Concerte.
(Orchesterconcert der Herren
Rabaud und
d’Ollone. — Drittes Gesellschafts
concert.)
Ed. H. Zwei liebenswürdige junge Franzosen, Henri
Rabaud und Max d’Ollone, reisen als Concert
geber eigens nach Wien — um, merkwürdig genug, uns
weder ihre Compositionen, noch ihre Virtuosität zu zeigen.
Und doch sind Beide durch ihr eigenes Talent in Paris
rühmlich bekannt: Rabaud speciell als Componist,
d’Ollone überdies als trefflicher Clavierspieler. Ihre
Kunstreise verfolgt kein egoistisches, vielmehr ein patriotisch-
künstlerisches Ziel. Sie wollen uns mit einer Auswahl des
Besten bekannt machen, was französische Tondichter in
neuester Zeit geschaffen haben. Wohlgemerkt: in der
Orchester-Composition. Pariser Opern-Novitäten holen wir
uns ja selbst. Von französischer Orchestermusik hingegen
kennen wir wenig. Sie ist Musik der neuesten oder doch
neueren Zeit. Man kann (von dem längst vergessenen
Symphonienzopf Gossec abgesehen) Berlioz den ersten
Orchester-Componisten Frankreichs nennen, der Zeit und dem
Range nach. Auf ihn folgt erst Saint-Saëns mit Instru
mentalwerken größeren Umfanges, welche über Frankreich hinaus
Verbreitung und Erfolge errungen haben. Weitaus die größte
Mehrzahl der französischen und italienischen Componisten
widmet sich der Oper oder doch der Vocalmusik. Der Süden
lebt und webt im Gesang, schwärmt für das Theater. Erst
in neuester Zeit mehren sich Versuche der Franzosen
in symphonischer und Kammermusik. Diese Spätliebe fließt
aus verschiedenen Quellen zusammen. Zuerst aus der Ver
ehrung für Berlioz, der, bei Lebzeiten ignorirt oder ver
spottet, seit etwa 25 Jahren die begeisterte Liebe der Fran
zosen genießt. Dann aus der regeren Beschäftigung mit
deutscher Musik, insbesondere mit Wagner. Das ungestüme
Temperament der Franzosen rückt auch in der Kunst die
Gegensätze hart aneinander. Man erinnert sich der frucht
losen Anstrengungen Wagner’s in Paris und des schmählichen
Durchfalles seines „Tannhäuser“. Jetzt treibt die Wagnero
manie dort die wunderlichsten Blüthen; nicht nur werden
in der Oper „Lohengrin“ und „Die Meistersinger“ bejubelt,
nein, im Concertsaale hält man ganze, unendlich lange
Acte von „Tristan“ und den „Nibelungen“ geduldig aus,
ohne Handlung, ohne Costüm und Decoration. Wie stark
Wagner auf die neue französische Schule, auch in der In
strumentalmusik, eingewirkt hat, beweisen Chabrier, d’Indy,
Bruneau u. A. Auch die Schwierigkeit, neue Opern in
Paris auf die Bühne zu bringen, treibt dort viele jüngere
Componisten zeitweilig der Instrumentalmusik in die Arme.
Aber zur Oper drängt es sie doch Alle — Alle mit Aus
nahme César Franck’s.
Es ist eine stattliche Zahl jüngerer Orchester-Componisten,
welche in dem (auf zwei Concerte vertheilten) Programm
der Herren Rabaud und d’Ollone zu Wort kommen:
Massenet, Saint-Saëns, Franck, Dubois,
d’Indy, Chabrier, Bruneau, Lalo, Dukas.
