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Maschinenlesbares Transkript der Rezensionen der ersten Auflage von Eduard Hanslicks Ästhetik-Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“.
Es gibt wenig Partien, die für den Aesthetiker
dorniger wären als die Aesthetik der Tonkunst. In
keiner andern Kunst scheint die Kenntniß des Tech
nischen so unentbehrlich und ist doch zugleich nur
von so Wenigen und zumeist nur von Solchen, die
Musiker vom Fach sind, zu erlangen. In keiner an
dern zugleich scheint andererseits das Verständniß so
nahe zu liegen und oft von Leuten besessen zu wer
den, denen wir sonst nur einen niederen Grad von
Bildung zutrauen. Daher der seltsame Umstand, daß
wir die Musik von den Aesthetikern bald als die
höchste gepriesen, bald als die niederste aller Künste
herabgesetzt sehen. Im Allgemeinen stellen sich auf jene
Seite die Musiker vom Fach, die Dilettanten, die
in keiner andern Kunst so zahlreich sind und der
größte Theil der Laien; auf diese Seite der grö
ßere Theil der Aesthetiker vom Fach. Die Erscheinung
ist zu auffallend, um nicht Aufmerksamkeit zu ver
dienen. Eine tief durchgreifende Vorstellung von der
Natur der Musik muß Ursache daran sein und je
nachdem diese von Verschiedenen hoch, oder niedrig
angeschlagen wird, die Werthschätzung der Tonkunst
bestimmen.
Der Philosoph, der selbst nicht Tonkünstler ist,
kann in solchem Streit nicht vorsichtig genug auftre
ten. Haben wir doch selbst Herbart, unter den
Nur mit diesem Vorbehalt entschließen wir uns,
Dr. Hanslick’s uns sehr werthvoll dünkende Schrift
Der Verfasser, den Lesern dieser Blätter durch seine
geistvollen Musikkritiken längst bekannt, hat auch
fentlicht. Sie haben nicht verfehlt, Aufmerksamkeit zu
erregen. Man fand darin große Schärfe der Auffas
sung, entschiedenen Kampf gegen liebgewordene Vor
urtheile, insbesondere gegen eine allgemein verbreitete
Meinung, die das Wesen der Musik in den Ausdruck
von Gefühlen setzt. Diese Aufsätze hat der Verfasser
in seinem Schriftchen gesammelt, durch neue vermehrt
und ergänzt, so daß sie nun ein zusammenhängendes
Ganzes bilden, das die wichtigsten Fragen der musi
kalischen Aesthetik bespricht, ohne Anspruch zu machen
eine Aesthetik der Tonkunst zu sein. Er nennt es be
scheiden nur einen „Beitrag zur Revision der Aesthe
tik der Tonkunst“, aber es ist kein Zweifel, daß,
wenn seine Ansichten die richtigen sind, die ganze
Aesthetik der Tonkunst sich umgestalten müßte.
Die Hauptfrage, die den Verfasser beschäftigt, ist
die nach Zweck und Inhalt der Musik. Er be
stimmt beide negativ: „Gefühle sind weder Zweck noch
Inhalt der Musik.“ Das Schöne hat überhaupt kei
nen Zweck, denn es ist bloße Form, welche wohl
mit beliebigem Inhalt erfüllt und dadurch zu den
verschiedensten praktischen Zwecken verwandt werden
kann, aber an sich keinen andern hat, als, wenn man
so sagen soll, sich selbst. Wenn aus seiner Betrach
tung angenehme Gefühle für den Betrachter entstehen,
so gehe diese das Schöne als Solches nichts an. Ich kann
wohl dem Betrachter Schönes vorführen in der be
stimmten Absicht, daß er an seiner Betrachtung Ver
gnügen finden möge, aber diese Absicht hat mit der
Schönheit des Vorgeführten selbst nichts zu thun.
Das Schöne ist schön und bleibt schön, auch wenn
es keine Gefühle erzeugt, ja auch wenn es weder ge
schaut noch betrachtet wird. Denn das Schöne be
ruht auf sich gleich bleibenden Verhältnissen.
