Musik.
(Erstes Philharmonisches Concert.)
Ed. H. In galanter Vorausnahme des Faschings hat
Director Hellmesberger das erste Philharmonische Concert
mit Dvořak’s „Carneval-Ouvertüre“ eröffnet. Willig
überließen wir uns wieder diesem jugendlich pulsirenden
Leben voll Klangfrische und herzhafter Natürlichkeit. An
Dvořak’s größeren Werken gemessen, mag dieser „Carneval“
kaum hervorragend erscheinen. Wer wird auch just im
Fasching „bedeutend“ sein wollen! — In grellem Gegen
satz dazu, fast wie ein Nachschauer des Allerseelentages,
folgte unmittelbar Tschaikowsky’s symphonische
Dichtung „Francesca di Rimini“. Arme Francesca,
was hast du nicht Alles durchgemacht! In wie viele
Opern, Symphonien, Ouvertüren bist du bereits umgetödtet
worden! Nicht weniger als fünfzehn italienische Componisten
haben dich auf die Bühne gebracht. Ihre Opern deckt Ver
gessenheit, und selbst die Namen der Autoren sind bis auf
etwa drei (Zingarelli, Morlacchi, Mercadante) uns fremd
geworden oder stets fremd geblieben. Ueber ein Halbjahr
hundert blieb es dann still von Rimini-Opern. Da
erprobte in neuester Zeit die einst musikalisch so stark
umworbene „Francesca“ noch zweimal ihre alte Anziehungs
kraft: an einem Deutschen (Hermann Goetz) und einem
Franzosen (Ambroise Thomas). Beiden gedieh sie
nicht zum Segen; ja sie wurde ihnen zur Todverkünderin.
Hermann Goetz, dessen „Bezähmte Widerspenstige“ noch
immer die deutschen Opernbühnen ziert, starb vor der
Vollendung seiner „Francesca di Rimini“. Ein jüngerer
Freund, Ernst Frank, vervollständigte die Partitur und
brachte die Oper 1874 in Mannheim zur Aufführung, wo
sie ohne weitere Verbreitung bald versickerte. Nicht glück
licher erging es Ambroise Thomas, dessen „Francesca“
1882 in der Pariser Großen Oper erschien und wieder
verschwand. Als ein letztes Andenken sendete mir damals
der herzlich verehrte Meister die Partitur seiner Oper mit
einer freundschaftlichen Widmung, die mir mehr Freude
gemacht hat als das Werk selbst. Einem siebzigjährigen
Componisten pflegen in der Oper keine neuen Lorbeern
zu blühen. Eine so tief leidenschaftliche Tragödie vollends
mit dem unglückseligsten allegorischen „Vorspiel in der
Unterwelt“ mußte unseren alten Troubadour erdrücken.
Trotz aller peinlichst nachfeilenden Arbeit war die Musik
kalt geblieben und das Publicum desgleichen.
Heute haben wir es nicht mit einer Oper „Fran
cesca di Rimini“, zu thun, sondern mit der so betitelten
„Orchester-Phantasie“ von Tschaikowsky. Das Schema
der Composition gab sich so gut wie von selbst: im ersten
und im dritten Theil die Schrecken der Unterwelt, im
Mittelsatz die rührende Erzählung Francesca’s.
Francesca, Tochter des Guido da Polenta, Herrn von Ra
venna, wurde zur Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Ge
schlechtern Polenta und Malatesta mit dem häßlichen und grausamen
Lanciotto Malatesta, Herrn von Rimini, vermält, welcher sie wegen
ihrer Neigung zu seinem Stiefbruder Paolo1289 nebst diesem er
mordete. Dante hat in seiner „Divina commedia“ („Inferno“,
fünfter Gesang) das Ende der Francesca besungen. Silvio Pellico
und Paul Heyse haben den Stoff dramatisch behandelt.
Diesen
vom Gedicht vorgezeichneten Plan hat Tschaikowsky fest
gehalten, aber in welchen Dimensionen! Die wunderbare
Schönheit von Dante’s Episode beruht auf ihrer Kürze:
sie enthält kaum ein Dutzend Verse. Die Paraphrase
Tschaikowsky’s sündigt dagegen durch eine maßlose Aus
dehnung: die Einleitung währt so lange, daß man
schon vor dem Erscheinen Francesca’s und Paolo’s
glaubt, das Stück sei zu Ende. (Dieser erste Theil,
die Hölle, füllt fünfzig Partiturseiten; also genau
so viel wie die beiden folgenden Sätze zusammen.)
