Musik.
Fünftes Philharmonisches Concert. —
Briefwechsel
zwischen Robert und Clara Schumann.
Ed. H. Volkmann’sOuvertüre zu Shakespeare’s
„Richard III.“ ist durch wiederholte Aufführungen in den
Philharmonischen Concerten bekannt. Das eng, fast ängst
lich dem Verlauf der Tragödie sich anschließende Werk
würde nach meiner Empfindung als Ouvertüre vor einer
wirklichen Bühnenaufführung viel kräftiger und verständ
licher wirken. Als Concertstück macht es trotz geistvoller
Einzelheiten doch den Eindruck des Fremdartigen, Un
zusammenhängenden. Obendrein lastet der trübe, schwere
Nebel dieser Harmonien lange und empfindlich auf dem
Zuhörer, besonders während des durch 20 Tacte in gleichen
halben Noten dahinschleichenden „Andante sostenuto“.
Wenn dann urplötzlich mit Trommeln und Querpfeifen
das lustige Kriegslied in D-dur erklingt, so begrüßt man
es fast wie eine Erlösung — freilich nicht ohne den Neben
gedanken, daß dies Bühnenmusik sei... Einen freundlich
milden, fast zu harmlosen Gegensatz zu dem wilden
Richard III. bot eine Novität unseres Ignaz Brüll:
„Andante und Allegro, Concertstück für Clavier und
Orchester.“ Viel Neues, Ueberraschendes bringt uns das
Stück nicht, am wenigsten in dem allzu gleichmäßig
rhythmisirten Andante. Frischer und glänzender klingt das
Allegro, schon durch den häufigeren Tactwechsel und das
lebendig einströmende Passagenwerk des Claviers. Man
kennt Brüll als unvergleichlichen Claviervirtuosen im
edelsten Sinne dieses Wortes. Der vortreffliche
Concertflügel von Ehrbar (dessen Namen sowol der
Concertzettel als das Handprogramm auffallenderweise ver
schwieg) kam dem ebenso kräftigen wie gesangvollen
Anschlag Brüll’s ganz besonders zu statten. Vom Publicum
herzlich empfangen, wurde Brüll, der Componist der
Novität und Liebling der Wiener vom „Goldenen Kreuz“
her, wiederholt stürmisch gerufen. ... Den Beschluß des
Concertes machte R. Schumann’s oft gehörte Es-dur-
Symphonie, unter Hellmesberger’s sorgfältiger Leitung.
Nur mit halber Aufmerksamkeit, offen gestanden, bin
ich der Aufführung der Symphonie gefolgt — die andere
Hälfte hielt Schumann selbst gefangen. Eben vertieft
in das von B. Litzmann herausgegebene köstliche
Buch „Clara Schumann“, mußte ich während der
Symphonie unausgesetzt an Robert und Clara denken.
Das Bild dieser beiden unvergeßlichen Künstler, mit
denen mir wiederholt herzlicher Verkehr vergönnt ge
wesen, spiegelte sich mir leuchtend auf den Tonwellen der
Symphonie. Die Leser der „Neuen Freien Presse“ kennen
den herrlichen Aufsatz Victor Widmann’s über „Clara
Schumann’s Mädchenjahre“. Weder auf dem Titelblatt
der Biographie noch in dieser selbst erwähnt, scheint
mir Widmann dennoch nicht ganz ohne Einfluß darauf
geblieben. Als vertrauter Freund Brahms’, dem er
ein schönes literarisches Denkmal gesetzt,
„Johannes Brahms in Erinnerungen von J. V. Wid
mann“ (Berlin, 1898, bei Paetel).
stand Widmann
auch der Schumann’schen Familie nahe. Soeben sendet er
mir eine Photographie der von Clara’s Töchtern Marie
und Eugenie Schumann bewohnten Villa in Interlaken.
