Musik.
(Orchesterconcert des
Wiener Männergesang-Vereins. —
Paula
Szalit. —
Louis und
SusanneRée —
Denkmäler
der Tonkunst in Oesterreich.)
Ed. H. Der Wiener Männergesang-Verein
hat einen neuen Dirigenten. Aber der neue Dirigent hat
auch den Männergesang-Verein. Im Fluge, mit der ihm
eigenen Elasticität scheint Herr Richard Heuberger die
nöthige innere Fühlung gewonnen zu haben mit dem ihm
erst kürzlich anvertrauten Chorkörper. Allerdings stand
Heuberger nicht vor einer neuen Aufgabe; er hat vor
Jahren mit der ganzen Frische seines Temperaments den
Akademischen Gesangverein befehligt. Zweifellos ist dem
Wiener Männergesang-Verein jetzt in Heuberger ein ener
gischer, arbeitsfreudiger Führer zugefallen; zugleich ein
erfolgreicher Componist und literarisch gebildeter Musiker.
Ein nicht zu unterschätzender Vorzug gegenüber der
eigenartig begrenzten Kunstübung des Männergesanges
und der immer neu herantretenden Schwierigkeit, die
Vortragsstücke sorgsam auszuwählen, ihren Kreis
planvoll zu bereichern und zu erweitern. So mag denn
unter Heuberger die schöne Herbeck’sche Tradition künst
lerisch werthvoller Programme ihrer weiteren Pflege ent
gegenharren. Das Concert brachte von älteren Stücken
Brahms’ „Akademische Ouvertüre“ und Bruch’s
„Salamis“, diesen bewährten Siegesgesang zugleich der
Griechen und des Wiener Männergesang-Vereines selber.
Sodann Schubert’s „Ständchen“, in welchem Fräulein
Walker unter großem Beifalle das Alt-Solo sang.
Vielleicht hätte das liebenswürdige, auf leichten Füßen
dahinhuschende Lied auch mit einer weniger stolzen Stimme
bei anmuthiger bewegtem Vortrag sein Auslangen gefunden;
wie es denn auch an Stelle der Mottl’schen Orchester
begleitung sein bescheidenes Clavier zu reclamiren schien.
Ist doch dieses Clavier seinerzeit bei der allerersten Auf
führung des Werkes sogar ins Freie getragen worden.
Davon — wie auch sonst viel Hübsches und Wissenswerthes
— erzählt uns der vortreffliche Interpret des „Ständchens“,
Heuberger selbst, in seiner Eigenschaft als jüngster Schubert-
Biograph. Gern ergreift man den willkommenen Anlaß,
ihm auch hiefür Dank zu sagen. Die fleißige Arbeit
hält den populären, reichlichen Bildschmuck umfassenden
Rahmen der Publicationen der Verlagsgesellschaft „Har
monie“ mit Bewußtheit fest; doch tritt hinter der Abbildung
das Bild des geschilderten Meisters nicht zurück. ... Bei
fall fand die Novität „Gebet“, Chor mit Orchesterbegleitung
von E. Göttl. Die Hebbel’schen Verse sind allerdings zu
chorischer Behandlung wenig geeignet. Geht es an, diesen
Sehnsuchtsruf einer leidenden Seele nach einem Tröpfchen
Glück zum gemeinsamen Anliegen von hundert fühlenden
Männerherzen zu machen? Der „eine Tropfen“, der „aus der
Schale der Glücksgöttin fallen soll“, wird ja da zum strömenden
Platzregen! Die Composition selbst geht in getragener Declama
tion mehr dem einzelnen Worte nach, als daß sie das Gedicht
als Ganzes einheitlich in die musikalische Form umgösse;
doch entbehrt sie nicht der vornehmen Haltung, auch nicht
einer gewissen Wärme. Den Beschluß machte Richard
Wagner’s sattsam bekanntes und besprochenes „Liebes
mal der Apostel“. Es wurde unter der Leitung Kremser’s,
des verdienten ersten Chormeisters des Vereines, vortreff
lich gesungen; insbesondere den A capella-Theil hob ein
reich schattirender Vortrag. Lebhafter Beifall erscholl nach
jedem Stücke; das Publicum hat namentlich die Wahl des
neuen Chormeisters einhellig ratificirt.
