Das
Salzburger Musikfest.
Salzburg, im August
Ed. H. Ein Musikfest in Salzburg wird jederzeit von
selbst zum Mozart-Fest. Ein Vorrecht, das Mozart’s
Geburtsstadt immer ausgeübt, eine Pflicht, die sie aus
nahmslos erfüllt hat. Die Musikfeste, welche Salzburg
zeitweilig zum Ruhme der Einheimischen und zur Freude
zahlreicher Fremder veranstaltet, sind im Laufe der Jahre
gewachsen, nicht blos an Zahl und Bedeutung der Mit
wirkenden, sondern auch an künstlerischem Geist und
Gehalt. Aeltere Musikfreunde erinnern sich wol des
Musikfestes, das 1856 zur Centenarfeier von Mozart’s
Geburt in Salzburg stattfand. Nach Tag und Ort das
kunsthistorisch wichtigste aller Mozartfeste, hat es doch in
der Ausführung nicht zu den besten gehört. In der
Bevölkerung wollte kein volles Verständniß, kein lebhafter
Antheil aufblitzen; obendrein lag die musikalische Führung
und Ausführung ganz überwiegend in den Händen der
Münchener Künstler. Franz Lachner, von dem auch
die Festcantate stammte, dirigirte; erste Sänger der
Münchener Hofoper, Frau Dietz, Frau Mangstl,
Frau Behrend, die Herrn Kindermann und
Hartinger sangen die Soli. Es war mehr ein
bayrisches als ein österreichisches Musikfest. Auch das
Monument selbst stammt bekanntlich aus Bayern; ein Werk
Schwanthaler’s, in Erz gegossen von Stigel
maier in München. Bevor es nach Salzburg abging,
wurde es in München vor dem König Ludwig in
glänzender Beleuchtung aufgestellt, während bayrische
Gesangvereine einen Festchor zu Ehren Mozart’s vortrugen.
Zu einer Opernvorstellung ist es im Jahre 1856 gar
nicht gekommen wegen der Enge und Dürftigkeit des alten
Theaters. Der Fackelzug mit der musikalischen Huldigung
vor dem Mozart-Standbild ließ kalt; es schien der dicht
gedrängten Volksmenge jedes theilnehmende Verständniß
zu fehlen. Kein freudiger Ausruf, der nicht blos dem
rothen Bengalfeuer gegolten hätte. Die drei von den
Sängern ausgebrachten „Hoch!“ verpufften schmählich wie
feuchte Raketen; das Volk wartete ein Weilchen, ob vielleicht
noch etwas los wäre, dann verlief es sich. Der populärste
aller großen Tondichter, Mozart, stand unter der seine
Statue neugierig umringenden Menge wie der steinerne
Gast hoch zu Roß unter den niederen Grabsteinen. Auch
die Wohnung Mozart’s in der Getreidegasse, zu der
damals Alles andächtig pilgerte, erweckte trübe Gedanken.
Sie war nur provisorisch mit allen theuren Reliquien ge
schmückt; ein Kaufmann bewohnte das Jahr hindurch diese
Zimmer und hatte sie blos für die Festtage dem Besuch
der Mozart-Pilger geöffnet. In Flur und Hofraum
stauten sich Kisten, Fässer und andere Zeichen mercantiler
Thätigkeit.
Auch Wien, so viel reicher ausgestaltet mit allen
musikalischen Mitteln, war 1856 mit seinem Festconcert im
Redoutensaal stark zurückgeblieben hinter seiner rühmlichen
Aufgabe. Das bestechende Motiv, Mozart’s wunderbare
Vielseitigkeit in dem engen Rahmen Eines Concertes ab
zuspiegeln, mußte in der Ausführung verkümmern. Aus
„Don Juan“, der aufs Theater gehört, wurde das hoch
dramatische erste Finale in Concert-Toilette aus dem Noten
blatt abgesungen; aus dem Requiem, das in die Kirche
gehört, war das „Dies irae“ einzeln herausgerissen. Dabei
fühlte man sich von der Masse Musik erdrückt, anstatt er
hoben. Wien hätte damals ein Mozartfest nach allen vier
Weltgegenden des musikalischen Reiches feiern können und
sollen: in der Kirche, im Concertssaal, in der Kammer und
im Theater. Statt einer Mustervorstellung des „Don Juan“
brachte aber das Hofoperntheater an Mozart’s hundertstem
Geburtstag die Operette „Gute Nacht, Herr Pantalon“!
