkes Talent. Wenn man sagt, das Requiem sei opernhaft,
so trifft das nicht ganz zu; es ist eben modern empfundene
italienische Musik und ist eben Verdi’sche Musik. Die
Aufführung war von blendender Vollendung; man genoß
die rein objective Musik, die dem inneren und äußeren Ohr
zugleich klingende Partitur. Es sind nicht mehr Verdi’sche
Trivialitäten darin, wie Schubert’sche Trivialitäten in
einer Schubert’schen Messe; nur daß wir gegen letztere nach
sichtiger sind, weil sie uns selbst angehören. Einzelne Num
mern sind von köstlicher, reiner Schönheit, andere von vor
wiegend äußerlicher Wirkung. Wenn man kein versimpelter
Musikgelehrter ist, wird man sich der Wirkung nicht ent
ziehen können, zumal beim ersten Hören.“ So viel und
liebevoll auch Billroth über Musik nachgedacht hat, er läßt
sich nicht durch kritisches Grübeln den unmittelbaren Genuß
eines Kunstwerkes verderben. Es zeigt sich darin seine echte,
naive Künstlernatur. „Betrachte ich,“ schreibt er (1886) von
Brahms, „welchen Werth die genaueste Analyse für unser
glückliches Kunstempfinden haben könnte, so möchte ich den
selben nicht gar zu hoch anschlagen. Die Freude an
der Erkenntniß aller Vorgänge in der Natur und in
uns selbst (die wir doch auch nur ein Stück der
Natur sind) ist wol auch etwas Schönes; doch die
Anschauung des Schönen mit meiner Phantasie macht
mich glücklicher. Vieles Wissen und Können befriedigt unsere
Eitelkeit, so daß wir uns dann wol großartig auf diesem
kleinen Planeten vorkommen; doch sollte ich das Ahnen und
Sehnen und Schwärmen darüber missen müssen, ich möchte
dann lieber nicht leben!“ Die innige Verschmelzung von
Künstler und Gelehrtem in Billroth offenbart sich auch in
seiner sehr richtigen Schätzung der Phantasie, als einer
schöpferischen Kraft nicht blos im Künstler, sondern auch im
wissenschaftlichen Forscher. Er nennt Jacob Grimm,
Alexander v. Humboldt, den Physiologen Johannes
Müller, den Physiker Gauß große Gelehrte, nicht nur
durch ihre Verstandesmacht und ihr Wissen, sondern durch
ihre mächtige Phantasie. „Wenn sich der Forscher nicht vor
stellen kann, was er erforschen will, wenn er nicht eine
anfangs vielleicht noch ganz unklare Vorstellung von der
Bedeutung dessen hat, was er erforschen will, so bleibt er
ein Handlanger der Wissenschaft und wird nie ein Meister.
Ich habe noch nie einen großen Forscher kennen gelernt, sei
es persönlich, sei es aus seiner Biographie, der nicht im
Grunde eine Art von Künstler gewesen wäre, mit reicher
Phantasie und kindlichem Sinn.“
Die Briefe aus dem letzten Jahrzehnt zeigen ein besonders
lebhaftes Interesse Billroth’s an der Gesangskunst. Hervor
gerufen ist es hauptsächlich durch das schöne Talent seiner
Tochter Else, mit der er leidenschaftlich gerne studirt und
die er zur Weiterbildung an Julius Stockhausen in Frank
furt empfiehlt. Dahin berichtet er ihr auch aus Wien vor
zugsweise von musikalischen Erlebnissen. Ganz entzückt schreibt
er über die Patti, sehr scharf über Mascagni’s
„Rantzau“. Ein ausführlicher, gedankenreicher Brief an Else
behandelt das Verhältniß zwischen dem Worte und der
Musik im Gesange. „Das moderne Publicum will beim
Gesang auch das Wort und den Wortgedanken, umsomehr,
je weniger musikalisch das Publicum ist. In der zunehmenden
Größe des unmusikalischen Publicums liegt das Geheimniß
des Wagnerianismus, des Verschwindens der Chormusik,
