Neue Bücher über
Liszt und
Wagner.
Ed. H. Fr. David Strauß in seiner Biographie
Ulrich’s von Hutten und Friedrich Vischer in seiner Kritik
dieses Buches haben gezeigt, daß ein Biograph, bei aller
Wärme für seinen Helden, doch nicht blindlings und kopf
los in ihm aufgehen dürfe. Er müsse mit ruhigem Blute und
weiser „Ironie“ über seinem Gegenstand stehen. Gegen
dieses Gesetz verstoßen zumeist die Musiker-Biographen;
nicht die älteren, wie Otto Jahn, Thayer, Max
v. Weber, wol aber die neuesten. Wenn wir be
haupten, daß Liszt und Wagner von ihren Biographen
zu Halbgöttern erhoben werden, so sagen wir wirk
lich nur die halbe Wahrheit. Die Vergötterung ar
beitet natürlich am handgreiflichsten nach der Seite hin,
wo der Held sie am nöthigsten hat. Also bei Wagner nach
der rein menschlichen, bei Liszt nach der schöpferischen.
Wagner’s Ruhm als Tondichter ist zu selbstbegründet, als
daß seine Vertheidigung heute eines besonderen Kraftauf
wandes bedürfte; dafür wird die Schönfärberei seines Charak
ters mit heuchlerischer Emsigkeit betrieben und Wagner als der
uneigennützigste Mensch, der hilfreichste College, der treueste
Gatte, der verläßlichste Freund geschildert. Die Liszt-Biographen
arbeiten in entgegengesetzter Richtung. An Liszt’s edlem
Charakter nagt kein Zweifel; wer je mit ihm persönlich oder
auch nur mit seinen gesammelten Briefen verkehrt hat, der
kennt und verehrt ihn als stets hilfreichen, selbstlosen, warm
herzigen Menschen. Da muß denn in der Vergötterungs-
Biographie die andere Wagschale ausreichend belastet und
Liszt als einer der größten Tondichter aller Zeiten dar
gestellt werden. Dahin strebt unter Anderm das neueste von
Herrn Ed. Reuß verfaßte Buch.
„Franz Liszt.“ Ein Lebensbild von Eduard Reuß.
Fünfter Band des Sammelwerkes „Männer der Zeit“. Dresden und
Leipzig, 1898.
Thatsächlich Neues
haben wir nicht daraus erfahren. Ueber Liszt’s Lebensgang,
insbesondere seine glorreiche Virtuosen-Laufbahn, benützt der
Verfasser die bekannten Quellen; aus Eigenem spendet er
uns seine schrankenlose Bewunderung der Liszt’schen Com
positionen. Das ist sein gutes Recht, so lange er nur seine persön
liche Meinung äußert. Aber ungerecht und obendrein geschmacklos
ist es, wenn er in Bausch und Bogen jede abweichende An
sicht über Liszt’s Compositionen als Bornirtheit und ge
hässige Parteilichkeit brandmarkt. Gleich in dem Vorwort
schlägt er einen gereizt polemischen Ton an und klagt, daß
Liszt’s edelste Absichten verkannt, sein hochbedeutendes
Schaffen verhöhnt werden. Ich weiß nicht, worauf gerade
Herr Reuß den Anspruch auf Unfehlbarkeit gründet, gegen
über Männern wie Ferdinand Hiller, Ehlert, Hauptmann, Otto
Jahn, Fr. Hinrichs und so vielen Anderen, welche persön
liche Freunde und Verehrer des Componisten, aber nicht
seiner Compositionen waren. Es ist unsinnig, da von Neid
und Feindseligkeit zu sprechen. Kaum hat je ein Künstler
so günstiges Vorurtheil, so enthusiastische Sympathie für
sich gehabt wie Franz Liszt, da er nach seiner unvergleich
lichen Virtuosen-Laufbahn mit großen Orchester- und Chor
werken hervortrat. Alle Concertvereine beeilten sich, dieselben
würdig aufzuführen; das Publicum, überall nur aus Be
wunderern Liszt’s bestehend, lauschte ihnen mit froher Er
wartung. Wenn gleichwol die Compositionen des all
gemeinen Lieblings nur laue Aufnahme fanden und trotz
der „Liszt-Vereine“ immer seltener auf den Programmen
erschienen, so muß die Schuld doch nicht allein an dem
Publicum und der Kritik gelegen haben.
Sehr irrthümlich rechnet es Herr Reuß zu den beson
deren Verdiensten Liszt’s, daß er „für die Compositionen
Chopin’s und Schumann’s, die noch kaum dem Namen nach
bekannt waren (!), gewirkt und diese damit vor dem Fluche
des Verkanntwerdens zu ihren Lebzeiten bewahrt habe“.
