Musik.
(Drittes Philharmonisches Concert.
Rubinstein’s „
Gedankenkorb“.)
Ed. H. Das Programm begann mit zwei römischen
Stücken, beinahe wie ein Festbeitrag zu Mommsen’s
achtzigstem Geburtstage. „Julius Cäsar“ die erste Concert
nummer, „Julius Cäsar“ die zweite. Zum Anfang die
Schumann’sche Ouvertüre, gleich darauf eine Arie aus
Händel’s Oper „Giulio Cesare“. Drängte wirklich ein
Bedürfnis nach Schumann’s wohlbekannter Cäsar-Ouver
türe? Sie stammt aus den letzten Jahren seiner Thätigkeit
in Düsseldorf und trägt alle Merkmale einer bereits er
schöpften Erfindungskraft. Kaum mehr als der eherne
Schritt des Hauptthemas und ein leichter kriegerischer
Anflug weisen auf die große römische Tragödie hin. Zwar
hat ein Ausleger in den 13 scharf synkopirten Schlägen,
die am Schluß rasch zu dem breit verhallenden Pauken
wirbel auf C hinabsteigen, die 13 Dolchstiche in Cäsar’s
Brust erkennen wollen; die Ouvertüre selbst fordert zu
einer scharfsinnigen Deutung nicht heraus. Musikalisch klar
und einheitlich, steht sie doch in Bezug auf Reich
tum und Originalität nicht in der ersten, kaum
in der zweiten Reihe Schumann’scher Tondichtungen. Die
Kraft, mit welcher die Cäsar-Ouvertüre einherschreitet,
ist mehr die reflectirte, angestrengte der dramatischen Cha
rakteristik als die ursprüngliche des musikalischen Gedankens.
Eigenthümlich weich fließen aus den sanften Nebenmotiven
Anklänge aus „Manfred“ und „Genovefa“ herüber. Auf
die merkwürdige Schlußwendung und ihr Verhältniß zur
Coriolan-Ouvertüre von Beethoven habe ich vor Jahren
einmal hingewiesen. Schumann klagt nicht über Cäsar’s
Untergang, seine Musik stirbt nicht mit ihrem Helden dahin
wie die schmerzlich verathmende Coriolan-Ouvertüre; sie er
hebt sich im Gegentheil aus dem düsteren F-moll in helles
F-dur und schließt voll muthiger Siegesfreude. Also ganz
eigentlich eine republikanische Ouvertüre, welche den Sturz
des gewaltigen Unterdrückers als glücklich errungenen Sieg
der Volksfreiheit feiert. Vortrefflich aufgeführt unter Hanns
Richter’s Leitung, wurde das Stück mit Interesse und
Pietät gehört, ohne einen lebhaften Eindruck zu machen.
Die zweite Verherrlichung des römischen Imperators
stammt, wie gesagt, aus einer 1724 für London componirten
italienischen Oper von Händel, also aus einer Zeit und
einer Schule, die alle erdenklichen classischen Helden und
Könige auf die Bühne zog, nicht sowol um sie dramatisch
zu charakterisiren, als um sie die brillantesten Coloraturen
singen zu lassen. Das von Händel componirte Libretto
läßt die Politik Cäsar’s beiseite und behandelt um so breiter
sein Liebesverhältniß zu Kleopatra. Schmerzliche Klage der
verlassenen Königin über den Verlust von Glanz und Größe
bildet den Inhalt der von Fräulein Marcella Pregi gesun
genen Arie. Nicht blos in ihrer stereotypen Form,
auch in ihrer melodischen und harmonischen Sub
stanz sieht sie anderen Händel’schen Arien zum Ver
wechseln, ähnlich; als besonderer Vorzug eignet ihr
nur, daß sie nicht von Coloraturen überfließt. Uns für
Händel’sche Opern-Arien zu erwärmen, wird uns von Jahr
zu Jahr schwerer; der ihr nachgerühmten außerordentlichen
Charakteristik nachzuspüren, haben wir längst aufgegeben.