Als eine der anziehendsten, zugleich jüngsten Erschei
nungen in dieser Saison glänzte die vierzehnjährige polnische
Pianistin Paula Szalit. Wir haben sie vor mehreren
Jahren als Wunderkind gehört; zum Glück hat sie nur
die frische Natürlichkeit des Kindes beibehalten und jeden
Zug eines bedenklich verfrühten Lenzes abgestreift. Sie ist
jetzt künstlerisch gereift, durchaus echt und ernsthaft. In
ihrem letzten Concert hat sie das Publicum entzückt, die
gesammte Kritik zu ihrem Lobe vereinigt. Leider entging
mir das Concert; dafür erhielt ich von Paula Szalit
privatim ein Probestück ganz specieller Begabung, das
wieder dem Publicum nicht zu Theil wurde. Ich ersuchte
sie nämlich, über ein gegebenes Thema zu phantasiren.
Sie zögerte anfangs, Mangel an Uebung vorschützend.
Das war mir eben recht; so wußte ich, daß sie auf solche
Productionen nicht eigens gedrillt sei. Ich gab ihr ein
Thema von Mozart, und Paula improvisirte darüber
ganz allerliebst und ohne die geringste Stockung.
Bald nahm sie das Thema in die Mittelstimme und in
den Baß, führte es durch eine Reihe ungezwungener
Modulationen, schmückte es mit einigen Veränderungen,
Zierrathen und rhythmischen Ueberraschungen und schloß,
ohne Uebereilung, kurz und behend. Die ganze Improvi
sation floß ohne die geringste Stockung oder Unsicherheit
so klar und rund dahin, daß man sie als eine leichte
„Paraphrase“ ohneweiters hätte drucken können. Ich lege
großen Werth auf solchen Beweis natürlicher Begabung,
wie ihn gerade die freie Phantasie über ein gegebenes
Thema beibringt. Das kommt seltener vor, als man viel
leicht glaubt, und würde bei manchem gefeierten Bravour
spieler versagen. In deutlicher Erinnerung bewahre ich,
wie vor vielen Jahren in Franzensbad Alfred Grün
feld als noch unbekannter junger Musiker über ein von
mir aufgegebenes Thema phantasirt hat und mich, der ich
ihn nie früher gehört, durch seine echt musikalische Natur und
Verwandlungskunst in Erstaunen setzte. So bin ich ein
Bewunderer Grünfeld’s geworden, bevor ich noch irgend
ein Concertstück von ihm vortragen gehört. Von einem
jungen Mädchen wie Paula Szalit mußte mich diese Gabe
freien Phantasirens noch mehr überraschen.
Von den Compositionen Paula’s liegen mir sechs
Hefte vor, op. 2 und 3, sämmtlich im Berliner Verlag
von Ries & Eisler. Kurze Clavierstücke, anspruchslos und
doch ansprechend, manche recht einfach gesetzt, andere schon
mit größeren Anforderungen an die Technik und Auf
fassung des Spielers. Jedenfalls eine seltene Erscheinung.
Ob auch ein sicheres Pfand für die bedeutende Zukunft
der jungen Componistin, das ist eine andere Frage.
„Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten,
hätten wir lauter Genies.“ Mit diesem Ausspruch
Goethe’s ist das Trügerische in der so vielverheißend
raschen Entwicklung der Kinder schlagend bezeichnet. Auch
bei Wunderkindern trügt der Schluß auf eine unausbleib
liche Weiterentwicklung in gleicher Progression. Und unter
den Wunderkindern sind wieder die musikalischen besonders
unzuverlässig. Frühgenies, die auch später noch Genies
bleiben und große Meister werden, wie Mozart und
Mendelssohn, ragen als seltene Ausnahmen aus der Schaar
von Wunderkindern, bei denen das Wunder aufhört mit
der Kindheit. Unter den componirenden Mädchen ver
zeichnet die Musikgeschichte keinen so glänzenden Aus
nahmsfall. Meistens bleiben sie bei der Verfertigung
kleinster Nippsachen stehen. Ich erinnere mich blos zweier
Damen, die mit größeren Werken der Kammer- und
Orchestermusik vor die Oeffentlichkeit getreten sind: Marie
Jaëll und Louise Le Beau. Beide haben vor etwa
zwanzig Jahren in Wien concertirt. Weder Marie Jaëll,
die Anhängerin der genial extravaganten Liszt-Wagner’schen
Schule, noch die besonnene, gründlicher gebildete Le Beau
offenbarte eine Spur von origineller schöpferischer Kraft.