Chopin hat für seinen Ruhm am besten selbst gesorgt, und
was Schumann betrifft, so ist er von Liszt total ignorirt
worden. Das hat Liszt selbst mit rühmenswerther Auf
richtigkeit öffentlich und reuig einbekannt. Ebenso falsch ist
Reuß’ Behauptung, daß gleich anfangs „alle europäischen
Concertthüren sich vor Liszt’s Werken verschlossen haben, weil
seine bisherigen guten Freunde, denen er zu groß ge
worden, gegen ihn auftraten“.
Die Bewunderung des Verfassers beginnt natürlich
gleich bei Liszt’s Opus 1 (den 24 Etuden) und steigert sich
mächtig bei den „Apparitions“, deren dritte Nummer bekanntlich
einem köstlichen Walzer von Schubert ihren Reiz ver
dankt. „Wol haben die Raben, die Eulen und die Geier“
(Reuß möchte auch den milden Schumann dazu zählen)
„Liszt umkreist und mit gieriger Wuth auf seine Vernich
tung gewartet, aber aus dem Staube, in dem er wie einst
Mazeppa niederstürzen sollte, hat er sich erhoben als
König u. s. w.“ Natürlich muß Herr Reuß auch einen
Stein auf die unglückliche Gräfin d’Agoult werfen, wie
dies bei den hypnotisirten Liszt-Anbetern Mode geworden.
Von ihr, die Alles verlassen hat, um in leidenschaftlicher
Hingebung Liszt zu folgen, heißt es: „Sie verstand ihm durch
ihr melancholisches Wesen eine Schlinge zu legen, in die er
hineingerathen mußte. Liszt’s Zurückhaltung reizte die Gräfin,
diesen Eroberer der ganzen Kunstwelt zu ihren Füßen zu
haben.“
Liszt hat für seine Concertvorträge virtuose Clavier
stücke geschrieben, die man effectvoll, glänzend, interessant
nennen kann, denen aber kein Einsichtsvoller eine bleibende
hohe Bedeutung zuspricht. Um die große Mehrzahl derselben
kümmert sich thatsächlich kein Mensch mehr, seitdem sie nicht
mehr Liszt selber spielt. Aber welchen Opferrauch entzündet
Herr Reuß vor der Robert-Phantasie! Nicht Meyerbeer,
sondern erst Liszt habe den Themen ihre richtige tiefe Be
deutung gegeben und den ganzen dämonischen Zauber her
vorgerufen, den der Robert selbst nicht enthält. Der Ver
fasser entdeckt darin „ein Meisterstück contrapunktischer Kunst,
wie ein solches die größten Contrapunktiker
nicht besser geschrieben haben“. Und dieser blindbegeisterte
Liszt-Schwärmer klagt (S. 30) über „die blinde Begeisterung
Otto Jahn’s für Mozart“.
Sprichwörtlich war der ans Kindische grenzende
Liszt-Enthusiasmus der Berliner im Jahre 1842. Diese
tolle Schwärmerei mußte endlich einen Rückschlag erfahren
und von dem ruhigeren Theile der Presse belächelt werden.
Nach Herrn Reuß hat diese Presse, welche den Berlinern
ihre warmen Gefühle für Liszt zuletzt verleidete, sich einen
unheilvollen Fehler zu Schulden kommen lassen. Sie vereitelte,
daß Berlin der Ausgangspunkt für die Entwicklung der
Musik in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts geworden
ist.“ Dieser Ausspruch ist bezeichnend für die geschichtliche
Auffassung des Herrn Reuß. Nach seiner Begeisterung über
Liszt’s Clavierstücke kann man sich ungefähr ausmalen, welches
Delirium den Autor angesichts der symphonischen Dichtungen
befällt. Man lese den Abschnitt über die Faust-Symphonie
und speciell über den dritten Satz, den „Mephisto“, welcher
die Themen Faust’s und Gretchen’s höhnisch verunstaltet —
ein unmusikalisches, widermusikalisches Verfahren, wenn es
je eines gab. Dieser dritte Satz bildet nach E. Reuß
„nicht blos ein, sondern das Meisterwerk musikalischer
Charakterzeichnung; es gibt kein anderes, das ihm
an die Seite gestellt werden könnte“. Selbstverständlich kann
Herr Reuß sich nicht entgehen lassen, neben Liszt’s
Symphonie „die als Ganzes und namentlich im Schlußchor
ganz verfehlte Faust-MusikSchumann’s“ zu
verwerfen. Gounod’sFaust vollends habe „noch viel
schlimmeres Unheil als der Schumann’sche angerichtet“.