Wenn GervinusHändel’s Personen den Shakespeare’schen
gleichstellt in Bezug auf geniale Individualisirung, so klingt
uns das wie eine Majestäts-Beleidigung. Fräulein Pregi hat
sich in dem Vortrag dieser Arie als Gesangskünstlerin
von musterhafter Technik, großer Intelligenz und feinem
Stylgefühl erwiesen. Ihren Erfolg darf sie um so höher
anschlagen, als die Stimme, dem ganzen schmächtigen Per
sönchen entsprechend, weder Kraft noch sinnlichen Reiz be
sitzt. Sie erinnert sehr an die geist- und kunstreiche Madame
Henschel, deren Organ im großen Musikvereinssaal wol
noch schwächer klang. Für die „Garten-Arie“ der Susanne
ist der Zauber einschmeichelnden Wohllautes schwerer
entbehrlich, als für Händel’s pathetische Kleopatra;
doch siegten auch hier Empfindung und Vortragskunst
der Sängerin über das dürftigere Material. Nicht eben
glücklich war Fräulein Pregi in der Wahl von drei fran
zösischen Gesangsstücken religiösen Inhalts, die so recht nach
der Salonfrömmigkeit des aristokratischen Faubourg Saint-
Germain duften. Das erste, von E. Paladilhe, besingt
die Auferweckung eines Mädchens durch Jesus, das
zweite, von M. Widor, die Heilung des Blinden,
das dritte ergeht sich in demüthigem Gebet. Alle drei
Stücke, zwischen Gesang und Declamation, zwischen erzäh
lendem und Romanzenton schaukelnd, sind musikalisch unbedeu
tend. Für den Concertsaal passen sie am wenigsten trotz der
Orchesterbegleitung, welche wie ein zu weites Kleid um ihre
hageren Glieder schlottert. Immerhin boten sie Fräulein
Pregi Gelegenheit, durch ihre unvergleichliche Behandlung
des Französischen zu glänzen. Fräulein Pregi hat in Paris
zuerst Brahms’sche Lieder mit deutschem Text gesungen.
Wir hoffen, sie werde in Wien ein Gleiches thun.
Die Reihe der Gesangsstücke unterbrach eine Ouvertüre
„Des Meeres und der Liebe Wellen“ von Robert Fuchs.
Gottlob, eine Novität! Mit etwas trübseliger Resignation
hatten wir in dem Gesammtprogramm der Philharmoniker
bemerkt, wie heuer die Novitäten gar so dünn gesät er
scheinen. Ist doch unser Philharmonie-Orchester das einzige
in Wien, das uns mit neuen Orchesterwerken bekannt machen
kann; die „Gesellschaftsconcerte“ haben ihren Schwerpunkt
im Chorgesang. Und sollte es schlechterdings an Novitäten
mangeln, so empfiehlt sich eine Wiederholung jener hervor
ragendsten Orchesterwerke, welche (wie fast alle Dvořak’schen)
eine einzige Aufführung hier erlebt haben und auch diese
schon vor recht langer Zeit. Eine zweite Aufführung solcher
Compositionen ist oft wichtiger und entscheidender, als die
erste; sie gebührt den Hörern wie den Autoren. Nachdem
die beiden ersten Philharmonie-Concerte uns nur mit guten
alten Bekannten zusammengeführt haben, begrüßten wir doppelt
zuvorkommend die vereinigten „Wellen“ von Robert Fuchs.
Der Stoff von Grillparzer’s Drama, vielleicht noch mehr
dessen Titel, hat gerade für den Musiker etwas Berückendes.
Mich hat dieser manierirte Titel von jeher angefröstelt.
Den Inhalt einer Liebestragödie durch eine witzige Metapher
wie „Des Meeres und der Liebe Wellen“ anzukündigen,
stimmt so wenig zu der sonst knappen schlichten Ausdrucks
weise Grillparzer’s. Wie wir aus seinen Tagebüchern
wissen, hat er auch ursprünglich die einfachere Benennung
„Hero und Leander“ gewählt. Für den Tondichter liegt
aber gerade in dem jetzigen Titel des Stückes eine Ver
lockung, die beiden „Wellen“, die physische und die seelische,
gegen einander und mit einander in Bewegung zu setzen.
