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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. So mißmutig hohes Alter uns auch stimmen
mag, ich denke doch mit Freuden daran zurück, daß ich
vor nahezu sechzig Jahren
eine volle Woche hindurch von früh bis abends sein
willkommener täglicher Begleiter gewesen bin.
erschien damals in
Vierziger mit buschigem dunklem Löwenhaupt; mitteilsam,
unternehmend, hoffnungsfroh. Von diesem will ich in diesen
Blättern erzählen. Diejenigen gewiß nicht zahlreichen
Leser, denen aus früheren Aufsätzen von mir manches
davon bekannt sein dürfte, wollen dies mit der Erwägung
entschuldigen, daß gerade ein Jubiläumsartikel eine mög
lichst vollständige zusammenfassende Darstellung erheischt.
Eine Charakteristik und Würdigung der Tondichtungen
Hektor
kommen und gab da eine Reihe von Konzerten. Der Name
Nur unser kleiner Kreis, dessen Brevier
sätze in der
bildeten, schwärmte im vorhinein für den genialen Fran
zosen. Wir waren voreingenommen durch die enthusiasti
schen Kritiken
und die Schilderungen
positionen besaßen wir nur das
ment
bearbeitung
durchgepaukt wurden.
teten ihn in die Proben; wir waren willkommen als
enthusiastische Anhänger, ich überdies als brauchbarer
Dolmetsch und Uebersetzer.
Musikern
Begleitung einer schönen, glutäugigen Spanierin, Mari
quita
verzeihlich, daß wir sie für seine aus
uns bekannte und teure Gemahlin, die frühere Schau
spielerin Miss
bei der ersten Begegnung seine Freude darüber aussprach,
neben
aus der
Blick die Antwort: „Die hier ist meine zweite Frau; Miß
lebte lange noch, während
Spanierin
Mann mit der Löwenmähne und dem gewaltigen Adler
blick stand widerstandslos unter dem Pantoffel der Señora.
Bei aller Ehrfurcht vor
komisch, wenn sie mit stolz zurückgeworfenem Kopf ihn an
herrschte: „
schuhe!“ Worauf dann
schüchternen Liebhabers ihr schnell die Mantille umhängte
und die Handschuhe brachte. Für die Besorgungen
des täglichen Lebens, des geschäftlichen Verkehres war sie,
die ebenso sparsam, als er großmütig mit dem Gelde umging,
ihrem unpraktischen
bonheur pour
einmal, als ich ihr den Voranschlag der Konzertauslagen
übersetzte, den sie mit kühnen Federstrichen reduzierte.
„Quel bonheur“ war für
Im Anfang ihres Zusammenlebens quälte sie ihn mit der
Prätension, in seinen Konzerten als Sängerin aufzutreten,
was er — doch noch mehr Musiker als Anbeter — nach einigen
mißglückten Versuchen einstellen mußte. Später, als er nach
dem Tode seiner Frau die
säglich unter der unheilbaren, entsetzlichen Krankheit,
welche langsam, wie mit stumpfer Säge, ihr Leben zerschnitt.
Während seines
unser einziger Gedanke, unsere einzige Beschäftigung. Ich
führte ihn auch zu meinem Meister
papst von
für Pflicht hielt. Als wäre es gestern, sehe ich mich mit
in Person residierte.
gehängt“; ich litt unter dem vernichtenden Bewußtsein
dieser Auszeichnung so sehr, daß ich förmlich fürchtete,
Bekannten zu begegnen.
Wenige Schritte vor der kontrapunktischen Residenz
eröffnete mir
habe in seinem Leben den Namen „
hört, noch weniger kenne er eine Note dieses Autors. Jetzt
galt es, in gedrängtester Kürze meinem Fremden das ihm
fehlende musikgeschichtliche Kapitel „
bringen. Um ihn nicht durch die vielen Titel zu verwirren,
wiederholte ich ihm schließlich mit Nachdruck, daß
auf ein (in der Tat vortreffliches)
Wert lege. Wir traten ein, und es spielte sich eine jener
halb peinlichen, halb komischen Szenen ab, welche man
„Dolmetschen“ nennt. Dies brockenweise Hinüber- und
Herübertragen unerheblicher und doch oft schwierig wieder
zugebender Sätze wurde durch die etwas verlegene Span
nung zwischen dem Altkonservativen und dem Kunstrevolu
tionär gerade nicht erfreulicher. Glücklicherweise vergaß
dere Genugtuung, den Schöpfer des „herrlichen
persönlich kennen zu lernen. Der durch Vereinsamung etwas
schroff gewordene alte Herr nahm diese Huldigung mit
echtem Kopfnicken und der Erklärung hin,
Konzert besuchen zu wollen. „Il a l’air bien enchante
de lui-même“, war das Einzige, was
Nachdenken über die neue Bekanntschaft äußerte.
