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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Wiederholt mahnen mich Freunde und Ver
ehrer unseres theuren Meisters, ich möchte eine Auswahl
seiner Briefe dem allgemeinen Interesse und dem liebevollen
Antheil Näherstehender nicht vorenthalten. Dabei wird gerne
auf die Sammlung der
blos für seine Freunde unschätzbare Bedeutung sich auch
äußerlich in dem außerordentlichen Erfolge einer dritten
Auflage kundgegeben hat. Die darin veröffentlichten Brief
Antworten des Letzteren noch steigern. Leider steht die Partie
nicht gleich auf beiden Seiten. In herzlicher Freundschaft
und gegenseitiger Hochschätzung einig, waren die beiden
Männer doch in vielen Dingen grundverschieden, darunter
speciell in ihrer Correspondenz.
theilsamem Wesen war das Briefschreiben ein Bedürfniß,
für
arbeitsvollen oder gesellig bewegten Tage spät Abends nach
Hause kam, zündete er seine Lampe an und schrieb bis
nach Mitternacht vertrauliche, oft recht umfangreiche Briefe
über die Eindrücke, die ihm das eben gehörte Concert oder
Theaterstück, das neueste Buch oder die neueste Bekannt
schaft zurückgelassen. So schien er das Genossene noch ein
mal zu genießen, und wie die Freude, so theilte er mit
uns auch willig das Leid. Ganz anders
ich eintretend ihn am Schreibtisch fand, schlug er mit einem
kräftigen Seufzer oder launigen Fluch auf ein Häuflein
Briefe: Das Alles soll ich beantworten! Mitunter war das
verwünschte Häuflein recht bedrohlich angeschwollen: Geschäfts
briefe von Verlegern, Concert-Directoren, Festcomités,
dazwischen Einladungen von
kannten, Huldigungen und Autographenbettel von Auswär
tigen. Das Alles that
Kunst stark comprimirten Antwortens hatte er zur Virtuosität
ausgebildet. Wo es nicht geradezu gegen die Etikette verstieß,
benützte er Correspondenz-Karten, deren Format ihm
jede Möglichkeit ausführlicher Darstellung liebevoll abschnitt.
Er schrieb sehr schnell und benützte, um nicht durch eine
harte Stahlfeder in diesem Eilzug aufgehalten zu werden,
stets Gänsekiele. Ort und Datum fehlen fast auf allen
seinen Briefen; als Unterschrift genügte ihm die Abkürzung
zeichnen, wuchs noch mit der Besorgniß, es könnten seine
Briefe von Autographensammlern gekapert und verkauft
werden.
einem
Verkauf ausgebotenen Autographen auch ein „Ausführlicher
Brief von Johannes
erschrocken, seine intimsten Familienverhältnisse und kind
lichen Herzensäußerungen fremder Neugier ausgeliefert zu
sehen, schrieb er sofort an die betreffende Buchhandlung;
aber ein Freund war ihm bereits zuvorgekommen, hatte
den Brief für
dem verhielt sich dieser in seinen Briefen noch vorsichtiger
und knapper. Vertrauliche Mittheilungen über seine persön
lichen Verhältnisse, insbesondere aus der Jugendzeit vermied
er auch im mündlichen Verkehr, noch strenger im schrift
lichen. Urtheile über moderne musikalische Richtungen oder
lebende Componisten wird man in
selten und nur andeutungsweise finden, also gerade das,
was uns am interessantesten wäre. Daß Autographenjäger
ihn mit jedem Jahr lästiger heimsuchten, läßt sich denken.
Notenlinien keck und ungleich hingeworfen, darauf ein
Motiv von zwei, höchstens drei Tacten und die Unterschrift.
Punctum.
