Musik.
(Sechstes Philharmonisches Concert. — „
Ihre Excellenz“, Operette von R.
Heuberger.)
Ed. H. Festklänge haben das letzte Philharmonie-Concert
eingeläutet. Es waren nur die von Liszt. Unter seinen
symphonischen Dichtungen gehören die „Festklänge“ zu den
am seltensten gespielten. In Wien, wo der Liszt-Cultus doch
so eifrig genährt wurde, blieben die „Festklänge“ bis zur
Stunde ausgeschlossen von den Philharmonischen wie von
den Gesellschaftsconcerten. Nur in einem von dem Clavier
virtuosen Tausig auf eigene starke Faust veranstalteten
Liszt-Concert sind vor etwa 40 Jahren auch die Festklänge
aufmarschirt. Seitdem nicht wieder. Wem die übrigen dieser
symphonischen neun Musen bekannt sind, dem wird man
über die Festklänge kaum viel Neues sagen. Sie theilen mit ihren
Schwestern manchen Vorzug: Liszt’s feinen Sinn für
Klangeffecte, die pikante Würze rhythmischer und harmo
nischer Combinationen, den ungestümen Drang einer nach
Neuem ringenden Subjectivität. Leider fehlt die eigentliche
schöpferische Kraft und das edle Gleichmaß der Ausführung.
Wie ruhelos wechseln in diesem Mischmasch von sentimen
talen und heroischen Anfällen Tact, Tonart, Tempo, Cha
rakter! Eine vereinzelte Melodie steckt hin und wieder furcht
sam ihr Köpfchen heraus, um sofort in wüstem Gedränge
unterzugehen; jeder zarten Regung tritt eine dreiste Fanfare,
jeder reinen Harmonie ein schneidender Mißklang auf den
Nacken. Es war Liszt’s gutes Recht, gegen seine classischen
Vorgänger es mit größerer Abwechslung und schärferen
Gegensätzen zu versuchen. Aber dieser Carneval von Mannig
faltigkeiten kennt keine Einheit, dieser Faustkampf von Con
trasten keine Versöhnung. Anstatt erfreut und erhoben, fühlt
sich der Hörer betäubt und verstimmt. Einen Vorzug haben
übrigens die „Festklänge“ vor Liszt’s anderen symphonischen
Dichtungen: den, daß sie keine Geschichte erzählen. Man
muß nicht immerfort mit ansehen und nachlesen, wie das „Pro
gramm“ den geängstigten Tondichter von Tact zu Tact verfolgt.
In jenem verschollenen Tausig-Concert mußte ein von einem
Wiener Schriftsteller eigens verfaßtes Programm das Publi
cum einweihen in die poetischen Geheimnisse der Festklänge.
„Ein großes allgemeines Fest,“ hieß es da, „ruft eine be
wegte Menge, die Freude auf der Stirn, den Himmel in
der Brust, in seine Zauberkreise.“ Wie diese Freude, dieser
Himmel sich doch in Liszt’schen Accorden ausnimmt! Und
die dort versprochenen „olympischen Spiele der Griechen“, er
innern sie nicht an die blutigen Ergötzlichkeiten einer unga
rischen Landtagswahl? Natürlich ergehen sich die Festklänge,
wie fast alle Liszt’schen Orchesterstücke, sehr üppig in „tür
kischer Musik“. Die große Menge hört das immer gern,
und so läßt sie sich vielleicht auch einreden, dieselbe große
Trommel sei bei Verdi roher Effect, bei Liszt Ausdruck
sublimster Begeisterung. Brendel, der Leipziger Zu
kunftsagent, schrieb damals den monumentalen Satz:
„Liszt’s Werke sind das Ideal unserer Zeit.“
Diese Zeit scheint sehr rasch zu fliegen. Trotz der Betrieb
samkeit eigener stabiler Liszt-Vereine werden die Aufführungen
von Liszt’s Orchester- und Chorwerken zusehends seltener.
Liszt’s geniale, hinreißende Persönlichkeit, die auch den Wider
strebenden gefangen nahm, sie gehörte zu seiner Musik,
ebnete ihre Erfolge, vergoldete ihre Wirkung. Nur wenige
der einst von Liszt’s Umgang Bezauberten sind noch am
Leben. Und wenn auch die einmal fort sind?... Die „Fest
klänge“ wurden unter Mahler’s Leitung glänzend ausgeführt
und beifällig aufgenommen. Einen gewissen sinnlich berau
schenden Eindruck machen sie ohne Frage und um so sicherer,
als sie gegen Prometheus, Mazeppa, Dante, Hamlet,
Hunnenschlacht, Heldenklage und wie die anderen sympho
nischen Unglücksfälle alle heißen, in eine freundlichere Region
einlenken und gleich mit dem Hauptthema einen volksthüm
lichen Ton anschlagen.