Enthusiasmus. Das letzte Konzert, in welchem
(sonst überall unterdrückten) fünften Satz der
fantastique
wollte — da sich mir gerade jetzt die Gelegenheit bot —
doch noch lieber
Sabbat
Ueberraschung, folgende darauf bezügliche Zeilen von
tu n’y étais pas. Notre Sabbat a été exécuté
mardi dernier; cependant je ne vous engage pas à vous
pendre, car il peut aller beaucoup mieux. Mille amitiés,
et revenez nous vite!“ Was in
für
persönliche Umgang mit ihm, der Eindruck seiner liebens
würdigen, edlen Persönlichkeit. Sein künstlerisches Ideal
erfüllte ihn völlig; die Verwirklichung dessen, was er in
glühendem, nie befriedigtem Drang als schön und groß
empfand, bildete sein einzig Ziel und Streben. In seiner
Kunst, mag man sie nun abschätzen wie man wolle, lag
eine großartige Redlichkeit. Alles Eigennützige, Kleinliche
lag dem Manne mit dem
und Kühne seiner ganzen Richtung und für einzelne hohe
Schönheiten seiner Musik heute noch empfänglich, bin
ich doch mit den Jahren von dem maßlosen Enthusiasmus
jener
dies bei R.
vor
sierende Kritik über die
lediglich auf Grund des
von Begeisterung über
Kritik beschloß er mit den schönen Worten: „Und ist seine
Kunst ein flammendes Schwert, so sei mein Wort die ver
wahrende Scheide.“ Nach der Bekanntschaft mit
späteren Werken hat
stark abgekühlt, ja förmlich auf Eis gestellt. Schon im
Jahre
äußerte er, sarkastisch lächelnd: „Ihr Prager ward ja über
gegnen, wer hat denn angefangen?
königliche Haupt mit den Adleraugen — ich sollte sie sehr
verändert wiederfinden. Hätte ich
als in seiner entlegenen Wohnung, Rue du Calais 4,
wiedergefunden, ich würde ihn schwerlich erkannt haben.
Zwar hob die Blässe seines eingesunkenen Gesichts und
das gänzlich erbleichte Haar den feinen Schnitt seiner Züge
noch plastischer hervor, aber die Kraft und Frische von
ehemals waren geschwunden. Trüb und leidend blickte sein
Auge, nur in seltenen Augenblicken an das alte Feuer
mahnend. Eine voluminöse Partitur lag vor
geschlagen. Womit er jetzt beschäftigt sei? „Je suis
occupé à souffrir,“ lautete die rührend traurige Antwort.
Hand in Hand mit seinem körperlichen Leiden ging eine
tiefe Verstimmung des Gemüts, eine zunehmende Ver
bitterung und Vereinsamung. Hielt doch nur sein glänzendes
Wirken als Kritiker die
Kompositionen hören, so mußte er nach
Die Tage in
Traum. Eben von seinem alljährlichen Sommerausflug
aus
sehr der Erfolg seiner dortigen Konzerte, trotz
der unsäglichen Mühe der Vorbereitungen, ihn er
freue. In
Kontrast doppelt schwer bedrückt; sein besseres Ich sei ver
loren, „dans ce monde perdu et corrompu“. Mit Ver
achtung sprach er von den Musikzuständen in
zorniger Heftigkeit gegen die „Zukunftsmusiker“ in
land
er jeden Zuspruch, jede Hoffnung auf eine bessere Zeit
ab: „J’ai pris mon parti.“ Unvergeßlich ist mir dieser
Seufzer schmerzlichster Resignation. Und er hatte nicht zu
schwarz gesehen; es war ihm nicht beschieden, einen
günstigen Umschwung der öffentlichen Meinung in seinem
Vaterlande zu erleben. Erst nach seinem Tode begann man
ihn dort zu feiern, wobei man jetzt beinahe von einem
Extrem ins andere, von Mißachtung in Vergötterung
verfällt.
Es war im Dezember
Hauptwerk „
des Mannes schnitt seinen Freunden ins Herz. Er hatte in
den letzten Jahren erschreckend gealtert. Die ehedem kräftige
und elastische Gestalt war von physischen und moralischen
Leiden gebrochen; das sonst so feurige Adlerauge blickte
matt und resigniert unter dem grauen Haarwald; mit
sichtlicher Anstrengung dirigierte er das von
fältig vorbereitete Werk. Sein Blick erhellte sich, als
brausender Beifall ihn begrüßte. Aber so enthusiastisch der
Beifall nach „
doch mehr der außerordentlichen Persönlichkeit des be
rühmten Tondichters zu gelten als dem Werke selbst. Hätte
sonst dieses durch volle zwanzig Jahre hier unwieder
holt, ja gänzlich verschollen bleiben können?
Noch einmal sollte ich
im Frühling
ausstellung dahin abgesendet, hatte ich auch an den
Sitzungen über die beste der eingesandten Friedens
hymnen teilzunehmen. Der 85jährige Auber präsidierte.
Auber nannte er den größten Egoisten; „ce n’est pas
Ich habe
warmen, trotz unsäglichen Leidens und zunehmender Ver
bitterung weichen, ehrlichen Gemüt stets ein pietätvolles
dankbares Andenken bewahrt.