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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Keine Frage — die böse alte „
bekommt jahraus jahrein noch immer Junge. Als sie vor
zehn Jahren preisgeschmückt über sämmtliche
Bühnen zog, wucherten unter ihren Tritten allerorten neue
winzige Musiktragödien. Zuerst natürlich im Lande des
Verismo:
marina
die bekanntesten zu nennen. Weit weniger entsprach die
neue Richtung dem
brachte ihr nur seine „
einem Jahrhundert haben die Franzosen die einactige Oper
mit Vorliebe gepflegt, wohlgemerkt als idyllisches
oder kleinbürgerliches Lustspiel in der Opéra Comique.
Das ist der rechte Platz für diese bescheidene Form.
Der knappe Zuschnitt paßt nicht für die Tragödie,
deren Charaktere einer tieferen Motivirung bedürfen.
In
desto üppigere Blüthen. Thürmt man all diese musikalischen
Miniatur-Tragödien aufeinander: welch ein Haufen Un
glück! Von „
gefangen bis zu den unzähligen, die, ohne nach
gelangen, im
Die bessere
Originalität und naturwüchsigen Energie der „
aufnehmen. Das jüngste Enkelkind der letzteren haben wir
gestern kennen gelernt; den „ Bundschuh“ von Joseph
Wie schon der Titel verräth, bringt uns die neue Oper
ein Stück
hundert. Der Bundschuh war das Zeichen des Bauern
standes in
gehörte. Damals machten die Bauern den Bundschuh zu ihrem
Kriegs- und Wahrzeichen; theils trugen sie ihn als Feld
zeichen vor sich her, theils abgebildet auf einer Fahne. Beim
Aufziehen des Vorhangs sehen wir bewaffnete Bauern,
trinkend, singend, kartenspielend auf dem Dorfplatz
versammelt. Ein Vagabund,
hereingebracht. „Den Kerl, den haben wir ge
fangen.“ „Wird gehangen!“ lautet der durch die
ganze Oper mit Vorliebe wiederholte Reim. Einer
der Bauernführer,
Teufels an, von dessen Verschmitztheit er sich Nutzen ver
spricht. Die Lieblingskraftworte des Textbuches: „Busch
klepper, Strauchdieb, lumpige Schneiderseel’, Tölpel, Schuft,
Galgenstrick, Wicht, Gauch“, prasseln wie Hagel unaufhörlich
nieder. Bald bringen die Bauern einen zweiten, weit kost
bareren Fang: das schöne Burgfräulein
tritt auch der Bauernführer und Held des Stückes, Hans
einem Baume sitzen, in die
hat er im Kopfe“, wie
sein Doppelgänger. Aus seiner wüsten Umgebung erhebt er
sich wie eine Lichtgestalt, ein Held voll Zartsinn und Edel
muth. Der gefangenen
Fesseln, zum Verdruß seiner empörten Anhänger, welche
gleich mit dem beliebten Hausmittel „Hängt sie, erschlagt
sie!“ zur Hand sind;
In sanftem, „beinahe bittendem Tone“ erklärt er dem
Fräulein die Lehre
die
wichtiger) auch „Wasser und Wald, Weid’ und Haid’, Jagd
und Fischerei“?
heit alle diese Zumuthungen ab. „Du zartes Weib,“ er
widert
Deinen sollen ruhig leben.“ Die empörten Bauern schreien
über Verrath, und schon streiten sich zwei der Heftigsten um
die Führerschaft.
drohend geschwungenen Aexte und Schwerter. Da tritt eine
neue Gestalt auf die Scene, die alte Mutter
Seitenstück zu den zwei berühmten unangenehmen Opern
müttern
„Was zauderst du?“ herrscht sie ihren Sohn an, „gib das
Mädchen preis!“ Gern möchten die Burschen sofort zu
greifen, benöthigte nicht der Textdichter noch eine Spanne
Zeit zu dem unerläßlichen Duett zwischen
gard
steigen, das die Unholde von der Bühne verjagt. „Sag’, bist
du bös auf mich?“ lispelt mit komischer Naivetät die stolze
sie“, sondern sehr lieb. „Bleib’ unter uns,“ fleht er: „mit
christlichem Verstand beglücken wir das
— „Komm’ du mit mir,“ erwidert
will ich evangelisch leben!“
würde wahrscheinlich ihr um den Hals fallen, wäre nicht
bereits für den versteckt lauschenden Bösewicht gesorgt, welcher
rasch die alte
Scene zwischen ihr und
„Wir wollen sie rädern, spießen!“
er selbst ersticht ganz sanft und sachte
nicht mehr retten kann. Das Strafgericht ist nicht fern. Ein
Vetter
die Bauern zu belagern und zu beschießen.
