Sie dürfen: Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten
Bearbeiten — das Material remixen, verändern und darauf aufbauen und zwar für beliebige Zwecke, sogar kommerziell.
Der Lizenzgeber kann diese Freiheiten nicht widerrufen solange Sie sich an die Lizenzbedingungen halten. Unter folgenden Bedingungen:
Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.
Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.
Hinweise:
Sie müssen sich nicht an diese Lizenz halten hinsichtlich solcher Teile des Materials, die gemeinfrei sind, oder soweit Ihre Nutzungshandlungen durch Ausnahmen und Schranken des Urheberrechts gedeckt sind.
Es werden keine Garantien gegeben und auch keine Gewähr geleistet. Die Lizenz verschafft Ihnen möglicherweise nicht alle Erlaubnisse, die Sie für die jeweilige Nutzung brauchen. Es können beispielsweise andere Rechte wie Persönlichkeits- undDatenschutzrechte zu beachten sein, die Ihre Nutzung des Materials entsprechend beschränken.
Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Es war im Frühling des Revolutionsjahres,
als ich in sanften Rigorosumsschmerzen den Professor
aufsuchte. Er geleitete eben mit auffallend respectvoller Wärme
einen blutjungen, blonden, schmächtigen Studenten durch den
ganzen Vorsaal bis zur Thür. „Wer war das?“ fragte
ich. „Ja, kennen Sie denn den genialen Unger nicht?“
Noch nicht dreißigjährig, war er ordentlicher Pro
fessor an der
Nicht viel später Minister und Führer der liberalen Partei
im Herrenhause. Fremde, welche ihn in dieser Stellung auf
suchten, argwöhnten anfangs einen Irrthum in der Person,
wenn sie die jugendlich schlanke, bewegliche Figur, mit dem
von langem dichten Blondhaar eingerahmten zarten Gesicht
erblickten.
Im Allgemeinen liebe ich es nicht sehr, wenn meine
besten Freunde Minister werden. Glückwünschend, bewun
dernd folgen unsere Blicke dem kerzengerade aufsteigenden
Luftschiffer. Aber je rascher und höher er steigt, desto weiter
entfernt er sich von uns, und je länger er oben verweilt,
desto mehr verschwimmen ihm die Züge der Untenstehenden.
Das ist so selbstverständlich und einleuchtend. Ueber einen
Naturproceß wird Niemand klagen, wenn auch das Körnchen
Egoismus, das jeder Liebe anhängt, sich nicht gleich ab
schütteln läßt. Als Minister hat sich
in seiner freundschaftlichen Gesinnung und Umgangsform.
Auch ist er bei dem guten Geschmack geblieben, die Er
hebung in den Adelsstand abzulehnen. Wie seine Collegen
mochte er den Tropfen demokratischen Oels, mit dem er in
die Welt getreten, sich nicht mit einer Freiherrnkrone weg
wischen lassen. Ich habe
aufrichtig gefunden, so oft wir irgendwo zusammentrafen;
nur die Gelegenheit, sich zu treffen, wurde immer seltener.
Wer bleibend eintritt in die höchsten officiellen, gesellschaft
lichen und höfischen Kreise, muß durch neue Pflichten und
Rechte allmälig abgedrängt werden von seinem früheren
Verkehr. So tauchen denn heute, da ich im Geiste inniger
als je den alten Freund umarme, meine Erinnerungen am
liebsten zurück zu den Tagen unserer gemeinsamen Jugend.