Man kennt Talleyrand’s boshaftes Wort: Wenn man den
Russen kratzt, so kommt der Barbar zum Vorschein. Es
gilt, mehr oder minder, von allen russischen Componisten;
selbst von Rubinstein, der doch am engsten sich west
europäischem Wesen angeschmiegt hat. An Tschaikowsky’s
„Francesca“ braucht man nicht lange zu kratzen. Ein „Andante
lugubre“ leitet in langer doppelter Steigerung zu dem
Allegro vivo, welches die Hauptgebilde dieses Theiles
entfaltet. Da kreisen die Schaaren der Verdammten; wilde,
gequälte Musik voll Sturmwind und Kettengerassel — doch
auch voll harmonischer Feinheiten. Daß die Bässe durch
volle 30 Tacte unbarmherzig nur die Töne c h, c h, c h
streichen, ist echter Tschaikowsky. Endlich beruhigt sich der höl
lische Orcan, und langgezogene feierliche Klänge verkünden das
Herannahen Francesca’s und ihres Paolo. Eine zarte rührende
Melodie der Clarinette über entzückenden Orchester-Harmo
nien eröffnet diesen Moll-Satz Andante cantabile. Tschai
kowsky hat ihn mit besonderer Liebe entworfen und uns
mit den musikalischen Qualen des ersten Satzes versöhnt.
Einen besonders charakteristischen Reiz erhält diese geistvoll
instrumentirte Scene durch ein das Hauptthema begleiten
des Flötentrio. Mit dem erneuerten Ansturm der höllischen
Schaaren verschwindet das Liebespaar, und abermals stürzen
die Schrecken des ersten Theiles, in kürzerer Fassung, aber
noch gesteigerter Wuth, über uns herein.
„Francesca di Rimini“ zählt zu den interessantesten,
stellenweise fesselndsten Werken Tschaikowsky’s. Das un
glücklich einschränkende „stellenweise“ läßt sich hier so wenig
unterdrücken wie gegenüber den meisten größeren Compo
sitionen dieses Meisters. Völlig rein und unverkümmert
genießen wir ja wenige seiner Tondichtungen. Der un
befangenste Kritiker wird über seine Werke sehr ungleich
urtheilen, weil eben Tschaikowsky sehr ungleich componirt.
Dicht neben seinen besten, reifsten Schöpfungen stehen
nichtssagende oder geradezu häßliche; ja in ein
und demselben Stück wechseln oft reizende Ein
fälle mit barbarischen. Die reinste und ideenreichste
seiner symphonischen Dichtungen ist die „Pathétique“
in H-moll, die von national-russischem Colorit sich gänz
lich fernhält. Ihre Nachbarin, die so bezaubernd anhebende
E-moll-Symphonie Nr. 3, schließt leider mit einem
wüsten betäubenden Finale. Ein trauriger Spectakel be
schließt auch die so hübsche, zierliche Serenade für
Streichquartett, op. 48, und verunstaltet als dritten Satz
die Suite op. 53. Und gleich darauf (op. 55) entzückt
uns Tschaikowsky wieder durch den berauschenden Klang
zauber der dritten Orchester-Suite in G-dur. In kleinen
Formen zeigt er sich besonders graziös und liebenswürdig.
Alle Welt kennt sein durch Rubinstein eingeführtes „Lied
ohne Worte“ in F-dur (op. 2). Es bleibt von Anfang bis
zu Ende rein und einheitlich. Aber wie anders die so
lieblich beginnende F-moll-Romanze in op. 5. Ihr
Andante cantabile stürzt plötzlich in ein barbarisches
B-moll-Allegro; hierauf erklingt wieder das erste Andante,
um gegen das Ende abermals durch zwölf Tacte lang in
das wilde Allegro zu gerathen, das ganz zum Schlusse
unversehens in einem kurzen Adagio ausathmet. Zwischen
Tschaikowsky’s reifere, sorgsamer gefeilte Werke drängen
sich immer wieder nachlässig und kritiklos hingeworfene.
Ich erinnere an das Violinconcert, an die „Manfred“-
Symphonie, an die beiden schrecklichen Ouvertüren zu
„Hamlet“ und „Romeo und Julia“. Wie lieblich und
warm klingen viele seiner Lieder und gleich daneben wie
kalt und gekünstelt die nächsten! Trotz alledem — Tschai
kowsky hat uns mehr zu sagen, als irgend ein russischer
Componist, und er sagt es besser.
Die äußerst schwierige Aufgabe, welche Tschaikowsky’s
„Francesca“ dem Orchester stellt, ist von unseren bewährten
Philharmonikern unter der Leitung Director Hellmes
berger’s glänzend gelöst worden. Tschaikowsky und Dvořak
fanden höflichen Beifall; hingegen entfesselte Beethoven’s
„Eroica“ einen Sturm von Applaus.
