Concerte und Oper.
(Sechstes Philharmonisches Concert —
Rosé-Quartett —
Marschner’s
„
Hans Heiling“.)
Ed. H. „Irrungen und Wirrungen“, lautet der Titel
eines Romanes von Theodor Fontane. Er fiel uns ein in
den zwei letzten philharmonischen Concerten, deren un
vermuthet abgeändertes Programm einige Confusion im
Publicum hervorbrachte. Wurde doch im fünften Concert
statt Grädener’s lange vorher angezeigter neuer Symphonie
Schumann’s Es-dur-Symphonie gespielt; in dem gestrigen
sechsten Concert fehlten sogar zwei an allen Straßenecken
wochenlang angekündigte Nummern: Haydn’s hier noch
nie gehörte Symphonie „Le midi“ und Goldmark’s
Ouvertüre „Penthesilea“. An ihrer Stelle überraschte uns
Beethoven’s A-dur-Symphonie — ein Wunderwerk, aber
ein allbekanntes, das seit seiner ersten Aufführung (1813)
im Verlaufe von achtzig Jahren weit über hundertmal hier
gefeiert worden ist. Keine Frage, daß plötzliche Programm
änderungen, mögen sie noch so werthvollen Ersatz stellen,
eine eigenthümliche Unruhe und fast an Enttäuschung
streifende Unlust hervorrufen, namentlich in den sich
ernsthaft vorbereitenden musikstudirenden Zuhörern. Wir
dürfen wol hoffen, daß künftighin an den veröffentlichten
Programmen nicht plötzlich ohne Noth gerüttelt werde. „Ver
sprechen muß man halten,“ singt schon Robert der Teufel.
Das Concert begann mit Hermann Grädener’s
neuer Es-dur-Symphonie. Sie hat weder Titel noch Pro
gramm — gottlob, möchten wir beifügen, sind wir doch
bereits der wunderlichen Ausschriften überdrüssig, mit welchen
die neuesten Orchesterwerke sich in fremdes Gebiet, in
Malerei und Dichtkunst einbetteln. Nachdem Richard Strauß
einer Symphonie den athemversetzenden Titel „Also sprach
Zarathustra“ aufgeladen hatte, wissen die Jüngeren kaum
mehr, wie sie es dem Titelmeister nach- oder zuvorthun
sollen. Glitz schreibt eine Symphonie „Venus und
Bellona“, Hans Huber eine „Carvis“. Unter diesem
unverständlichen Titel vollzieht sich die Verwandlung eines
Mädchens in einen jungen Mann oder auch der Melodie in
einen Orchesterklang-Effect. Die neueste Symphonie des
selben Hans Huber heißt „Böcklin“. Gewiß das Aller
modernste. Unsere Wiener Symphoniker haben sich von
dieser Titelmode auffallend ferngehalten. Wie wäre es mit
einer symphonischen Dichtung „Lueger“? Das gäbe auf
regenden Stoff zur Illustration stürmischer Gemeinde
rathssitzungen. Enthusiastisch applaudirt die Majorität des
Concertpublicums, und falls ein Einzelner zu zischen wagt,
wird er für 50, für 100 Tacte ausgeschlossen, endlich
für das ganze Adagio oder Finale. Dergleichen läßt Grä
dener’s neue Symphonie nicht zu; sie hat keinen Titel,
dafür aber Mittel. Ein in bestem Sinn musikalisch er
dachtes, musikalisch ausgeführtes Werk; eine groß angelegte
Tondichtung von ernstem, strengen, durchaus pathetischem
Charakter. Mehr als in Grädener’s früheren Compositionen
überwiegt hier die gelehrte Arbeit, die geistreiche Com
bination. Der Contrapunktiker überragt den Erfinder oder,
wie es vor Zeiten hieß, der „Setzer“ den „Sänger“. Man
ist nicht ungestraft ein berühmter Professor der Musik
theorie am Conservatorium. Im Großen und Ganzen
mahnt die Ausdrucksweise an Brahms und Schumann;
im Einzelnen verfällt sie keiner Reminiscenz. Grädener
bleibt allzeit selbstständig. Nur selten mit einem größeren
Werk hervortretend, widmet er ihm dann die musterhafteste
Sorgfalt in der Ausführung. Am meisten gefiel von den
vier Sätzen das Scherzo mit seinem geheimnißvoll auf
rauschenden, geistreichen Thema. Dieser Satz allein ver
schont den Hörer ein Weilchen mit dem maßlosen Lärm,
welcher den Genuß und das Verständniß der Symphonie
so anhaltend schädigt. Wie gerne folgten wir so manchem
zarten Geäder, verschlänge nicht das erbarmungslose
Wüthen der Blechinstrumente und Pauken jede feinere
Zeichnung. Wir müssen leider vorläufig darauf verzichten,
in die Einzelheiten der interessanten Novität einzugehen.