Wo gewisse Verhältnisse stattfinden, ist Schönheit,
wo die entgegengesetzten, Häßlichkeit, wo disparate,
weder jene noch diese vorhanden. Diese Verhält
nisse sind unter allen Umständen dieselben. Ewig
werden Farbenzusammenstellungen wie: Roth und
Grün, Blau und Orange, Violett und Gelb gefallen;
solche dagegen wie: Roth und Blau, Gelb und
Orange u. s. w. mißfallen. Grundton und Terz wer
den immer ein gefälliger, Grundton und Sekunde,
Grunton und Septime ein mißfälliges Verhältniß
darstellen, jene schön, diese häßlich genannt werden.
Diese Verhältnisse sind objectiv, wenn auch ihre
Erkenntnißquelle zunächst subjektiv die allge
meine Wahrnehmung des unbedingten, d. i. weder
durch die Rücksicht der Nützlichkeit, noch der Annehm
lichkeit, noch der Sittlichkeit, sondern einzig und allein
durch ihre Betrachtung hervorgerufenen Gefallens
oder Mißfallens ist. Ihr Stattfinden würde den Ge
genstand, an dem sie stattfinden, zum schönen oder
häßlichen machen, auch wenn kein Beschauer vorhan
den wäre; ihr Inbegriff bildet eine Welt von For
men, die gleichviel ob wirklich oder unwirklich, mit
reelem oder Gedankeninhalt erfüllt oder nicht, ange
schaut oder nicht, das Schöne an sich, das objek
tive Schöne ausmachen.
Es thut nichts zur Sache, daß der Verfasser den
Akt der Betrachtung des objektiv Schönen mit
scherAnschauung, das Vermögen desselben
Phantasie nennt, da er doch nichts als die rein
intellektuelle Auffassung dieser Verhältnisse von Sei
ten des Beschauers meint, durch welche das interes
senlose ästhetische Urtheil des Beifalls oder Mißfal
lens herbeigeführt wird. Gefährlich bleibt aber die
Benennung deßhalb, weil unter „Anschauung“ im
im Endlichen“, unter Phantasie das Vermögen dieser
Wahrnehmung verstanden, damit also zugleich auf
einen bestimmten und zwar den einzigen Inhalt
des Schönen hingedeutet wird, was die wichtige Er
kenntniß, daß das Schöne bloße Form sei, wieder
aufhebt. Es ist dies das bedenkliche Dilemma, in
welches alle spekulative Aesthetik und namentlich der
scharfsinnige und geistreiche Vischer geräth, daß sie
Der Verf. kämpft kräftig gegen das Vorurtheil,
daß musikalische Schönheit in der Erzeugung von Ge
fühlen bestehe. Die Musik, sagt er, flüstert, stürmt
und rauscht; „das Lieben und Zürnen aber trägt nur
unser eigenes Herz in sie hinein.“ (S. 13.) „Sie
stellt keine Gefühle dar, da die Bestimmtheit der
Gefühle von konkreten Vorstellungen und Begriffen
nicht getrennt werden kann, welche außerhalb des Ge
staltungsbereiches der Musik liegen. Einen Kreis von
Ideen hingegen kann die Musik mit ihren eigensten
Mitteln reichlich darstellen. Dies sind unmittelbar alle
diejenigen, welchen auf hörbare Veränderungen der Zeit,
der Kraft, der Proportionen sich beziehen, also die
Idee des Anschwellenden, des Absterbenden, des Ei
lens, Zögerns, des künstlich Verschlungenen, des ein
fach Begleitenden u. dgl. m. (S. 14.) „Die Ideen,
welche der Komponist darstellt, sind vor Allem und
zuerst rein musikalische. Seiner Phantasie er
scheint eine bestimmte schöne Melodie. Sie soll nichts
Anderes sein als sie selbst.“ Bis hieher sind wir mit
dem Verfasser vollkommen einverstanden. Die musika
lischen Ideen sind Melodien, Tonfolgen, deren Theile
bestimmte Verhältnisse haben, die um ihrer selbst
willen gefallen. Ueberflüssig erscheint uns, daß, wie
der Verfasser fortfährt, diese reinen Tonverhältnisse
noch etwas Anderes als sich selbst zur Erscheinung
