Geistliche Musik.
(„
Maria Magdalena“ von J.
Massenet. „
Stabat mater“ von
Rossini.)
Ed. H. Der Palmsonntag ist diesmal mit Massenet’s
Oratorium „Maria Magdalena“ musikalisch gefeiert worden.
Neu für Wien, ist das Werk doch schon an 30 Jahre alt.
In Paris von allem Anfang mit großem Beifall begrüßt,
hat es denselben sich bis heute bewahrt. Der geistvolle Musik
kritiker Camillo Bellaigue schloß damals seine ein
gehende Besprechung mit dem Satze: „Voilà ce que
de nos jours la musique d’oratorio a produit de plus
parfait.“ Er leugnet nicht die Kluft, welche Massenet’s
Werk von den classischen Oratorien trennt. „Aber,“ fährt
er fort, „ist die Kunst Bach’s und Händel’s Gott näher
gestanden, als die unsere? Ich glaube es nicht. Gleichviel
indessen. Genießen wir die verschiedenen Anschauungen und
die wechselnden Schönheiten, welche der menschliche Geist
in der Idee des Göttlichen entdeckt. Massenet’s „Maria
Magdalena“ ist vielleicht kein Werk des strengen Glaubens,
wol aber — und das genügt — ein Werk der Poesie,
der Ehrfurcht und der Liebe.“
Einen so starken, tiefen Eindruck wie auf die
Pariser Hörer und Kritiker hat Massenet’s Oratorium auf
uns keineswegs hervorgebracht. Daß es „kein Werk des
strengen Glaubens“ ist, würde uns wenig anfechten, wäre
es nur ein Werk von starker Ursprünglichkeit und genialer
Kunst. Aber es will uns weder groß noch gewaltig
erscheinen, noch besonders erfindungsreich. Zu den neu
testamentlichen Oratorien Händel’s und Bach’s verhält es
sich ungefähr wie das „Leben Jesu“ von Renan zu dem
gleichnamigen Buche unseres Fr. David Strauß. An
Renan mußte ich unwillkürlich mehr als einmal denken;
sein Cultus der „nature idyllique et douce de Jésus“
klingt vernehmlich in Massenet’s Schilderung des Heilands
wieder. „Maria Magdalena“ gehört zu jenen immer
zahlreicher auftauchenden modernen Oratorien, welche uns
die heiligen Gestalten und Geschichten der Bibel mehr von
ihrer menschlich schönen, rührenden Seite zuwenden.
Auch in Massenet’s Oratorium „Eva“, an das wir
ohne Begeisterung zurückdenken, war es die idyllische
Schilderung des Paradieses und des ersten Menschenpaares,
was den Componisten so lebhaft anzog. Diesem Tonwerke
ist „Maria Magdalena“ entschieden überlegen, sowol was
den Stoff als dessen musikalische Ausgestaltung betrifft.
Mit den gesungenen Liebes- und Ehestands-Dialogen
zwischen Adam und Eva vermögen wir kaum mehr mitzu
fühlen; seit den Tausenden von Jahren, da Eva den
Apfel vom Baume der Erkenntniß gepflückt, haben wir
selbst gar zu viele von diesen Aepfeln verspeist. Hingegen
folgen wir dem rührenden Verkehr des Hei
lands mit Maria Magdalena voll innigem Herzens
antheil. Massenet hat den ihm so sympathischen Stoff
durchwegs dramatisch gestaltet. Die störende Zwischenfigur
des Erzählers oder Evangelisten fällt hier weg; sie
hat noch in der „Eva“ die Reden des Herrn und der Eva
substituiren müssen. Die meisten Scenen in Massenet’s
„Maria Magdalena“ bieten ein so lebensvolles plastisches
Bild, daß man dem Verlangen kaum wehren kann, sie auf
einer Bühne mit den hier unersetzlichen Hilfsmitteln der
Decoration und des Costüms zu schauen. Wie alle fran
zösischen Componisten ist Massenet geborener Dramatiker.
Nach der Oper hat die Magnetnadel des französischen
Talents von jeher gezeigt. Massenet’s „Manon“ und
„Werther“ stehen sehr, sehr hoch über seinen Oratorien.