Nach den Festklängen sprangen wir rasch anderthalb
hundert Jahre zurück, von Liszt zu Rameau. Der einst viel
geschmähte und viel gefeierte Mann erscheint nunmehr äußerst
selten in den Concertsälen und längst nicht mehr in der
Oper. Aus seiner fünfactigen großen Oper „Dardanus“
(1739) haben uns die Philharmoniker ein Balletstückchen
gespielt, den Rigaudon. So hieß eine ältere provencalische
Tanzform im munteren Allabreve-Tact, deren Namen Rousseau
von ihrem Erfinder Rigaud abzuleiten versucht. Eine charakte
ristische, altmodisch graziöse Musik. Sie gefiel dem Publicum
und erweckte die interessantesten Erinnerungen an einen ver
schollenen Operngeschmack. In den Opern Rameau’s, noch mehr in
jenen seines Vorgängers Lully, spielte das Ballet eine uns
heute unbegreiflich wichtige große Rolle. Die tragischesten
Opern aus der antiken Heldenzeit enthalten fast ebensoviel
Gavotten, Menuets, Passepieds u. s. w. wie Gesangsstücke.
In Rameau’s berühmtester Tragédie en musique: „Castor
und Pollux“ bringt jeder der fünf Acte ein großes Ballet;
noch im letzten, nach dem Tode der Helden, tanzen die
seligen Geister im Elysium, daß es ein Vergnügen ist. Ein
Nachklang dieser Sitte herrscht heute noch in Paris. Jede
große Oper muß vorschriftsmäßig ein Ballet enthalten
oder deren zwei, meistens im zweiten und im vierten
Act. Man denke an das Widerstreben Richard Wagner’s
der in seinen „Tannhäuser“ ein Ballet einlegen mußte,
wollte er nicht auf die Aufführung in Paris verzichten. Und
wie hat Gounod gewettert gegen dieselbe Zumuthung, als
sein „Faust“ vom Théâtre Lyrique an die große Oper kam.
So sehr ihn dieses Avancement freute, so arg verdroß ihn die
Nöthigung, den fünften Art nachträglich mit einem sinnlosen
großen Ballet aufzuputzen. An den Traditionen ihres Theaters
halten die Franzosen mit unglaublicher Hartnäckigkeit fest.
In der Opéra Comique darf kein Ballet vorkommen und
paßte es noch so gut; in der Großen Oper muß es vor
kommen und paßte es noch so schlecht. Jean Philipp Rameau
war der musikalische Genius Frankreichs im Zeitalter Voltaire’s.
Uns ist er längst ein todter Name, genau so todt wie sein
berühmterer Vorläufer Lully. Für den Musikhistoriker bleibt
Rameau eine der interessantesten Erscheinungen zunächst als Be
gründer einer neuen Harmonielehre.
Seine berühmte Abhandlung „De l’harmonie réduite à son
principes naturels“ veröffentlichte Rameau1728, in demselben Jahre,
in welchem J. Seb. Bach den ersten Theil seines Wohltemperirten
Claviers schrieb.
Sodann durch seinen
unbestreitbar starken Einfluß auf Gluck in der Behandlung
des Recitativs und der Chöre. Uns Kindern des 19. Jahr
hunderts beginnt aber die Oper erst mit Gluck, und selbst
diesem gönnen wir nur äußerst selten mehr das Wort. Man
hat für ihn großen Respect, aber weder Liebe noch Ver
langen. Für Rameau nicht einmal Neugierde. Danken wir
dem Director Mahler, daß er uns den merkwürdigen Mann,
gleichsam auf Umwegen, versteckt, wieder in Erinnerung
brachte — mit einem Tanzstück, dessen graziöser Schritt gar
keiner historischen Vorbildung bedarf, um aufrichtig zu gefallen.
