Der Kritiker in der Kritik: Die Rezensionen zu Eduard Hanslicks Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“ (1854–1857) Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler Wiener Briefe <title rend="italics">Den 30. October 1854. —r— Wilfing, Alexander Pfiel, Anna-Maria Stadt Wien (MA7)
Friedrich-Schmidt-Platz 5 1080 Wien Österreich Wien
Der Kritiker in der Kritik: Die Rezensionen zu Eduard Hanslicks Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“ (1854–1857) Herausgegeben von Wilfing, Alexander Pfiel, Anna-Maria Projektmitarbeiterinnen Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities Wien 2025

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Wiener Briefe —r— Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler Nr. 44. KÖLN, 4. November 1854. II. Jahrgang Herausgegeben von Bischoff, Ludwig Köln 1854-11-04
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Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler. Nr. 44. KÖLN, 4. November 1854. II. Jahrgang. Wiener Briefe. Den 30. October1854.

Unter dem Titel: „Vom Musicalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Aesthetik der Tonkunst von Dr. Eduard Hanslick“ (Leipzig, bei R. Weigel), hat der geistvolle musicalische Schriftsteller Dr. Eduard Hanslick kürzlich ein Büchlein veröffentlicht, wel ches nicht verfehlen wird, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen, und dessen Lecture nicht lebhaft genug em pfohlen werden kann. Ich zweifle sehr, ob über Musik je mals so nach allen Seiten hin gleich vortrefflich geschrieben worden ist, und ob es unter den Schriften, deren Thema die Musik bildet, viele geben wird, welche gleich dieser auch den Nichtmusiker fesseln und jedem nur überhaupt tiefer Gebildeten Genuss und Belehrung bereiten muss. Dass man dies von musicalischen Schriften so selten sagen kann, rührt nicht allein daher, weil geistreiche Menschen und die zugleich einen Blick in die Tiefen einer Kunst ha ben, überhaupt nicht gar zu häufig sind, sondern auch da her, weil man bei musicalischen Schriftstellern so selten ne ben tiefer Einsicht in die Kunst und lebendiger Erkenntniss deren Werke jenen Fonds echter, allgemeiner Bildung fin det, wie ihn unser Autor an den Tag legt. Vorläufig vom Inhalt der obigen Broschüre ganz abgesehen, so ist die blosse formelle Darstellung derselben an sich so meister haft, ein mit der Schärfe eines Schwertes einschneidender Geist wirkt darin mit einer lebhaften, warmen Phantasie so schön zusammen, dass man schon daran allein seine Freude haben muss. Man sieht es dem Büchlein mit Vergnügen an, dass es aus einem starken geistigen Drange hervorgegangen ist; eine energische Natur spricht hier ihre innersten Ueber zeugungen aus, hier wahre künstlerische Lebens-Resultate. Wenn wir den Autor und sein Werk als geistreich bezeich neten, so entspringt hier das Geistreiche nicht bloss aus einzelnen Apperçus und so genannten Coups d’esprit, sondern aus einer tiefen Erkenntniss künstlerischen Wesens und Unwesens, die mit Feuereifer für das als wahr Erkannte kämpft und das Falsche, innerlich Haltlose meist spielend und mit Humor vernichtet. Namentlich weiss unser Autor oft auf das glücklichste in ein Bild einzufangen, was durch Begriffe niemals so prägnant und eindringlich veranschau licht werden kann.

Ihren vollen Werth erhalten aber diese formellen Vor züge freilich erst durch den materiellen Gehalt, welchem sie dienen. Der wesentliche Haupt-Inhalt unseres Büchleins ist, in wenige Sätze zusammengedrängt, dieser: Die Gefühle sind weder Inhalt noch Zweck der Musik, vielmehr hat sie keinen anderen wesentlichen Inhalt, als sich selbst, und an diesem Inhalte besitzt sie zugleich ihren Selbstzweck; nicht das Gefühl in seiner abstracten Einseitigkeit und dun kelen Verworrenheit ist der eigentliche treibende Nerv im Componisten, sondern die Phantasie in ihrer alle vereinzel ten Seelen- und Geisteskräfte concentrirenden Thätigkeit; eben so soll es sich beim Empfangenden verhalten. Das ästhetische Verhalten ist in der Musik von dem rein patho logischen wohl zu unterscheiden. Man sieht, dass diese Sätze eine Kriegserklärung gegen althergebrachte, vielfach in Schwung befindliche Anschauungen enthalten, die Vielen von vorn herein wie eine ketzerische Proclamation erschei nen wird. Man sehe sich aber das Büchlein nur selbst an, und wer über dem Fühlen das Denken nicht ganz abge schworen, wird sich gegen dessen leuchtende Wahrheiten nicht verschliessen können. Wohl mag es sein, dass der Verfasser hin und wieder eine Linie zu tief schneidet; aber bei einem ersten Kampfe gegen ein eingerostetes Uebel ist nichts natürlicher als das. Auch ist es wahr, dass das Büch lein, wie der Autor im Vorworte selbst gesteht, noch man che Lücken hat, dass es noch nicht alle Zweifel und Be denklichkeiten hebt, seinen Gegenstand noch nicht nach al len Beziehungen hin durcharbeitet, dass es mehr erst Unter bau und Haupt-Mauerwerk einer künftigen Festung ist. Wer aber der Erste Hand anlegt an eine so grosse Arbeit, noch überdies mit so viel Muth und Geschicklichkeit, dem gebührt auch Ehre und Dank vor allen Nachfolgenden. Der Nachfolger, welchen wir Herrn Dr. Hanslick aber in dem begonnenen Werke am liebsten setzen möchten, wäre doch am Ende wieder er selbst. In eine weitere Inhalts-Specifi cirung seines trefflichen Buches können wir uns nicht ein lassen, da wir mit demselben fast so identisch sind, dass wir, um unsere Meinung darüber zu sagen, es geradezu ab schreiben müssten. Man informire sich daher selbst, und man wird es nicht bereuen. Hätten wir hin und wieder Manches im Einzelnen noch anders gewünscht, so ist dies ein Mini mum gegen die Vortrefflichkeit des Ganzen, und wird sol che Erweiterung und Berichtigung der Autor seinem Werke hoffentlich noch späterhin selbst angedeihen lassen. Denje nigen aber, welche etwa nach den obigen Andeutungen in dem Hanslick’schen Buche eine Degradation der Tonkunst wittern sollten, können wir nur entgegnen, dass man von der Musik als Kunst keine grössere und würdigere An schauung haben kann, als sie unser Autor, richtig verstan den, überall documentirt. Und so möge denn seine Arbeit überall hin weiteste Verbreitung finden! Die guten Wir kungen werden nicht ausbleiben. —r—