Neue Bücher über Musik.
(I.
Kalbeck.
Tschaikowsky.)
Ed. H. „Opernabende“ betitelt Max Kalbeck sein
neues Buch. Unter den Titel ziemte sich als charakteristische
Vignette Leier und Schwert. Die Lyra des Dichters eint
sich hier mit der Klinge des Kritikers zu schönem Zusammen
klang. Kalbeck’s poetische Begabung, die wir aus einem
Bändchen Gedichte und vielen trefflichen Operntext-Ueber
setzungen kennen, durchbricht keineswegs die Kreise seiner
kritischen Arbeit, vielmehr erweitert und schmückt sie die
selben. Max der Poet unterstützt Max den Kritiker, indem
er ihm treffende Gleichnisse, farbige Bilder, novellistisch
spannende Einkleidungen liefert. Andererseits sorgt seine
historische und philosophische Bildung dafür, daß die Haupt
sache, die Kritik, vom Blumengewinde nicht erdrückt werde.
Kalbeck liebt es vornehmlich, in den Einleitungen seiner
Feuilletons weiter auszuholen und uns so in die ge
wünschte Stimmung für das nachfolgende Urtheil zu
versetzen. Man lese zum Beispiel den Anfang seiner
Kritik von Boieldieu’s „Johann von Paris“: „An
alten Briefen, die jahrelang von der frischen Luft abgesperrt,
in stiller Lade verschlossen ruhen, haftet manchmal ein
eigenthümlicher Duft, der uns, wenn wir das ausgeblichene
Seidenband von den moderigen Blättern lösen, befremdend
entgegenschlägt. Wir haben des Empfängers wie des Schreibers
längst vergessen, kennen vielleicht weder den Einen noch den
Andern, und doch gibt der charakteristische Odeur ihrer
papierenen Hinterlassenschaft uns gewisse Kunde von ihrer
leiblichen Existenz, und unvermerkt fühlen wir uns zurück
versetzt in die Atmosphäre eines längst vergangenen und
verschollenen Daseins. Merkwürdig, daß der niederste und
verachtetste unserer Sinne der allerhöchsten, ans Ideale
streifenden Verfeinerung fähig ist. Denn wir vermögen ihn,
der Physiologie zum Trotz, von den Gegenständen so weit
zu abstrahiren, daß wir ihn in den Bereich unserer Vor
stellungen aufnehmen; eine ahnungsvolle Witterung umfängt
unseren Geist und hat Ideenverbindungen zur Folge, von
denen wir uns nichts träumen lassen. Wir entfalten die
Partitur „Johann von Paris“, und ein feines Geduft von
Bisam und Rosenöl weht aus ihrer Musik zu uns her“.
Oder als Gegenbild die humoristische Einkleidung seines
Berichtes über den „Zigeunerbaron“: „Im Anfang
hatte M. Jokai eine „Grundidee“, die sich für die Bühne
eignete. Und die Bühne war wüst und leer, und es war
finster auf der Tiefe; und der Geist Jokai’s schwebte auf
dem Wasser. Da kam Herr I. Schnitzer und sprach: Es
werde ein Stoff! Und es ward ein Stoff. Und derselbe
Herr sah, daß der Stoff gut war und nannte ihn „Zigeuner
baron“. Und der Herr sprach: Es sammle sich das Wasser
an besondere Orte, daß man das Trockene sehe. Und es
geschah also. Und Schnitzer nannte das Trockene Dialog und
die Sammlung der Wasser nannte er Text. Und er sah,
daß es gut war! Da ward aus Abend und Morgen der
erste, der andere und der dritte Act. Und Schnitzer sendete
den Text an Johann Strauß, auf daß er ihn componire.
Und Johann Strauß ließ aufgehen Gras und Kraut, lieb
liche Blumen und fruchtbare Bäume, ein Jegliches nach
seiner Art. Und Strauß sprach: Lasset uns Melodien machen,
welche herrschen über Alles, was da singt und springt, pfeift
und geigt, die Tasten schlägt und werkelt auf Erden. Und
er schuf Walzer und Polkas, lustig anzuhören, und sah an
Alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.“
Kalbeck’s „Opernabende“ füllen zwei elegant ausge
stattete, mit den Porträts der Componisten geschmückte
Bände, deren erster den deutschen Meistern gewidmet ist,
während der zweite sich mit Ausländern beschäftigt. Wir
finden hier die hervorragendsten Opern beurtheilt (nur das
Werk, nicht die Aufführung), welche man in den letzten
zwanzig Jahren im Wiener Hofoperntheater zu hören bekam.