Wenn der geschätzte Componist sich entschließen kann, jeden
der vier Sätze zu kürzen und das beklemmende Dickicht
seines Orchesters zu lichten, dann werden die Vorzüge
seiner Symphonie noch ungleich stärker und unmittelbarer
wirken. Die Novität wurde lebhaft applaudirt und der
Componist nach dem Scherzo und dem Finale wiederholt
gerufen. Herr Hofopern-Capellmeister Schalk, der in
Vertretung des plötzlich erkrankten Directors Hellmesberger
von Grädener’s schwieriger Symphonie, wie wir hören,
nur Eine Gesammtprobe abhalten konnte, hat sich damit
neuerdings als ausgezeichneter Dirigent bewährt.
Alte Liebe rostet nicht. Beethoven’s mehr als
hundert Jahre altes Septett lockt und entzückt noch
heute jeden Musikfreund. Wir hören es in der Regel
einmal im Jahre als Hauptnummer eines Rosé’schen
Extraconcerts; trefflich ausgeführt und mit freudigster
Andacht genossen. Neben dem Septett galt ehedem die
„Adelaide“ als das beliebteste Werk Beethoven’s; in un
zähligen Ausgaben und Arrangements verbreitet, hat es
doch seit längerer Zeit dem Septett den Vortritt über
lassen. Das sentimentale Matthison’sche Gedicht findet
heute keine Resonanz mehr im Publicum, und die zarte
Composition hat schließlich vor den Reizen moderner
Liederkunst capituliren müssen. Außer dem Septett erfreute
uns noch Schumann’s köstliches Clavierquintett in Es.
Ein vorzüglicher Pianist, Herr Joseph Lhévinne, spielte
es mit unserem bewährten Rosé-Quartett voll Feuer
und Verständniß. Daß sie es „zu voller Geltung
brachten“, wie die beliebte Reporterphrase heißt, kann man
trotzdem nicht fragen. Die Künstler haben das Stück gewiß
so gut gespielt, wie etwa im Bösendorfer-Saal — aber
es klang nicht so gut. Dieselbe für einen kleineren Raum
wirksame Tonstärke reicht nicht aus für den großen Musik
vereinssaal. Man vermeinte, die Musiker spielten viel
schwächer, in Wahrheit hat es nur schwächer geklungen.
Am leichtesten über die Ungunst des Saales siegt noch die
Singstimme; auch die zarteste, wenn sie so kunstvoll be
handelt wird, wie von Frau Bricht-Pyllemann.
Durch den Reiz ihrer silberhellen Kopftöne verhalf sie
Grieg’s wunderlichem „Solveigslied“ zu einer fast unge
ahnten Wirkung. Für Hugo Wolf’s „Gärtner“ hätten wir
nicht ungern die Schumann’sche Composition desselben
Gedichtes eingetauscht (op. 107), die wir öffentlich noch nie
zu hören bekamen. Frau Bricht-Pyllemann darf sich eines
echten großen Erfolges rühmen.