Einmal jedoch handelte es sich um ein über dieses be
queme Modell weit hinausreichendes Autograph; einen für
den Druck bestimmten förmlichen Brief. Die Musikschrift
stellerin La Mara (Fräulein Marie
drucken zu dürfen. Das artige Ersuchschreiben der von ihm
persönlich geschätzten Dame schien ihn lebhaft zu beunruhigen,
wie nachfolgender an mich gerichteter Brief vom Mai
verräth:
„Liebster Freund! Inliegende zwei Briefe machen dir
die Situation klar. Unpraktisch wie stets, habe ich neulich
deine Karte nicht abgewartet, sondern dem Dr.
der mich besuchte, einen Brief an dich und den offenen an die
zu geben, wenn er dich in
nachträglich schicken und meine Bitte anbringen. Lies ihn
doch und sage mir, ob er an sich eine Dummheit ist oder
ob er deren enthält. Ich traue mir alles Mögliche darin
zu — ich würde ja aber auch gerne das Maul halten!
Recht wohl kann ich nachträglich noch einen andern schreiben,
oder in diesem ändern, also: ich bitte um ein Wort!
Grüße
gestern oder morgen! Aber der
Briefen von und an Fräulein
geht doch gewiß die ohnehin geringe Lust am Briefschreiben
zum Kukuk.
Und so verzeih’ auch du die verdrießlichen Buchstaben
— aber mich ärgert die Geschichte. Sei von Herzen gegrüßt
und lebe so gut, vergnügt und froh, wie du es verdienst.
Herzlichst dein J.
Zum besseren Verständniß erlaube ich mir,
Brief an Fräulein
„
„ Wien, 27. Mai
fallen thun kann, als wenn er Briefe von mir drucken
läßt — so will ich gern mit diesem selbst eine Ausnahme
machen. Sie können ihn auch um so leichter in Ihr Buch
aufnehmen, als Ihre Leser durch ihn erfahren, daß nicht
Sie, sondern ich mich gehütet habe, aus der beabsichtigten
Aufnahme meiner Briefe einen Schluß zu ziehen auf den
sonstigen Inhalt und Werth Ihres Buches.
Es gibt, wie ich nicht blos aus „
sondern auch aus angenehmster persönlicher Erfahrung weiß,
genug Menschen, die gern und gute Briefe schreiben. Aber
es gibt eben auch von meiner Sorte, und deren Briefe
sollte man, wenn die Schreiber es sonst verdienen, nach
sichtig und vorsichtig lesen und deuten. Ich bewahre mir
z. B. gern einen Brief von
setzen aber muß ich mich, wenn ich bedenke, was so ein
Brief Alles bedeuten und erklären soll!
Aehnlich geht es mir mit den nachgelassenen Werken
eines Musikers. Wie eifrig bin ich allezeit solchen Spuren
nachgegangen, habe sie studirt und vielfach copirt. Wie
theuer waren mir z. B. bei
diese ungezählten, überschüssigen Beweise ihres Fleißes und
Genies. Immer hatte ich den Wunsch, man möchte so werth
volle und lehrreiche Schätze für größere Bibliotheken copiren,
damit sie den sich ernstlich dafür Interessirenden zugänglich
seien. Ich will nicht ausführen, mit welch anderen Empfin
dungen ich die geliebten Schätze dann gedruckt sehe — oder
selbst noch dafür sorge, daß dies wenigstens ordentlich ge
schehe! Mißverstanden, mißgedeutet wird hier wie dort ganz
unglaublich, und ob solche Veröffentlichung nöthig, gut oder
überflüssig und gar schädlich ist — weiß ich nicht!
Auf die Gefahr hin, daß Sie den Anfang dieser
Epistel für eitel Heuchelei halten, zeichne ich Ihr hoch
achtungsvoll ergebener J. Brahms.“
Wie charakteristisch, wie inhaltreich bei aller Kürze ist dieser
Brief. Er beweist, daß
Talent zu schreiben abging. Wo er sich einmal genöthigt
sah, statt seiner geliebten Correspondenzkarte einen sauberen
Briefbogen hervorzuholen und einige Sorgfalt an Styl und
Ausdruck zu wenden, da konnte er meisterhaft schreiben —
klar, kernig, um kein scharf bezeichnendes Wort verlegen.