Von unserm Publicum empfingen Beide einen gemäßigt
freundlichen, zumeist der Seltenheit gezollten Beifall. Die
Kritik, welche nach Faust’s Beispiel „Fräuleins alle
Höflichkeit erweist“, gelangte über diese Höflichkeit nicht zu
begeisterter Wärme. Heute weiß Niemand mehr etwas von
den Compositionen jener gewiß nicht unbegabten Damen.
Es wurde damals die oft discutirte Frage über den ton
dichterischen Beruf der Frauen wieder aufgenommen —
aber nicht beantwortet. Man kann sich vorläufig nur an
die Erfahrung halten. Alle Erklärungsversuche haben
wenigstens das Eine sichergestellt, daß das unmittel
bare Gefühl, welches angeblich den Inhalt der Musik
und ganz gewiß die Urkraft der weiblichen Seele
bildet, nicht dazu ausreicht, irgend etwas Musika
lisches zu schaffen. Selbst die Mühsal und Trockenheit
der Compositionslehre, zu der die Frauen sich so
schwer entschließen, scheint mir kein entscheidender
Erklärungsgrund; denn in Allem, was sich erlernen läßt,
stehen die Frauen nicht zurück, ja nur zu oft als Beispiel
voran. Es fehlt, nach den bisherigen Erfahrungen, den
Frauen geradezu an der schöpferischen Phantasie, an der
musikalischen Erfindungskraft, also an der angeborenen
Mitgift und Grundbedingung selbstständigen musikalischen
Schaffens. Damit sei noch nicht behauptet, daß diese Un
zulänglichkeit nothwendig eine absolute, für alle Zeiten
abgeschlossene sei. In einer Debatte über diese Frage warf
einmal Billroth den Satz hin, es sei durchaus nicht
unmöglich, daß ein Mensch dreihundert Jahre alt werde,
nur sei es bisher nicht vorgekommen. Noch viel ein
leuchtender ist gewiß die Möglichkeit, daß einmal eine
Componistin es Mozart und Beethoven gleichthun werde.
Aber bisher ist es nicht vorgekommen.
Diese allgemeinen Bemerkungen mögen die so begabte
Paula Szalit nicht im geringsten abhalten, ihr Composi
tions-Talent weiter zu pflegen, auszubilden und uns noch
oft in knappen Formen Liebliches, Zartes und anmuthig
Charakteristisches darzubringen.
„Zwei Flöten!“ — bekanntlich die boshafte Antwort
auf die Frage, was es Langweiligeres gebe als eine Flöte.
Sie paßt keineswegs auf zwei Claviere. Wenn wir die
ganze Saison hindurch tagtäglich ein oder auch mehrere
Concerte von Solo-Pianisten gehört haben, so empfinden
wir ausnahmsweise eine Production auf zwei Clavieren
als eine Wohlthat. Natürlich muß das Clavierduett von
zwei Künstlern ersten Ranges besorgt werden, welche vereint
erst den hinreißendsten Virtuosen geben. Wir müssen Einen
Pianisten zu hören glauben, der mit der Kraft und Ge
lenkigkeit von vier Händen arbeitet. Diesen seltenen Genuß
(wir verdankten ihn in früheren Jahren den trefflichen
Brüdern Thern) bietet uns derzeit das alljährliche
Concert des Ehepaares Rée. Wie herrlich spielen die
Beiden zusammen, und wie anziehend gestalten sie
ihr Programm! Letzteres ist keine leichte Sache.
Die Literatur für zweiclavierige Stücke ist sehr
beschränkt, wenigstens im speciell concertmäßigen Fach.
Zwei eminente Musiker, wie Louis und Susanne Rée,
helfen sich eben selbst, indem sie werthvolle, noch nicht für
zwei Claviere gesetzte Stücke für ihre Special-Virtuosität
einrichten. Sie gaben uns in ihrem letzten Concert unter
anderen selten gehörten Compositionen eine Sonate und
„Adagio mit Fuge“ von Mozart, Impromptu von
Reinecke, „Ständchen“ und „Erlkönig“ von Schubert,
Variationen von Schütte, Liszt’s „Concert pathé
tique“. Nach diesen Proben eminenten Zusammenspiels er
freute uns Frau Susanne Rée noch mit einigen Solovor
trägen. Hatte sie schon durch ihre perlenden Passagen in
Schumann’s „Alpensee“ (aus „Manfred“) geglänzt, so boten
ihr einige Charakterstücke von Grieg lohnende Aufgaben
in anderer Richtung. „Geheimniß“ und „Sie tanzt“
klangen unter ihren zarten Fingern wie poetische Impro
visation. Auch drei theils sentimentale, theils effectvolle
Clavierstücke ihres Gatten spielte sie mit glücklichstem Er
folg. Das Publicum dankte der Künstlerin mit anhalten
dem Beifall und prachtvollen Blumenspenden.
