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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Wir können nicht ohneweiters an dem Titel
vorbei. Dieser zum mindesten muß allgemein verständlich
sein. Den
leichtlebiger, unsteter Künstler und Literaten einfach mit „Die
Bohème“ übersetzen, ist mehr bequem als zweckmäßig oder
geschmackvoll. Im Verlaufe der ganzen Oper wird das Wort
„Bohème“ oder „Bohémien“ nicht ausgesprochen, geschweige
denn erklärt. Aus einer weit zurückdatirenden Verwechslung
von Zigeunern und Böhmen herstammend, deckt das
sisch
keinem
ist man Uebersetzer. Kein
fallen,
auch der
„Der Réveillon“ wiederzugeben. Der Titel von
beliebter Oper „
übersetzen, nicht aber vom
daß es wisse, wer Villars und seine Dragoner gewesen.
Man hat darum die Oper weislich in „
Eremiten
daß sie vor der Aufführung der Oper von sehr gebildeten
Leuten gefragt worden, was eine „Bohème“ sei, so hat in
Im Theater an der Wien hatten wir also die „
Und zwar die von Puccini, wie wir gleich beisetzen müssen.
griffe von der Oper. Für die Comödie mochten sich diese
überwiegend dialogisch geführten „Scenen“ immerhin besser
eignen, trotz ihrer sehr dürftigen Handlung.
auch wirklich mit Theodor
gemacht, das im Théâtre des Variétés eine zeitlang gefiel,
aber nicht über
ereignete sich etwas überraschend Seltsames. Das Auf
sehen, das die beiden rivalisirenden
und
Pariser wieder auf jenes halbverschollene Stück; das sonst
so wählerische Théâtre Français brachte es im September
dieses Jahres zur Aufführung. Es errang einen hübschen
Erfolg, den allerdings die Journale mehr der vortrefflichen
Darstellung als dem etwas veralteten Drama zuschreiben.
Daß jetzt gerade die Componisten sich mit solchem Eifer
dieses Stückes bemächtigen, charakterisirt den Zeitgeschmack,
welcher auch in der Oper dem Verismo, dem rücksichtslosen
Realismus huldigt. Die wenigen älteren Opern, welche
Liebeleien zwischen leichtfertigen Courtisanen und schwächlichen
Jünglingen ernsthaft behandeln („
zuletzt „
nale oder historische Tracht gekleidet, in eine romantische
Umgebung versetzt und damit aus den niedrigsten Regionen
der Alltagsmisère emporgehoben. Mit der „
ziehen unsere Componisten den letzten Schritt zur nackten
prosaischen Liederlichkeit unserer Tage; die Helden in groß
carrirten Beinkleidern, schreienden Cravaten und zerknüllten
Filzhütten, den Cigarrenstummel im Mund, ihre Gefährtin
nen in Häubchen und ärmlichen Umhängtüchern. Das ist
neu im lyrischen Drama, ein sensationeller Bruch mit den
letzten romantischen und malerischen Traditionen der Oper.
Deßhalb der athemlose Wetteifer zweier bereits namhafter
Tondichter nach diesem noch unversuchten pikanten Lock
mittel. Die gleichzeitige Bearbeitung desselben Operntextes
ist ein Mißgeschick für den einen oder den andern Com
ponisten. Nur in den ersten Lehr- und Wanderjahren der
Oper, da alle Tondichter dasselbe enge Gebiet der classisch
heroischen oder mythologischen Stoffe bearbeiteten und es
fast so viele
Componisten, konnten die verschiedensten Compositionen des
nämlichen Sujets sich auf denselben Bühnen neben ein
ander vertragen und behaupten. Das rein musikalische
Interesse an der Oper war eben ein weit überwiegendes,
um nicht zu sagen ausschließliches. In dem Maße, als die
dramatische Charakteristik in den Vordergrund trat, das
Stoffgebiet der Oper sich ungemein erweiterte, die dramatische
Musik sich individualisirte, wurden wir gewöhnt, einen
bestimmten Operntext mit einer bestimmten Musik zu identi
ficiren, beide als ein untrennbar Zusammengehöriges auf
zufassen. Das ist heute unser Standpunkt und dürfte es
vernünftigerweise bleiben. Puccini scheint anderer Ansicht,
Letztere Oper erschien im Theater an der Wien, un
mittelbar nachdem dort die gefeierte Franceschina
sechsmal nacheinander die
der sterbenden
als auf derselben Bühne
begann. Der erste Act der „
heiter in dem Dachstübchen, das der Maler
dem Poeten
beiden Freunde frieren in dem kalten Zimmerchen, welches
der Dichter schließlich mit seinem neuesten Trauerspiel heizt.