Dort ist der Plan zur Veröffentlichung des Briefwechsels
zwischen Robert und Clara zur Reife gediehen. Die musi
kalische Welt, ja auch die nichtmusikalische, dankt es den
Töchtern Schumann’s, daß sie diesen lang gehüteten Schatz
jetzt freigegeben haben. Weder Robert noch Clara konnten
ahnen, daß ihre intimen, nur für einander bestimmten
Briefe je einem Dritten zu Gesicht kommen
würden; so echt und rückhaltlos sprechen sie
sich darin aus, wie sie es im Leben gegen die
besten Freunde nicht gethan. Beide zeigen sich uns da von
neuen Seiten. Zunächst Robert Schumann, der Schweig
same, Nachdenkliche. Von seiner überquellenden Wärme und
Beredtsamkeit gewinnt man erst aus diesen Briefen eine
Vorstellung. Im Leben mußte man oft seinen so freund
lichen Blick und langen Händedruck für seine stockende
Rede hinnehmen. Schreibt doch Clara selbst in ihrem
Tagebuche von 1840: „Den 4. April ging ich mit Robert
nach Connewitz. Mir ist doch nie so wohl, so heimisch,
als wenn ich mit ihm gehe! Er braucht gar nicht zu
reden — ich mag ihn so gern nur sinnend, und möchte
ihm jeden Gedanken ablauschen! Und wenn er mir leise
einmal die Hand drückt, dann bin ich ganz beglückt im
Innersten — ich fühle dann so ganz, daß ich sein
Liebstes bin.“
Clara vollends rückt durch ihre Briefe in ein neues
verklärendes Licht. Im täglichen Verkehr hatte ihr Wesen,
namentlich ihre Sprache, für meine Empfindung, etwas
vorherrschend Verständiges, ja mitunter Kaltes, Scharfes,
das mit nervöser Aufgeregtheit wechselte. Ihren Robert
schrankenlos bewundernd, als Menschen und Künstler, ver
mochte sie nicht das leiseste, achtungsvollste Bedenken gegen
ihn zu ertragen. Von meiner schwärmerischen Verehrung
für ihn durch jahrelange Proben überzeugt, nahm sie es
mir doch sehr übel, daß ich in seinen letzten Compositionen
eine Schwächung seiner Erfindungskraft, eine Ermüdung
seiner Phantasie wahrnahm — worüber heute wol kein
Streit mehr besteht. „Die Düsseldorfer Werke meines Mannes,“
wiederholte sie nachdrücklich, „sind durchaus nicht schwächer
als die früheren, sie sind nur anders.“ Schlimmer
noch nahm sie meinen Artikel über Wasielewsky’s Schu
mann-Biographie auf, aus welcher ich die Stelle citirte,
Schumann sei in Folge seiner anhaltenden Krankheit von
der Düsseldorfer Musikgesellschaft seiner Dirigentenstelle
enthoben worden. Clara war gewiß im Recht, wenn sie
diese Nachricht für falsch erklärte; aber nicht mich, sondern
Wasielewsky trifft die Schuld. „Wasielewsky,“ eiferte sie,
„hatte gar keine Ahnung von dem Charakter und der Be
deutung meines Mannes; sein Buch steckt voller Falsch
heit und Irrthum.“ Natürlich äußerte ich den Wunsch,
Clara möchte das Buch, das sie gar nicht angesehen, doch
lesen: jede von ihr kommende Widerlegung würde ja als
alleinige Wahrheit für immer entscheidend sein und bleiben.
Dieser Vorschlag machte sie aber vollends böse. Nichts
wolle sie lesen, nichts hören, was nur den geringsten
Zweifel an Schumann enthalten könnte.
Diese standhafte innige Pietät für ihren Mann kommt
vollständig erst in den neu veröffentlichten Briefen zu ent
zückendem, ja großartigem Ausdruck. Jetzt erst lernen wir
diese seltene Frau ganz kennen und lieben. Jetzt erst erfahren
wir, mit welch beispielloser Härte und Ungerechtigkeit der
alte Wieck die beiden Liebenden verfolgt und zu trennen
versucht hat. Fast noch ein Kind lernte Clara ihren
Robert Schumann kennen und lieben. Niemals hat sie, die
Vielgefeierte, für irgend einen andern Mann ein leb
hafteres Interesse empfunden. Still und heimlich ver
lobte sich die Fünfzehnjährige mit Schumann. Die
Beiden hielten fest zu einander, nachdem Clara’s
Vater sie grausam getrennt und Robert das Haus
verboten hatte. Während einer Ewigkeit von drei Jahren
sahen sie einander nur flüchtig für zwei bis drei Tage: in
Leipzig, Berlin, Zwickau. Es blieb ihnen allein der fleißige
Briefwechsel; der denkbar innigste, dabei reinste, un
schuldigste. Robert, dessen Temperament ohnehin zur
Melancholie neigte, konnte schmerzlichen Ahnungen und
Sorgen nicht wehren; immer ist es Clara, die ihn be
ruhigt, ermuntert, aufrichtet. Immer schmerzlicher, immer
gefährlicher wird die lange Trennung mit der steigenden
Erbitterung von Clara’s Vater, der sogar ihr durch
Concertreisen erworbenes ganzes Vermögen sich aneignen
wollte als Entschädigung für die ihr ertheilten tausend
Unterrichtsstunden! Im Herbst 1838 schreibt sie an Robert:
„Schwer wird mir die Trennung vom Vater werden, viel
werd’ ich kämpfen müssen, doch die Liebe gibt mir
Kraft zu Allem. Ist die Zeit da, dann auch
ich! ... Nun wir wollen recht viel an einander denken,
und gleich jetzt geb’ ich dir die Hand auf Erneuerung unserer
Verlobung. Auch dein Ring blieb rein und nur berührt
von deinen Küssen. Wie doch die Zeit vergeht! Also ein
Jahr sind wir nun bald verlobt? ... Wie macht einem
die Liebe auch so empfänglich für alles Schöne; die
Musik ist jetzt ein ganz anders Ding für mich, als ehe
mals. Wie selig, wie sehnsüchtig stimmt sie; es ist un
beschreiblich. Ich könnte mich aber jetzt zuweilen aufreiben
am Clavier; mein Herz macht sich Luft in den Tönen.