Die drei erstgenannten Meister brauchen wir unseren Lesern
nicht erst vorzustellen; ebensowenig die mit kleineren
Clavierstücken vertretenen Bizet und Delibes. Das erste
Concert begann mit einem Symphoniesatz von Vincent
d’Indy „Wallenstein’s Lager“. Schiller’s Tragödie hat es
ihm offenbar angethan. Vor etwa 25 Jahren war d’Indy
im Concert populaire mit einer Ouverture, „Les Piccolomini“
hervorgetreten; jetzt bringt er seine „Trilogie Wallenstein“,
deren erster Satz das Lager schildert, während der zweite
„Max und Thekla“, der letzte „Wallenstein’s Tod“ be
handelt. Einen deutschen Vorgänger hat d’Indy in
Joseph Rheinberger, dessen Wallenstein-Symphonie vor
20 Jahren unsere Philharmoniker gespielt haben. Wie in
Rheinberger’s, so hat auch in d’Indy’s Composition sich
das „Lager“ als der wirksamste Satz bewährt und wird
selbstständig in manchen Concerten aufgeführt. d’Indy
scheint mehr an Satans Lager gedacht zu haben. Das sind
nicht lustige Wallensteiner, die Karten spielen und mit
Mädchen scherzen, sondern erboste Teufel, welche einander
mit glühenden Zangen zwicken. Ihr Schreien und Brüllen
ist täuschend nachgeahmt; ein Herr in meiner Nähe wollte
sogar den Geruch des versengten Fleisches verspüren. Ein
Symphonie-Scherzo dachten wir uns wenigstens einheitlich
geformt, von festem Rahmen umschlossen. d’Indy hingegen
bietet uns ein wüstes Durcheinander von Tonarten, Rhythmen,
Klangeffecten, kein Bild, sondern eine Reihe von Farben
klecksen. Die Capuzinerpredigt, für die Rheinberger mit Einem
Fagott auslangte, exponirt d’Indy in einem Fugato von
drei Fagotten. Ein falscher, erquälter Humor, wie er auch
an anderen Stellen in brutalen Spässen sich ergeht. Und
doch fehlt in diesem Zuviel Eines, ein Wichtiges: der mili
tärische Geist. Ein kurzes Marschmotiv für Trommel und
Pfeifen, eine herzhafte Trompeten-Fanfare, und wir wüßten,
wo wir uns befinden. Aber nichts dergleichen in d’Indy’s
trotz allen Lärms doch nicht charakteristischem Lagerbild. Es
versteht sich, daß d’Indy mit Leitmotiven arbeitet, dem All
heilmittel der Jung-Wagnerianer. Ein den Wallenstein
vorstellendes Motiv von kurzen zwei Tacten erscheint in
allen drei Sätzen; dem Programm zufolge bedeutet der nur
aus drei Noten (fis, g, fis) bestehende erste Tact „die
herrschende Idee im Charakter Wallenstein’s“, der zweite
Tact seine „Schicksalsidee“. Zu diesen zwei „Ideen“ fehlt
leider nur eine dritte: die musikalische.
Wie d’Indy, so ist auch Theodor Dubois für Wien
ein neuer Mann. Geboren 1837, hat Dubois längere Zeit
als Organist an der Madeleine gewirkt, bis er Professor
und schließlich Director des Pariser Conservatoriums wurde.
Wir hörten von diesem in allen Zweigen überaus frucht
baren Componisten ein Clavierconcert in F-moll, unver
gleichlich schön gespielt von Fräulein Clotilde Kleeberg.
Im Programm war der Platz für Dubois gut gewählt;
unmittelbar nach d’Indy’s Hexenlager befreundet man sich
willig mit einem Manne, der, wenn auch ohne reiche
Phantasie, doch in classischer Schule gebildet, die Form
beherrscht, die Kunstmittel meistert und für seine Musik
weder ein erzählendes Programm noch aufdringlicher Leit
motive bedarf. Dubois ist in harmonischer und contra
punktischer Entwicklung seiner Ideen stärker als in origineller
Erfindung derselben. Manches in seinem F-moll-Concert
erinnert an Mendelssohn (Scherzo), Manches an den
früheren Beethoven (Adagio), auch Grüße von Chopin und
Schumann blieben nicht gänzlich aus. Was obendrein dieses
Concert heute schädigt, ist die etwas veraltete, an Hummel
und Moscheles erinnernde Claviertechnik, deren Glanzpunkte
nicht über einige Trillerketten, Scalenläufe und Arpeggien
in gerader oder Gegenbewegung hinausgehen. Neu ist die
Stellung, welche Dubois der „Cadenz“ anweist: ein langes
Solo zu Anfang des Finales. Mehr Lorbeerkränze dürfte
Dubois heute als Conservatoriums-Director ernten, wenn
seiner künstlerischen Autorität es gelingt, einige feuerspeiende
Jünglinge vor dem letzten Absturze zu retten.
Auf Dubois’ mehr didaktisches als poetisches Concert
wirkte als doppelt pikantes Gegenstück eine kleine Orchester-
Suite von Massenet: „Scènes alsaciennes“. Die erste
dieser drei anspruchslosen Elsässer Idyllen schildert das fest
lich müßige Treiben am Sonntag Vormittags in einer
kleinen Stadt. Darauf folgt als zweites Bild der „Abend
im Wirthshaus“: es schlägt acht Uhr, einige kurze Trommel
wirbel und Trompetenstöße ertönen und die ganze Jugend
marschirt vergnügt hinter dem französischen Zapfenstreich.
