Offenbach im Hofoperntheater.
Ed. H. Nein, das hat Offenbach sich nicht träumen
lassen. Ein Werk von ihm, sein letztes, auf der Bühne
des Wiener Hofoperntheaters, an zwei Abenden nach ein
ander gespielt; abwechselnd mit den ersten Kräften besetzt,
glänzend ausgestattet, von Mahler einstudirt und diri
girt! Nie zuvor war Offenbach in das Heiligthum unse
res neuen Opernhauses eingelassen. Nur im alten
Hause „nächst dem Kärntnerthor“ spielte man einmal eine
Novität von ihm. Wenige Leser dürften sich ihrer
erinnern; ist es doch volle 37 Jahre her seit jener Auf
führung von Offenbach’s dreiactiger romantischer Oper
„Die Rheinnixen“. Seine Operetten standen damals
in voller Blüthe; „Laus der Gute“ füllte die Kassen des
Wiedener wie des Carl-Theaters. Angesichts dieser
Triumphe zögerte man nicht länger, Offenbach durch eine
Aufführung im Hofoperntheater gleichsam in den musika
lischen Adelsstand zu erheben. Die „Rheinnixen“ prangten in
kostbarer Ausstattung und Besetzung; Ander, Beck,
Mayerhofer, die Wildauer und Destinn
sangen, Dessoff dirigirte. Alle hatten ihr Bestes ge
leistet — nur Offenbach nicht! Allerdings fiel es ihm schwer,
sich für das jämmerliche Sujet zu begeistern, ja auch nur
zu interessiren. Um nur Eins zu erwähnen: der Held und
Liebhaber des Stückes (von Ander dargestellt) tritt
gleich zu Anfang irrsinnig auf, in Folge eines Säbel
hiebes, also eines Zufalles. Das französische Original-
Libretto, eine Musterkarte mißhandelter deutscher Romantik,
stammt von Nuitter, der deutsche Text von A. v. Wol
zogen — eines so schlecht wie das andere.
Vier Chorverse konnte ich lange nicht vergessen:
„Seht, der Arme da ist er,
Sein Antlitz ist düster,
Doch ziemt der Tod ihm nicht nur,
Mit dem Wicht erst auf die Tortur!“
Und die
Musik? Sie erfreut in den beiden ersten Acten durch
einige graziöse Strophen, geräth jedoch immer tiefer
in das bizarre, effecthaschende Pathos der spät-Meyer
beer’schen und Halévy’schen Manier. Das Stück liegt außerhalb
des Gebiets, auf dem Offenbach herrschte, ja auf dem er
überhaupt er selbst war. Man mochte an mancher Scene
bewundern, wie sehr er es getroffen, sich zu verleugnen.
Allein der Kunst ist besser gedient mit einer Natur, die
sich bekennt, als die sich verleugnet. Die „Rheinnixen“
hatten im Kärntnerthor-Theater nach wenigen Vorstellungen
ausgesungen, ausgetanzt, ausgeschwommen. Aber ein
Musikstück daraus, das hübscheste, hat sich erhalten, oder
richtiger: Offenbach selbst hat es conservirt und in „Hoff
mann’s Erzählungen“ verpflanzt: der Elfenchor „Komm’
zu uns!“, den wir als italienische Barcarole erst als Chor,
dann als Orchester-Zwischenact mit Vergnügen wieder er
kannt haben. Auch der Tanz der Rheinnixen gaukelte über
einem reizenden Walzer, welchen später Herbeck mit
großer Wirkung in die Schlußscene der „Lustigen Weiber
von Windsor“ eingefügt hat, von wo Director Jahn ihn
wieder herauswarf. „Im Hofoperntheater,“ erklärte er,
„darf keine Note von Offenbach vorkommen.“ Was für
Augen würde er heute machen, sähe er Offenbach mit
doppelter Besetzung, gleichsam vierspännig, in die Hofoper
einfahren!
Einem Deutschen wäre es gewiß nicht eingefallen, seinen
Landsmann, den wunderlichen Berliner Kammergerichtsrath
E. Th. A. Hoffmann zum Helden einer Oper zu machen.
Diese phantastische Idee konnte nur dem Kopf eines
Franzosen entspringen. Herr Jules Barbier, der be
kanntlich als Librettist mit Vortheil Goethe und Shakespeare
ausgebeutet („Mignon“, „Faust“, „Hamlet“, „Romeo“) hat
sich auch unsern Hoffmann gut angesehen und denselben
bereits vor fünfzig Jahren zu einem Drama verarbeitet.