bringen, z. B. „bis zur Ahnung des Absoluten stei
gen.“ Das Absolute ist kein Tonverhältniß und also
dünkt uns, auch nicht musikalisch. Soll es musikalisch
dargestellt werden, so kann dies schwer und nur da
durch geschehen, daß Töne, Rhythmen gebraucht wer
den, die durch Ideenassoziation den Begriff des
Erhabenen und so des Absoluten erwecken, als
mittelbar, nicht unmittelbar durch Töne. Die
Ideenassoziation kann freilich weit gehen und so
Rosenkranz im Rothgelb „anmuthige Würde,“
Wir fragen mit ihm: welcher Natur ist nun das
Schöne einer Tondichtung? und antworten mit ihm:
„Es ist ein spezifisch Musikalisches,“ die Ausführung
dieses Gedankens gibt der Verfasser mit solcher Klar
heit und Einsicht, daß wir dem Leser diesen Abschnitt
der Schrift besonders auf das Angelegentlichste em
pfehlen. So fremdartig es Vielen klingen wird, den
„tiefen Inhalt“ der Musik zuletzt in bloße „Töne
und ihre künstlerische Verbindung“ aufgelöst zu sehen,
so wahr ist es und so schlagend sind die Gründe und
Beispiele des geistreichen Verfassers. „Das Material,
aus dem der Tondichter schafft und dessen Reichthum
nicht verschwenderisch genug gedacht werden kann,
sind die gesammten Töne mit der in ihnen ruhenden
Möglichkeit zu verschiedener Melodie, Harmonie und
Rhythmisirung. Unausgeschöpft und unerschöpflich
waltet vor Allem die Melodie, als Grundgestalt mu
sikalischer Schönheit; mit tausendfachem Verwandeln,
Umkehren, Verstärken bietet ihr die Harmonie immer
neue Grundlagen; beide vereint, bewegt der Rhyth
mus, die Pulsader musikalischen Lebens, und färbt
der Reiz mannigfaltiger Klangfarben. Frägt es sich,
was mit diesem Tonmaterial ausgedrückt werden soll,
so lautet die Antwort: „Musikalische Ideen!“
Vortrefflich! aber warum trübt der Verfasser diese
richtige Erkenntniß gleich wieder durch eine überflüs
sige Konzession an eine falsche Aesthetik? „Die musi
kalische Idee“, sagt er richtig, „ist selbstständiges
Schöne, ist Selbstzweck und keineswegs erst wieder
Mittel oder Material zur Darstellung von Gefühlen
und Gedanken, wenn sie gleich in hohem Grad jene
symbolische, die großen Weltgesetze wieder spiegelnde
Bedeutung besitzen kann, welche wir in jeder Kunst
sphäre vorfinden“, d. h. welche eine gewisse Aesthetik
darin vorzufinden glaubt. Ueber die Sphärenmusik,
dünkt uns, ist unsere heutige Physik hinaus. Sie
spuckt höchstens noch in den Köpfen derselben Natur
philosophen, von welchen auch jene Aesthetik herrührt.
Die musikalische Idee braucht keine „Weltgesetze wie
derzuspiegeln“ um schön zu sein, mit der Metaphysik
hat sie nichts zu schaffen. Die sogenannte „Gedan
kenmusik“ ist ein musikalisches Unding; die stete Forde
rung, die Musik solle noch andere als musikalische
„Gedanken“ ausdrücken, baarste Nichtästhetik. Der
Vergleich mit der Arabeske, den der Verfasser S. 33
ausführt, ist darum der treffendste weil er den echten
Reiz, der in den mannigfaltigsten Tonverschlingun
gen ruht, „schöne Formen ohne den Inhalt eines
bestimmten Affekts“ gleichsam plastisch vor Augen bringt.
„Wenn man die Fülle von Schätzen nicht zu erken
nen verstand, die im rein Musikalischen lebt, so trägt
die Unterschätzung des Sinnlichen viel Schuld, wel
cher wir in älteren Aesthetiken zu Gunsten der Moral
und des Gemüths, in
begegnen. Jede Kunst geht vom Sinnlichen aus und
webt darin. Die „Gefühlstheorie“ verkennt dies, sie
übersieht das Hören gänzlich und geht unmittelbar
ans Fühlen“. (S. 34.)