Gegen diese vor 45 Jahren gefeierten ersten Mozart-
Feste zeigten die späteren, von Dessoff, H. Richter
und W. Jahn dirigirten Festconcerte in Salzburg
einen höchst erfreulichen großen Fortschritt. Ins
besondere das Musikfest von 1891. Es galt der hundertsten
Wiederkehr von Mozart’s Todestag. Wir standen also
im Schatten jenes Glücksgefühls, das bei jener Geburts
tagsfeier (1856) unsere Herzen sonnig durchströmte. Jetzt
suchte die Nachwelt an Mozart’s Werken gutzumachen, was
seine Zeitgenossen an ihm selbst gesündigt. Ein Fest wie
die in ganz Europa begangene Centenarfeier der ersten
„Don Juan“-Aufführung (1887) steht in der
gesammten Musikgeschichte ohne Beispiel.
Diese Mozart-Feste von 1891 leben in kräftiger Er
innerung unserer Leser. Wir wenden uns zur Gegenwart,
zu dem Salzburger Mozart-Feste von heute. Glänzend in
seinem Programm und seiner Ausführung, imponirt es
allein schon durch seinen Umfang: Drei große Concerte
und zwei Opernvorstellungen! Einer geselligen Vor- und
Nachfeier nicht zu gedenken.
Das erste Festconcert brachte ausschließlich, das
zweite zur guten Hälfte Mozart’sche Musik. So haben
wir hier in wenigen Tagen mehr Mozart gehört, als
sonst in zwei oder drei Jahren. Es ist uns nicht zu viel
geworden. Man vergleiche die Programme unserer Gesell
schafts- und Philharmonie-Concerte aus den letzten
Jahren; selten und immer seltener erblicken wir da ein
Stück, namentlich ein weniger bekanntes, von Mozart!
Die Musik hat seit Mozart große Evolutionen durch
gemacht und mit hochgesteigerten Mitteln neue Gebiete
erobert. Der Umschwung des Lebens hat uns andere,
früher ungekannte Bedürfnisse eingeimpft, zu deren Be
friedigung der klare Quell Mozart’schen Gesanges nicht
ausreicht. Wir können die Meister, die auf Mozart folgen,
nicht entbehren; sie sind gegenwärtig unser tägliches
Musikbrot. Mozart erscheint heute fast nur noch als
Feiertagsgericht. Dagegen mag eifern, wer das Naturgesetz,
welches auch in der Entwicklung der Künste waltet, nicht
begreift. Beklagen jedoch, als einen Verarmten beklagen,
müssen wir Jeden, den zeitweise Rückkehr zu Mozart nicht
beglückt, wie ein Gruß aus dem verlorenen Paradies, und
der beim Anhören der G-moll-Symphonie, des G-moll-
Quartetts, der „Zauberflöte“ oder des „Don Juan“ nicht
Alles zu vergessen vermag, was eine neue, leidenschaftlichere
Zeit Bestrickendes geschaffen.
Wir betreten die festlich geschmückte „Aula academica“.
Zu beiden Seiten des herrlichen Saales Wandgemälde
aus der biblischen Geschichte, dazwischen die Namen und
Wappen aller einst regierenden Erzbischöfe von Salzburg.
Leider hat der sehr große Saal nur einen einzigen Aus
gang — ein qualvoller Uebelstand, dem wol abzuhelfen
wäre. Das Concert beginnt um 11 Uhr Vormittags. Die
Wiener Philharmoniker unter der Leitung ihres neuen
Dirigenten Hofcapellmeisters Hellmesberger eröffnen
das Concert mit der Ouvertüre zur „Zauberflöte“. Hierauf
spielt der treffliche Geiger Alexander Petschnikow das
Violinconcert in A-dur, das in den beiden ersten Sätzen
überwiegend formalistisch, im Finale zu überraschend rhyth
mischem Leben erwacht. Leider bekommt man nur mehr
selten ein Mozart’sches Violin- oder Clavierconcert zu
hören. Es muß dafür immer erst ein Jubiläum kommen.
Die modernen Virtuosen verschmähen Mozart; denn er
hilft ihnen nicht, die Hörer zu verblüffen. Aber Mozart
spielen, wie er gespielt sein will, ist eine tapfere Kunst
für sich, die neben anderen Tugenden auch noch die seltenste
verlangt: künstlerische Bescheidenheit. Ein „Adagio und
Fuge“ für Streichorchester wurden sehr exact gespielt und
dürften den meisten Zuhörern neu gewesen sein. Die könig
lich sächsische Kammersängerin Erika Wedekind erfreute
die Hörer mit der virtuos gesungenen Concert-Arie „No
che non sei capace“ von Mozart. Ein Zopf, wenngleich
mit einigen Goldfäden durchflochten.
Den Beschluß machte die große C-dur-Symphonie,
„von der wir nicht wiederholen wollen, was Alle wissen“.