Der „deutsche“ Band reicht von Gluck und Mozart bis
Goldmark, Brüll und Kienzl; der „ausländische“ von Che
rubini bis Mascagni, Leoncavallo, Massenet, Smetana und
Tschaikowsky. Von Richard Wagner sind, ohne sonderliche
Begeisterung, die „Feen“ und „Tristan“ besprochen.
Von Wagner’s „Tristan“-Dichtung schreibt Kalbeck: „Daß
das unförmige, von Absurditäten trotzende Textgedicht zu „Tristan“,
in welchem die deutsche Sprache vorne mit Stäben klappert und
hinten mit Vocalreimen klingelt, auch seine verborgenen Schönheiten
besitzt; mag wohl sein; wir sind nicht so glücklich gewesen, sie zu
finden. Von der bloßen Lectüre bekommt man blaue Flecken. Auch
wollen diese Verse nicht gelesen, sondern gesungen werden, wodurch
sie wesentlich gewinnen, da man immer erst das zehnte Wort
versteht.“
Gegen die
Mehrzahl der neuesten Opern führt Kalbeck eine recht scharfe
Klinge, einigen anderen naht er mit auffallend zärtlicher
Vorliebe, wie dem „Ritter Pazman“ von Strauß und
der Wüllner’schen Recitativ-Bearbeitung des „Oberon“.
Darüber entscheidet recht schnell die Zeit. Zu groß für ein
gehende Besprechung ist leider das Register der beiden
Kalbeck’schen Octavbände; dem musikalisch gebildeten Leser
wird keiner dieser Opernabende ein verlorener sein.
Im selben Verlage „Harmonie“ (Berlin, 1899) sind
soeben Tschaikowsky’s „Musikalische Erinne
rungenen“ erschienen. Mit erwartungsvoller Ungeduld griff
ich danach. Verdanke ich doch der „Pathetischen Symphonie“,
noch mehr dem „Eugen Onegin“ eine lebhafte Sympathie
für den Componisten, in dessen früheren Orchesterwerken
mich manches Rohe und Dilettantische abgestoßen hatte. Die
„Erinnerungen“ enthalten ein autobiographisches Fragment
Tschaikowsky’s nebst einer Auswahl seiner für russische
Blätter geschriebenen Musikkritiken. In dem „Fragment“
erzählt Tschaikowsky von seinen Kunstreisen nach Berlin,
Leipzig und Hamburg; eine Schilderung seiner Erlebnisse
in Frankreich und Amerika ist er uns leider schuldig ge
blieben. Ehrlich gestanden hat das aus Tschaikowsky’s Nach
laß zusammengestellte Buch mich ein wenig enttäuscht.
Gerade von ihm hatte ich mehr Eigenartiges, Interessantes
erwartet. Ein liebenswürdiger, aufrichtiger Mensch spricht
allerdings aus diesen Mittheilungen. Aber nicht Alles, was
ein solcher seinen Freunden ausführlich erzählt, bewährt ein
gleiches Interesse für weitere Leserkreise. Tschaikowsky beginnt
mit der Schilderung seines ersten Dirigenten-Debüts in
Moskau (1886). Wie er, ganz ungeübt im Dirigiren, voll
Besorgniß den Taktstock in die Hand nahm, schließlich aber
Alles gut ablief. Fast dasselbe erzählt er weiter aus Peters
burg und aus Leipzig, wo er ebenfalls in großen Orchester-
Concerten seine eigenen Werke dirigiren mußte. Auch die
ausgedehnte Erzählung von den Ungeschicklichkeiten und Miß
griffen seines (nicht genannten) Concert-Agenten bietet heute
wenig Interesse. Von seinen Landsleuten, den Musikern
Brodski, Seloti und Friedheim, spricht er gelegentlich seines
Leipziger Aufenthaltes mit außerordentlicher Wärme,
ohne jedoch deren Talente und Leistungen näher zu
charakterisiren. Interessant sind hingegen seine Urtheile über
einige berühmte Componisten. In Leipzig lernt er Brahms
kennen, dessen Erscheinung ihm merkwürdigerweise „gar nicht
deutsch“ vorkommt, sondern „an den Typus des echten
Großrussen erinnert, wie man ihn besonders unter Geist
lichen antrifft“. Tschaikowsky’s geringe Sympathie für die
Musik von Brahms ist bekannt; es scheint, daß diese
Empfindung gegenseitig war. „Wie alle meine musikalischen
Freunde in Rußland,“ schreibt Tschaikowsky, „schätze ich
Brahms als ehrlichen, überzeugungstreuen, energischen
Musiker, aber trotz allen guten Willens kann ich seine
Musik nicht lieben. In dieser liegt für das russische Herz