Von unseren vier Elementen hat allzeit das Wasser sich als
das musikalisch dankbarste und umworbenste gezeigt. Ich
erinnere mich eines Heftes von Sterndale-Benett,
das in drei Clavierstücken drei charakteristische Ge
staltungen des feuchten Elementes abschildert: „Der
See“, „Der Bach“ und „Der Springbrunnen“ —
letzteres Stück besonders fein und zierlich. Bilder in
größerem Format, wie Rubinstein’s „Ocean-Symphonie“,
Mendelssohn’s „Melusine“ und „Meeresstille“, Beethoven’s
„Scene am Bache“ sind allbekannt; der zahllosen schönen
Lieder nicht zu gedenken, darin der Gesang wie eine Najade
aus den Wellen einer wogenden oder murmelnden Beglei
tung emporsteigt. Die Bewegung, das innerste Lebens
princip der Musik, beseelt gleicherweise das Wasser, vom
Donner der Meeresbrandung bis zum geschwätzigen Bäch
lein. Die Phantasie des Tondichters verbindet sie harmonisch
mit dem erhabenen oder lieblichen Landschaftsbild und
deutet geheimnißvoll die sich darin spiegelnden Menschen
schicksale. Von Robert Fuchs, dessen musikalisches Fein
gefühl uns aus seinen Serenaden, Suiten und Clavier-
Compositionen stets sympathisch angesprochen hat, war auch
eine poetische Auffassung des griechischen Liebespaares zu
gewärtigen. Der Componist, eine sinnige, mehr lyrische als
dramatische Natur, folgt in den allgemeinsten Umrissen der
Grillparzer’schen Tragödie. Er verschmäht das ausmalende
Detail der modernen Programm-Musik, zu deren Verständ
niß man eine eigene Gebrauchsanweisung mit Notenbei
spielen, historischen Notizen und Landkarten benöthigt, und
zieht es vor, einheitlich musikalisch zu formen, musikalisch
zu wirken. Das hat er denn auch durch seine meisterhaft
instrumentirte Ouvertüre erreicht, der wir nur stärker
contrastirende Motive und eine wechselvollere Rhythmik zu
wünschen hätten. Die Novität wurde lebhaft applaudirt und
der Componist wiederholt gerufen.
Das Concert schloß mit Beethoven’sB-dur-Sym
phonie. Unter den neun Schwestern ist diese vierte, bei
aller entzückenden Schönheit, nicht der ausgesprochene Lieb
ling des Publicums. Rubinstein setzt, indem er
Beethoven’s Symphonien nach ihrem künstlerischen Gehalte
zu ordnen versucht, die vierte Symphonie auf Nummer 3
zurück. Nach seiner Werthschätzung steigen die neun Sym
phonien in folgender Reihe auf: C-dur 1, D-dur 2,
B-dur 3, F-dur 4, Pastorale 5, A-dur 6, Eroïca 7,
C-moll 8, D-moll 9. Dieses Aperçu, dem gewiß ein
richtiges Empfinden zu Grunde liegt, wenn auch „Beweise“
weder dafür noch dagegen möglich sind, findet sich in einem
soeben erschienenen Büchlein, auf das ich Freunde der
Musik, zumal Verehrer Rubinstein’s, aufmerksam machen
möchte. Es heißt „Anton Rubinstein’s Gedanken
korb“ (Leipzig, 1897, bei Bartholf Senff). Wie wir
einem Vorwort von Hermann Wolff entnehmen, hat Rubinstein
nicht ein einziges musikalisches Werk ungedruckt hinterlassen,
auch kein Tagebuch, keine Memoiren. Die Sammlung von
Beobachtungen, Einfällen und Aphorismen verschiedenster
Art, die er in dem „Gedankenkorb“ niederlegte, wie und
wann es ihm eben einfiel, ist die einzige geistige
Hinterlassenschaft des bis an sein Lebensende ratlos
arbeitenden Mannes. Ohne irgend welche Abtheilung in
Kategorien wimmeln allerlei Gedanken über Musik, Künstler,
Publicum, Religion, Politik und Liebe in diesem „Korb“
bunt durcheinander. Es sind Aeußerungen ohne stylistische
Schminke, von rücksichtsloser Offenheit, jedoch ohne die
geringste polemische Spitze gegen irgend einen musikalischen
Zeitgenossen. Obwol Rubinstein dieses Manuscript erst nach
seinem Tode veröffentlicht wissen wollte, hält er sich doch
strenge in denselben Schranken, die er in seinem Buche:
„Die Musik und ihre Meister“ sich gezogen. Die einzelnen
Früchte in diesem Korbe sind von ungleichem Werth und
Geschmack. Neben Aussprüchen, die nicht viel origineller
sind, als etwa: „Das Gras ist grün“ oder „Alle Menschen
müssen sterben“, stehen sehr viele äußerst treffende und geistreiche.