Ach, wie schön ist doch die Musik, so oft mein Trost,
wenn ich weinen möcht’.“ Und ein Jahr später, am Syl
vesterabend 1839: „Den Neujahrskuß lass’ dir geben, mein
geliebter Robert! Mit welchen Gefühlen ich das neue Jahr
betrete, kann ich dir nicht sagen; es sind freudige, aber
auch ernste. Ich soll dir nun bald ganz angehören, das
erregt mich freudig, mein ganzes Lebensglück liegt dann
aber auch in deiner Hand. Ein unbegrenztes Vertrauen
hab’ ich zu dir, du wirst mich ganz beglücken, aber auch
ich will dir immer von ganzer Seele ergeben sein; mein
ganzes Sinnen und Trachten ist ja dein Glück. Gib mir
deine Hand, mein Robert, treu will ich mit dir durchs
Leben gehen, Alles mit dir theilen, und kann ich es, dir
auch eine gute Hausfrau sein. ... Ach, ich liebe dich ja so
innig, so ganz unendlich! Bald dein glückliches Weib, deine
Clara.“
Würden die Briefe blos von Sehnsucht und Liebe sprechen,
sie könnten bei aller Innigkeit vielleicht doch bald ermüden.
Aber dem ist nicht so; Hand in Hand mit der Herzens
neigung Clara’s und Robert’s geht ein zweiter Cultus:
die Musik. Sie, „die holde Kunst“, hat die Beiden zu
erst einander genähert, verbunden, und hält sie fest ver
eint durchs ganze Leben. Von musikalischen Erlebnissen ist,
wenn auch oft nur flüchtig, in fast allen Briefen die
Rede; insbesondere in jenen Clara’s, die auf ihren Kunst
reisen so viel Musik und Musiker kennen lernte. Von
Liszt (der auch Schumann’s Herz in Leipzig erobert)
schreibt sie aus Berlin: „Als ich Liszt das erstemal in
Wien hörte, da konnte ich’s nicht mehr aushalten, da habe
ich (bei Graf war es) laut geschluchzt, so hatte es mich
erschüttert. Kommt es dir nicht auch vor, als wollte er am
Clavier untergehen, und dann wieder, wenn er zart
spielt, ist es himmlisch. Ach ja, sein Spiel steht noch
ganz lebhaft vor meiner Seele. Gegen Liszt kommen
mir doch alle Virtuosen so klein vor, selbst Thalberg, und
mich — mich sehe ich gar nicht mehr. Nun, ich bin doch
glücklich, ich verstehe doch alle Musik — das ist mir mehr
werth, als all mein Spiel, und in dir, in deiner Musik,
bin ich selig.“ Dann vertraut sie in Leipzig ihrem Tage
buch: „Liszt ist so liebenswürdig, daß ihn Jeder lieb ge
winnen muß. Seine Unterhaltung ist voll Geist und Leben,
auch ist er wohl kokett, das vergißt man aber ganz und
gar. Ich mußte ihm auch Einiges spielen, ich that’s aber
mit wahrer Seelenangst. Im Uebrigen fühlte ich mich gar
nicht befangen in seiner Nähe, wie ich vorher befürchtet
hatte; er selbst bewegt sich so ungenirt, daß sich Jeder in
seiner Gesellschaft wohl fühlen muß. Lange aber könnt’ ich
nicht um ihn sein; diese Unruhe, dies Unstete, diese große
Lebhaftigkeit, das Alles spannt Einen sehr ab.“ In Berlin
genoß Clara das wiederholte Zusammensein mit
Mendelssohn. Lange hatte sie ihn nicht gehört