etwas Trockenes, Kaltes, Nebelhaftes und Abstoßendes; von
unserem Standpunkte aus fehlt Brahms jede melodische
Erfindung. Wenn man ihn hört, fragt man sich: ist Brahms
in der That tief oder kokettirt er nur mit der Tiefe
seiner musikalischen Erfindung, um die äußerste Armuth der
Phantasie zu maskiren? Es dürfte schwer halten, diese Frage
definitiv zu entscheiden.“ Wir achten die Aufrichtigkeit von
Tschaikowsky’s Bekenntniß, das, fern von Dünkel und
Gehässigkeit, sich rein subjectiv ausspricht; daß sein Urtheil
uns trotzdem höchst einseitig, beschränkt und ungerecht erscheint,
brauchen wir unseren Lesern nicht erst zu sagen. Ueber
Brahms’ Charakter, seine echte Bescheidenheit, sein hilfs
bereites Wirken für junge Tonkünstler spricht Tschaikowsky
mit aufrichtiger Wärme. „Richard Wagner,“ erzählt Tschai
kowsky, „pflegte besonders boshaft über Brahms’ Schöpfungen
sich zu äußern. Als man nun Brahms einmal einen neuen,
besonders boshaften Ausfall Wagner’s an seine Adresse
hinterbrachte, rief er aus: „Mein Gott, Wagner schreitet ja
triumphirend auf der großen Straße! Wodurch kann ich
ihm wol hinderlich sein oder ihn ärgern, wenn ich meinen
bescheidenen kleinen Fußpfad gehe, und warum kann er mich
nicht in Ruhe lassen, da ich gewiß niemals seinen Weg
kreuzen werde?“ Das ist echter Brahms!
Ganz anders fühlt Tschaikowsky für Edward Grieg,
der es verstanden habe, sich für immer die russischen Herzen
zu erobern. „In seiner von zarter Melancholie durchdrun
genen Musik spiegeln sich gleichsam die Schönheiten der nor
wegischen Natur ab, die, bald erhaben und großartig, bald
in Nebel verschleiert, in anspruchsloser Dürftigkeit sich zeigt,
aber für die Seele des Nordländers etwas unaussprechlich
Reizvolles, einen verwandten Ton besitzt, der in unseren
Herzen einen Widerhall weckt. Es ist möglich, daß Grieg
viel weniger Meisterschaft besitzt als Brahms, weniger
hochfliegende Pläne verfolgt und der Neigung zu bodenloser
Tiefe gänzlich entbehrt, aber dafür steht er uns menschlich
viel näher.“ Tschaikowsky ist unerschöpflich in Lobpreisungen
Grieg’s, denen man so ziemlich beipflichten kann, bis auf
die Behauptung, daß Grieg „allem Gesuchten und Gequälten
aus dem Wege geht.“ Im Gegentheil, auf diesem Wege
glauben wir ihm recht häufig zu begegnen. Allerdings dürfen
wir die Eigenart nationalen Geschmacks nicht zu gering
anschlagen. Dem skandinavischen Volke klingt Vieles keines
wegs gesucht und gequält, was wir so nennen; dem Russen
nicht roh und lärmend, was uns so berührt; dafür
dürfen wir Deutsche ruhig auch die Vorwürfe ablehnen,
welche Russen und Norweger gegen Brahms erheben.
Voll Bewunderung spricht Tschaikowsky von dem Dirigenten-
Genie des jungen Capellmeisters Arthur Nikisch; mit
wärmster Anerkennung von dem glänzenden Talente
Busoni’s, des Componisten und Virtuosen. Gleichwol be
dauert er, daß Busoni seiner Natur Gewalt anthue und
um jeden Preis als Deutscher erscheinen wolle. Ebenso
Sgambati. „Sie schämen sich Beide, Italiener zu sein,
fürchten, daß in ihren Compositionen auch nur ein Schatten
von Melodie durchleuchte, und wollen „tief“ sein nach deut
scher Art.“ Tschaikowsky nennt dies eine traurige Er
scheinung; überzeugt, „daß die italienische Musik nur dann
eine neue Blüthenperiode erleben wird, wenn ihre Vertreter
sich entschließen, anstatt im Widerspruch mit ihrem künst
lerischen Naturell in die Reihen von Wagner, Liszt und
Brahms zu drängen, aus dem Innern des nationalen
Geistes heraus neue musikalische Anregungen zu schöpfen
und unter Verzicht auf die veralteten Banalitäten der
Dreißiger-Jahre neue Formen zu finden, die in Ueberein
stimmung mit der sie umgebenden südlichen Natur sich durch
glänzenden Melodienreichthum und gefällige Einkleidung aus
zeichnen.“
Von Leipzig führt uns Tschaikowsky nach Hamburg.