Mit diesem Wort pflegte Schumann, der, wenn irgend
Einer, im Stande gewesen, seiner Bewunderung für
Mozart’s „Jupiter-Symphonie“ Ausdruck zu leihen, an
diesen und ähnlichen allbekannten Meisterwerken tief grüßend
vorbeizugehen.
„Und der Regen, der regnet jeglichen Tag.“ Er war
die einzige, aber sehr empfindliche Störung dieses drei
tägigen Salzburger Musikfestes. Kein Gartenfest im
Mirabellgarten, kein Spaziergang und dazu meistens —
kein Wagen! Man that am besten, an diesen Regentagen
das Mozarteum zu besuchen, wohlgemerkt, an der
Hand des lehrreichen Katalogs, den wir dem vielverdienten
Archivar Joh. Ev. Engl verdanken.
Das zweite Festconcert (Mittwoch Vormittags) bot
abwechselnd Kammermusik, Clavier- und Gesangstücke.
Mozart’s selten gehörtes Quintett in Es für vier Blas
instrumente und Clavier wirkte durch die Schönheit der
Composition und das exacte Zusammenspiel der Herren
Wunderer, Nowak, Schmidl, Wesser und
R. Baß. Es interessirt uns auch speciell als das unver
kennbare Vorbild von Beethoven’s Quintett für Cla
vier und Blasinstrumente, op. 16. Das Mozart’sche
Quintett ist zweifellos genialer, bedeutender; es steckt eben
der vollkommene, ganzeMozart darin, in der Nach
bildung nur der beginnendeBeethoven. Und doch
standen beide Meister genau im selben Alter: Mozart
schrieb sein Quintett (1784) mit 28 Jahren, Beethoven
das seinige (1798) ebenfalls. Welchen enormen Unterschied
begründete aber die ungewöhnlich frühzeitige Entwicklung
Mozart’s; er stand mit 28 Jahren auf der Höhe seiner Kunst
und seines Genies, leider auch tief am Abhang seines
Lebens. Beethoven war als angehender Dreißiger noch
nicht einmal Er selbst.
Emil Sauer, herzlich begrüßt und gefeiert wie
überall, hatte sich eine Mozart’sche Sonate (C-dur Nr. 12
mit dem Rondo „alla Turca“) ausgesucht. Ein Clavier
concert wäre uns willkommener gewesen. Von Mo
zart’s Clavier-Compositionen sind unzählige rettungslos
vom Zeitstrom fortgeschwemmt; höchstens der Clavierlehrer
und der Geschichtsforscher kümmern sich noch darum. An
ders verhält es sich mit den (Wiener) Concerten Mozart’s;
sie bezeichnen den Höhepunkt seines Clavierstyls und über
treffen weit seine übrigen Solostücke, mit einziger Aus
nahme der wundervollen C-moll-Phantasie. Mit gutem
Recht kann Mozart der Schöpfer der modernen Clavier
concerte heißen, wie ja das Fortepiano selbst erst unter
ihm zum concertfähigen Instrument wurde. — Gar seltsam
klang unmittelbar auf die Mozart’sche Sonate eine Chopin’sche
Ballade und das erste Intermezzo aus op. 117 von
Brahms. Die „Drei Intermezzi“ wie die „Sieben Phan
tasien“, op. 116, aus Brahms’ letzter Periode tragen ein
wild leidenschaftliches oder schmerzlich resignirtes Gepräge.
Eine stolze, kraftvolle Natur spricht theils schroff, theils
tieftraurig (Nr. 1 mit dem Motto) aus ihnen. E. Sauer
spielte alle diese so grundverschiedenen Stücke mit wunder
voller Technik und eindringendem Verständniß. Er ent
fesselte einen unbeschreiblichen Jubel. Mit lebhafter Be
friedigung vernehmen wir, daß dieser ausgezeichnete Künstler
von Neujahr an seinen festen Wohnsitz in Wien nehmen
und eine „Meisterschule“ der Clavier-Virtuosität an
unserem Conservatorium gründen wird. Sauer’s Anschlag
sollte vor Allem Herr Roderich Baß studiren.
Reichliche Vertretung ward dem Gesang. Am glän
zendsten durch die gefeierte große Gesangskünstlerin Frau
Lili Lehmann. Mozart’s „Abendempfindung“ und
Beethoven’s „Adelaide“, kann Niemand vollendeter, dabei
einfacher, schmuckloser singen. Nach wiederholtem stür
mischen Hervorruf überraschte sie noch durch den neckischen
Vortrag eines wenig bekannten Mozart’schen Scherzliedes
„Warnung“. Großen Erfolg hatte auch Frau Erika
Wedekind mit zwei Mozart’schen Liedern und der von
Jenny Lind eingeführten „Nachtigall“ von Alabieff. Hier
auf erfreute man sich an der klangvollen Baßstimme des
Herrn Klöpfer aus München und ließ ihn die un
glückliche Wahl der drei „Landsknechtlieder“ von Leopold
Lenz nicht entgelten.