Es ist von einer fast kindlichen Einfachheit. Und doch cursirte
damals in Paris gegen die Schwerfälligkeit und Verkünstelung
von Rameau’s Musik das Pamphlet: „Si le difficile est le
Beau — C’est un grand homme que Rameau!“
Wir genossen im Philharmonischen Concert drei Novi
täten: eine längstvergangene (Rameau) und zwei halb
vergangene (Liszt und Götz). Nur für Wien war die F-dur-
Symphonie von Hermann Götz eine Neuigkeit. Der
vor 23 Jahren im besten Mannesalter verstorbene Ton
dichter ist in Wien erst durch seine „Bezähmte Widerspenstige“
bekannt und beliebt worden. Das vortreffliche Opernbuch
Victor Widmann’s hat er da mit einer feinen geistreichen,
häufig an Wagner erinnernden Musik illustrirt, welche nur
einen leichteren Lustspielton vermissen ließ. Man könnte ihre
Wiederaufnahme empfehlen, wenn wir nur für die Haupt
rolle eine zweite Pauline Lucca hätten. („Das gibt’s nit“,
sagt der Wiener.) Der durchgreifende Erfolg einer Oper
pflegt allmälig die früheren kleineren Werke ihres Com
ponisten ans Licht zu ziehen; so geschah es auch nach der
Aufführung der „Widerspenstigen“. Eine „Frühlings-Ouver
türe“ von Götz, deren mäßige Wärme an einen Mai in
Königsberg, den Geburtsort des Componisten, erinnert, also
Niemandem warm macht, erwarb sich nur das zweifelhafte
Lob einer tüchtigen Capellmeister-Arbeit. Bedeutender wirkten
von Götz zwei größere Compositionen für Chor und
Orchester: Schiller’s „Nänie“ und der 137. Psalm. In
beide, an Mendelssohn anklingende Chorwerke brachte die
gediegene Bildung und feinfühlige Natur des Tondichters
eine gewisse Vornehmheit, ohne das Werk selbstständiger,
triebkräftiger Ideen. Frischer und einheitlicher wirkt die
F-dur-Symphonie von Götz, welche seit zwanzig Jahren ein
beliebtes Repertoirestück der meisten deutschen Concertvereine,
erst jetzt durch Director Mahler uns bekannt geworden ist.
Wie allenthalben, so galt auch hier der Beifall hauptsächlich
dem volksthümlich anklingenden, lebhaften Scherzo in C-dur.
Die übrigen drei Sätze sind mehr oder minder temperament
los und langwierig, schienen auch geringeren Eindruck zu
machen. Für mein Theil vermag ich darin auch nur die geschickte
Arbeit eines feingebildeten, tüchtigen Capellmeisters zu erblicken,
der über wenig Originalität und Ideenfülle verfügt. Die
Philharmonischen Programme haben sich unter Mahler
bisher durch große, allen Zeiten und Schulen gerechte
Mannigfaltigkeit ausgezeichnet. Trotzdem würde es sich viel
leicht empfehlen, die Alleinherrschaft des Orchesters in ein
zelnen Fällen auch durch Gesangstücke, Clavier- und Violin
concerte zu durchbrechen; rechnen doch die größten Virtuosen
und Gesangskünstler sich zur Ehre, in diesen Concerten mit
zuwirken. Mit dieser Genugthuung bedeutender Künstler ginge
Hand in Hand das Vergnügen der Zuhörer.
Uebergehen wir ausnahmsweise von der ernsten zur
heiteren Kunst, so haben wir heute auf dem Gebiete der
Wiener Operette einen neuesten kräftigen Erfolg zu ver
zeichnen, den von Heuberger’s „Ihre Excellenz“.
Vortrefflich aufgeführt und glänzend ausgestattet, hat das
Stück im Theater an der Wien außerordentlich gefallen. Es
dürfte bald alle Bühnen erobern, selbst wenn die Darm
städter Geistlichkeit vergessen sollte, ihm durch eine Beschwerde
über Unsittlichkeit dieselbe wirksame Reclame zu schaffen,
wie jüngst dem „Opernball“. Eigens für Mädchen-Pensionate
sind beide Operetten nicht ausdrücklich bestimmt. Auch dies
mal hat Heuberger seinen Stoff einem französischen Lustspiel
entnommen, der bekannten „Niniche“ von Hennequin und
Millaud. Ein charakteristisches Beispiel für die unvergleich
liche Virtuosität der Franzosen, aus dem winzigsten Motiv
eine Kette von Mißverständnissen und Ueberraschungen zu
schmieden, welche bis zum letzten Augenblick nicht ab
reißt und den Zuschauer in fortwährender Spannung
und bester Laune erhält. Zu bedauern, für den
Musiker zu bedauern, ist nur, daß in dieses athemversetzende
Intriguenspiel nicht der schwächste Sonnenstrahl von Gemüth
und Empfindung fällt, wie es doch hie und da im „Opernball“
geschieht. Richard Heuberger hat zu dem amüsanten Text
eine sehr ansprechende Musik geschrieben, weder classisch noch
secessionistisch, nicht immer gleich originell, aber stets frisch
und melodiös, dabei sorgfältiger gearbeitet und feiner in
strumentirt, als man es heute in diesem Genre gewohnt ist.
Einige Kürzungen im ersten und zweiten Act würden die
Wirkung des Ganzen noch erhöhen — darf man doch nicht
vergessen, daß die musikalische Form zu ihrer bescheidensten
Entfaltung Zeit braucht, dreimal so viel Zeit als dieselbe
Scene im gesprochenen Dialog. Heuberger und alle
Mitwirkenden (unter welchen Herr Capellmeister Müller
ein besonderes Lob verdient) dürfen sich des aufrichtigen
schmeichelhaften Beifalls freuen, welcher „Ihrer Excellenz“
zu Theil ward.