Ein Monument für
Brahms.
Ed. H. Eine zarte Frauenhand hat zu dem Brahms-
Denkmal den ersten Stein gelegt: Alice Barbi. Ihr
gestriges Concert war die erste werkthätige Kundgebung für
dieses edle Unternehmen. Brahms, so knorrig und unzu
gänglich er sich auch zeigen mochte gegen das schöne Ge
schlecht, das musicirende zumal, ist doch ein bevorzugter
Liebling der Frauen gewesen. Sie haben ihn lebenslang mit
zarter Sorgfalt umgeben, seine Musik tief ins Herz ge
schlossen und tapfer dafür gewirkt. Zwar ist er nicht wie in
Mainz der Minnesänger Frauenlob von Mädchen zur letzten
Ruhestatt getragen worden, aber Frauenhände und Frauen
lippen sind es doch vor Allen, die jetzt mit Sang und
Saitenspiel den Ruhm des todten Meisters verbreiten.
Blättern wir nur in den Wiener Concertprogrammen der
jüngsten Zeit. Da hat das Damenquartett Soldat-Röger
unter Mitwirkung von Fräulein Baumayer (mit dem
Kammer-Virtuosen Mühlfeld) das Clarinett-Quintett und
das Clarinett-Trio meisterhaft gespielt — zwei Spätwerke
von Brahms, deren erstgenanntes schöner, das zweite schwie
riger ist für Spieler und Hörer. Wie unter den Sänge
rinnen die Barbi, so schätzte Brahms unter den Pianistinnen
zuhöchst die Baumayer, unter den Geigerinnen die
Soldat als musikalisch denkende und empfindende Naturen.
Zwei neueste, rasch berühmte Sängerinnen aus der Fremde,
Camilla Landi und Marcella Pregi, schmückten ihre Concerte
mit Brahms’schen Liedern, obgleich das Deutsche ihnen nicht
an der Wiege gesungen ward. Fügen wir noch den Vortrag
der „Rhapsodie“ durch die Altistin Fräulein Walker
hinzu, Liederspenden von Frau Prasch-Passy, die
Clavierproductionen von Ilona Eibenschitz und Henriette
Hemala, so haben wir nur die allerjüngsten Damen
vorträge Brahms’scher Musik gestreift. Auch in den letzten
Programmen unserer Kammermusiker — zuletzt das schöne
F-dur-Quintett bei Rosé — und unserer Orchester-
Concerte behauptete Brahms einen vorragenden Platz.
Hans Richter hat die „Philharmonischen Concerte“
mit der F-dur-Symphonie eröffnet, mit der hinreißend ge
spielten „Akademischen Ouvertüre“ beschlossen. Letztere ward
seinerzeit von einigen Widersachern zu dem mißlungenen Ver
suche benützt, Brahms, den Gegner aller Programm-Musik,
einer Inconsequenz zu zeihen. Die Akademische Ouvertüre ist
aber nichts weniger als Programm-Musik; sie erzählt keinen
Vorgang, noch schildert sie Gemüthsbewegungen, die einer
Worterklärung bedürften. Als eine Dank- und Gelegenheits-
Musik für das von der Königsberger Universität empfangene
Ehrendoctorat hat Brahms diese Ouvertüre mit einigen
allbekannten Studentenliedern durchflochten; sie erklingen
hier als natürliche, man darf sagen nothwendige Citate.
Es verhält sich damit genau so wie mit Weber’s „Jubel-
Ouvertüre“, welche, eine Huldigung für den König von
Sachsen, mit der Volkshymne „Heil dir im Siegerkranz“
schließt; wie mit Schumann’s Ouvertüre zu „Hermann
und Dorothea“ und der darin anklingenden Marseillaise; wie
mit Haydn’s „Gott erhalte“ in dem Kaiserquartett, oder
mit Dvořak’s Ouvertüre „Mein Heim“, welche zwei
patriotisch-böhmische Volkslieder citirt und durchführt. Nur
Director v. Perger, der so schöne Worte am Grabe des
Meisters gesprochen, unterließ es leider, eines der Gesell
schafts-Concerte mit Chören oder Vocalquartetten von
Brahms zu schmücken.