und stand nun aufs neue ganz beglückt und doch
zugleich bedrückt unterm Banne seiner unvergleich
lichen Meisterschaft: „Seit ich Bach’s Cis-moll-Fuge
neulich von Mendelssohn gehört, ist mir ein neues Licht
aufgegangen. Mendelssohn spielte sein Trio und das G-moll-
Quartett von Mozart. Er spielte meisterhaft und so feurig,
daß ich mich wirklich in einigen Momenten nicht der
Thränen enthalten konnte. Er ist mir doch der liebste
Spieler unter Allen!“ Nach der Lectüre von Schumann’s
Aufsatz über die Siebente Symphonie von Schubert
ruft sie aus: „Leben wir doch noch! Es erfüllt Einem so
mit Wehmuth, daß er es nicht erlebte, so anerkannt zu
werden wie jetzt. Ich kann sagen, mich hat doch ein ganz
eigenes Gefühl übermannt, als ich an seinem und Beet
hoven’s Grabe stand. Wie innige Freunde müßtet ihr
sein! ...“ In Leipzig feierte die schöne und kokette Clavier-
Virtuosin Camilla Pleyel große Triumphe; man machte
Clara Angst vor dieser Rivalin. Da schreibt Clara in ihr
Tagebuch: „Ich lebe nur für Einen, und möge ihm nur die
Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen — das sollte meine
höchste Freude sein. Daß ich in der Welt nie ein großes
Glück machen kann, ist mir klar geworden. Ich besitze nicht
die Persönlichkeit, die dazu gehört, will sie aber auch nicht
besitzen. Ich habe recht lange für mich geweint heute, ich sehne mich
gar zu sehr nach Robert und nach Ruhe.“ Ganz glücklich
macht sie die Zusendung der „Novelletten“ von Schumann.
Sie findet immer wieder neue Schönheiten darin. „Geist,
Gemüth, Humor, größte Zartheit, Alles vereint sich darin;
der feinsten Züge sind unendliche darin. Man muß ihn
kennen wie ich, und man wird sein ganzes Ich in seinen
Compositionen allen finden. Die Zeit wird noch kommen,
wo die Welt ihn erkennen wird ..., aber spät wird sie
kommen. ...“ In Paris wird ihr die freundlichste Be
grüßung von dem alten Cramer, dem Etuden-Cramer.
„Es ist ein sehr liebenswürdiger alter Mann,“ berichtet sie
an Robert, „doch sehr wenig mit der neueren Zeit fort
geschritten; über Liszt raisonnirt er schrecklich, nur
Beethoven hat ihn entzückt; alles Andere ist nichts in
seinen Augen.“ Entzückt ist sie von dem Cellisten
Franchomme, hingegen nennt sie Osborne einen
„höchst mittelmäßigen“ Pianisten. Baillot, sowie
Auber trifft sie nicht zu Hause; „Paër war sehr
liebenswürdig; von neuerer Musik versteht er gar
nichts. Von Kalkbrenner wurde gestern ein Sextett
gespielt, das erbärmlich componirt ist, so arm, so matt und
so ohne alle Phantasie. Kalkbrenner saß natürlich, süß
lächelnd und höchst zufrieden mit sich selbst und seiner Er
schaffung, in der ersten Reihe. Der Cellist Alexander
Batta, der hier von den Damen angebetet wird, hat ein
delicates Spiel, aber eine affectirte, eine französische Seele.“
In Leipzig hört sie dann Thalberg und Dreyschock.