Ein gewähltes — aber aus lauter oft gehörten
Stücken gewähltes — Programm, das nicht zu eingehender
Besprechung auffordert, brachte das dritte Festconcert.
(Wagner’s „Tannhäuser“-Ouvertüre, Beethoven’s Achte
Symphonie, Arie aus Haydn’s „Jahreszeiten“, Arie aus
„Titus“.) E. Sauer, Fräulein Walker und Herr
Klöpfer waren die mit Beifall überhäuften Aus
führenden.
Der Abend des ersten Festtages (Dienstag) bescheerte
uns eine wohlgelungene Aufführung des „Don Juan“.
Das neue schmucke Theater ist nach den Plänen von
Fellner und Helmer unter der Leitung des trefflichen
Architekten Professor Demel erbaut, dem wir auch die
glückliche Durchführung der Mozart-Feste von 1891 und
1901 verdanken. Das neue Theater wurde im October
1893 eröffnet. Es steht auf der Stelle des alten
k. k. Theaters, das noch zu Lebzeiten Mozart’s aus einem
fürsterzbischöflichen „Ballhaus“ entstanden war und trotz
vielfacher Adaptirungen immer ein höchst primitives
Theaterchen blieb und den Andrang bei festlichen Gelegen
heiten (1887, 1891) nur ächzend aushielt. Das neue, von
der Stadtgemeinde errichtete Haus ist einfach und nicht
sehr ansehnlich, da es unter der Ungunst der Lage — an
der tiefsten Stelle des abfallenden Makartplatzes — leidet.
Das Innere jedoch ist vortrefflich, namentlich der Zu
schauerraum sehr schmuck und behaglich. Von elektrischem
Licht glänzend erhellt, in allen Räumen von geputzten
Damen gefüllt, bietet dieses Theater einen entzückenden
Anblick. Nach dem langen Mittagsconcerte eine große
Oper — das hätte einige Anstrengung bedeutet, galt es
nicht gerade „Don Juan“, der uns so wohl vertraut und
zugleich so neu und reizvoll ansprach durch das schmucke
Local und das künstlerische Ensemble. Unter den Sängern
fast lauter gute liebe Bekannte: Ritter, bekanntlich ein
geborener Salzburger (Don Juan), Hesch (Leporello),
Lili Lehmann (Donna Anna), Fräulein Walker
(Elvira) und Frau Wedekind (Zerline). Die Herren
Klöpfer (Gouverneur), Aranyi (Ottavio) und
Schaetzle (Masetto) standen dieser Künstler-Elite würdig
und erfolgreich zur Seite. Frau Lehmann kennen wir
längst als eine der allerbedeutendsten Darstellerinnen der
Donna Anna; Frau Wedekind ist heute unbestritten
die allerbeste deutsche Zerline.
Den Chor hatten das Mozarteum und die Salz
burger Liedertafel beigestellt, das Orchester der Dom-
Musikverein und das Mozarteum. Die sehr schwierige
Aufgabe, all diese zum Theil ungeübten und verschieden
artigen Kräfte zu einem so großen, neuen Unternehmen
zusammenzufassen und zu leiten, wurde von dem ausge
zeichneten Director des Mozarteums, Herrn J. F. Hummel,
glänzend gelöst. Es war ein schöner, berechtigter Ehrgeiz
der Salzburger Musik, Orchester und Chor aus eigenen
Kräften beizustellen. Junge Damen aus den besten Familien
betheiligten sich mit leuchtendem Eifer an den Chören, als
„Dilettanten“ im besten, ursprünglichen Sinn. Die schwache
Besetzung des Orchesters (nur zwei Contrabässe) empfanden
wir, und noch mehr die Sänger, fast wie eine Wohlthat.
Wie mühelos und deutlich floß jeder Ton, jedes Wort
von ihren Lippen! Mit großem Vergnügen mußte ich
abermals daran denken, daß im Jahre 1791 von der
Münchener Censurbehörde Mozart’s Don Juan „als
ärgerlich für alle Zeiten verboten“ wurde! Erst
auf allergnädigsten Specialbefehl des Kurfürsten Karl
Theodor ist dieses allzu weise Verbot aufgehoben und die
Aufführung dieses „ärgerlichen“ Don Juan erlaubt worden.
Wir hatten heute wieder unsere Freude daran und werden
es weiter, so lange wir leben.
Nachschrift. Es regnet fort.