Zum Schlusse die Scene „unter dem Lindenbaum“, ein
zärtliches Duo zwischen Violoncell und Clarinette. Die
Stücke sind sämmtlich kurz und recht interessant. Während die
beiden ersten verschwenderisch umgehen mit dem scharfen
harmonischen und rhythmischen Gewürz, ohne welches der
moderne Franzose nun einmal nicht bestehen kann, erfreut
das dritte durch ungetrübten Wohllaut und zarte Empfin
dung. Der süße Lindenduft versetzte die Zuhörer in die
wohligste Stimmung. Keines von den gewaltsamen großen
Orchesterstücken dieses Abends hat einen so starken, ein
müthigen Beifall hervorgerufen, wie dieses kleine Genrebild.
Die C-moll-Symphonie von Saint-Saëns (Nr. 3)
genießt in Frankreich beim Publicum wie bei der Kritik ein
ungemeines Ansehen. Das Wiener Publicum trat dem neuen
Werke mit ausgesprochener Sympathie entgegen, hat es doch
seinerzeit an Saint-Saëns’ geistreichen Tongemälden „Der
Todtentanz“ und „Das Spinnrad der Omphale“, dann an
zwei effectvollen Clavierconcerten aufrichtiges Gefallen ge
funden, auch den Autor als eminenten Clavierspieler und
Orgel-Virtuosen schätzen gelernt. Mit der C-moll-Symphonie
trachtet Saint-Saëns seine früheren Werke nicht blos an
Gehalt und Umfang, sondern auch durch Neuerungen in
der Form und den Ausdrucksmitteln zu überholen. Seine
Symphonie hat blos zwei Sätze, in welchen nähere Be
trachtung allerdings die alten vier Sätze in sorgsamer Ver
hüllung wiederfindet. Der erste Allegrosatz überfließt in das
Andante; die zweite Abtheilung heftet das Finale unmittel
bar an das Scherzo. Vielleicht ein Zusammenhang mit
der Widmung dieser Symphonie an Liszt, dessen
„Symphonische Dichtungen“ drei Sätze verschiedenen
Charakters in Einen verschmelzen oder vielmehr an
einander reihen. Die zweite Neuerung betrifft das
Orchester, das zu dem stärksten Aufgebot aller gebräuch
lichen Instrumente auch noch die Orgel und das Clavier
hinzufügt. Die Mitwirkung des Claviers (einige rapide
Tonleitern in hoher Lage) ist dabei so gering und über
flüssig, daß man sie ohne Schaden ganz streichen dürfte.
Wirksamer ist die Orgel verwendet, und zwar nicht etwa
gleichberechtigt oder concertant (wie einst in Herbeck’s
Symphonie), sondern weislich nur zur Unterstützung einzelner
besonders wichtiger, feierlicher Stellen. Saint-Saëns bewährt
sich in diesem Werke neuerdings als ein großes Talent; für
ein wahrhaft schöpferisches haben wir ihn nie halten können.
Die Combination, die grübelnde und künstelnde Arbeit über
wiegt doch zu empfindlich den freien Flug der Phantasie,
die ursprüngliche Erfindung. Wir vermissen in dieser auf
gethürmten, rastlos bewegten Tonfluth die einfachen,
schlicht auftretenden, herzerfreuenden Gedanken. Manche
überaus schöne Einzelheit, eine Fülle geistreichen Details und
kunstvoller Ciselir-Arbeit erregt unsere Bewunderung — das
Ganze wirkt mehr bedrückend als erhebend. Saint-Saëns
beugt seine Symphonie nicht unter ein bestimmtes „Pro
gramm“, wie heute die meisten jungen Musiker thun, welche
bei der Dichtkunst und Malerei erbetteln müssen, was ihnen
an eigener Münze abgeht. „Je n’ai jamais été, je ne suis
pas, je ne serai jamais de la réligion Wagnerienne,“ so
erklärt Saint-Saëns in einer seiner geistreichen Abhand
lungen. In Frankreich zählt man ihn deßhalb, sehr mit
Unrecht, schon zu den Reactionären; in seinen gewagten
Orchester-Effecten, wie in der Auflösung der Formen, ja
oft der Form überhaupt, ist er ganz modern, zuweilen bis
zum Revolutionär.
Das Publicum zeigte sich von der Novität mehr inter
essirt als wahrhaft erwärmt. Sie ist in der That nicht leicht
zu verstehen; auch nicht leicht zu spielen. Hier müssen wir
den beiden jungen Dirigenten unsere volle Bewunderung
ausdrücken. Sie haben im Einstudiren und Dirigiren so
complicirter, schwieriger Werke mit einem fremden Orchester
Außerordentliches geleistet. Henri Rabaud und Max
d’Ollone zählen heute schon zu den geschicktesten Diri
genten und Missionären ihres Vaterlandes.