Und das Ausland? Die Programme jeder größeren
oder mittleren Stadt Deutschlands bezeugen, wie fest und
immer fester Brahms im Herzen der Nation sich angesiedelt
hat. Von außerdeutschen Ländern scheinen ihn zumeist Eng
land, Holland und Nordamerika zu pflegen, neuestens auch
Skandinavien; Frankreich und Italien wenigstens auf dem
Gebiete der Kammermusik. Interessant ist ein Programm
aus Lausanne, wo vor vier Wochen ein eigenes Concert
„à la mémoire de J. Brahms“ stattgefunden hat mit der
Zweiten Symphonie und dem Clavier-Concert in D-moll an
der Spitze.
Einmal in Statistisches hineingerathen, gedenken wir
gerne in Kürze auch der neuesten Brahms-Literatur. In
einem früheren Feuilleton haben wir bereits das reich
illustrirte Buch von H. Reimann besprochen, ferner die
bei Bechhold in Frankfurt erschienenen „Erläuterungen
Brahms’scher Werke“, die von Simrock herausgegebenen
„Brahms-Texte“, sowie dessen Supplement zu dem „Thema
tischen Katalog“. Die ursprünglich in der „Deutschen Rund
schau“ erschienenen fesselnden „Erinnerungen an Brahms“
von V. Widmann liegen jetzt als selbstständiges Buch
(Paetel’s Verlag in Berlin) vor uns, das allen Freunden
des Meisters warm empfohlen sei. Auch Brahms’ lang
jähriger Freund, Geheimrath Deiters in Coblenz, hat sich
neuerdings wieder vernehmen lassen. Sein Aufsatz über Brahms
erhob sich in der von Breitkopf & Härtel herausgegebenen
„Sammlung musikalischer Vorträge“ als einer der werthvollsten;
im Jahre 1880 erschienen, reichte derselbe nur bis zur „Akademi
schen Ouvertüre“ op. 80. Nun hat der geehrte Verfasser seine
Arbeit durch ein zweites Heft vervollständigt, welches das
Leben und Schaffen Brahms’ vom Jahre 1880 an bis ans
Ende behandelt. Diese zweite Hälfte von Deiters’ Mono
graphie ist mit derselben philologischen Sorgfalt und Voll
ständigkeit, derselben eindringenden Kenntniß und fast unbe
grenzten Liebe für Brahms, den Menschen und Künstler,
geschrieben wie die erste. Viel Neues und Anziehendes ent
halten die in der „Gegenwart“ veröffentlichten „Erinnerungen
an Brahms“ von Klaus Groth. Dem berühmten
Dichter des „Quickborn“ war Brahms durch jahrelange
innige Freundschaft verbunden, obendrein durch Landsmann
schaft. Brahms’ Großvater und der Großvater von Klaus
Groth haben in dem dithmarschen Flecken Heide in Einer
Häuserreihe gewohnt. Klaus Groth erinnert sich, wie sein
Vater eines Morgens am Kaffeetische von dem plötzlich auf
getauchten jungen Musiker in Hamburg vorlas. „Das muß
der Sohn sein von meinem Schulkameraden Johann Brahms;
der entlief dem Alten aus Leidenschaft für die Musik.“
Unser Johannes Brahms hat die Geschichte, wie sein
Vater Musiker geworden, mit folgenden Worten ergänzt:
„Aus reiner Leidenschaft zur Musik ist er zweimal dem
elterlichen Hause entlaufen zum nächsten Stadtmusikus; erst das
drittemal wurde er mit Segen, Bettzeug und Uebrigen entlassen.
(Ich kann meine Leidenschaft zur Musik nicht so gut beweisen!)