Mein erster längerer Verkehr mit
sich auf einer gemeinschaftlichen Reise nach Berlin im
Jahren habe ich bereits an anderer Stelle davon erzählt;
doch darf ich am heutigen Festtage mir einige Reminiscen
zen wol vergönnen. Wir Beide wohnten in
Einem Zimmer des „Hôtel de Petersbourg“ und besuchten
gemeinschaftlich alle Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Nur
unsere Besuche führten uns verschiedene Wege: ihn nach
der juristischen, mich nach der musikalischen Seite. Da gab
es manche lustige Neckerei, wenn gleichzeitig vor unserem
Hotel für Savigny und für mich die
eleganten Saal („bei Mäder“) so gut wie allein. „Wer nie
sein Brot mit Thränen aß,“ so scherzte
wenn er, in seinen Plaid gewickelt, beim Frühstück den
„Vergnügungsanzeiger“ studirte, in welchem Anpreisungen
von schmerzlosen Zahnoperationen u. dgl. den größten Raum
einnahmen. Einen gemeinschaftlichen Besuch machten wir
dem Schriftsteller Adolph Stahr und seiner Gattin Fanny
Nach vierzehn Tagen verließ ich
zum
Tage länger, seiner harrte noch ein großes Diner, mit
welchem, auf
lichen Gesetzbuches für Sachsen
war ich auf meinen jüngeren Reisekameraden! Erst 26 Jahre
alt, zählte
Begabung stieg überraschend schnell und glänzend wie ein
Meteor in die Höhe — gottlob, nicht um zu erlöschen. Im
Gegentheil, sein großes Werk über das Privatrecht und seine
parlamentarischen Leistungen kamen jetzt erst an die Reihe.
Eine gemeinschaftliche Reise pflegt schneller und fester
zu verbinden, als jahrelanges, ununterbrochenes Neben
einandergehen im Gewühle der Großstadt. So wirkte denn
unsere
nach. Einige gesellige Mittelpunkte, die über das
Fünfziger- und Sechziger-Jahre ein warmes Licht verbreitet
haben, führen uns häufig zusammen. Es geschah dies haupt
sächlich in den Salons der Familien Todesco,
Noch eine verborgen blühende Specialität
fesselte mich an ihm: sein musikalisches Talent. Hat er
überhaupt irgend ein Talent nicht besessen, ganz und gar
nicht? Ich glaube,
Bildhauer, ein berühmter Balletmeister oder Bischof ge
worden, wenn er sich’s vorgenommen und Passion dafür
gehabt hätte. Mußte er doch als Knabe sich eines Tages
vor Liszt produciren, der ihm eine glänzende Virtuosen
Es steht mir nicht zu,
zu rühmen. Doch konnte ich gleichsam im Vorübergehen
mitunter einen Atemzug seiner geistigen Arbeit beobachten,
welcher so außerordentliche Resultate mir mit erklären half.
Zum Durchlesen irgend eines interessanten Buches, das ich
ihm lieh, bedurfte
anderer Vormittage. Er schien immer zwei Druckseiten auf
Einmal zu überfliegen. Es war ein sehr schnelles und doch kein
oberflächliches Lesen. Nur durch die Gabe einer so raschen
und zugleich energischen Apperception konnte
unglaublichen Belesenheit gelangen in den verschiedensten
Fächern aller Literaturen. Nicht minder erstaunlich als diese
Aufnahmsfähigkeit war die spontane Gewalt seines Produ
cirens. Ich besuchte ihn eines Morgens in seiner Jung
gesellenwohnung im Münzamte, als er eben ein Capitel
seines epochemachenden Werkes über das Privatrecht dictirte.
Jeden Morgen hatte der Copist zur bestimmten Zeit einzu
treffen; ein Stündchen vorher hatte
überdacht, und nun dictirte er aus dem Kopf ganze Capitel
seines grundlegenden Werkes. Es klang wie eine Improvi
sation und konnte doch sofort in die Druckerei abgehen,
nachdem
seiner kleinen nadelspitzen Schrift eigenhändig unter den
Text geschrieben. Wie durchschauerte es mich, wenn er Hieb
auf Hieb gegen gewisse „verpfuschte“ Partien unseres
gemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches
Verehrung ich auferzogen war.
Es ist begreiflich, daß so stürmische Schaffenskraft nicht
ewig sich in gleicher Fülle und Stetigkeit ergießen kann.
verlangt. Die Vorsicht gebot, den Strom doch allmälig zu
stauen. Seit zwanzig Jahren ist
Arbeit hervorgetreten. Wer aber seine im Herrenhause gehaltenen
Reden aus dieser Zeit, wer die geist- und herzvollen, form
vollendeten Nachrufe liest, die
Freunden Julius Glaser und Adolph