Concerte.
Ed. H. Den Mittelpunkt unserer musikalischen Genüsse
bildet gegenwärtig Edward Grieg. Das eigenartige, vor
nehme Talent und die sympathische Persönlichkeit des nor
wegischen Meisters drängen für den Augenblick jedes andere
Interesse in Schatten. Drei Abende nacheinander waren ihm
gewidmet — ein vierter steht noch bevor. Jüngst machte die
Sängerin Gulbranson — leider ohne die versprochene Mit
wirkung des Componisten — uns mit einer Auswahl Grieg’
scher Lieder bekannt, denen zum erwünschten Erfolg nichts
gefehlt hat, als eine deutsche Uebersetzung. Darauf folgte
ein Kammermusikabend und endlich ein großes (nur allzu
großes) Grieg-Concert mit Chor und Orchester im Musik
vereinssaal. Edward Grieg ist nicht als ein Fremder bei
uns eingezogen; waren doch die meisten seiner jetzt
vorgeführten Compositionen uns aus früheren Auf
führungen längst bekannt. So die Concert-Ouvertüre
„Im Herbst“, welche durch trübes, stürmisches October
wetter uns zum Jagdvergnügen und schließlich zu einem
Bauerntanz ins Wirthshaus führt. Wie fast alle groß an
gelegten Compositionen Grieg’s, wirkt auch die Herbst
ouvertüre mehr durch poetische Momente als durch zusammen
gefaßte einheitliche Kraft des Ganzen. Grieg’s Talent offen
bart sich am originellsten und liebenswürdigsten in kleineren
Formen. Das beweist, nach der reizvollen ersten Peer-
Gynt-Suite, am schönsten die jetzt wieder gehörte Holberg-
Suite. Das zarte „Air“ in G-moll und das humoristisch
abschließende Tanzstück „Rigaudon“ finden jedesmal den leb
haftesten Anklang. Auch das von Herrn F. Busoni mit
beispiellosem Erfolg vorgetragene Clavierconcert in A-moll
gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Compositionen
Grieg’s. Wir haben es in den letzten Jahren von drei Vir
tuosinnen gehört: von Frau Stepanoff, von Therese
Careño und Dagmar Walle-Hansen. „Vor der
Klosterpforte“ ist ganz eigentlich eine dramatische Scene und
dürfte auf der Bühne lebendiger wirken als im Concertsaal. Hier
ermüdet uns das übermäßig ausgedehnte Orchestervorspiel und
am Schlusse der gleichfalls zu lange, monotone Chorgesang
der Nonnen. Zwei uns bisher unbekannte junge Sängerinnen
theilten sich in den Wechselgesang zwischen der Pilgerin und
der Aebtissin. Fräulein Olga Vandero sang die Sopran
partie mit zarter, sympathischer Stimme, tadelloser Technik
und warmer Empfindung. Ihr secundirte in der nur wenige
Tacte umfassenden Rolle der Aebtissin Fräulein Marianne
Geyer mit einer gesunden kräftigen Altstimme, welcher
künftig wol größere Aufgaben zufallen werden. Viel Beifall
erntete Herr Sistermans für den Vortrag Grieg’scher
Lieder. Bei aller Anerkennung für die Mehrzahl dieser
zarten, fein empfundenen Stücke, hätte man sich doch mit ge
ringeren Quantitäten begnügt. Ohnehin senkt sich auf ein
langes, blos aus Grieg’schen Compositionen bestehendes Concert
doch schließlich ein Schleier norwegischer Nebellandschaft.