Damit will der Verfasser, wie sich von selbst ver
steht, den bloßen „Ohrenkitzel“ nicht für das Wesen
der musikalischen Schönheit ausgegeben haben. Viel
mehr erklärt er das „Spezifisch-Musikalische“ eben
so wenig für blos „akustische Schönheit“ oder „pro
portionale Dimension“, die er beide nur „untergeord
net“ nennt, sondern „dadurch, daß wir auf musika
lische Schönheit dringen, haben wir den geistigen Ge
halt nicht ausgeschlossen, sondern ihn vielmehr be
dingt.“ Es ist dies einer der Punkte, die am schwie
rigsten klar zu machen sind, da der Verfasser selbst
sagt, das Reich der Musik „sei nicht von dieser Welt.“
Eben so wenig das einer andern Kunst, die Poesie
ausgenommen, denn stets gewohnt in Worten zu
denken, haben wir keinen Begriff davon, wie man in
Tönen, Farben oder geometrischen Maßen denken
solle. Wir fordern „Geist“ von der Musik wie von
einer andern Kunst und können doch unmöglich mei
nen, daß darunter ein stofflicher Gedankeninhalt ver
standen sein soll, weil wir sonst wieder auf das abge
schmackte gänzlich irrige Vorurtheil zurückkommen würden
das den ästhetischen Werth eines Kunstwerkes von
seinem haec fabula docet abhängig macht. Der
„Geist,“ den wir fordern, kann in der Musik kein
malerischer, in der Malerei kein musikalischer, er kann
einzig und allein nur dem Bereich jeder einzelnen
Kunst in der er sich zeigt, angemessen sein, musikalisch
in der Musik, malerisch in der Malerei, er kann sich
in jener nur in Tonverhältnissen, in dieser in Far
benverbindungen äußern. Was wir „Geist“ nennen,
und wenn wir das geistvolle vom leeren Kunstwerk
unterscheiden, ist also wesentlich Erfindung,
Sache des Künstlers, Auffindung neuer Motive und
Tonverbindungen in der Musik, als solche aber un
berechenbar und außerhalb der Aesthetik gelegen, in
das reinpsychologische Gebiet gehörend. „Unerforsch
lich“, sagt der Verfasser sehr wahr, „ist der Künstler,
erforschlich das Kunstwerk.“ Die Aesthetik hat es
nur mit diesem letzteren zu thun. An ihm zeigen
sich die Verhältnisse, die gefallen oder mißfallen, schön
oder häßlich sind; wie der Künstler dazugekommen,
gerade diese Verhältnisse zu erfinden und zu ver
binden, ist sein Geheimniß, macht die Geschichte
des Kunstwerkes aus, ist biographisch-psychologischer
Natur und bleibt uns in den allermeisten Fällen,
in vielen dem Künstler selbst ein psychologisches Räthsel.
„Der wissenschaftlichen Untersuchung über die Wir
kung eines Themas“, sagt der Verfasser, „liegen nur
jene musikalischen Faktoren unwandelbar und
objektiv vor, niemals die vermuthliche Stimmung,
welche den Komponisten dabei erfüllte. Die leiden
schaftliche Einwirkung eines Themas liegt nicht in
dem vermeintlich übermäßigen Schmerz des Kompo
nisten, sondern in dessen übermäßigen Intervallen,
nicht in dem Zittern seiner Seele, sondern im Tre
molo der Pauken, nicht in seiner Sehnsucht, sondern
in der Chromatik.“ S. 38.
Daß man ja nicht befürchte, über dem streng ob
jektiven Charakter des Musikalischen als reiner Ton
verhältnisse gehe der subjektive Antheil der Persön
lichkeit des Komponisten verloren. Im Gegentheil,
wo der Geist der Musik in der Erfindung, aber
nur in musikalischer Erfindung liegt, da hat die
Subjektivität des Künstlers in der Eigenthüm
lichkeit seiner Erfindung mehr als hinreichenden
„Die Erforschung der Natur jedes einzelnen musi
kalischen Elements, seines Zusammenhanges mit einem
bestimmten Eindruck (— nur der Thatsache, nicht
des letzten Grundes —) endlich die Zurückführung
dieser speziellen Beobachtungen auf allgemeine Ge
setze: das wäre jene „philosophische Begründung der
Musik,“ welche so viele Autoren ersehnen, ohne uns
nebenbei mitzutheilen, was sie darunter eigentlich
verstehen. Die psychische und physische Einwirkung je
des Akkords, jedes Rhythmus, jedes Intervalls wird
aber nimmermehr erklärt, indem man sagt: dieser
ist Roth, jener Grün, oder dieser Hoffnung, jener
Mißmuth, sondern nur durch Subsummirung der spe
zifisch musikalischen Eigenschaften unter allgemeine
ästhetische Kategorien und dieser unter Ein oberstes
Prinzip. Wären dergestalt die einzelnen Faktoren in
ihrer Isolirung erklärt, so müßte weiter gezeigt wer
den, wie sie einander in den verschiedensten Kombi
nationen bestimmen und modifiziren“ . . . (S. 40.)