Zum Schluß lade ich den Leser zu einem kühnen
Sprung über etliche Jahrhunderte hinweg, von der modernen
Kunst zur alten, von dem täglichen Concertvergnügen zu der
musikalischen Geschichtsforschung. Letztere gedeiht in Wien
unter der sicheren Hand meines gelehrten Nachfolgers an
der Wiener Universität, des Professors Dr. Guido Adler.
Noch knapp vor seiner römischen Studienreise hat jetzt er
zwei neue Bände der „Denkmäler der Tonkunst
in Oesterreich“ fertiggestellt, jener vom Unterrichts
ministerium unterstützten großartigen Publication, welche
nunmehr in ihren neunten Jahrgang eingetreten ist. Der
ungemein interessante neue Band enthält die Lieder
Oswald’s von Wolkenstein (geboren 1377, ge
storben 1445), des letzten Minnesängers und Stammvaters
der Linie Wolkenstein-Rodeneck. Die Lieder sind der dichterische
Reflex des buntbewegten Lebens dieses abenteuerlichen
Minnesängers. Seine Kriegsfahrten im Orient und Occident,
sein Liebesverhältniß zur Sabina Jäger (Hausmann),
sowie religiöse Stimmungen finden da poetischen Nieder
schlag. Wolkenstein’s Dichtungen klingen nicht mehr so
naturwüchsig, wie die seines großen Landsmannes Walther
von der Vogelweide. Für die Musikgeschichte sind seine
Werke von großer Wichtigkeit, weil sie nicht nur ein
stimmige Weisen, sondern auch mehrstimmige Compositionen
enthalten. So richtet sich diese Publication gleicherweise
an die literarischen wie an die musikalischen Kreise. Der
Schwerpunkt liegt auf der literarischen Seite. Oswald
ist in der Musik ein „nobile dilettante“, der seine An
regungen vielfach von der Musik Norditaliens empfängt.
Seine Stärke liegt in den einstimmigen Weisen, von
denen einzelne werth sind, in den Melodienschatz unserer Musik
aufgenommen zu werden. Durch die Reproduction mehrerer
Bildnisse Oswald’s und einzelner Blätter aus den Codices
erhält der Band auch äußerlich eine willkommene Bereicherung.
Der zweite Halbband enthält Orchesterwerke von Johann
Joseph Fux, dem berühmten Hofcapellmeister Kaiser
Karl’s VI., Ouvertüren und Kirchensonaten. Man kannte
Fux bisher nur als führenden Lehrer seiner Zeit und der
Wiener Schule, sowie als Kirchencomponisten. Das künst
lerische Bild dieses Meisters tritt erst jetzt genauer hervor.
Die Verbindungsfäden werden aufgedeckt, welche von Fux
als Instrumental-Componisten zu den Orchesterwerken der
Wiener Classiker leiten. Er behält seine Bedeutung auch
für die moderne Praxis und besonders für die höheren
Bildungsanstalten der Musik. Die Kirchensonaten bieten
Musterbeispiele des gebundenen Styls und sind, wie schon
der gefürchtete kritische Zeitgenosse von Fux, der
Hamburger Mattheson, sagt, „auf die fleißige
wienerische Art des berühmten Fux geschrieben, wo es
keine faulen Stimmen gibt“. Auch seine Suiten verdienen
unsere Aufmerksamkeit als Kunstmusik vollkommenster Art.
Der Motivenschatz ist vielfach der Erzgrube österreichischer
Volksmusik entnommen; die Themen sind vornehm gesetzt
und gediegen verarbeitet. So bieten die beiden neuen
Halbbände des neunten Jahrganges denkwürdige Stücke
altösterreichischer Kunst- und Culturgeschichte. Neben dem
Herausgeber Professor Guido Adler haben sich um
diesen von der Wiener Firma Waldstein-Eberl
musterhaft ausgestatteten Band die Herren Professor
Oswald Koller, Dr. Joseph Schatz und Dr. Karl
Nawratil besonders verdient gemacht. Wir wünschen
dem patriotischen Unternehmen einen weiteren guten Fortgang.