„Thalberg’s Spiel ist schön, Alles vollendet, auch
ausdrucksvoll, jedoch die höhere Poesie geht ihm ab. Sein
Anschlag ist der schönste, nie mißlingt ihm etwas. Als
Spieler steht er groß da; doch über Allen steht
Mendelssohn.“ Von Dreyschock schreibt sie, daß
er „zwar viel Fingerfertigkeit, aber keinen Geist hat und
auf eine schreckliche Weise vorträgt. Thalberg steht
hundertmal höher.“
Unsere Leser möchten wol auch gern erfahren, wie es
den jungen Brautleuten in Wien ergangen ist? Clara
über alle Erwartung glänzend — Robert unter aller
Erwartung schlecht. Im März 1838 hatte Clara Wieck in
Wien mit ungeheurem Erfolg concertirt. Sie wurde zur
k. k. Kammervirtuosin ernannt, was ihr noch Tags vorher
„wegen des unüberwindlichen Hindernisses der Religion“
als unmöglich bezeichnet worden ist. Der Minister Graf
Kolowrat versicherte nachträglich, daß das ohne Beispiel
sei und vielleicht nie wieder vorkommen würde, weil sie
eine Ausländerin, protestantisch und zu jung sei. Aber der
Kaiser habe auf den Vortrag gutmüthig erwidert: „Nun
wenn es der Clara angenehm ist und sie es ernstlich
wünscht, will ich eine Ausnahme machen.“ „Da ich nun
auch eine Wienerin geworden,“ schreibt sie an Schumann,
„nenne ich dich mein herzallerliebstes Schatzerl!“ Ihre
Wiener Erfolge und Schilderungen verstärken in Schumann
die alte Sehnsucht, einige Jahre in Wien zu leben, der
Stadt Beethoven’s und Schubert’s. „Also, deine
Hand,“ ruft er Clara zu, „es ist beschlossen, reiflich
von mir bedacht, mein sehnlicher Wunsch, unser Ziel
ist Wien.“ Hier will er eine Musikzeitung gründen.
Er stellt sich das, an Leipziger Verhältnisse gewöhnt, viel
zu leicht vor. Clara hat ein wenig vorgearbeitet, ins
besondere bei Hofrath Vesque v. Püttlingen (J. Hoven)
und dem Clavierprofessor Joseph Fischhof. So spricht
ihm denn Clara Muth zu: „Fischhof’s Brief hat
mich unendlich gefreut; thue nur Alles, was er dir sagt,
die Sache wird schon gehen ... nur Geduld! Vesque
kann dir allerdings viel nützen, ist auch ein liebenswürdiger
Mann. Graf Sedlnitzky war ein Beschützer von mir
und scheint mir ein guter Mann, und hat viel Macht.
Er kann Alles streichen, was er will,
und Alles stehen lassen. Er ist es, der alle
Blätter erst durchliest, ehe sie gedruckt werden dürfen.“
Der „gute Mann“ (dessen grausamen Rothstift ich selbst
noch als jüngster Mitarbeiter von Frankl’s „Sonntags
blättern“ zu kosten bekam), machte Schumann Schwierig
keiten. „Meine Ueberzeugung,“ schreibt Schumann im
Februar 1839, „daß hier keine gute Zeitung aufkommen
kann, wächst immer mehr, und eine musikalische vollends
nicht, da Wien so sehr außer Verbindung mit Mittel
deutschland.“ Bald darauf überzeugte sich Schumann
von der völligen Unmöglichkeit, seine Zeitung in einer oder
andern Form nach Wien zu verlegen. „Warum willst du in
Wien bleiben,“ fragt ihn Clara, „unter Menschen leben, die dir
nicht zusagen? Geh’ fort, wieder nach unserem Leipzig, da
würden wir doch, glaube ich, am glücklichsten sein. Daß
du hier Stunden gibst, ist schön, doch bin ich einmal bei
dir, dann darfst du das nicht mehr thun. Das ist dann
mein Geschäft!“ Und so geschah es denn. Robert folgte
seiner Clara, die wie immer Recht hatte, und kehrte nach
Leipzig zurück, wo seine in Wien „unmögliche“ Musik
zeitschrift schnell zu Erfolg und Berühmtheit gedieh.
Schlimme Tage sollten den schwergeprüften Brautleuten
noch durch den ihrer Heirat feindselig entgegenarbeitenden
alten Wieck bevorstehen. Endlich siegte aber doch die Sonne
über all das schwarze Gewölk. „Die Liebe wird’s erreichen!“
rufen sie mit Fidelio aus. Am 12. September 1840 wurden
Robert und Clara in der protestantischen Kirche in Schönfeld
bei Leipzig vermält. „Es war ein schöner Tag,“ schreibt
Clara in ihr Tagebuch, und selbst die Sonne, die sich seit
vielen Tagen versteckt hatte, warf am Morgen, als wir zur
Trauung fuhren, ihre milden Strahlen auf uns, als ob sie
unseren Bund segnen wollte. Nichts störte uns an diesem
Tag, und so sei er denn auch in diesem Buche als
der schönste und wichtigste meines Lebens
aufgezeichnet.“