Weil ihm nun einmal die Gedanken dazu da waren, sie zu
verschweigen oder in Tönen zu äußern, so mißtraute er
seiner Fähigkeit, sie in fester literarischer Form auszuprägen.
Und doch galt es bald, für einen hohen Orden, bald für
die Aufnahme in eine Akademie schriftlichen Dank abzu
statten — nichts Unangenehmeres für
mir in solchen Fällen brummend sein Concept zur Durchsicht
zu bringen. Ich mochte nicht blos kein Wort ändern, son
dern mußte manchen Satz ob seines präcisen Ausdruckes
und seiner plastischen Form bewundern. Und immer fand
Bescheidenheit und stolzem Selbstbewußtsein. Einmal wollte
er die verdrießliche Aufgabe sich wenigstens durch einen Spaß
versüßen. Er trat mit ganz ungewohnter, geheimnißvoll ver
gnügter Miene bei mir ein und flüsterte, er habe etwas
ganz Neues geschrieben und wolle es mir zeigen — kein
Mensch habe es noch gesehen. Nachdem er mich eine Weile in
freudigster Erwartung hatte zappeln lassen, zog er behutsam
sein Concept eines Dankschreibens (wenn ich nicht irre, für
den Maximilians-Orden) hervor und ergötzte sich an meiner
Enttäuschung.
Man darf es als einen Verlust beklagen, daß
höchst selten und ungern sich entschloß, musikalische Fragen
brieflich zu erörtern. Seine tiefen musikhistorischen und
technischen Kenntnisse, verbunden mit so klarem, scharfem
Urtheil, hätten da einen Schatz von Belehrung niederlegen
können, sei es, daß er über eigene Projecte und Composi
tionen oder über fremde das Wort ergriff.
doch in vertraulicher Unterhaltung so fließend und lebhaft
musikalische Dinge, insbesondere von actuellem Interesse,
besprechen, Angelegenheiten des Musikvereins, Programme
unserer großen Concerte u. dgl. Mit der Feder in der
Hand wurde er einsylbig. Von seinen eigenen Compositio
nen oder Plänen zu sprechen, davon hielt ihn zeitlebens die
ihm eigene Schamhaftigkeit zurück. Ebenso empfindlich re
agirte seine Bescheidenheit gegen fremdes Lob. Sein Wider
streben, an ihn gerichtete schmeichelhafte Briefe aus der
Hand zu geben, war schwer zu besiegen. Das Ersuchen der
Bülow’s, ihr einige Briefe ihres Mannes
Er suchte also aus seiner großen
bis sechs unbedeutende kurze Billette heraus, in denen nur
von Concertprogrammen, Wohnungsbestellung und anderen
praktischen Vorbereitungen die Rede war, und brachte sie
mir. Ich erklärte es für ein Unrecht gegen
man ihn, diesen glänzenden Virtuosen auch im Brief
schreiben, lediglich durch so nichtssagende und uninteressante
Zettel in einer gedruckten Sammlung repräsentiren wollte.
Veto und entschloß sich, wenn auch nicht leichten Herzens,
ausführlichere und inhaltreichere Briefe
Einige Briefe von bedeutenderem musikalischen Inhalt
hat
lieder an Professor Spitta in
„Lieber Freund! Du bist abgereist und hast mir einen
Schatz zurückgelassen, ohne ihn selbst noch angesehen zu
haben. Da muß ich doch zum Danke ein paar Worte
schreiben, damit du erfährst, was ungefähr der Schatz be
deutet. Es ist wol ganz zweifellos, daß damit die beiden
und die Thronbesteigung
hat. Also zwei größere Werke für Chor und Orchester aus
einer Zeit, in die wir bis dahin keine Composition von
irgend einer Bedeutung setzen konnten. Wäre nicht das
historische Datum (Februar
falls auf eine spätere Zeit rathen — aber freilich, weil wir
eben von jener Zeit nichts wußten: Stände aber kein Name
auf dem Titel, man könnte auf keinen Andern rathen —
es ist Alles und durchaus
Pathos, das Großartige in Empfindung und Phantasie, das
Gewaltige, auch wol Gewaltsame im Ausdruck, dazu die
Stimmführung, die Declamation und in beiden letzteren
alle Besonderheiten, die wir bei seinen späteren Werken be
trachten und bedenken mögen.