Am bedeutendsten erschien uns „Henrik Wergeland“; ein
Gesang, mehr Opernscene als Lied, welcher durch die
begleitende Harfe einen eigenthümlich poetischen Reiz
empfängt. Da Henrik Wergeland, der norwegische Dichter
und Patriot, uns eine völlig fremde Persönlichkeit ist, konnte
leider nur der einseitig musikalische Reiz dieser Elegie auf
das Publicum wirken. Das zweite Lied „Ein Schwan“
(Text von Ibsen) ist in der ungefügen deutschen Ueber
setzung schwer verständlich, ein Uebelstand, dem die sehr
pathetische Musik keineswegs abhilft. Ueberhaupt können wir
einen Stoßseufzer über das schlechte Deutsch der
Uebersetzungen fast aller Grieg’schen Lieder nicht
unterdrücken. Wie erquickend wirkte in dieser ver
mummten Gesellschaft das einzige original-deutsche Gedicht
„Dereinst, o Gedanke mein!“ von Geibel. Wer denkt
dabei nicht an Schumann’s ergreifende Composition als
Frauenduett im „Spanischen Liederspiel“ (op. 74), und wer
beklagt nicht mit uns die Nacht ewiger Vergessenheit, welche
in Wien diesen schönen Liedercyklus bedeckt! Das Opernhaus
oder der große Musikvereinssaal sind freilich keine Stätte
dafür, so wenig wie für Brahms’ gleichfalls halbvergessene
Zigeunerlieder. Ein neues, größeres Werk von Grieg be
kamen wir leider nicht zu hören. Eines der merkwürdigsten
ist „Bergliot“, ein gesprochener Frauenmonolog mit
Orchester-Begleitung, welche aber niemals die Declamation
deckt oder durchkreuzt, sondern nur in charakteristischen
Zwischenspielen sie ausmalt und belebt. Vielleicht er
innert man sich bei einer künftigen Gelegenheit dieser un
gemein dramatischen, einer nordischen Legende entnommenen
Erzählung. Grieg’s Bestes, Eigenthümliches ist intime
Musik. Wir fühlten uns darum dem Componisten noch
näher gerückt in dem Kammermusik-Abend des „Böhmischen
Quartetts“, als im großen Musikvereinssaal. Freilich, nach
dem G-moll-Quartett, op. 27, quälte uns keine besondere
Sehnsucht; wir haben es vor einigen Jahren bei
Rosé gehört und namentlich dem ersten Satz eine
leicht gruselnde Erinnerung bewahrt. Wie viel ab
sichtlich Mißklingendes paradirt in diesem endlosen
Satz, mit auffallendem Haschen nach melodisch und harmo
nisch Bizarrem, nach verrenkten Rhythmen und falschen
Contrasten! Gleich einer duftigen Blume erhebt sich aus
diesem versengten Boden die „Romanze“, ein Gesang im
lieblichsten Volkston, dessen Poesie uns sogar mit dem un
motivirt wilden Mittelsatz versöhnen kann. Aufrichtige
Freude hat uns dagegen die Violin-Sonate in C-moll be
reitet, welche Grieg mit dem Primarius des Böhmi
schen Quartetts, Joseph Hoffmann, hinreißend
spielte. Von seinen drei Violin-Sonaten schätzen wir
die in C-moll zuhöchst, ja als das vollkommenste
Kammermusikstück, das wir von Grieg kennen. Von
dem Componisten Edward Grieg hatten wir Alle viel
gelesen, nicht aber von dem Clavierspieler; so sah man
denn mit hochgespannter Neugierde seinen Solovorträgen
entgegen. Grieg wählte eine Anzahl seiner wohlbekannten
„Lyrischen Stücke“; anspruchslose, sinnige Genrebilder,
theils sentimentalen Inhalts („In der Heimat“, „Einsamer
Wanderer“, „Erotik“, „Frühling“), theils voll graziöser
Heiterkeit, wie „Schmetterling“, „Vöglein“, „Norwegischer
Brautzug“. Sein Clavierspiel ist von bezaubernder Weich
heit und Anmuth, dabei ganz individuell. Er spielt wie ein
bedeutender Tondichter, der mit dem Clavier vollkommen
vertraut, weder dessen Tyrann noch Sklave ist — nicht
wie ein reisender Virtuose, welcher nebenbei componirt.
Dabei ist seine Technik tadellos, gepflegt und gerundet.
Grieg dürfte es wol mit manchem Virtuosen noch auf
nehmen; aber er begnügt sich mit dem vollendeten Vortrag
„lyrischer Stücke“ und läßt sich keine Paradepferde auf
zäumen. Unwillkürlich mußte ich an einen Brief von
R. Schumann denken, der im Jahre 1839 von Mendels
sohn und Benett schreibt: „Wie spielen sie Beide Clavier!
Wie Engel, fast anspruchslos wie Kinder.“ Ueberhaupt, wie
oft mußte ich Schumann’s gedenken bei Grieg’s „Lyrischen
Stücken“. Den „Chopin des Nordens“ nannte ihn Bülow, und
einige verwandte Züge (zum Beispiel in dem Passagenwerk
des Concerts) sind nicht zu übersehen, aber der Zusammen
hang mit Schumann ist der ungleich stärkere. In keinen
anderen Tondichter hat Grieg sich so tief und innig einge
lebt, wie in Schumann. Das thut seiner Originalität keinen
Abbruch. Niels Gade, ehedem das Oberhaupt der skandi
navischen Musik, wie heute Grieg, hat überwiegend
Mendelssohn’sche Elemente in sich aufgenommen; Grieg dankt
die stärksten Anregungen den Compositionen Schumann’s.