der Arien, Duette, des Ensemble-Gesanges etc. Der Lieder
sänger hat Wortgedanken, in Worte gefaßte Stimmungen,
Erzählungen für ein Publicum zum Ausdruck zu bringen
und wird dabei durch Töne unterstützt. Diese Töne sind dem
Gedicht entsprechend rhythmisch und melodisch geordnet; in einem
guten Liede haben diese Töne eine Form für sich, welche
neben und über dem Texte steht. Für den Musikalischen ist
die Tonform die Hauptsache, die Worte geben nur Stim
mung im Allgemeinen. Für den weniger Musikalischen und
Unmusikalischen ist der Text die Hauptsache; er will ihn
vorerzählt haben mit allerlei mimischen Bewegungen; der
Stimmton ist ihm nicht mehr, als eine die Worte erläuternde
Klangmimik. Moderne, dramatische, wenig musikalische
Sänger gewöhnen sich auf den großen Bühnen eine so
groteske körperliche und Klangmimik an, daß sie für den
Concertsaal nur Caricaturen bieten, zumal wenn sie ein
fache Lieder singen. In dem dramatischen Gesange ist ihr
geringer Sinn für einfache musikalische Schönheit auf
gegangen. Selbst „Erlkönig“, von N. N. gesungen, ist mir
fürchterlich; sie vergessen ganz, daß eine Ballade nicht ein
darzustellender dramatischer Vorgang ist, sondern nur eine
theilweise dramatisirte Erzählung. Es gehört mehr In
telligenz und Bildung dazu, um diese Unterscheidung zur
Geltung zu bringen. Der Sängerkünstler muß eine Empfin
dung für das haben, was man Styl nennt. Jenny
Lind hatte diese Empfindung; sie hatte einen dramatischen,
einen Lieder-, einen Oratorien-Styl, ebenso Stockhausen.“
Außer diesen begegnen wir in Billroth’s Briefen nur Helene
Magnus und Gustav Walter als musterhafte Lieder
sänger gelobt. Ueber den Zustand der Gesangskunst in Wien
und die geringere Empfänglichkeit des Publicums dafür ver
nehmen wir manches Wort der Klage. „Wenn anstands
halber ein oder zwei Oratorien gegeben werden müssen,“
schreibt Billroth im Jahre 1888, „so muß man fremde
Sänger und Sängerinnen kommen lassen. Das Interesse
und das Verständniß für alles Feinere und Edlere in der
Gesangskunst ist durch die Wagnerei, wenn auch nicht zerstört,
so doch ganz in den Hintergrund gedrängt. Nun blüht die
Wagnerei nirgends üppiger als hier und trägt die sonder
barsten Früchte.“ Trotzdem ist er dagegen, daß der berühmte
Sänger „N.“ (es ist wol Stockhausen gemeint) sich in Wien
niederlasse; er würde alle Gesanglehrer am Conservatorium
und anderen Privat-Musikschulen sofort zu einer mächtigen
Coalition bringen. Billroth ergänzt diese Mahnung in einem
anderen Briefe durch eine sehr praktische Bemerkung. Er
schreibt: „Stockhausen sollte wenigstens jetzt in Frankfurt
definitiv bleiben. So wie das Geheimniß einer großen Praxis
des Arztes darin liegt, immer am gleichen Ort zu bleiben und
die anderen Aerzte zu überleben, so ist es ähnlich auch mit
den Gesanglehrern. Der Künstler muß mit dem Ort ganz
verwachsen; das ist auch der einzige Schutz gegen alle Schick
salswendungen im höheren Alter.“
In der sehr bereicherten neuen Auflage der Billroth-
Briefe glänzen noch zahlreiche treffende Aussprüche über
Musik und Musiker, verstreute Perlen, an welchen der Leser
sofort erkennt, daß der Meister in der Chirurgie kein bloßer
Dilettant in der Musik gewesen. Das bezeugt auch die bei
gebundene rührende Composition Billroth’s „Ich möchte
hingeh’n wie das Abendroth“; ein Herwegh’sches Gedicht,
das ihn stets mit bedeutungsvoller, gewaltiger Sympathie
bewegt hat.