Der Kritiker in der Kritik: Die Rezensionen zu Eduard Hanslicks Traktat „<title>Vom Musikalisch-Schönen“ (1854–1857) Göttingische gelehrte Anzeigen <rs type="place" ref="#hsl_place_id_32">Leipzig</rs> bei Rud. <rs type="person" ref="#hsl_person_id_377">Weigel</rs> <date when="1854">1854</date>. <rs type="bibl" ref="#hsl_work_id_1083"><title rend="italics">Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Aesthetik der Tonkunst. Von Dr. Ed. Hanslick. IV u. 104 S. in Octav Lotze, Hermann Wilfing, Alexander Pfiel, Anna-Maria Stadt Wien (MA7)
Friedrich-Schmidt-Platz 5 1080 Wien Österreich Wien
Der Kritiker in der Kritik: Die Rezensionen zu Eduard Hanslicks Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“ (1854–1857) Herausgegeben von Wilfing, Alexander Pfiel, Anna-Maria Projektmitarbeiterinnen Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Rezensionen der ersten Auflage von Eduard Hanslicks Ästhetik-Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“.

Leipzig Lotze, Hermann Göttingische gelehrte Anzeigen 106. 107. Stück. Den 5. Juli 1855 Herausgegeben von Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Leipzig 1855-07-05
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Göttingische gelehrte Anzeigen. 106. 107. Stück. Den 5. Juli 1855. Leipzig bei Rud. Weigel1854. Vom Musikalisch-Schönen. Ein Beitrag zur Revision der Aesthetik der Ton kunst. Von Dr. Ed. Hanslick. IV u. 104 S. in Octav.

„Die Zeit jener ästhetischen Systeme ist vor über, welche das Schöne nur in Bezug auf die dadurch wachgerufenen Empfindungen betrachtet haben. Der Muth und die Fähigkeit, zu unter suchen, was losgelöst von den tausendfältig wech selnden Eindrücken, die sie auf den Menschen aus üben, das Bleibende, Objective, wandellos Gültige in den Dingen sei, charakterisiren die moderne Wissenschaft in allen ihren Zweigen.“ Mit diesen Worten leitet der Verf. seine Darstellung der spe cifischen Weise ein, in welcher die allgemeine Na tur des Schönen sich in der Tonkunst verwirkliche und bestimme. Und noch einmal fügt er hinzu, daß bei aller Verschiedenheit der Standpunkte die einzelnen Kunstlehren sich doch in der einen un verlierbaren Ueberzeugung vereinigen müssen, daß in allen ästhetischen Untersuchungen vorerst das schöne Object, und nicht das empfindende Subject zu erforschen sei. So knüpft der Verf., indem er einen lebhaften Kampf gegen die leere Verherrli chung der Gefühle beginnt, welche nach der ge meinen Meinung Inhalt und Ziel der Musik bil den sollen, seine Reflexionen an die herrschende Richtung unserer philosophischen Aesthetik an, von welcher ihm die Theorie der Musik zu ihrem Nach theil bisher zu wenig durchdrungen scheint.

Je seltener sich das technische Verständniß einer Kunst mit der Neigung und Fähigkeit zu wissen schaftlicher Aesthetik verbunden findet, um so mehr müssen wir dem Verf. für diese Richtung seiner Studien danken. Und diese Anerkennung nehmen wir nicht zurück, obgleich jene herrschende ästheti sche Theorie, deren die oben erwähnten Worte ge denken, uns von dem Vorwurfe einer großen Ein seitigkeit nicht frei zu sprechen scheint. Die An sicht des Verfs hängt in ihrem Kerne nur wenig mit dieser speculativen Aesthetik zusammen; und eben der Anschluß an jene Richtung auf das ob jectiv Schöne scheint mir die Ursache zu sein, daß die richtige und fein empfundene Auffassung des Musikalisch-Schönen, die er uns gibt, namentlich in den ersten Abschnitten seiner Schrift nicht ganz klar hervortritt.