Für seine tiefe Kenntniß und Verehrung Schumann’s
spricht auch ein literarisches Document, das sehr anziehend
und wenig bekannt ist: ein EssayGrieg’s über Schumann
in einer amerikanischen Zeitschrift „The ninetinth century“.
Grieg knüpft seine Bemerkungen an die Thatsache, daß die
Verehrer Schumann’s immer nur Einzelne waren, nie zu
einer Phalanx, wie die Wagnerianer, sich zusammengeschlossen
haben. Schumann hatte keine andere Propaganda, als die in
seinen Werken steckte. Er war ein Komet ohne Schweif,
demungeachtet einer der merkwürdigsten am Firmament der
Kunst. Der Einfluß Schumann’s auf die moderne Musik
sei gar nicht hoch genug anzuschlagen. In Verbindung mit
Chopin und Liszt beherrscht er gegenwärtig die gesammte
Clavier-Literatur, während die früher auf Unkosten Schu
mann’s hochgepriesenen Clavierstücke Mendelssohn’s von den
Concertprogrammen zu verschwinden beginnen. Mendelssohn
habe bei Lebzeiten mehr als die gebührende Bewunderung im
vorhinein empfangen; Schumann weniger als ihm ge
bührte. Die Nachwelt gleicht jetzt diese Rechnungen aus.
Grieg verwahrt sich ausdrücklich gegen jede Unterschätzung
Mendelssohn’s; nur in der Claviermusik und im Liede sei
dieser unterlegen gegen Schumann. Als Orchester-Componist
behauptet Mendelssohn seinen alten Platz, mit Schumann
als Ebenbürtigem an seiner Seite. Grieg ist empört über
die Anmaßung der Wagnerianer, welche Schumann als
Orchester-Componisten von oben herab behandeln. Muthig
bekämpft er diese „von maßlosem Selbstgefühl aufgeblähten
Enthusiasten, welche Alles herabdrücken, was nach ihrer
Meinung der Alleinherrschaft ihres Bayreuther Meisters sich in
den Weg stellt“. Diese Verschwörung der Wagnerianer gegen
Schumann datire von dem berüchtigten Artikel in den
„Bayreuther Blättern“, welcher von Joseph Rubinstein
unterzeichnet, aber ganz unzweifelhaft von R. Wagner
inspirirt „und wahrscheinlich mehr als blos inspirirt“ war.
Obwol Grieg in jenen Angriffen auf Schumann nur eine
armselige Witzelei (a poor witticism) erblickt, geht er dem
Herausforderer doch sehr gründlich und glücklich zu Leibe.
Diese Aufwallung edlen Zornes, wir möchten sie in dem
schönen, nur von Liebe und Verehrung für Schumann
dictirten Aufsatz nicht missen. Grieg beweist, daß er für
seinen Lieblingscomponisten nicht blos zu schwärmen, sondern
auch zu kämpfen weiß. Sein Aufsatz über Schumann ge
hört nothwendig zur Charakteristik Grieg’s, des Menschen
und Künstlers, und macht ihm nicht weniger Ehre als
manches „lyrische Stück“.
Rühmende Erwähnung verdient das erste Concerte
des Conservatoriums vom 15. d. M. Diese Produc
tionen, welche ehedem nur das Interesse für die Fortschritte
der Schüler befriedigten, sind jetzt auch in ihren Programmen
gewählter und bedeutender geworden, seit unser trefflicher
J. N. Fuchs das Conservatorium leitet. Da erfreute
uns gleich als erste Nummer die seit Jahren nicht gehörte
D-dur-Serenade für großes Orchester von Brahms.
Freilich, wie ist Brahms seither gewachsen als Orchester-
Componist! Aber wie wir nach Beethoven’s Symphonien
zeitweilig gar gerne sein Septett hören (das auch auf die
Serenadenform zurückweist), so haben wir auch mit Brahms’
D-dur-Serenade ein fröhliches Wiedersehen gefeiert und
wünschen uns ein gleiches mit seiner kleinen Serenade in
A-dur. Es waltet darin so viel friedliches Genügen und
verliebte Gartenstimmung, wie wir sie in den mächtigeren
Schöpfungen aus Brahms’ späterer Zeit nur selten und
schnell vorübergehend antreffen. Für das jugendliche
Zöglingsorchester war die Serenade, in welcher die Blas
instrumente so bedeutend hervortreten, eine schwierige
Probe. Sie ward glänzend bestanden. Auch die Solo
vorträge (Gesang, Violine, Clavier) fanden lebhaften Beifall.