Das letzte Orchesterstück im Programm war die Ouvertüre
zur Oper „Gwendoline“ von Emanuel Chabrier. Diese
Gwendoline, ein sechzehnjähriges Fischermädchen an der breto
nischen Küste, zähmt durch Liebe den gewaltthätigen Helden
Harald. Die Beiden nehmen aber kein so glückliches Ende
wie ihr Vorbild Ingomar und Parthenia; sie sterben ge
meinsam an Liebe, Mord und Selbstmord. Vergebens hatte
der Componist jahrelang das Thor der Pariser Großen Oper
belagert mit seiner Gwendoline; aber Catulle Mendès,
der General-Consul des Pariser Wagnerthums, waltete seines
Amtes und unterbrachte die hilflose Gwendoline in den ver
bündeten Städten München und Karlsruhe; zum bitteren
Leidwesen des dortigen Publicums. Die Pariser Große Oper
folgte 1893 mit der Aufführung nach. Weniger aus Be
quemlichkeit als aus Unparteilichkeit erlaube ich mir das
Urtheil zweier hochangesehener Pariser Musikkritiker, eines
älteren und eines jüngeren, über Chabrier’s Ouvertüre
zu citiren. Arthur Pougin schreibt im Ménestrel:
„In dieser Ouvertüre hört man gleichzeitig die Violinen
kreischen, die Contrabasse brummen, das Piccolo pfeifen, die
Blechinstrumente brüllen, die Cymbeln klingeln. Niemals hat
man ein ärgeres Durcheinander von Noten erlebt. Das ist
nicht mehr Musik, das ist Tollwuth.“ — „Der Lärm in
dieser Ouvertüre ist wahrhaft peinlich,“ ruft Octave Fouqué
in der Revue des deux Mondes. „Nichts schmerzhafter für
das Ohr, als die Coda, wo die Posaunen das Walhalla
thema heulen, während darunter das ganze Orchester wüthet.
Oh, diese dicke, dicke, grobe Musik! Eine mit der Hacke zu
gehauene Musik. Wie die Harmonie, so ist die Instrumen
tirung zum Aeußersten getrieben, bis zum Wahnsinn. Warum
muß doch dieser Lärm jede Erinnerung, die das Werk in
uns zurückläßt, übertäuben, so daß uns die Ohren weh thun,
so oft wir nur daran zurückdenken!“ Man hat mir mangelnde
Sympathie für Jung-Frankreich vorgehalten. Ich weiß mich gänz
lich frei von dieser Voreingenommenheit; die Nacheingenommen
heit kann ich aber nicht leugnen. Das Urtheil der beiden fran
zösischen Autoritäten dürfte meine Empfindung rechtfertigen.
Nicht den bedeutendsten, gewiß aber den angenehmsten
Theil des französischen Concertes bildeten einige kleinere
Clavierstücke von Bizet, Delibes, Fauré und Go
dard, welche Fräulein Clotilde Kleeberg aus Paris mit
unvergleichlicher Anmuth und Feinheit vortrug. Ihr Spiel,
bis ins kleinste Detail vollendet und von geistreicher Laune
beseelt, war ohne Frage der größte Erfolg des Abends...
Das vorletzte Gesellschafts-Concert hatte
uns die erste Aufführung eines Händel’schen Oratoriums
(Debora) gebracht; im letzten hörten wir eine für Wien
neue Cantate von Bach. Die beiden Großmeister deutscher
Tonkunst sind unerschöpflich — noch anderthalb Jahrhunderte
nach ihrem Tode. „Wachet auf, ruft uns die Stimme,“
heißt die Cantate, welche Bach1731 auf ein dreistrophiges
Kirchenlied von Philipp Nicolai componirt hat; Recitative
und zwei Duette trennen die Strophen desselben. Mit feier
licher Andacht folgten die Zuhörer dieser Musik, schienen
aber schließlich von dem Ganzen mehr befremdet als begeistert.
Alle Ehrfurcht und Bewunderung für Bach’s erstaunliche
Kunst vermag nicht ganz zu verhindern, daß uns heute die
süßliche, unleidlich pietistische Dichtung stört. Zwei förmliche
Liebesduette singt Christus mit seiner Braut. Damit ist die
„gläubige Seele“ gemeint, bekanntlich in der älteren prote
stantischen Kirchenmusik eine stereotype Figur, die auch in
Bach’s herrlicher Cantate: „Ich hatte viel Bekümmerniß“
und anderen in unmittelbare Beziehung zum Heiland tritt.