Auch Hans v. Bülow, der doch mehr als irgend
ein anderer Künstler für die Verbreitung Liszt’scher Com
positionen gethan, bekommt am Ende des Buches noch eine
schlechte Note, „weil er, anstatt seine Stellung in Hannover
zu benützen, um seine alten Glaubenssätze weiter zu ver
kündigen, den verglimmenden Funken der Brahms-
Verehrung zu einer neuen Flamme angefacht hat“. Herr
Reuß bezweifelt sogar, daß Bülow’s Eintreten für Brahms
ganz ehrlich und aufrichtig gemeint war. Wer auch nur
einige von Bülow’s intimen Briefen an Brahms und über
Brahms gelesen hat, könnte den Verfasser über diesen
Punkt vollständig beruhigen. Die Wendung vom Liszt-Cultus
zu Brahms ist nur zu leicht erklärlich. Umgekehrt wird
man aber schwerlich einen hervorragenden Musiker citiren
können, der von Brahms sich zu Liszt bekehrt hat.
Wenden wir uns von dem jüngsten Liszt-Schwärmer
zu dem neuesten Wagner-Enthusiasten. Die hellen Trompeten
stöße, mit welchen Mr. Téodor de Wyzewa
Téodor de Wyzewa, „Beethoven et Wagner“. (Paris,
1898. Librairie académique.)
seine
lange Abhandlung eröffnet, gelten aber nicht Wagner, sondern
dessen Biographen und Ausleger Herrn Houston Cham
berlain. Die beiden ersten Capitel sind gänzlich der Ver
herrlichung Chamberlain’s gewidmet. Das erspart uns
eigentlich, weiter zu lesen, was Mr. de Wyzewa selbst über
Wagner vorbringen werde. Der Pole und der Engländer,
sie sind Eins in grenzenloser Anbetung Wagner’s. In
Auerbach’s Keller, Leipzig1884, treffen sich die beiden
Bayreuthpilger, zehn Jahre bevor Chamberlain nach Wy
zewa’s Versicherung „in ganz Europa der unbestrittene Meister
der Wagner-Literatur geworden“. Chamberlain’s Buch „Le
drame Wagnérien“ sei nach Jahresfrist bereits classisch
geworden in Deutschland und habe alle anderen Werke
über Wagner überflüssig gemacht. (Armer Glasenapp!)
„Wenn ihr Wagner’s Werke nicht kennt, Chamberlain allein
wird sie euch kennen lernen; und wenn ihr sie schon kennt, so
wird Chamberlain eure Kenntniß vollenden.“ Natürlich feiert
der Verfasser den „Tristan“-Componisten als specifischen
Dramatiker. Allein in welche Widersprüche geräth ein
dilettantischer Schwärmer! Wyzewa gesteht (pag. 125), daß
eine Beethoven’sche Sonate — von einer Mozart’schen Oper
oder von „Fidelio“ ganz zu schweigen — ihm einen stärkeren
dramatischen Effect macht, als die „Meistersinger“!
Er findet in jenen „mehr wahres Leben und tiefere Leiden
schaft“. Im nächsten Capitel bespricht der Verehrer Chamber
lain’s dessen zweites Buch: „Richard Wagner. 1896“, ein
wahres Festgeschenk mit ebensoviel Illustrationen als Text
und zwanzig Wagner-Porträts. Vergleicht man die früheren
Wagner-Bildnisse Lenbach’s von 1874 mit den letzten von
1883, so werde man inne, „daß der Held ein Gott
geworden“. Wenn aber Wagner ein Gott ist,
so versteht es sich von selbst, daß seine Jünger
Heilige werden. Also zum Beispiel Herr v. Wolzogen,
welchem ein eigenes Capitel gewidmet ist. „Wolzogen nimmt
in der Wagner’schen Kirche eine ähnliche Stelle ein, wie der
auferweckte Lazarus in der ersten Kirche Jesu. Er ist das
lebende Zeugniß für das Wunder. Von Wagner ist er
erweckt worden, nicht vom Tode, aber aus der schlim
meren Finsterniß des Anti-Wagnerismus. Er stand
auf, wanderte gegen Bayreuth, und den ganzen Weg ent
lang pries er den neuen Gott, der ihn gerufen. Seine Eltern,
seine Jugendfreunde, sogar die Philologie hat er verlassen,
um sich in Bayreuth neben Wagner’s Hause anzusiedeln.