Tschaikowsky’s „Francesca“ zwingt uns zu einem
Seitenblick auf Liszt. Der Russe nennt seine Orchester-
Phantasie bescheiden „Francesca di Rimini“; bei Liszt
heißt sie pompöser „Dante“. Liszt hatte, um ein
Lieblingswort Richard Wagner’s zu gebrauchen, allezeit
„große Rosinen im Kopf“: Dante, Hamlet, Faust, Tasso,
Hunnenschlacht etc. Aber auf dem Papier wurden sie meist
recht kleine Rosinchen. Als Liszt, seine Virtuosenlaufbahn
schließend, plötzlich daran ging, die Welt mit dem Groß
artigsten zu überraschen, dünkte ihm kein Vorwurf zu groß;
da fühlte er sich allmälig als Poet, als Maler, als Philosoph.
Schritt er dann als Musiker ans Werk, diese immensen
Ideen in Töne zu übertragen, da mußte er sich gewaltsam
aufstacheln, seine stockende Phantasie durch Röhren pressen
und mit blendendem Instrumentalpomp die Blößen seiner
Erfindung decken. Wenn Tschaikowsky seiner genialen Kraft
die Zügel schießen läßt, so passirt es ihm wol mitunter,
daß er vom Pegasus herabfällt und sich dann einige zwanzig
Tacte lang die Hosen abstaubt. Liszt hingegen gibt sich stets den
Anschein, als ob er fliege, erhebt sich aber mit gewaltsamer
Anstrengung selten über den Boden. Wer die besten,
originellsten Schöpfungen Tschaikowsky’s kennt, wird es
nicht wagen, ihn neben Liszt als den Geringeren herab
zusetzen. Das geschieht aber in einer Erläuterung der
Francesca di Rimini, welche als „Musikführer“ sich aller
wärts anbietet und fast mehr von Liszt spricht, als von
Tschaikowsky. Wir haben gesehen, wie viele Tondichter
vor und neben Liszt den Francesca-Stoff behandelt haben.
Ja, Tschaikowsky kannte auch Liszt’s Dante-Symphonie,
und sehr gut, denn er hat ihr „Mangel an Erfindungs
kraft, an Neuheit der Hauptgedanken und an organischem
Zusammenhang“ vorgeworfen. „Trotzdem,“ behauptet unser
Musikführer, „muß der Vergleich zu Ungunsten des
russischen Tondichters ausfallen. In der musikalischen
Wiedergabe der Francesca-Episode erscheint Tschaikowsky,
mit Liszt verglichen, matt, kurzatmig, an äußerer Wirkung
zurückstehend. An Plastik und Themenbildung ist hier Liszt
in keiner Weise von Tschaikowsky erreicht worden.“
Warum nicht gar! Weit ehrlicher erscheint mir der enthusia
stische Ausruf Bülow’s, er sei „entzückt von der Frische, Kraft,
Tiefe und Originalität der Tschaikowsky’schen Orchester-
Phantasie“. Das sind gerade die Eigenschaften, die wir an
Liszt’s „Dante“ schmerzlich vermissen. Auch uns mißfällt
der unersättliche Höllenlärm bei Tschaikowsky, aber wer
dessen langsamen Mittelsatz hört, wird sich sagen müssen,
daß Liszt in seinem Leben nichts Gleiches zu Stande
gebracht hat.
Die dichtende und die bildende Kunst haben bis auf
die neueste Zeit nicht aufgehört, sich Stoffe und An
regungen aus Dante zu holen; für die Musik strömt
eine sichtbare Quelle weder in der Persönlichkeit noch
(mit Ausnahme der kurzen Francesca-Episode) in dem
Gedichte des großen Florentiners. Einige schwungvolle,
die Macht der Töne preisende Terzinen bezeugen wol, daß
Dante diesem Zauber nicht verschlossen war; ein näheres
künstlerisches Verhältniß zur Musik scheint er nicht gehabt
zu haben. Versuchte doch die Tonkunst eben ihre ersten
unbeholfenen Schritte, als die Poesie bereits einen Wunder
bau wie die „Divina commedia“ aufgeführt hatte. Die
Tonkunst war damals kaum in den Besitz der Notirung,
der Mensur, der nothwendigsten harmonischen Gesetze ge
langt. Noch waren die Niederländer, die 200 Jahre später
den Contrapunkt nach Italien verpflanzten, nicht hervor
getreten; noch bestand das ganze Musikleben in theoretischer
Speculation und den ungeregelten Rhapsodien der Trou
badours. Dritthalb Jahrhunderte liegen zwischen der Geburt
Dante’s und jener Palestrina’s. Die „Göttliche Comödie“
selbst, mit ihrem theils concret-historischen, theils mystisch-
speculativen Inhalt, mit den riesigen Dimensionen ihres