Zunächst interessirt natürlich die
Tod. Darauf gibt’s keine „Gelegenheitsmusik!“ Dürften
wir den Unvergessenen und Unersetzten heute feiern, wir
wären so warm dabei wie damals
Es ist auch bei
man nur bedenkt, daß der Künstler nie aufhört, künstlerisch
zu bilden und sich zu mühen, und daß man dies beim
Jüngeren wol eher merkt als beim Meister. Gleich der erste
Klagechor ist ganz Er selbst. Du würdest bei keiner Note
und keinem Worte zweifeln. Ungemein lebhaft folgt ein Re
citativ: „Ein Ungeheuer, sein Name Fanatismus, stieg aus
den Tiefen der Hölle ...“ (In einer Arie wird er von
sondere Lust, hiebei zurückzudenken an jene Zeit und, was
ja die heftigen Worte beweisen, wie alle Welt begriff, was
sie an
auch, was er Großes zu sagen hatte, und sagte es laut, wie
es sich schickt, gleich in einem kraftvollen Vorspiel. Nun aber
erklingt zu den Worten: „Da stiegen die Menschen ans
Licht“ etc., der herrliche F-dur-Satz aus dem Finale des
„
Oboë gegeben. (Der Singstimme zwar will sie nicht passen
oder nur sehr mühsam.) Wir haben viele Beispiele, wie
unsere Meister einen Gedanken das zweitemal und an anderer
Stelle benützten. Hier will es mir ganz besonders gefallen.
Wie tief muß
den Sinn der Worte) empfunden haben — so tief und
schön wie später, als er das hohe Lied von der Liebe eines
Weibes — und auch einer Befreiung — zu Ende sang.
Nach weiterem Recitativ in Arien schließt eine Wiederholung
des ersten Chors das Werk ab; aber ich will jetzt nicht
weiter beschreiben; die zweite
essirt doch hier auch mehr nur die Musik und alles Einzelne,
das
Nun aber, lieber Freund, höre ich dich schon in
Gedanken fragen, wann werden die
wann gedruckt?
Auf
Tod Joseph II.
Musikfreunde“ im November
Drucken ist jetzt so sehr Mode geworden, namentlich das
Drucken von Sachen, die dies gar nicht beanspruchen. Du
kennst meinen alten Lieblingswunsch, man möchte die soge
nannten sämmtlichen Werke unserer Meister — der ersten
sogar, gewiß aber der zweiten — nicht gar zu sämmtlich
drucken, aber, und nun wirklich vollständig, in
guten Copien den größeren Bibliotheken einverleiben. Du
weißt, wie eifrig ich allezeit suchte, ihre ungedruckten Werke
kennen zu lernen. Von manchem geliebtesten Meister aber
Alles gedruckt zu besitzen, wünsche ich nicht. Ich kann
es auch nicht richtig und gut finden, daß Liebhaber und
junge Künstler verführt werden, ihr Zimmer und ihr
Gehirn mit allen „Sämmtlichen Werken“ zu überfüllen und
ihr Urtheil zu verwirren.
Unserm Haydn ist die Ehre einer Gesammtausgabe
Das sind aber weitläufige Themen, ich will dir keine
Variationen weiter darüber vorphantasiren; sie gehen auch
zu ausschließlich aus Moll, und ich weiß sehr wohl, daß
auch welche aus Dur möglich und nöthig sind.
Komme aber doch bald und theile die ganz eigene
Empfindung und Lust, mit mir der Einzige auf der Welt
zu sein, der diese ersten Thaten eines Helden kennt.
Herzlichst dein Johannes