mit seinen Leuten muthig gegen den Feind. Er fällt der
Erste im Kampf und wird sterbend neben die todte
gard
Das Textbuch ist geschickt entworfen und mit wirk
samen Scenen ausgestattet. Der „Verismus“ der Dichtung
sorgt dafür, daß es dem Componisten an packenden Ueber
raschungen, Unthaten und Unglücksfällen nicht mangle, und
das ist’s ohne Zweifel, was Herr Joseph
gewünscht haben mag. Dieser Herr ist für den Kritiker keine
bequeme Bekanntschaft. Von einer kleinen Partei enthusia
stisch gepriesen, blieb er gleichwol dem großen Publicum so
gut wie fremd. Unsere Liedertafeln und Männergesang-
Vereine waren bislang die einzigen Bewahrer und Ver
künder von
politischer Parteifärbung nicht entbehrt, feiert ihn gern als
großes musikalisches Genie; strengere Kritik nennt ihn lieber
einen explosiven Dilettanten. Die Wahrheit liegt nicht ganz
in der Mitte. Talent muß man ihm gewiß zusprechen; ein
Talent freilich, das, nicht eminent schöpferisch, sich mehr
decorativ und colorirend bethätigt. Wer von einer Opern
musik nur dramatischen Affect, gesteigerte Declamation und
Orchestertumult verlangt, wird beim „
ausgehen; anders, wer bedeutende musikalische Gedanken in
stylvoller Fassung erwartet.
Schule; das versteht sich heute von selbst, gerade wie der
grüne Anstrich für unsere secessionistisch steifen Sessel und Tische.
Auch die sehr dürftige melodische Erfindung gehört zu den
Zeichen der Zeit, welche heute nur dem scharf und einseitig
Charakteristischen nachstrebt. Am gelungensten dünkt uns die
erste Hälfte der Oper. In den einleitenden Scenen, Bauern
chor und Bauerntanz, malt der Componist so derb realistisch,
wie Aehnliches kaum noch in der Oper vorgekommen. Man
muß da seine Geschicklichkeit wie seinen Muth anerkennen.
Von guter Wirkung sind auch die zwei Strophenlieder des
wir ihnen zwar nicht nachrühmen (Erinnerungen an
messer
doch musikalisch geformter, derb natürlicher Gesang, wie
er den Personen und der Situation entspricht. Entschieden
schwächer scheint uns die durchaus sentimentale und pathetische
zweite Hälfte der Oper, welche die ganze Strenge des
„Musikdramas“ hervorkehrt. Hier beherrscht und unterjocht
der Declamator überall den Musiker. Der Dialog zwischen
und
duett) legt sich zwar anfangs beschwichtigend auf die Fieber
hitze des unmittelbar Vorangegangenen; doch bleibt der
Componist uns hier das Beste schuldig. Lange Harfen-
Arpeggien, die sich ja dem nothleidenden Lyriker zur rechten
Zeit einstellen, tragen den nur allzu gewöhnlichen schwächlichen
Gesang der beiden Liebesleute. Mit dem plötzlichen
Dazwischentreten der alten
gewaltsamste Uebertreibung die Vorherrschaft — das
lärmt, pfeift und zischt, wie in einem Hexenkessel. Die kurze
kriegerische Schlußscene erlischt im Lärm.
falschem, gefährlichem Wege. Freilich, was mir als „falscher
Weg“ erscheint, mag für ihn und für Jeden, der musikalisch
erfindungsarm ist, der einzig richtige, einzig mögliche sein:
die resignirte Unterwerfung des selbstständig musikalischen
Schaffens unter die Herrschaft des Wortes und der bloßen
Stimmungsmalerei.
sklavisch an dem späteren
hat, blindlings
schen Formeln Neues, Bedeutendes, Eigenes zu sagen wissen.
Das ist’s, was ich im „
lauter „dramatischer“ Ueberanstrengung kommt es zu keiner
ehrlichen, gesunden Musik. In der Ouvertüre, wo der Com
ponist, an keine Textworte gebunden, ganz frei schaltet,
konnte er uns zeigen, ob ihm etwas musikalisch Selbst
ständiges einfällt. Leider herrscht gerade in der Ouvertüre
eine trostlose Armuth der Erfindung; dem brutalen Lärm,
mit welchem das Stück auf uns hereinstürzt, folgt eine Art
Andante religioso, ebenso alltäglich und armselig wie das
vorangegangene Furioso. Wie stark
seiner Hörer sündigt, zeigt beispielsweise der Schluß dieses
Vorspieles, wo durch 50 Tacte (im Vierviertel-Tact „sehr
gemessen“) dieselbe Phrase mit geringen Aenderungen ab
gehaspelt wird. Der größte Nachdruck ist auf die Instru
mentirung gelegt; mit den Singstimmen darben wir, vom
Orchester werden wir überfüttert. Die alte Methode. Das
Orchester klingt dumpf, überall wo es nicht mit Donner
und Blitz wirthschaftet. Viel wirksamer sind die Chöre
behandelt; hier helfen dem Opern-Componisten seine Er
fahrungen im „Männergesang-Verein“. Hingegen stellt er an
die Stimmen der drei Hauptpersonen wahrhaft mörderische
Zumuthungen. Sie können sich in dem einactigen „
schuh
Oper.
Die Novität präsentirte sich dem Publicum in einer
wahrhaft bewunderungswürdigen Aufführung. Die drei
Hauptpartien fanden in Fräulein v. Mildenburg (