Klaus Groth machte Brahms’ persönliche Bekanntschaft 1856
in Düsseldorf; da ärgerte er sich, als Brahms, in einer
Gesellschaft ans Clavier gebeten, nur Schubert’sche Tänze
spielte. Erst nach seiner Verheiratung gerieth Klaus Groth
tiefer hinein in die Musik, indem er fast jeden Abend mit
seiner Frau vierhändig spielte. Da kamen sie auch einmal
auf das B-dur-Sextett von Brahms. „Als wir das Werk
durchgenommen hatten, sagte ich: So, Kind, ein Mann, der
das geschrieben hat, kann nichts Unbedeutendes machen.
Von nun an studiren wir Alles von Brahms, was uns
sonstweg paßt, so lange bis wir es verstehen.“ Schwer fielen
ihm zunächst die größeren Gesänge, beispielsweise die
Magelonenlieder. Groth hörte seine Frau oft ein und das
selbe Lied zehn-, zwanzigmal allmälig üben. Sie ließ nicht
nach und er nicht, und so allmälig drang es durch, zuletzt
bis zum Entzücken. Er erfand dafür den Ausdruck: „Zuerst
geht es in die Wildniß, man erkennt nichts; dann merkt
man, es ist ein Fußpfad; endlich erstaunt man: es ist ja
eine neue große Straße ins ferne Land der Poesie.“ Die
Erzählungen des (jetzt 79jährigen) Dichters schließen mit
dem Bekenntnisse: „Die Musik bringt mir noch den ein
zigen Sonnenschein, und wenn Brahms etwas von mir
componirt, so empfinde ich das immer wie die Verleihung
eines Verdienstordens.“
Von Brahms’ wiederholtem Aufenthalt in der Schweiz
lesen wir manches Interessante in dem „Neujahrsblatt der
Allgemeinen Musikgesellschaft in Zürich“. Musik
director F. Hegar citirt da einige sehr charakteristische Aus
sprüche über moderne Componisten, wie wir sie überein
stimmend auch aus Brahms’ eigenem Munde vernommen
haben. Als Bülow sich mit Geringschätzung über
Verdi’sRequiem geäußert hatte, ging Brahms zum
Musikhändler Hugs, ließ sich den Clavierauszug geben und
las ihn durch. Dann sagte er: „Bülow hat sich unsterblich
blamirt; so etwas kann nur ein Genie schreiben.“ Als ein
Freund mit etwas herablassender Geringschätzung über
Mendelssohn sprach, ließ Brahms ihn ruhig ausreden
und meinte dann: „Ja, ja, Mendelssohn ist der letzte große
Meister gewesen.“ Daß Brahms für Strauß’sche Walzer
schwärmte und für Bizet’s „Carmen“, ist bekannt.
Nach dieser längeren Abschweifung, welche der Leser
um des Gegenstandes willen verzeihen wird, kehren wir
zurück zu dem Concert der Alice Barbi. Auf das
schönste hat die berühmte Künstlerin damit ihre Verehrung
für Brahms öffentlich bezeugt — ein Gefühl, das er auf
richtig erwiderte. Er schätzte die Barbi zuhöchst unter den
Liedersängerinnen und ließ zu einer Zeit, da er nicht mehr
gerne öffentlich auftrat, sich nicht nehmen, sie in einem
ihrer letzten Concerte selbst zu accompagniren. Alice Barbi
hat, seit ihre Verheiratung sie von der Oeffentlichkeit fern
gehalten, nichts eingebüßt von dem sympathisch seelenvollen
Klang ihrer Stimme, nichts von dem geläuterten Kunst
geschmack und der sich unmittelbar mittheilenden innigen
Empfindung. Sie bot uns einen vollen Strauß Brahms’
scher Lieder in sinniger Auswahl und Abwechslung. Von
dem dunklen Grund schmerzlicher Resignation („Immer leiser
wird mein Schlummer“) oder der aufgewühlten Leidenschaft
(„Nicht mehr zu dir zu kommen“) hoben sich wie hellfarbige
Blumen das schalkhafte „Mädchenlied“, „Therese“, „Vergebliches
Ständchen“ und das „Rheinische Volkslied“. Die selige Stille
der „Mondnacht“ und der „Feldeinsamkeit“ wich dem beglückten
Aufjauchzen „Meine Liebe ist grün!“ Für all diese wechseln
den Stimmungen, heitere wie traurige, besitzt Alice Barbi
die entsprechenden Töne und, man darf hinzusetzen, Mienen.