Da bringt der Dritte im Bund der Kunstzigeuner, der
Componist
sie Alle im Café Momus sich gütlich thun wollen. Vorher
werden sie noch von ihrem Hausherrn, Mr.
er fordert den rückständigen Miethzins. Die Freunde, zu denen
sich noch als Vierter der Philosoph
hänseln Herrn
keiten, machen ihn halb betrunken und schieben ihn endlich
zur Thür hinaus. Drei von den Freunden begeben sich nun
ins Kaffeehaus, während
beenden will. Da klopft es an seiner Thür; die junge
hübsche Nachbarin
geblasene Kerze bei ihm anzünden zu dürfen. Auch seine
Kerze erlischt, und im Dunkel finden sich ihre Hände, ihre
Lippen. Nach einer kurzen Liebeserklärung läßt sich
von
zu Anfang des zweiten Actes, die Freunde, umschwirrt von
Kaffeehausgästen, Ausrufern und Verkäufern. Die zweite
Heldin des Stückes, die schöne eitle
Arm eines reichen Gecken. Sie weiß ihn bald listig zu entfernen,
um ihrem früheren, zeitweilig immer neu zu Gnaden auf
genommenen Geliebten
Unter den grellen Klängen einer vorbeiziehenden Musikbande
und dem Gejohle der Straßenjugend fällt der Vorhang.
Der dritte Act spielt vor einer ärmlichen Kneipe an der
Linie, bei Morgengrauen.
und erlauscht hinter einem Verstecke, wie ihr geliebter
dolph
da
Weinend nimmt sie von
zeitig eine heftige Zank- und Entzweiungsscene zwischen
zum vierten- und letztenmale über dem bekannten Dach
stübchen, in welchem
am Schreibtische sitzt. Beide sind unfähig, zu arbeiten; ihre
Gedanken weilen ferne bei
zwischen reichere Verehrer eingetauscht haben.
das die Freunde mit widerwärtigem Galgenhumor und
schließlich mit einer improvisirten tollen Quadrille würzen.
Da stürzt atemlos
die Arme herein und legt sie auf das Bett, wo sie, von
peinliches Sterben, recht grausam ausgedehnt und ausge
stattet mit allem pathologischen Jammer. Dazu noch die
nackte Armuth und Hilflosigkeit dieser das Sterbelager um
stehenden Kunstproletarier. Daß unmittelbar an ihre possen
hafte Quadrille der Todeskampf
bezeichnend für das Textbuch, welches hauptsächlich durch
enges Aneinanderrücken der grellsten Contraste wirkt. Hat
eine Scene mit ihrer brutalen Lustigkeit uns ins Gesicht
geschlagen, so bohrt die folgende mit ihren Seelenqualen und
Todesschauern sich langsam schmerzhaft in unser Herz.
Finden die Zuschauer wirklich Freude und Erhebung in
Opern dieses Schlages, um so besser für sie und den Theater-
Director. Ich habe dafür nicht die leiseste Regung von
Dankbarkeit.