Er sonnt sich förmlich im Nachgenusse der ihm hier be
reiteten Ovationen und des so freundschaftlichen Entgegen
kommens vieler musikalischer Familien. Den Brahms-
Cultus will er nirgends so verbreitet gefunden haben, wie
in Hamburg; eine Thatsache, die er einfach auf die Oppo
sition der Hamburger gegen Wagner zurückführt. „Du hast
nun einmal die Antipathie!“ heißt es im „Faust“. Tschaikowsky
folgt hierauf einer Einladung nach Berlin, wo er im
Concerte der „Philharmonie“ blos seine eigenen Compo
sitionen dirigirt. Auch hier erfreut er sich großer Erfolge
und geselligen freundschaftlichen Verkehrs mit Moszkowski,
Sauret, Hermann Wolff und der von ihm hoch
verehrten Desirée Artôt. — Von weit geringerem Inter
esse als das autobiographische Fragment sind die an
gefügten „Musikalischen Kritiken und
Feuilletons“. Tschaikowsky hatte sich im Jahre 1871
entschlossen, für die Moskauer „Russischen Nachrichten“
das Musikreferat zu übernehmen. Weniger aus Liebe
zur Sache, als um sich ein festes Einkommen zu sichern.
Lebte er doch damals in sehr knappen Verhältnissen. Seine
Urtheile über die Moskauer Aufführungen lauten oft sehr
scharf, besonders über die Chöre und die Mitglieder zweiten
Ranges der italienischen Opernsaison unter Merelli. Auch
das Publicum wird wegen tactlosen oder störenden Benehmens
häufig von ihm abgekanzelt. So lästiger und meist frucht
loser Thätigkeit schnell überdrüssig, legte Tschaikowsky nach
vier Jahren die kritische Feder nieder. Neue Gesichtspunkte
oder originelle, geistreiche Ausführungen wird man schwerlich
finden in diesen Aufsätzen über „Don Juan“, die „Eroica“,
„Fra Diavolo“, „Die Afrikanerin“, „Traviata“, Christine
Nilsson und Bülow. Betroffen innehalten mußten wir nur
bei dem merkwürdig knappen Urtheil über „Fidelio“: „Die
Musik ist hübsch, kann aber mit Beethoven’s Symphonien
nicht verglichen werden und steht weit hinter den Opern
Mozart’s zurück!“ Dann bei dem enthusiastischen
Ausspruch, der Es-moll-Satz in Schumann’sVierter
Symphonie werde „für die zukünftigen Geschlechter
ein ebenso leuchtendes Denkmal des menschlichen Geistes
bilden, wie der Kölner Dom selbst.“ So unberechenbar
sind oft die Neigungen Tschaikowsky’s: dort viel zu wenig
für den „Fidelio“, hier viel zu viel für den Schumann’schen
Symphoniesatz. Erwartungsvoll trat ich an Tschaikowsky’s
Berichte über das Bayreuther Festspiel 1876. In zwei
langen vorbereitenden Feuilletons erzählt er die Entstehung
von Wagner’s „Nibelungenring“, beschreibt die Stadt, das
Festspielhaus, die namhaften Fremden, die elende Verpflegung,
um endlich in einem einzigen dritten Artikel die Hauptsache,
Wagner’s Tetralogie, zu besprechen oder vielmehr sich scheu
herumzuwinden. Er bittet seine Leser um Entschuldigung,
wenn er „nur für eine ferne Zukunft“ eine kritische Erörterung
der Wagner’schen Schöpfung versprechen könne. „Ob
R. Wagner recht gethan hat, indem er im Dienst seiner
Idee bis zum Aeußersten gegangen ist, ob er das Princip
des ästhetischen Gleichgewichts vernachlässigt hat und ob die
Kunst noch weiter auf demselben Wege, den er als Aus
gangspunkt bezeichnet, fortschreiten wird, oder ob der
„Nibelungenring“ zugleich den Punkt bedeutet, von dem aus
die Reaction beginnen wird — wer wollte das heute ent
scheiden?“ Tschaikowsky kommt wiederholt auf den „Zu
stand vollständiger geistiger und physischer Erschöpfung“
zurück, die er nach den einzelnen Theilen der Tetralogie
empfunden, und resumirt zum Schluß, was er aus dem
Bayreuther Festspielhaus mit heimgenommen habe: „1. Eine
verwirrte Erinnerung an zahllose überraschende Schönheiten,
besonders symphonischer Natur. 2. Bewunderung für
das ungeheure Talent des Dichtercomponisten und seine
Technik. 3. Den Zweifel an der Richtigkeit von Wagner’s
Ansicht über das Wesen der Oper. 4. Das Gefühl großer
Ermattung, aber auch den Wunsch, das Studium dieser
complicirtesten aller jemals geschriebenen Musikschöpfungen
fortzusetzen.“ Wagner’s berühmte Bayreuther Schlußrede
„Sie haben nun gesehen, was wir können etc.“, stellt Tschai
kowsky treffend in eine Reihe mit Ludwig’s des Vierzehnten
„L’état c’est moi !“ —
Tschaikowsky’s persönliches Verhalten zu der Musik der
berühmten Meister erhellt aus seinen Feuilletons nur sehr
unvollständig. Mehr darüber erfahren wir von seinem
intimen Freunde, dem ausgezeichneten Musikgelehrten und
Kritiker Herrn Laroche in Moskau, demselben, dem ich
für seine Uebersetzung des „Musikalisch-Schönen“ ins Rus
sische verpflichtet bin. Tschaikowsky’s Hauptgottheit, erzählt
Laroche, war und blieb Mozart, mit dem er Zeit seines
Lebens sich gründlich nach allen Seiten hin beschäftigte.