In „Maria Magdalena“ kann Massenet auch von theatra
lischen Aeußerlichkeiten sich nicht frei machen; er gibt ge
naue Anweisungen über die Scenerie und über das stumme
Spiel der Personen. Wenn er vorschreibt, „Judas erscheint
plötzlich unter der Menge und grüßt die Magdalena unter
würfig“, oder „Jesus wendet sich zum Volke, auf die ver
weinte Magdalena deutend“, so hat das Alles für eine Con
certaufführung keinen Sinn. Darum schrieb Ernest Reyer, der
Nestor der französischen Musikkritik, schon vor Jahren:
„Wenn ich die beneidenswerthe Ehre hätte, eines unserer
großen Operntheater zu leiten, würde ich den Autoren von
„Maria Magdalena“ vorschlagen, ihr geistliches Drama
mit Decorationen und Costümen aufführen zu lassen. Nichts
könnte die große Wirkung dieser Darstellung beeinträchtigen,
außer etwa die Schlußscene auf Golgatha. Man müßte,
um die Empfindlichkeit der Zuschauer zu schonen, blos die
langen Schatten der drei Kreuze auf den Hintergrund
projiciren, wie in dem berühmten Gemälde von Gérôme.“
Ein schöner Gedanke, der wol noch lange seiner Verwirk
lichung entgegenharren wird, trotz der Vorbilder von Ober
ammergau und der sehr durchsichtigen biblischen Scenen
im „Parsifal“. Zur Stunde sieht das Publicum noch
immer lieber einen stutzerhaften Christus in Frack und
weißer Cravate als eine würdige Verkörperung des
Heilands.
Für Massenet’s Talent, nebstbei auch für seine Zeit,
ist die Wahl der Maria Magdalena zum Mittelpunkt eines
Oratoriums bezeichnend. Ehedem besang man die Helden
und Krieger, Samson und Judas Maccäbus, die Leiden
oder Thaten Israel’s. Was uns heute anzieht, ist die
Gestalt einer Frau, die Begegnung und der herzliche
Verkehr der Sünderin mit dem Heiland. Selbst bei den
Frömmisten hat der Glaube im Lauf der Jahrhunderte
sich leicht verschoben, er strömt mehr als sonst vom Herzen
aus. Das hat Massenet wohl erfaßt und empfunden. Am
nächsten Gounod verwandt, besitzt er dessen feine, etwas
sinnliche Sentimentalität und damit die Herrschaft über
die träumerischen, schwermüthigen Seelen. Man darf von
ihm keine heroischen Accente starker Männlichkeit ver
langen, keine Schilderung aufgeregter Volksmassen, kriege
rischer Heldenthaten. So wurde denn seine „Maria
Magdalena“ nicht eine Offenbarung genialer Kraft
und Ursprünglichkeit, wol aber ein liebenswür
diges, in seinen Grenzen sich bescheidendes Bild,
das immerhin eine Bereicherung der neueren, ins Weltliche
hinüberspielenden Oratorien-Literatur bedeutet. An An
klagen von Seite der streng Kirchlichen wird es Massenet
ebensowenig fehlen, wie es Rossini, Gounod und Verdi
daran gefehlt hat. Die geistlichen Compositionen der Fran
zosen und Italiener sollen wir aber nicht mit deutschem,
am wenigsten mit dem norddeutschen Maßstab messen.
Jede Nation hat wie ihr eigenes Temperament so ihre
eigene Art des Cultus und der Religionsauffassung. In
italienischen Kirchen hören wir heitere Opernmelodien auf
der Orgel spielen — dort stören sie Niemanden. Hin
gegen finden die Südländer deutsche Kirchenmusik, vollends
Händel und Bach, ungenießbar, gemüthlos; sie löst ihnen
keine Empfindung aus. Gehen wir voran mit dem guten Bei
spiel der Duldsamkeit, und wo wir an der besten geistlichen
Musik unserer Nachbarn das Geistliche unzulänglich
finden — halten wir uns an die Musik.