Eine solche musikalische Aesthetik auf dem Boden
der Erfahrung wird freilich lange noch auf sich war
ten lassen. Welche bestimmten Tonverhältnisse unbe
dingt gefallen und mißfallen anzugeben, ist allerdings
schwerer und erfordert mehr Zeit und Kenntniß, als
in allgemeinen Phrasen das Wesen der Musik in
das dumpfe Weben des Genius“ zu setzen oder sie
mit Hegel als die vorzugsweise „romantische“
Der keineswegs zufällige, aber rein historische
Umstand, daß die Musik erst im spätern Mittelalter
und in der neuern Zeit zur Vollendung kam, darf
die ästhetische Bestimmung ihres Begriffes nicht
trüben. Der Verfasser bemerkt trefflich, daß „ein sol
ches Parallelisiren künstlerischer Spezialitäten (und
ganzer Kunstgattungen) mit bestimmten historischen
Zuständen ein kunstgeschichtlicher, keineswegs
ein rein ästhetischer Vorgang“ sei. „Mag der Hi
storiker,“ sagt er, „eine künstlerische Erscheinung im
Ganzen und Großen auffassen, in Spontini den
Referent hat obige Stelle mit wahrer Befriedigung
gelesen. Er hat selbst bei einer andern Gelegenheit,
(„
spek. Aesthetik und Kritik
nenden Kritik die ewige Wahrheit vorgehalten, daß
„historisches Begreifen“ und „ästhetisches Beurthei
len“ verschiedene Dinge sind. Mit wahrer Freude
begegnet Referent S. 46 der Wiederholung sei
nes damaligen Ausspruchs. „Heroismus“ nennt es
der scharfsinnige Verfasser „einer geistreich und pikant
repräsentirten Richtung entgegenzutreten und auszu
sprechen, daß das „historische Begreifen“ und das
„ästhetische Beurtheilen verschiedene Dinge sind.“
Schlimm genug, daß es so weit gekommen ist, daß
dazu „Heroismus“ gehört! Man sollte denken, an
sich wäre nichts einfacher einzusehen. Hier wie überall,
wo es moderne Begriffsverwirrung gibt, trifft
die erste und schwerste Schuld. „Er hat in Bespre
chung der Tonkunst oft irregeführt, indem er seinen
vorwiegend kunstgeschichtlichen Standpunkt
unmeßlich mit dem rein ästhetischen verwechselt und in
der Musik Bestimmtheiten nachweist, die sie niemals
hatte.“ (S. 46.) Dies Geständniß eines Musikers
überhebt uns jeder Bemerkung.
Wir eilen mit unserer Anzeige zum Schlusse. Der
Verfasser legt konsequent der Musik einen streng „ob
jektiven Charakter“ bei und nennt die Thätigkeit des
Komponisten „plastisch“ wie die des bildenden Künst
lers. Das Schwatzen von „subjektiver Herrlichkeit“
hat damit ein Ende. „In’s Extrem gesteigert, läßt
sich wohl eine Musik denken, die blos Musik, aber
keine, die blos Gefühl wäre“ S. 55. Dabei verkennt
er den ungeheuern Antheil nicht, den physiologische
Bedingungen am Eindruck der Musik haben. Eine
Stelle in Goethes Briefwechsel mit
Der Verfasser hat die Bedingungen des subjektiven
Eindrucks der Musik mit großer Genauigkeit analy
sirt, freilich nur um zu dem Resultat zu gelangen,
daß wir, wenn wir einmal alles eingebildete Wissen
von uns werfen, über die physiologischen Bedingun
gen des Musikeindrucks bisher gar nichts wissen. Diese
negative Erkenntniß bewahrt uns wenigstens für
künftig vor groben Täuschungen. Daran knüpft sich
ohne Anstand die Unterscheidung der rein ästhetischen
von der pathologischen Wirkung der Tonkunst. Jene
ist rein künstlerisch, diese elementar, jene nimmt die
bestimmte Anschauung gerade dieses individuell beson
deren Tonwerkes in sich auf; diese ist zufrieden, wenn
nur überhaupt Musik gemacht wird, gleichviel welche.“