Die Musik spielt in dieser Oper eigentlich eine secundäre
Rolle, mag sie an einzelnen Stellen auch noch so anspruchsvoll
und lärmend vordrängen. Liest man vor der Aufführung
die vier bis fünf ersten Seiten des enggedruckten Textbuches,
so zweifelt man, ob das wirklich ein Opernlibretto und
nicht vielmehr eine Comödie sei. Dieser unersättlich ge
schwätzige Dialog, der sich witzlos, gemüthlos um die aller
gewöhnlichsten Dinge dreht — der soll Musik hervorlocken,
soll einen Tondichter begeistern? Unmöglich kann die Musik
hier als gleichberechtigte, selbstständig formende Kunst wirken;
nur als Untermalung, Grundirung alltäglicher Conver
sation. Also die vorletzte Stufe der im Herabsteigen begrif
fenen Musik; die nächste, letzte ist das unverhüllte
Melodram. Eigentlich vernehmen wir schon in der
„
Personen über charakteristischen Orchesterklängen. Oben
drein bei dem raschen Tempo so enormer Wortmassen
ein undeutliches, unverständliches Sprechen. Sehr begreif
lich, daß bei dieser Ueberfluthung mit redseligem Dialog
ganze Seiten der Partitur — um ein Wort aus der
Akustik zu entlehnen — aus lauter „todten Punkten“ be
stehen müssen und auch wirklich bestehen. Aus diesen todten
Punkten befreien sich von Zeit zu Zeit flüchtige melodische
Gedanken, es beginnt mitten im Sprechgesang zu klingen
und zu singen — aber wie lange dauert das? Solche
Oasen, wo sich die Empfindung concentrirt, die Melodie
Gestalt annimmt und sich ausbreitet, finden sich noch am
reinsten und häufigsten in der Rolle der
ist die melodische Erfindung äußerst gering. Reichlicher in
der Partitur verstreut blinkt allerlei feines instrumentales
Detail und geistreich anspielender Witz. Diese das
musikalische Schaffen und Gestalten beinahe verdrän
genden Reizmittel gehören ja ganz eigentlich unserer
neuesten Schule an, sogar der neuesten
Was
Die Scenen in
wie des vierten Actes sind trocken, gequält und langweilig,
trotz oder wegen der großen Anstrengung des Componisten,
humoristisch zu sein. Dasselbe gilt vom zweiten Acte, der
zur Illustration des fröhlichen
zählige bunte Effecte aneinanderreiht, ohne einen wirklichen
Effect zu erreichen. Alles zersplittert sich in kleinste Stücke
und Stückchen; die überschauende und zusammenfassende
Kraft, ohne welche es in der Musik keine echte Wirkung
gibt, fehlt gänzlich. Die Musik vor dem Café Momus ist
trotz Militärmusik, Glöckchenspiel, Holz- und Strohharmonika
und sonstigen Spectakels nicht heiter und lebensfroh, sondern
nur wirr und lärmend. Mit einem Gesangswalzer (selbst
mit einem „langsamen“) wie der Musettens in E-dur
so vergleiche man damit das Quartett am Schluß von
„
klagenden gegenüber; wie formschön und klangvoll vereinigt
er sie zu musikalischer Einheit! Bei
beiden Hälften des Quartetts wie Oel vom Wasser; man
könnte jede von ihnen streichen, ohne daß die andere wesentlich
dadurch verlieren oder gewinnen würde.
Wie schnell hat doch der junge Mascagni Schule
leidigung. Die unmotivirte Anwendung des Häßlichen, blos
weil es häßlich ist, sowie die anmaßende Vorherrschaft des
banalsten Dialoges sind eine Consequenz des nunmehr auch
in die Oper eingedrungenen nackten Realismus. Die
Kritik bleibt ohnmächtig gegen solche Strömungen. Sie
dürften eine zeitlang fortdauern, wol auch noch anschwellen,
und so werden wir nicht sonderlich erstaunen; eines Tages
„
von
unter Musik gesetzt zu sehen. Je prosaischer, je realistischer,
je unsauberer, desto besser. Die Musik ist heute auf das
Alles bestens eingerichtet.
Der Erfolg der neuen Oper war, wie bereits gemeldet,
ein glänzender. Mit lautem Applaus, wiederholtem Hervor
ruf und reichen Blumenspenden ehrte das Publicum die
Hauptdarsteller und den Componisten Herrn Puccini,