kaum übersehbaren und doch so fest zusammenhängenden
Baues, mußte jede Mitwirkung der Musik eher abwehren
als anlocken. So ist es denn nicht zu verwundern,
daß im Mai 1865, als ganz Italien sich rüstete, den
sechshundertsten Geburtstag Dante’s zu feiern, große Noth
herrschte an ruhmvollen Dante-Componisten. Wenn irgend
einem modernen italienischen Tondichter eine innere Ver
wandtschaft mit Dante und die Befähigung zugesprochen
werden durfte, sich diesem Dichter musikalisch zu nähern,
so war es dessen großer Landsmann Cherubini. Cheru
bini, der musikalische Stolz der Florentiner, wie Dante
ihr poetischer, hat in seinem ernsten vornehmen Wesen ein
Etwas, das an Dante erinnert. Wie Dante der schmelzen
den Süßigkeit der italienischen Sprache durch lateinische
Anklänge und Formen eine so wunderbar herbe Kraft ver
leiht, so durchströmt Cherubini’s Musik unbeschadet ihres
echt italienischen Charakters eine kräftige eisenhältige Ader,
die nach deutschen Schachten weist. Hätte er es unter
nommen, Dante musikalisch zu feiern, er wäre dem Dichter
wenigstens auf richtigem Pfade und als verwandter
Geist entgegengetreten. Leider ruhte Cherubini zur Zeit
unseres Dante-Jubiläums bereits auf dem Père-Lachaise.
So wendete sich denn das italienische Festcomité
von einem berühmten Maëstro zum andern mit der fle
hentlichen Bitte, die Feier mit einer neuen großen Dante-
Symphonie zu schmücken. Rossini, Mercadante,
Verdi — sie Alle lehnten höflich ab und thaten sehr
wohl daran. Schließlich begab sich der Satan in Gestalt
des Dante-Comités zu Pacini, dem halbverstorbenen
Componisten der „Saffo“, zeigte ihm ringsum ganze
Lorbeerwälder von Ruhm, und der alte Herr, anstatt
„Apage Satanas!“ zu rufen wie die Anderen, fiel richtig
nieder und betete an. Mit unsäglicher Mühe muß er die
Große Dante-Symphonie componirt haben, deren Wiener
Aufführung eine der heitersten Stationen meiner
musikalischen Lebensreise bildet. Der geduldige
Leser gestatte mir eine kurze Erinnerung an dieses
Ungethüm. Es hatte vier Sätze: Die Hölle, das
Fegefeuer, das Paradies und die triumphirende Rückkehr
Dante’s auf die Erde. „Die Hölle“, ein unabsehbares
„Largo infernale“ im Sechs-Achteltact, trägt mit unbe
wußter köstlicher Ironie die Extra-Aufschrift: „Tormenti
senza speranza.“ An einen wirklichen Symphoniesatz durfte
man dabei nicht denken; das Ganze spinnt sich wie eine
wüste Melodram-Musik ab. Darin kein Thema, nur ein
kleines lumpiges Motiv, an dem unser Maëstro herumnagt,
wie Ugolino an dem Schädel des Erzbischofs Ruggiero,
dazu wüthendes Kettengerassel, gellende Piccolopfiffe, Schreie
verdammter Seelen, die zu stark gezwickt oder gebrannt
werden — Alles ohne eine Spur von musikalischem Ge
danken. Der zweite Satz „Il Purgatorio“ beginnt mit einer
Art Polka-Mazur. Einen Unterschied zwischen Hölle und
Fegefeuer wird es gewiß geben, aber gar so freundlich
hätten wir letzteres uns doch nicht vorgestellt. Leider bleibt
der Aufenthalt trotzdem nicht ungetrübt; der barbarische
Lärm von vorhin erhebt sich wieder. Da fällt plötzlich ein
Clavier mit einem brillanten Solo von Passagen und
Trillerketten ein: wir sind im Paradies. Selig sind
die Clavier-Virtuosen, denn ihrer ist das Himmelreich!
Zu den Claviertrillern und Harfen-Arpeggien gesellt sich
ein unersättlich lustiges Klingen vieler gestimmter Glöckchen
und ein albernes Fiedeln, Blasen, Blöken des Orchesters.
Schon beginnen wir aus dieser namenlos kindischen und
langweiligen „Seligkeit“ uns nach dem Fegefeuer zurück
zusehnen, als, erst leise, dann immer stärker und stärker,
endlich mit Husarengewalt ein Regiments-Triumphmarsch
angeblasen kommt. Das ist „Dante’s Rückkehr auf die
Erde“ — der gottlob letzte Satz einer Symphonie, die
gewiß Niemand vergessen, noch weniger sich ein zweitesmal
wünschen wird. An jenem Tage hörten wir nicht weiter.