Bach und Händel stand er ganz fremd gegenüber. Bach’s
Fugen spielte er wol zuweilen für sich auf dem Clavier, die
Cantaten aber und die großen Vocal-Compositionen nannte
er eine classische Quälerei. Händel konnte er absolut
nicht leiden. (Wer denkt da nicht an Spohr’s Antwort
zu den Herren vom Bach-Denkmal-Comité: „Ich weiß nur
Einen Componisten, der mir noch unangenehmer ist als
Bach: das ist Händel!“) Merkwürdigerweise gehörte zu
Tschaikowsky’s Antipathien auch Chopin. Vielleicht weil
er unbewußt selbst mit Chopin manche Aehnlichkeit hatte.
In seiner Jugend schwärmte er sehr für die italienische
Oper, für Rossini und Verdi, liebte auch das italienische
Volk und die italienische Sprache. Von einem dreijährigen
Aufenthalte in Italien datirt sein Italienisches Capriccio
und die Orchester-Phantasie über italienische Volks
melodien. Bei den Concerten, welche R. Wagner
1863 in Petersburg gab, blieb Tschaikowsky kühl und
skeptisch; besonders das allgemein bejubelte Vorspiel
zu „Lohengrin“ machte auf ihn gar keinen Eindruck. Gegen
Laroche machte er auch kein Hehl daraus, wie wenig ihm die
„Nibelungen“ gefielen. In Bayreuth befand er sich aber in
einer Gesellschaft, wo er nichts gegen Wagner äußern durfte;
besonders Professor Klindworth vom Moskauer Conser
vatorium, einer der heftigsten Wagnerianer, wich nicht von
seiner Seite. Erst im Jahre 1886 lernte er „Parzifal“ aus
dem Clavierauszug kennen und war von der Schlußscene
des ersten Actes entzückt. Von dieser Zeit an zeigen sich
sogar gewisse Wagner’sche Einflüsse auf seine eigenen Com
positionen, obwol er Wagner’s Operntheorie nicht anerkannte
und bis zu seinem Lebensende Opern mit Arien, Duetten,
Chören und Balletten schrieb. Gegen Gounod war er
anfangs sehr kühl gestimmt, wurde aber später, unter dem
Einfluß der Artôt, ein warmer Verehrer des „Faust“
und des „Romeo“. Umgekehrt erging es ihm mit Schu
mann, der einen tiefen Eindruck auf Tschaikowsky hervor
gebracht hatte, später jedoch an ihm einen viel kühleren
Beurtheiler fand. Ueber Tschaikowsky’s Verhalten zu
Beethoven gibt uns Laroche folgenden merkwürdigen
Aufschluß: „Im Allgemeinen hegte er für Beethoven große
Ehrfurcht, die freilich sehr verschieden war von der schwär
merischen Liebe, die er für Mozart empfand. In seinen
schriftlichen Aeußerungen über Beethoven war er sehr vor
sichtig und farblos, da er es nicht liebte, durch öffentliche
Aussprache seiner geheimen Gedanken eine Polemik heraus
zufordern.“
Tschaikowsky starb am 25. October 1893 nach zwei
tägigem Krankenlager, erst 53 Jahre alt. Seit Turgenjew’s
und Dostojewski’s Hinscheiden hatte Petersburg kein so
prunkvolles Begräbniß gesehen und keine so allgemeine Trauer.
(Ein Schlußartikel folgt.)