In fast ängstlicher Scheu vor der Bezeichnung Ora
torium nennt Massenet seine Maria Magdalena „un
drame religieux“, wie er denn auch seine Eva „un
Mystère“ und sein letztes Oratorium La vierge „une
Légende sacrée“ betitelt. Möglichst bibelgetreu hat der
Textdichter Louis Gallait die Scenen aus dem Neuen
Testament zusammengerückt, in welchen Maria von
Magdala die Hauptperson ist. Sie beherrscht, sie erfüllt
das Ganze. Martha verschwindet neben ihr. Judas stört
beinahe. Jesus allein glänzt an der Seite Magdalena’s
als Verkörperung der Frömmigkeit und des himmlischen
Mitleids. Das Werk hat vier Theile. Der erste, beschreibend
und malerisch, spielt bei untergehender Sonne in einer
Landschaft nahe den Thoren der alten Stadt Magdala.
Pharisäer, Schriftgelehrte, Weiber aus dem Volke gehen
vorüber und rasten unter den Palmen. Eine süße Müdig
keit erfüllt diese Scene und den F-dur-Chor „C’est l’heure
du repos“. Maria von Magdala, die reuige Sünderin,
welche den Namen ihres armseligen Städtchens in der Welt
so berühmt gemacht hat, nähert sich zaghaft, schwermüthig.
Das Volk verhöhnt sie mit dem Ruf: „Schande über dich!“
Zweimal ruft sie angstvoll nach Jesus; zum Schluß jedesmal
mit einem starken Aufschwung von Leidenschaft. Wir er
innern uns unwillkürlich, daß sie, nach den Vorstellungen
ihrer Zeit, von sieben Dämonen besessen war, also von
anscheinend unerklärbaren Nervenleiden. Jesus tritt auf,
theilt mit gebietender Geberde die Menge und beschützt
Magdalena, die sich ihm zu Füßen wirft. Er tilgt die
Vergangenheit der Büßenden mit den tröstenden Worten:
„Mein Vater vergibt dir, sein Name sei geheiligt.“ Der
zweite Theil (oder „Act“, wie es im Textbuch heißt) führt
uns in das Haus der Magdalena, wohin Jesus zu kommen
versprochen. Die Schwester Martha streut Blumen und
entzündet Spezereien; die bescheidene Wohnung ist in
einen Tempel umgewandelt. Der moderne Geschmack ver
langte hier auch musikalisch ein wenig Farbe. Jesus er
scheint unhörbar auf der Schwelle und empfängt schweigend
die Huldigung der beiden Frauen, deren anfangs ganz unbe
gleiteten zweistimmigen Gesang später ein Violoncell ergänzt.
Es folgt ein Duo zwischen Magdalena und Jesus, gewiß
zu kühl für eine Oper und doch wol etwas zu warm für
ein Oratorium; den Act beschließt ein Gebet Jesu mit
seinen Jüngern, das uns an dieser Stelle nicht recht
motivirt erscheint. Im dritten Theile, dem gelungensten,
wirksamsten des Oratoriums, befinden wir uns auf Gol
gatha. Jesus ist an das Kreuz geheftet; Priester, Sol
daten und Henkersknechte verhöhnen ihn mit dem Zurufe:
„König der Juden!“ und erschweren so die Sterbestunde
des für sie Betenden. Die Erscheinung des aus dem Grabe
Auferstandenen vor Maria Magdalena und den frommen
Frauen in der Begräbnißhöhle bildet den Schluß des
Oratoriums. Die schmerzerfüllte Klage (C-moll 6/8)
Magdalena’s am Fuße des Kreuzes und ihr von Thränen
erstickter Gesang im Grabgewölbe (A-moll, quasi una
marcia funebra) sind von zarter, tiefer Empfindung und
wol das Beste in dem ganzen Werke.
Das Oratorium war von einem überaus zahlreichen
und dankbaren Auditorium besucht. So oft Massenet
mit seiner ungezwungenen, natürlichen Liebenswürdigkeit
nach allen Seiten hin dankte und mit der Hand grüßte,
wiederholte sich die herzlichste Ovation. Die Aufführung,
von Massenet selbst als ganz vortrefflich gerühmt, hat
diese Anerkennung vollkommen verdient. Er konnte in der
That sich kaum bessere Solosänger wünschen, als die
Damen Kurz und Walker, die Herren Naval und
Demuth. Desgleichen kein vollkommeneres Orchester und
Chor-Ensemble als das unserer Hofoper.