Da wurde er des Meisters getreuer Apostel und rief dessen
vegetarianische Lehre ins wirkliche Leben.“ (Das heißt: er
nährte sich und seine Mitapostel von Gemüse, während der
Meister unentwegt bis an sein Ende Fleisch aß.) „Wolzogen
rührt sich nicht weg von Bayreuth, so völlig versunken ist
er in den Cultus seines Heilands!“ Das ist ja Alles
höchst erbaulich. Aber einige Zweifel streichen dennoch über
Herrn Wyzewa’s Glauben an den ewigen Bestand seiner
Kirche. Er klagt, daß die Adepten der Wagner’schen Kirche,
Herr v. Wolzogen mag thun, was er will, von Tag zu
Tag seltener werden. Schon bilden die Nordamerikaner die
Majorität in Bayreuth, bald werden es die Südamerikaner,
und schließlich wird der reine Thor vor einem Parterre von
Negern singen!
Aus Wolzogen’s Buch citirt der Verfasser einen höchst
auffallenden Ausspruch Wagner’s: „Ich bin in der In
strumentirung ein Reactionär; ich gehe nicht weiter als
Beethoven.“ Sollte Wagner wirklich so gesprochen haben, so
sind seine Worte durch die That widerlegt. Man denke nur
an das Orchester des Walkürenrittes, des Feuerzaubers, an die
sechs Harfen im Rheingold, an die von Wagner eingeführten
Tuben u. s. w. Kein Vernünftiger wird ihm daraus einen
Vorwurf machen; eine fortgeschrittene Zeit braucht größere
Mittel und eine complicirtere Technik. Wenn Wagner blen
dende dramatische Wirkungen, wie den „Feuerzauber“ er
reichen wollte, so konnte er nicht bei Beethoven’s Orchester
stehen bleiben. Entscheidend ist, daß er den gewollten über
wältigenden Effect wirklich erreicht hat mit den neuen Mitteln.
Auch Mozart ist über die Gluck’sche Instrumentirung, Beet
hoven über Haydn’s weit hinausgegangen. Ebenso Wagner
über das Orchester nicht blos Beethoven’s, sondern sogar
über das von Berlioz.
Das Interessanteste an dem Buche unseres Wagner-
Schwärmers ist das Schlußcapitel, ein Hymnus auf —
Mozart! Im Jahre 1897 (das Datum ist wichtig) hält
er in Paris einen Vortrag und eröffnet ihn mit dem Be
kenntniß, er sei in der Musik, in der Malerei und ein wenig
auch in der Literatur „profondément, passionnément,
réactionnaire“. Nicht als ob er theoretisch die Ver
dienste der gegenwärtigen Musik leugnen wolle; aber er
habe für die neuen Bestrebungen alles Interesse verloren;
selbst Wagner übe nicht mehr auf ihn die frühere starke
Wirkung. „Die Nervositäten Tristan’s und Isoldens rühren
mich nicht mehr wie einst, noch mag ich mir durch vier
Abende hintereinander von zehn Personen die Geschichte von
einem Ring, zwei Zwergen und einem großen Schloß er
zählen lassen. Was mich heute noch an Wagner’s Musik
rührt, das ist eigentlich die Erinnerung an meine eigene
Jugend, an 10, 15 Jahre meines Lebens, in welchen
Wagner mich entzückt hat. Noch vor wenigen Wochen
war ich in Bayreuth. Gleich vielen von den
früheren Freunden fühlte ich mich dort enttäuscht, obwol die
Sänger und das Orchester ebenso gut waren wie früher.
Woran lag die Schuld? Ich habe mich in classische Musik
vertieft und bin jetzt unfähig, eine andere zu lieben.
Mozart!“ Der Verfasser betitelt seinen Aufsatz: „Un
Mozart inconnu“ und will damit sagen, daß (mit einziger
Ausnahme des „Don Juan“) Mozart in Paris so gut wie
unbekannt, aus dem musikalischen Gesichtskreis der Franzosen
verschwunden sei. Da Mozart allgemein anerkannt und be
rühmt ist, bemühe sich Niemand, ihn aufzuführen; er, der
größte aller Tondichter, sei heute vielleicht der unbekannteste.
„Ich aber,“ schließt der Verfasser, „vermag es gar nicht
auszudrücken, welche unerschöpfliche Quelle von Trost und
süßem Vergessen diese Musik für mich geworden seit dem
Tage, wo ein wahres Wunder sie mir entdeckt hat.“
Mr. de Wyzewa ist nicht der Erste, noch weniger der
Letzte, dem es also ergangen ist. Das Wort: „on revient
toujours à ses premiers amours“ gilt nicht immer für den
Musikfreund. Richard Wagner hieß die erste Liebe Wyzewa’s
und wol der meisten seiner Zeitgenossen; nicht zu ihr kehren
sie in späteren Jahren zurück, sondern zu der Liebe ihrer
Väter: zu Mozart und Beethoven, Weber und Schubert.