Das vierte Philharmonische Concert hat uns
zwischen der Melusinen-Ouvertüre und Beethoven’s A-dur-
Symphonie einen neuen Clavier-Virtuosen und eine neue
symphonische Dichtung von Dvořak bescheert. Der Clavier-
Virtuose, ein junger Russe Namens Ossip Gabrilowitsch,
entwickelte in Tschaikowsky’s B-moll-Concert eine staunens
werthe Technik. Seine Finger arbeiteten mit der Kraft und
Accuratesse einer vollkommenen, unfehlbaren, unheimlich
menschenähnlichen Maschine. Andere musikalische Qualitäten
höherer Ordnung, wie unser Russe sie gewiß besitzt, konnten
wir aus dieser einzigen Production höchstens ahnen, denn
die technische Bewältigung des Tschaikowsky’schen Con
certes ist eine so furchtbare Arbeit, daß sie alle Kräfte des
Spielers, geistige und physische, gnadenlos consumirt und
höchstens stellenweise ihm ein Wetterleuchten von falschem
Geist gestattet. Schade um das unleugbare Talent, das
auch in dem wüsten Durcheinander dieses Concertes sich
offenbart und in krankhafter Genialitätssucht aufreibt. Herr
Gabrilowitsch hatte einen außerordentlichen Erfolg. Wer in
den letzten Tagen hintereinander Busoni und Gabrilo
witsch gehört, der staunt wol, zu welcher Höhe der Technik
unsere jungen Virtuosen es gebracht haben. ... Am meisten
gespannt war man auf Dvořak’s symphonische Dich
tung „Die Mittagshexe“. Eine Bäuerin sucht ihr
schreiendes Kind mit allerhand Spielzeug zu beruhigen;
als aber der kleine Schreihals immer ungeberdiger plärrt,
droht sie ihm mit der „Mittagshexe“. Diese, ein böses altes
Weib, stellt sich auch wirklich ein und bemächtigt sich des
Kindes. Der Vater, der von der Feldarbeit guter Dinge
nach Hause kommt, findet sein Weib ohnmächtig auf der
Erde liegen und das Kind — todt. Also wieder eine
idyllisch beginnende und grausig endende Geschichte, wie
Dvořak’s jüngst besprochener „Wassermann“. Nur ist der
Stoff des letzteren entschieden musikalischer und die Aus
führung unvergleichlich gelungener als in der „Mittags
hexe“. Die Tonmalerei, welche die ganze „Wassermann“-
Symphonie durchzieht, schöpft aus musikalisch verwendbaren
und bereits oft verwendeten Naturlauten: dem Rauschen
des Wassers, das vom leisen Gemurmel bis zur tosenden
Brandung einen fast unerschöpflichen Klangreichthum dem
Componisten entgegenbringt. Was die „Mittagshexe“ ihm
an Naturlauten bietet, das Schreien eines ungezogenen
Kindes, ist für reine Instrumentalmusik unbrauchbar und
desto abstoßender, je genauer es nachgeahmt wird. Nun hat
Dvořak für das greinende Kind, das, zweimal besänftigt,
immer wieder zu schreien anhebt, allerdings einige sehr ge
lungene musikalische Witze, wahre Klangbonmots, ersonnen,
die als sparsame Würze in einem humoristischen Ganzen
uns ergötzen würden. Dem Reiz einer geistreichen Ton
malerei widersteht Niemand, von den kindlich heiteren
Klangbildern in Haydn’s „Schöpfung“ und „Jahreszeiten“
angefangen bis zu den genialen Tongemälden der Roman
tiker und Wagner’s berückendem Feuerzauber. Aber die
Nachahmung des schreienden Kindes ist eine Spielerei, die
schon bei der ersten Wiederholung geschmacklos wird und
nur als Motiv für ein komisches Genrebild am rechten
Platze stünde. Seltsame Passion Dvořak’s, sich jetzt dem
Gräßlichen, Widernatürlichen, Gespenstischen hinzugeben,
das seinem echt musikalischen Sinne, seiner liebenswürdig
menschlichen Natur so wenig entspricht! Im „Wassermann“
der Kobold, welcher dem eigenen Kinde den Kopf abhaut
und diesen der unglücklichen Mutter zuschleudert, in der
„Mittagshexe“ ein weibliches Ungeheuer, in dessen Fäusten
das unschuldige Kind verathmet. Was wir vom allgemein
ästhetischen Standpunkte jüngst gegen Dvořak’s „Wasser
mann“ vorgebracht, gilt auch für die „Mittagshexe“, nur
führt dort die geniale, reizvolle Musik ein glänzendes Plai
doyer gegen die Anklage, während uns die „Mittagshexe“
eine gleiche künstlerische Entschädigung für die Barbarei der
Stoffwahl schuldig bleibt.