Ich kann nicht glauben, daß der subjective Ein druck des Schönen nur ein Nebenpunkt der Ae sthetik sein dürfe; ich bin vielmehr überzeugt, daß gerade die Vernachlässigung dieser doch zunächst vor Augen liegenden Seite der Sache die neuere Aesthetik abgehalten hat, der wirklichen Kunst übung alles das zu sein, was sie ihr bei dem Reichthum ihrer Anschauungen und der geistigen Tiefe ihrer Auffassung hätte sein können. Ohne das Schöne zu dem Nützlichen in eine zu nahe Verwandtschaft rücken zu wollen, müssen wir doch eine formelle Aehnlichkeit der Begriffe beider her vorheben. Niemand hält die Nützlichkeit für eine fertige, dem Gegenstand inwohnende Eigenschaft, die etwa neben andern Eigenschaften den Bestand seines Wesens mit zusammensetzen hülfe; sie ist offenbar nichts als die Möglichkeit einer Wirkung, die der Gegenstand in Zukunft einmal äußern kann und die selbst dann nicht aus seiner eigenen Natur allein, sondern nur aus dem Verhältniß derselben zu der Organisation eines andern Ele ments hervorgehn wird, in welches er umgestaltend eingreift. Nichts ist daher nützlich überhaupt, son dern nur für ein bestimmtes Anderes, und nichts nützlich an sich, sondern nur in dem Augenblick seiner Beziehung auf dieses Andere; eine objective Bedeutung aber wird dem Prädicate der Nützlich keit nur insofern zukommen, als ein Theil der Bedingungen des künftigen Nutzens in den wirk lichen und beständigen Eigenschaften des Gegen standes enthalten ist. Wie groß nun der Unter schied des Nützlichen und Schönen sein möge, bei der ersten Feststellung der Aufgaben wird doch auch die Aesthetik von einer ähnlichen Auffassung ausgehn müssen. Denn auch das Schöne kennen wir ursprünglich doch nur durch den Werth, den es für uns hat, und der wie jeder Werth von Dingen oder Ereignissen zuletzt lediglich durch ein bestimmtes Gefühl gemessen wird. Die Farbe, in der uns ein Körper zu strahlen scheint, hat in Wahrheit ihr Dasein doch nur in uns, den Em pfindenden; der Körper selbst leistet nichts, als daß er durch Eigenschaften, die an sich nichts mit der Natur der Farbe gemein haben, unser Auge zu der Erzeugung der bestimmten Farbe reizt. Nicht anders hat die Schönheit, in der ein Ge genstand zu leuchten scheint, doch ihr wahres Da sein nur in der lebendigen Bewegung unsers Ge fühls, in der ihr Werth genossen wird; auch hier fällt dem Gegenstande zunächst nichts Anderes zu, als dies, eine Summe irgend welcher Merkmale zu hegen, in denen ein Theil der Bedingungen liegt, die ihn uns schön erscheinen lassen. Ein anderer Theil dieser Bedingungen wird stets in der Natur des Geistes liegen, der den Eindruck aufnimmt, und der nun die Uebereinstimmung des selben mit der Form seiner eigenen Thätigkeit eben in der Gestalt des schönen Gefühls empfin det. So ist der Geist nicht allein die unumgäng liche zweite Bedingung und der eigentliche Ort für die Entstehung der Schönheit, sondern zugleich ihr Maß. Aenderte sich dieses Maß und träte der früher schöne Eindruck des Gegenstandes nun in Widerstreit mit der lebendigen Thätigkeit des Gei stes, so würden wir kein Recht haben zu sagen, daß dennoch ein Rest objectiver, wandelloser Schön heit zurückgeblieben sei, dem jetzt nur das em pfängliche Subject zum Genusse fehle; vielmehr ist der Gegenstand in demselben Sinne jetzt häß lich geworden, in welchem er früher schön war; beide Prädicate drücken nichts aus, was zu dem Bestande seiner wandellosen Natur gehörte, son dern sie bezeichnen den verhältnißmäßigen Werth, den seine Erscheinung für verschiedene auffassende Subjecte hat.