Das Stück verschwand bald von der Bühne des Odéon
— warum sollte der praktische Librettist es nicht nachträglich
als Opernstoff verwerthen? Musik ist ja ein bewährter Kitt für
Sprünge und Risse in der Logik. Auch war bei den Fran
zosen auf den exotischen Reiz von Hoffmann’s Märchen und
Phantasiestücken noch immer zu speculiren; galt er doch
für den populärsten deutschen Dichter in Frankreich,
Goethe und Heine kaum ausgenommen. Zu Ende der
Zwanziger-Jahre herrschte in Paris eine förmliche Be
geisterung für Hoffmann’s Spukgeschichten; nebst Weber’s
„Freischütz“ waren sie den Franzosen die Incarnation der
deutschen Romantik, wo nicht des deutschen Geistes über
haupt. Diese schrankenlos taumelnde Phantastik mit ihrem
Durcheinandermischen von prosaischer Alltäglichkeit und
grausigem Gespenstertreiben übte einen berückenden Zauber,
ja nachweisbaren Einfluß auf die von Victor Hugo com
mandirte französische Jugend. Finden wir nicht für
den häßlichen Zwerg Quasimodo, den buckligen Hof
narren Triboulet und ähnliche Lieblingsfiguren der
neufranzösischen Romantik die Vorbilder bei Hoff
mann? Kennen wir nicht sogar aus neuester Zeit
gespenstische Erzählungen von Erckmann-Chatrian, die
ohneweiters Hoffmann geschrieben haben könnte? In Erck
mann’s Roman „Les Brigands des Vosges“ erscheint
sogar neben allerlei Vagabunden und Zigeunern auch Hoff
mann selbst mit Ludwig Devrient im Räuberlager. Sollte
Jules Barbier vielleicht gar Gervinus’ „Literaturgeschichte“
gelesen haben, er könnte folgenden merkwürdigen Ausspruch
für sich anführen: „Hoffmann’s Werke und Leben, zum
Objecte einer kunstvoll behandelten Darstellung gemacht,
könnten wie Lichtenberg’s und Jean Paul’s Erscheinungen
zu besseren Kunstwerken werden, als diese Männer selbst
geliefert haben.“ Zum singenden Opernhelden hat aber
Gervinus unseren Hoffmann gewiß nicht vorgeschlagen.
Wie Jules Barbier den Stoff geformt und wie Offenbach
ihn musikalisch ausgeführt und geschmückt hat, davon war
in diesem Blatt erst kürzlich die Rede. So dürfen wir
denn zur der Aufführung oder vielmehr zu den Auf
führungen im Hofoperntheater übergehen.
Das Vorspiel in der berühmten Berliner Weinstube
von Lutter (nicht „Luther“, wie der Theaterzettel angibt)
bietet ein lebendig bewegtes Bild. Die Studentenchöre, von
Pacal’s prächtigem Tenor geführt, klingen frisch und
fröhlich; Hoffmann tritt ein; Schrödter singt ihn am
ersten Abend, Naval am zweiten. Ersterer faßt den
Charakter realistischer, leidenschaftlicher, und wird in dieser,
wie ich glaube, richtigen Auffassung durch sein klangvolles
Organ trefflich unterstützt. Herr Naval, wie immer ein
liebenswürdiger, feiner Darsteller, erinnert in seiner
träumerisch stillen Weise mehr an Werther als an
Hoffmann. Man möchte beinahe fragen: Wie kommt
dieser Mann in eine rauchige Weinstube unter
lärmende Zechbrüder? ... Der erste Act, der heiterste,
musikalisch gefälligste, glänzt durch sein musterhaftes
Ensemble. Als charakteristisch sei nebenbei erwähnt, daß
Director Mahler noch in der Generalprobe die sehr
einfachen ersten Tacte des G-dur-Walzers mindestens ein
Halbdutzendmal von den Violinen repetiren ließ, bis das
Anschwellen und Abnehmen im Rubato ganz zu seiner
Zufriedenheit erreicht war. Mahler ist schwerlich ein Ver
ehrer Offenbach’s, aber dem Werke, das er einmal zu
dirigiren unternimmt, gehört seine ganze Fürsorge und
Hingebung ... Olympia, die reizende automatische Puppe,
trippelt, von ihrem Verfertiger Spalanzani geleitet, in den
Saal, und singt und tanzt da mit erstaunlicher Bravour.
Frau Schoder gibt die Scene bewunderungswürdig;
mit derselben steifen Sicherheit und unbeweglich leblosem
Blick erledigt sie die schwierige Sing- und Tanzproduc
tion. Auch in den folgenden Acten, als Giulietta und
Antonia, liefert sie Probestücke ihrer ungewöhnlichen
Verwandlungsfähigkeit. Die Rolle erfordert mehr
Geist als Empfindung, mehr Kunst als Stimme;
Frau Schoder befand sich also in ihrem eigensten Element.