Die endlos wiederholten Worte in dem ersten Duett:
„Wann kommst du, mein Heil? — Ich komme, dein Heil!“
„Komm’, Jesu! Ich komme!“ ermüden und verstimmen
uns: noch mehr das in opernhaften Terzengängen kosende
zweite Duett zwischen Christus und seiner Braut: „Mein Freund
ist mein und ich bin dein! Die Liebe soll nichts scheiden!“ Man
muß glaubenseifriger Protestant und unbedingter Bach-
Enthusiast sein, um in dieser Cantate mit ganzem Herzen
auszugehen. Gewiß ist es unsere Schuld und die Schuld
unseres ausgehenden Jahrhunderts, daß wir für diese
pietistischen Anschauungen und Empfindungen nicht dieselbe
Wärme aufbringen, wie seinerzeit Bach und seine Gemeinde.
Aber leugnen können wir nicht dieses leise Widerstreben, das
weder vor unserem historischen Begreifen noch vor dem
mächtigen Eindrucke Bach’scher Kunst ganz verschwindet. Die
beiden sehr schwierigen Solopartien wurden von der Baronin
Leonore Bach und Herrn Scheidemantel vorzüg
lich gesungen. Schade, daß dieser verständnißvolle und treff
lich geschulte Sänger in jüngster Zeit so sehr zum Tremoliren
neigt. ... Freudig begrüßten wir einige nur zu selten gehörte
Vocalchöre von Brahms. Insbesondere die „Nachtwache“,
ein bewunderungswürdiger sechsstimmiger Satz, und „Letztes
Glück“ (das schöne Gedicht von Max Kalbeck) gehören
zu den Perlen Brahms’scher Vocalmusik. Das von Brahms
harmonisirte Volkslied „Wollust in den Mayen“, dessen
populäre Wirkung niemals versagt, mußte wiederholt wer
den, wie auch das markige Chorlied „Beherzigung“. Die Stücke
waren von Director R. v. Perger passend ausgewählt
und sorgfältig studirt. Ein schöner Erfolg unseres „Sing
vereins“. Das Concert schloß mit Mendelssohn’s
Cantate „Die erste Walpurgisnacht“. Vor 55 Jahren zum
erstenmal in Wien aufgeführt, hat diese Tondichtung noch
nichts eingebüßt von ihrer jugendlichen Frische. Die siegreiche
Unmittelbarkeit ihres Eindruckes ließe kaum errathen, welch
gewissenhafte Arbeit und Ueberprüfung Mendelssohn daran
gewendet. Im Jahre 1831 in Rom componirt, gelangte die
„Walpurgisnacht“ erst zwölf Jahre später nach durchgreifen
der Umgestaltung in die Oeffentlichkeit. Welche Bedenken wegen
der Instrumentirung des Hexenchors! Wiederholt zweifelt
Mendelssohn, ob er die große Trommel dazu nehmen dürfe
oder nicht. Glücklicherweise hat er seine ästhetischen Scrupel
besiegt; er setzte die große Trommel dahin, nicht blos wo
sie effectvoll, sondern wo sie unentbehrlich ist. Heute gibt es
keine „Symphonische Dichtung“ mehr, an welcher sie nicht
mitdichtet.
Allgemein aufgefallen sind die Abänderungen des Goethe’
schen Gedichtes, welche das Concertprogramm vom 5. d. M.
aufweist. Bei Goethe singen bekanntlich die heidnischen
Wächter: „Kommt mit Zacken und mit Gabeln und mit
Gluth und Klapperstöcken — Mit dem Teufel, den sie
fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken. Dies dumpfen
Pfaffenchristen, laßt uns keck sie überlisten!“ Wer mag
der muntere Censor sein, der aus den Pfaffenchristen „diese
Christen“ gemacht hat und — den Reim „Gabeln, fabeln“
stolz ignorirend — fabeln in „fürchten“ verwandelte? Wir
dachten, diese von Aengstlichkeit und Hochmuth dictirte
„Verbesserung“ einer gefeierten, durch Mendelssohn’s Musik
in allen Kreisen heimischen Dichtung Goethe’s müsse aus
dem Vormärz sich unbeachtet in unsere Tage eingeschlichen
haben. Allein dem ist nicht so. Ich habe vor dem
Jahre 1848 als Student Mendelssohn’s „Walpurgisnacht“
in Prag und Wien singen gehört, immer mit dem Goethe’
schen Originaltext. Das außerordentlich kirchliche Feingefühl
unserer Behörden ist also ein neu aufgeblühtes Pflänzlein.
„So weit gebracht!!“ singt der alte Druide.