Am meisten interessiren uns die persönlichen Selbstbekennt
nisse, wie folgende: „Den Juden bin ich ein Christ, den
Christen ein Jude; den Russen bin ich ein Deutscher,
den Deutschen ein Russe; den Classikern bin ich
ein Zukünftler, den Zukünftlern ein Retrograde. Schluß
folgerung: Ich bin weder Fisch noch Fleisch, ein
jammervolles Individuum.“ Dann noch eingehender:
„Ich lebe in stetem Widerspruche mit mir selbst, das heißt
ich denke anders, als ich fühle. Ich bin im kirchlich religiösen
Sinn ein Atheist, bin aber überzeugt, daß es ein Unglück
wäre, wenn die Menschen keine Religion, keinen Gott hätten.
Ich bin Republikaner, aber überzeugt, daß die einzig
richtige Regierungsform für die Menschen ihrem eigentlichen
Wesen nach eine streng monarchische ist. Ich liebe meinen
Nächsten wie mich selbst, bin aber überzeugt, daß die
Menschen wenig mehr als Geringschätzung verdienen. Dieses
Widersprechende in meinem Wesen verbittert mir das Leben
— denn logisch kann doch nur sein, daß der Mensch denke,
wie fühlt, und so fühle, wie er denkt. Bin ich denn wirk
lich ein Monstrum?“ „Ich komme mir recht unlogisch vor,“
heißt es später noch einmal, „im Leben Republikaner und
radical, bin ich in der Kunst conservativ und Despot!“
Rubinstein’s entschiedene Freisinnigkeit in religiösen und
politischen Dingen spricht auch noch aus zahlreichen anderen
Bemerkungen. — Speciell musikalischen Inhalts ist kaum
die Hälfte der gesammelten Aphorismen. Zwei hübsche Aus
sprüche über das Clavierspiel lauten: „Die instrumentale
Musik ist des Menschen intimster Freund, mehr sogar als
Eltern, Geschwister, Freunde, etc. Bei Leid zumal ist diese
Eigenschaft erkennbar. Vor allen Instrumenten ist es aber
besonders das Clavier, welches diesem am meisten ent
spricht, daher ich den Clavierunterricht als eine Wohlthat für
den Menschen betrachte und ihn sogar zwangsmäßig (denn dessen
Anfänge sind ganz unerträglicher Natur) in das Erziehungs
programm aufnehmen möchte, das heißt aber natürlich nur
im Sinne einer Möglichkeit der Selbstbefriedigung, durchaus
nicht um davon für die Gesellschaft Gebrauch zu machen.“ —
Rubinstein unterscheidet: „Clavierspiel ist eine Finger
bewegung, Claviervortrag eine Seelenbewegung. Man hört
jetzt meistens das Erstere.“ Interessant ist folgendes musik
geschichtliche Aperçu: „Brahms sehe ich als Fortsetzung
von Schumann, mich als die von Schubert und Chopin
an, uns Beide als die Thorschließer der dritten Epoche
der Tonkunst.“ (Rubinstein sieht in Bach und Händel den
Abschluß der ersten mit Palestrina beginnenden Epoche, in
Beethoven den Culminationspunkt der zweiten, in
Schubert den Anfang der dritten. Die vierte beginnt
mit Berlioz, Liszt und Wagner.) Zum Schluß noch aus
dem unerschöpflichen „Gedankenkorb“ zwei charakteristische
Bekenntnisse Rubinstein’s: „Wenn man mich um meine
Meinung fragt, sage ich sie ganz unumwunden heraus, sie
mag auch den Betreffenden unangenehm berühren — un
aufgefordert aber sage ich meine Meinung nicht aus.“
Und zuletzt: „Ich bin öffentlich aufgetreten, so lange ich
gemerkt habe, daß ich vor dem Publicum besser spiele, als
zu Hause für mich allein; ich habe mich von der Oeffent
lichkeit zurückgezogen, seitdem ich gemerkt habe, daß ich zu
Hause für mich allein besser spiele, als vor dem Publicum.“
Mit diesen wenigen Stichproben begnügen wir uns
für heute. Es lohnt sich, in Rubinstein’s „Gedankenkorb“ zu
wühlen.