Denn ohne die leiseste dramatische Action spiegelt ihr edles,
bewegliches Antlitz die wechselnden Empfindungen jedes
Liedes wider. Als die schönsten Beispiele möchte ich das er
schütternde „Immer leiser“ und das naive „Vergebliche
Ständchen“ hervorheben — als Beispiele ihrer Kunst, nicht
als Vorbilder für Andere. Läßt sich doch das Eigenthümlichste
dieses Zaubers nicht von jeder beliebigen Sängerin erlernen
oder nachahmen; dazu gehört außer der Intelligenz, Em
pfindung und Technik der Barbi auch ihr Gesicht mit seiner
wunderbar mitspielender Beredsamkeit und dem sprechenden
schönen Auge. Von dem glänzenden äußeren Erfolg des
Concertes haben wir bereits in Kürze berichtet. So hat
denn die liebenswürdige und geniale Sängerin das Wiener
Publicum heuer ebenso stark, ja noch stärker gefesselt
und entzückt, als bei ihrem ersten Erscheinen vor neun
Jahren.
Gewiß wird das schöne Beispiel der Barbi bald Nach
eiferung wecken und die Errichtung des Monumentes mächtig
fördern. Wir denken uns dasselbe am liebsten in den An
lagen vor der Karlskirche, also zunächst dem Hause, welches
Brahms durch so viele Jahre bewohnt hat bis an sein Ende.
Längst war dieses Vorhaben von den Freunden geplant; die
Vorbereitungen jedoch wurden durch die leidigen politischen
und materiellen Zustände bis jetzt verzögert. Erst vor
Kurzem konnte das Wiener Denkmal-Comité unter dem
Vorsitze von Bezecny und Dumba sich constituiren und einen
Aufruf erlassen. Zu den Unterschriften wird demnächst
noch eine große Zahl von Namen auswärtiger Freunde und
Verehrer Brahms’ hinzukommen, deren Zusage und thätige
Mitwirkung gesichert erscheint. Der Tod Brahms’ ist als
ein unersetzlicher Verlust überall so schmerzlich beklagt worden,
daß an dem Gelingen des Werkes nicht zu zweifeln ist. Künstlerisch
hat diese allgemeine Theilnahme sich in den zahlreichen
großen Brahms-Aufführungen documentirt, mit welchen in
diesem Jahreslaufe alle Musikstädte sich beeifert haben.
Persönlich stand er den Wienern am nächsten. Mit
Recht heißt es in Max Kalbeck’s beredtem Aufrufe:
„Nirgends ist der unersetzliche Verlust des edlen Künstlers
tiefer empfunden, heißer beweint, nachhaltiger betrauert
worden, als in Wien. Johannes Brahms selbst verlieh den
Wienern ein eigenes Vorrecht der Trauer. Er hat an der
schönen Stadt und ihren freundlichen Bewohnern mit der
Zärtlichkeit gehangen, mit der man sonst nur die Vaterstadt
liebt, und er ist dieser Zuneigung treu geblieben bis in den
Tod. Aber ein Brahms-Denkmal in Wien kann keine auf
den Bannkreis der Stadt beschränkte, keine von den Grenzen
des Landes umschriebene Angelegenheit bleiben; es muß zur
allgemeinen Sache aller dankbaren Musikfreunde gemacht
werden!“
Diese Worte werden nicht wirkungslos verklingen.
Tausende, die Brahms mit seinen Tondichtungen gerührt,
beglückt, erhoben hat, werden, nachgezogen von der voran
klingenden Silberstimme Alice Barbi’s, sich zusammenschaaren,
um die Gestalt des geliebten Todten in Marmor uns wieder
aufleben zu lassen!