Vor einigen Tagen lockte mich eine alte Liebe ins
Hofoperntheater: Marschner’s „Hans Heiling“. Man
feierte die 100. Aufführung dieser Oper in Wien. Schon
die hundertste? Im Laufe von 57 Jahren! Armer Hans
Heiling. Schäme dich vor dem „Rastelbinder“, der jetzt
nach drei Monaten seine 50. Wiederholung erlebt! Ver
krieche dich vollends vor dem „Süßen Mädel“, das in einem
halben Jahre es so weit gebracht hat, wie du in einem
halben Jahrhundert — zu 100 Aufführungen! Die erste
Wiener Vorstellung von „Hans Heiling“ (Januar 1846)
war, ohne Sensation zu machen, doch so günstig auf
genommen worden, daß der Componist im Sommer des
selben Jahres nach Wien reiste, um seine Oper einmal selbst
zu dirigiren. Er hatte dafür ein Duett zwischen Anna und
Conrad im dritten Acte hinzucomponirt, das jetzt noch ganz
besonderen Beifall erntet. Um sich damit bei den Wienern
„ein Bildel einzulegen“, verließ Marschner hier den düsteren,
schweren Ton, die unruhige, überfüllte Instrumentirung
und stützte die freudig aufjauchzende Melodie auf eine
einfachere Begleitung. Seither hat dieses Einlagestück sich
überall erfolgreich erhalten. Entschiedenen Gewinn für
„Hans Heiling“ brachte dessen Uebersiedlung ins neue
Opernhaus; wir finden da im Januar 1871 schon Beck
als Heiling, Walter als Conrad, Minnie Hauck als
Anna, die Materna als Gnomenkönigin. Die Wieder
holungen sickerten trotzdem noch immer spärlich. Vom Jahre
1871 bis heute, also in mehr als dreißig Jahren, ist die
Oper 65mal gegeben worden. Ein Hauptverdienst an der
gesteigerten Anziehungskraft des „Heiling“ gebührt Herrn
Reichmann, der, ein warmer Verehrer und prädestinirter
Darsteller der Marschner’schen Baritonpartien, neben
„Heiling“ auch dem „Templer“ und dem „Vampyr“ hier
zu neuen Ehren verholfen hat.
Dem „Templer“, diesem Werke voll dramatischer
Gluth und zartem melodischen Reiz, sollte es in Wien
nicht so gut ergehen — eigentlich herzlich schlecht. Die
erste Aufführung von „Templer und Jüdin“ im alten
Opernhause hat im Jahre 1849 stattgefunden, die letzte
im Jahre 1862. In diesen dreizehn Jahren erlebte
der „Templer“ 3, sage drei Aufführungen! Die Oper
war eben nicht nach dem Geschmack der Wiener. Ich hatte
den „Templer“ in Prag liebgewonnen, wo er, sowie
„Heiling“ als unfehlbares Repertoirestück beliebt war, ehe
man in Wien etwas von Marschner wußte. „Der Wiener
Mißerfolg“ — so schrieb ich damals in der „Wiener
Zeitung“ — „mußte Jedermann schmerzen, der in Marschner’s
„Templer“ ein Werk zu ehren glaubte, dessen Fall unmög
lich ist. Der 10. Januar 1849 hat diesem Glauben ein Ende
gemacht, und die letzte Stadt, welche den „Templer“ zur
Aufführung gebracht, Wien, ist auch die erste, die ihn
fallen ließ. Zur theilweisen Entlastung des Publicums
war nur zu bemerken, daß die Aufführung kaum ein ge
treues Bild des Werkes zu bieten vermochte. Vortrefflich
erschien nur Staudigl als Waldbruder Tuck. Die letzte
Aufführung von „Templer und Jüdin“ im alten Opern
hause (1862) glänzte in musterhafter Besetzung. Beck als
Templer, Ander als Ivanhoe, die Dustmann als
Rebekka lebten begeistert in ihren Rollen. Vortrefflich war
auch Hölzl als Tuck; dennoch hat er die Oper für lange
Zeit umgebracht und die Oper ihn. Ein aufregendes
Theater-Ereigniß. Es war Herrn Hölzl von der Theater
censur untersagt worden, als Tuck mönchische Kleidung
anzulegen und das erste Lied mit dem Originaltext vor
zutragen; statt des Refrains „Ora pro nobis“ sollte er
singen „Ergo bibamus!“ Durch diese Aenderung wird
nicht blos die auf den Contrast gestellte Wirkung des Musik
stückes total vernichtet, sondern die ganze Scene in boden
losen Unsinn verkehrt. Für einen Sänger, der mehr als
eine geistlose Puppe, wird eine Darstellung der also abge
änderten Scene beinahe zur Unmöglichkeit. Hölzl lieferte
den augenscheinlichen Beweis dafür in der Generalprobe,
deren erbärmlicher Effect ihn offenbar stark herabgemuntert
hatte. Er wagte es also, in der Abendvorstellung die ver
botenen Worte „Ora pro nobis“ zu singen, die sogar in
München und auf verschiedenen österreichischen Bühnen un
behelligt erklangen. Die Folge war, daß Hölzl sofort seine
Entlassung erhielt und nie wieder die Räume des Hof
operntheaters betreten durfte. Nun war dem armen Hölzel
für immer und der Marschner’schen Oper für viele Jahre
das Hofoperntheater versperrt. Heute liest sich das gottlob
wie ein Märchen, ist aber doch erst 40 Jahre alt.