Frau Saville, welche die Rolle, vielmehr die Rollen
trilogie am zweiten Abend sang, vermochte trotz redlichster
Anstrengung ihre Vorgängerin nicht als Sängerin noch
weniger als Schauspielerin zu erreichen; allerdings schien
sie etwas indisponirt. Den jungen Begleiter Hoffmann’s
Niklas, gibt an beiden Abenden Fräulein Kusmitsch
.
Sie singt ihre Couplets von der Puppe flott und zierlich;
nur spielt sie wie die meisten Damen in Männerkleidung
mit übertriebener Lebhaftigkeit. Für den Spalanzani ist
Herr Schittenhelm durch seine discrete Komik und
musterhaft deutliche Aussprache wie geschaffen. Indiscrete
Komik müssen wir leider dem talentvollen Herrn Breuer nach
tragen, dessen Quietschen und sonstiges Uebertreiben allenfalls
in die Localposse gehört. ... Der an anderen Bühnen meistens
weggelassene zweite Act war mir, wie den meisten Zuhörern,
eine Novität. Musikalisch ginge nicht viel daran verloren,
wird doch das weitaus hübscheste Stück, die (aus den
„Rheinnixen“ gerettete) Barcarole, an anderer Stelle ein
geschoben und erklingt überdies als selbstständiger Entreact.
Diese Zwischenactmusik wird im Hofoperntheater so ent
zückend gespielt, daß sie jedesmal zur Wiederholung ver
langt wird. Beim Aufziehen des Vorhanges überrascht
uns ein reizendes Bild: aus einer säulengetragenen pracht
vollen Halle blicken wir auf den Canale Grande, welchen
reichgeschmückte, beleuchtete Gondeln beleben. Was diesem
Ausstattungswunder an dramatischer Handlung folgt, ist
theils gewöhnlich (wie das Liebesduett), theils unverständ
lich. Der Zuschauer müßte anstatt des Theaterzettels einen
verläßlichen „Führer“ durch E. Th. A. Hoffmann’s
Schriften mitbringen, um herauszufinden, was da Alles
auf der Scene in verwirrender Eile abgehandelt wird.
Neun Personen kommen und gehen nach einigen Tacten,
auf Nimmerwiedersehen. Man weiß nicht recht, wer sie
sind und was sie wollen. Was ist’s mit dem Spiegel, in
welchem Giulietta das Gesicht Hoffmann’s „für ewige
Zeiten“ aufhängt? Was ist’s mit „Schlemihl“ (Neidl),
der in ganz derselben Maske auftritt, wie im folgenden
Act „Dr. Miracle“ (Ritter)? Was hat der einäugige
Oberst mit der Handlung zu schaffen? Was der scheuß
liche bucklige Zwerg, der sich zu den Füßen Giulietta’s
herumwälzt? Dies Alles und noch Anderes läßt an Un
verständlichkeit nichts zu wünschen übrig. ... Der dritte
Act führt uns in das Zimmer der brustkranken Antonia.
Ihr Monolog und Duett mit Hoffmann verlangen dringend
nach dem Rothstift. Das ist Alles zu ausgedehnt und
monoton, mit Rücksicht darauf, daß die wichtigere zweite
Hälfte dieses Actes (Miracle’s wiederholtes Erscheinen, das
Terzett mit dem Bildniß der Mutter, das Sterben Antonia’s)
einen unverhältnißmäßig großen Raum einnimmt. Für das
Schauerliche, Gespenstische dieser Scenen hat Offenbach ganz
originelle, ergreifende Töne gefunden. Daß als kurzes
Nachspiel dann noch einmal die bekannte Weinstube erscheint
und der lustige Studentenchor erklingt, ist vielleicht unnöthig
für den Abschluß des Dramas, aber keineswegs für die
Beruhigung unserer Nerven. Man ist doch endlich da
wieder unter Menschen. ... In der dreifachen Rolle des
Coppelius, Dapertutto und Miracle haben die Herren
Ritter und Hesch mit Auszeichnung abgewechselt. Für
den Dr. Miracle ist Hesch durch sein Aussehen und den
markerschütternden Klang seiner dumpfen Baßstimme ganz
vorzüglich geeignet. Er macht uns angst und bange —
und das will der Componist. Darüber soll die lobens
werthe Ausführung der kleineren Rolle „Krespel“ durch
Herrn Frauscher nicht vergessen werden.
„Hoffmann’s Erzählungen“ haben, wie bereits gemeldet,
an beiden Abenden eine überaus beifällige Aufnahme ge
funden und dürften nicht so bald vom Repertoire ver
schwinden. Offenbach’s „Hoffmann“ ist ohne Frage ein
hochinteressantes Werk, und wer dessen lustige Operetten
nicht kennt, mag es für sein bestes halten.