Mit der Betrachtung des Verhältnisses der Musik
zur Natur und der wichtigeren Frage: Hat die Musik
einen Inhalt? beschließt der Verfasser die Reihe sei
ner geistreichen und anregenden Erörterungen. In
der erstern fällt er den richtigen Ausspruch: Es gibt
kein Naturschönes für die Musik! Die Natur kennt
nur Klänge, keine Töne. In Bezug auf Letztere
unterscheidet er richtig zwischen Inhalt und Gegen
stand. Den Ersteren hat die Musik, nemlich die Töne;
einen eigentlichen Gegenstand aber hat sie nicht. Wun
derbarerweise sind es gerade die Musiker, die für den
Inhalt d. i. für einen bestimmten Gegenstand der
Musik streiten. „Der Gegenstand des Musikstücks ist
sein Thema. Ein solches läßt sich wohl dem ganzen
Tonwerk wie Inhalt der Form entgegenstellen,
ist aber selbst schon geformt. Einen musikalischen
Inhalt ohne alle Form gibt es nicht.“ Der Verfasser
zeigt trefflich, wie die Musik weil inhaltlos, darum
nicht gehaltlos sei. Ihr Gehalt liegt in der „be
stimmten Tongestaltung als der freien Schöpfung des
Geistes aus geistfähigem begrifflosem Material.“
(S. 104.)
Gern möchten wir hier abschließen und dem Ver
fasser für den Genuß, den uns sein scharfsinniges,
gedankenreiches und geistreich geschriebenes Buch ge
spendet hat, herzlich danken, wenn uns der Schluß
nicht noch zu einer kleinen Rüge veranlaßte. Je ent
schiedener die Schrift auf gesonderte Geltung des rein
Musikalisch-Schönen dringt, desto mehr hätte ihr Ver
fasser auch jeden Schein vermeiden sollen, sich selbst zu
widersprechen. Warum sagt er doch schließlich: „dem
Hörer wirkt die Musik nicht blos und absolut durch ihre
eigenste Schönheit, sondern zugleich als tönendes
Abbild der großen Bewegungen im Weltall?“ Durch
tiefe und geheime Naturbeziehungen steigert sich die
Bedeutung der Töne hoch über sie selbst hinaus und
läßt uns in dem Werke menschlichen Talents immer
zugleich das Unendliche fühlen.“ Ja wohl sind diese
Naturbeziehungen „geheim“, denn sind sie denn über
haupt? Welche Bewegungen im Weltall sollen denn
wiederklingen in der Musik? Etwa die der Himmels
körper? Wäre die Musik eine tönende Astronomie?
Und hätte denn nicht die Musik in der That ein
Vorbild in der Natur, was doch vorher geleugnet
worden? Warum hebt der Verfasser den Hauptsatz
seiner Schrift: das Musikalisch-Schöne gefällt durch
sich selbst, diese goldene Wahrheit am Schluß dadurch
auf, daß es als „tönendes Abbild der Bewegungen
im Weltall“ gefallen soll? Mich dünkt, hier hat der
Verfasser sich unwillkürlich durch Reminiscenzen der
selben Aesthetik überraschen lassen, die er sonst so
schlagend und siegreich bekämpft.
Doch genug der Fragen, wo wir fest überzeugt sind,
daß sie der Verfasser in unserem Sinne beantworten
würde. Wir scheiden von seinem Buch mit der innigen
Ueberzeugung, daß es eine Lücke ausfüllt, in der Literatur
der Aesthetik und wissen dem Verfasser nichts Besseres
zu wünschen, als daß es ihm bald vergönnt sein möge,
das Ideal der musikalischen Aesthetik, das er mit so
sichern Strichen zu zeichnen weiß, im Zusammenhang
auszuführen. Fügen wir noch hinzu, daß die Aus
stattung seiner Schrift eben so empfehlend ist, als
sein Styl anmuthvoll und lebendig, so dürfen wir
zu den Lesern, Musikern und Laien getrost sagen:
Wir haben das Unsere gethan, thun Sie das Ihre!
Professor Dr. Robert Zimmermann.