Erst im November 1883, also nach vollen 20 Jahren,
bekamen wir „Templer und Jüdin“ wieder zu hören —
im Neuen Opernhause. Leider hat der „Templer“ auch
hier bis auf den heutigen Tag, also in 20 Jahren, nur
28 Vorstellungen erlebt. Die Wiederaufnahme der Oper
geschah hauptsächlich auf Betreiben Reichmann’s, welcher
den Templer zu seinen Glanzrollen zählt. Neben ihm
finden wir schon Herrn Winkelmann als Ivanhoe.
Diese beiden trefflichen Künstler, bis zur Stunde die festen
Säulen unseres Operntheaters, verhalfen auch der dritten
von Marschner’s Opern, dem „Vampyr“, zu einer wenn
gleich nur kurzen Wirksamkeit in Wien. Allerdings hat
Marschner’s Styl sich im „Templer“, noch mehr im
„Heiling“ geläutert, seine Gestaltungskraft sich gefestigt.
Aber auch dort, wo man diese weit besseren Werke
Marschner’s pflegt, weiß sein „Vampyr“ sich noch immer
leidlich zu erhalten. Das dankt er dem unzerstörbaren
Eindrucke seiner Priorität und der Macht der Tradition.
Den späteren „Templer“ und „Heiling“ erkannte das
deutsche Publicum sofort als die zweite und dritte Ver
gleichungsstufe von Marschner’s Talent, ohne darum den
roheren „Vampyr“ ganz zu verbannen. Er war eine erste
Liebe gewesen, und zu dieser kehrt man gerne wieder
zurück. Anders bei uns in Wien. Nachdem wir den
„Vampyr“ um ein Halbjahrhundert verspätet und lange
nach dem „Hans Heiling“ kennen gelernt, mußte
er uns da nicht wie eine wüste Vorstudie zum „Heiling“
vorkommen und neben diesem fast überflüssig? So war
denn auch der Erfolg des „Vampyr“ bei seiner Wiener
Première (1884) weit geringer, als er vier bis fünf
Decennien früher gewesen wäre. Natürliche Strafe aller
Theater-Directionen, die mit der künstlerischen Production
nicht Schritt halten und sie dann eines Tages aus weiter
Entfernung einholen möchten. Die Wirkung einer be
deutenden Composition hängt gewiß nicht an der Minute
— was du aber vor fünfzig Jahren ausgeschlagen, das
bringt keine Ewigkeit zurück.
Die hundertste Aufführung des „Heiling“, um wieder zu
unserem Anfang einzubiegen, spielte vor einem überaus
empfänglichen, dankbaren Publicum, das vollzählig wie zu
einer Première sich eingefunden hatte. Frau Forster,
noch immer die liebenswürdigste Anna, Reichmann,
noch heute der beste Heiling, Schrödter, noch un
verändert der klang- und gemüthvollste Conrad, entzückten
wie vor Jahren. Frau Sedlmair, Frau Kaulich,
die Herren Schittenhelm und Felix standen ihnen
als willkommene Partner zur Seite, und Herr Schalk
als energisch dirigirendes Oberhaupt. So bewahren wir
denn dieser Jubiläums-Vorstellung die dankbarste Er
innerung.