Denkmäler der Tonkunst in Oesterreich.
Der fünfte Jahrgang (1898) dieser unter der Patronanz des
Unterrichtsministeriums veranstalteten, von Professor Guido Adler
geleiteten Unternehmung liegt nunmehr vor. Er enthält zwei
Foliobände. Der eine Halbband bringt das erste Buch des soge
nannten „Choralis Constantinus“ von Heinrich Isaak, dem
Hofcomponisten Kaiser Maximilian’s I., welcher den Künstler auch
für diplomatische Missionen am Hofe der Medicäer in Florenz
verwendete. Isaak gilt in der Kunstgeschichte als ein Epochen
mann, der die strenge, herbe polyphone Schreibweise des fünf
zehnten Jahrhunderts zu dem schönen Style der A-Capellisten des
sechzehnten Jahrhunderts mit überleitete. Das erste Buch dieses
die Liturgie des ganzen Kirchenjahres umfassenden Werkes enthält
das Graduale in mehrstimmiger Bearbeitung für unbegleiteten
Gesang. In Partitur erscheint es zum erstenmale in den „Oester
reichischen Denkmälern“. Es ist ein Werk von eminenter kunst
historischer Bedeutung, dem aus der Epoche seines Entstehens kein
zweites zur Seite zu stellen ist. Isaak, ein geborener Niederländer,
beherrschte die Kunstmittel seiner Zeit mit souveräner Macht und
vermochte durch seine Beziehungen zur deutschen, italienischen und
französischen Kunst eine Universalität zu erreichen, in der nieder
ländische Satzkunst, italienische Anmuth und deutsche Gemüthstiefe
glücklich vereinigt sind. Die Neu-Edition wurde bearbeitet im
musikwissenschaftlichen Seminar der deutschen Universität in
Prag von den Herrn Professor Emil Bezecny und Dr. Walter
Rabl, bietet also alle Garantien wissenschaftlicher Genauigkeit.
Der zweite Halbband bringt Sonaten für Violine von Franz
Heinrich Biber, die 1681 in Kupfer gestochen erschienen. Biber,
ein gebürtiger Deutschböhme (geboren 1644 in Wartenberg, ge
storben 1701), stand 34 Jahre in Diensten des fürsterzbischöflichen
Hofes in Salzburg, vorerst als Musiker und Kammerdiener, dann
als Capellmeister und Truchseß. Vom Kaiser Leopold I. wurde er
mit dem Reichsadel ausgezeichnet; sein Wappen ist geziert mit
einem Biber, welcher in den Tatzen ein zusammengerolltes Partitur
buch hält. Die von Professor Dr. Guido Adler verfaßte Ein
leitung zur Ausgabe der Sonaten bietet eine auf neuen Quellen
forschungen basirte Monographie über Leben und Wirken dieses
großen Künstlers, der als erster Deutscher neben den auf dem Ge
biete der Violin-Composition damals herrschenden Franzosen und
Italienern die Anerkennung und Bewunderung der gebildeten
Kunstwelt sich errang. Professor Adler behandelt in eingehen
der Weise die kunsthistorische und technische Würdigung der So
naten und kommt zu dem Schlusse, daß dieselben in heutiger
Zeit als ein Reinigungsbad für die Componisten von Werken für
Solovioline dienen könnten. Sie werden Freunden gediegener
Kammermusik eine willkommene Bereicherung des Programms
bieten. Da der bezifferte Baß von Herrn Joseph Labor in dessen
bewährter feiner Stylempfindung ausgearbeitet ist, dürften die
Sonaten bald zum Hausschatze der Violinspieler gehören. Der
von der Verlagsfirma Artaria & Comp. beigegebenen Ueber
sicht über die bisherigen Publicationen der Denkmäler ist zu ent
nehmen, daß einzelne Bände zu einem gegenüber dem Subscriptions-
Betrage erhöhten Preise auch einzeln abgegeben werden. Mit
gerechtem Stolz können wir auf die „Oesterreichischen Denkmäler“ der
Tonkunst, die bisher in elf Foliobänden vorliegen, blicken und uns
der Anerkennung freuen, die denselben von reichsdeutscher Seite zu
Theil wird, umsomehr, da auf diesem Gebiete der Kunstwissen
schaft die vaterländische Arbeit in siegreiche Concurrenz getreten
ist. Die Förderung seitens des österreichischen Unterrichtsmini
steriums trägt hier reiche Früchte. Ed. H.