Auf Massenet’s Oratorium folgte am nächsten Abend
Rossini’s „Stabat mater“. Das Werk übte diesmal
einen besonderen Reiz durch Mascagni als Dirigenten
und die italienischen Sänger, welche eigens zu dieser Auf
führung nach Wien gekommen waren. Die Composition
selbst bedarf nicht mehr der kritischen Beleuchtung; man
hat ob ihrer glänzenden Schönheiten sich längst und willig
mit ihren Schwächen abgefunden. Rossini’s altes „Stabat“
hat heute viel stärker gewirkt, als Tags vorher Massenet’s
„Maria Magdalena“ mit all ihrem Reiz der Neuheit. Ein
streng rituales Kirchenstück, ist es von Rossini doch viel
weltlicher componirt als Massenet’s religiöses Drama;
weltlicher, aber musikalisch stärker, genialer, ideenreicher.
In solchen Fällen wird immer die Kunst über die Kirche
siegen. Das Bedürfniß der Kirchengläubigen ist ein anderes
als das der Musikfreunde. Selten fallen die Beiden voll
ständig zusammen. Wo dies nicht der Fall, da ziehen wir
das musikalisch bedeutendere Werk dem blos kirchlich
correcten vor. Ich glaube, Rossini’s „Stabat“ wird uns
noch lange erfreuen, wenn von Massenet’s Oratorien nur
mehr ein flüchtiges Erinnern zurückgeblieben ist.
Wien kennt Rossini’s „Stabat“ seit 60 Jahren. Am
31. Mai 1842 wurde es zum erstenmale im großen
Redoutensaale unter Donizetti’s Leitung von
den ersten Gesangskräften unserer italienischen Sta
gione gesungen. Unvergeßlich ist mir eine etwas
spätere Aufführung geblieben, welche zu einem un
erhörten Triumph Rossini’s erwuchs und zugleich zu
einer trostlosen Niederlage — Joseph Haydn’s. In der
Charwoche 1857 hatte der „Wiener Chorregenten-Verein“
eine geistliche Akademie im Theater an der Wien veran
staltet, welche aus Haydn’s „Sieben Worte des Heilands
am Kreuz“ und aus Rossini’s „Stabat“ bestand. Ersteres
Oratorium wurde von sehr mittelmäßigen deutschen Sängern
vorgetragen, gleich darauf das „Stabat“ von den ersten
Gesangskräften der italienischen Oper. Die Folge war für
das deutsche Oratorium ein kläglicher Durchfall, während
das italienische unerhörten Enthusiasmus hervorrief. Wäre
die Tonkunst ein Reich von dieser Welt, sie hätte nach
jenem Concerte ihren deutschen Gesandten von Wien ab
berufen müssen. So gefahrvolle Doppelaufführungen sind
hier gottlob nicht mehr möglich; die italienischen Sänger
sind seit 50 Jahren im Allgemeinen etwas schwächer, die
deutschen besser geworden.
Die gestrige Aufführung war überaus gut besucht.
Mascagni, stürmisch begrüßt, dirigirte mit dem ihm
eigenen schönen Ernst und Feuer.
Die Solosänger waren keineswegs vom ersten Rang;
wir sind in Wien an ein besseres Italien gewöhnt. Signora
Pozzi mit ihrem vollen kräftigen Alt und Signora
Migliardi mit ihrem dünnen spitzigen Sopran wett
eiferten in tremolirendem, theatralisch affectirtem Vortrag,
und der Tenorist Marconi strengte seine bereits etwas
beschädigte Stimme zu fortwährendem Forte an. Erfreulicher
war der Bassist Brancaleoni, der sein bescheideneres
Organ durch maßvollen künstlerischen Vortrag zur besten
Wirkung steigerte. Musikalischen Gemüthern von seinem
Gehör wurde es am wohlsten, wenn unser vortreffliches
Orchester sechzehn oder zwanzig Tacte allein zu spielen hatte.