Gewiß würde es der Untergang aller Aesthetik sein, wenn wir bei dieser völligen Relativität des Schönen stehen bleiben wollten, durch die sein Begriff in der That nur auf den eines in feinerer Weise Nützlichen zurückgebracht würde. Aber in dem wir das an sich Schöne suchen, mußten wir gleichwohl von dem Grund und Boden ausgehen, auf dem es, obgleich zu unvergleichlich reinerer Höhe sich erhebend, mit jenem doch in der That zugleich wurzelt. Innerhalb dieser formellen Aehn lichkeit selbst aber fordert uns der Begriff des Schönen zu einer ganz andern weitern Bearbei tung auf, als der des Angenehmen oder des Nütz lichen. Die regellose Veränderlichkeit, mit welcher dieselben Gegenstände diese letztern Prädicate bald von uns fordern, bald durch entgegengesetzte uns abstoßen, lehrt uns hinlänglich, daß sie beide über haupt nur Beziehungen der Dinge zu einem selbst wandelbaren Theile unseres Wesens ausdrücken, der verschieden in Verschiedenen organisirt, und selbst in demselben Gemüthe dem wechselnden Ein fluß der Umstände unterworfen ist. Was so in dividuellen oder so flüchtigen und im Ganzen un sers Lebens bedeutungslosen Zuständen sich an paßt, hat wohl Werth für die flüchtige Dauer die ses Augenblicks oder für das vergängliche einzelne Gemüth; eigene innere Würde dagegen werden wir nur demjenigen zugestehn, was an dem Maß stabe eines Allgemeinen, Unvergänglichen und in sich Werthvollen gemessen diesem Maße sich con gruent zeigt. Von dem nun, was wir schön nen nen, verlangen wir es wenigstens, daß es Allen ebenso erscheine; wir können aber diese Allgemein gültigkeit seines Eindruckes nicht fordern wollen, wenn wir nicht voraussetzen, daß es auch in uns selbst sich nicht an den individuellen Geist, son dern an jene allgemeine Form des geistigen Le bens wandte, die in allen Einzelnen entweder in gleicher Weise organisirt vorhanden ist, oder von jedem mit gleicher Verbindlichkeit in sich erzeugt werden soll. Nennen wir nun schön das, dessen Eindruck in Uebereinstimmung ist sowohl mit der allgemeinen und unverlierbaren Organisation un serer Thätigkeiten, als mit der idealen Form, die unser geistiges Leben mit gleicher Allgemeinheit annehmen soll, so können wir jetzt wieder das Verlangen theilen, dasjenige aufzusuchen, was ab gesehn von den tausendfältig wechselnden Eindrü cken auf uns das Objective und Wandellose im Schönen sei. Denn eben nicht mehr nach den wechselnden Eindrücken, welche die Gegenstände dem unvorbereiteten Gemüth, veränderlich je nach dem Grade und der Richtung seiner Bildung ge währen, beurtheilen wir das Schöne, sondern ein unveränderlicher Maßstab ist durch jene Annahme bestimmt, und die Frage ist beantwortbar gemacht, wie jeder Gegenstand in seinem specifischen Ele mente sich gestalten müsse, um in seiner Weise die Erwartungen des Geistes zu erfüllen; Erwartun gen, die, weil sie überall die gleichen sind, auch eine durchgehende Analogie der Züge voraussetzen, durch welche in den verschiedenartigsten Kreisen der Erscheinung das Schöne schön ist. Darin also würde die Objectivität der Schönheit liegen, daß sie nicht eine Coincidenz der Gegenstände mit der zufälligen Organisation ist, durch welche das einzelne endliche Subject sich von andern unter scheidet, sondern ein Zusammentreffen mit den For men des Daseins und der Thätigkeit, welche die ideale Bestimmung des geistigen Lebens überhaupt zu ihrer eigenen Erfüllung überall fordert und vor aussetzt. Von dieser letzten Beziehung auf eine allgemeine Subjectivität aber können wir das Schöne so wenig trennen, als wir überhaupt den Begriff einer Erscheinung ohne Rücksicht auf das dem sie erscheint, oder den eines Nützlichen ohne Rücksicht auf ein Anderes denken können, dem es nützt.

Und wie wir hierin dem Verf. nicht Recht ge ben können, so folgen wir ihm auch nur mit Vorbehalt in seine Polemik gegen die ästhetische Bedeutung des Gefühls. So lange wir unter dem Schönen etwas verstehn, was wir schätzen, bewundern und verehren, und dem wir nicht bloß die gleichgültige Betrachtung eines theoretischen Erkennens zuwenden, so lange werden wir auch zugestehn müssen, daß uns sein Werth nur im Gefühle gegenwärtig ist. Denn alles Erkennen wird den Werth irgend eines Gegebenen nur durch Unterordnung desselben unter ein Höheres bestim men, dessen Werth an sich feststeht, und dieser letzte Werth, der durch keine Subsumption mehr zu be gründen ist, wird immer wieder auf der unmittel baren Evidenz des Gefühls beruhen. Gerade für die Hervorbringung des Schönen aber und für seinen Genuß wird diese vermittelnde Thätigkeit der Erkenntniß von der geringsten Bedeutung sein; gerade hier verlangen wir, daß der Werth der ge gebenen Erscheinung nicht durch diesen weitläufti gen Weg der Reflexion gefunden werden müsse, sondern sich unmittelbar auch an ihr selbst durch die Evidenz des ihr antwortenden Gefühls offen bare. Wenn der Verf. behauptet, nicht das Ge fühl, sondern die Phantasie sei das Organ für die Hervorbringung und den Genuß des Schönen, so können wir darin wohl einstimmen, denn die Be deutung des Ausspruchs hängt dann noch von der ab, die wir dem Namen der Phantasie geben. Wenn er aber die Phantasie eben im Gegensatz zum Gefühl als die Thätigkeit des reinen Schauens bezeichnet, so glaube ich nicht, daß wir in einem Gebilde, das aus reinem Schauen entstanden durch reines Schauen wahrgenommen wird, das wieder erkennen, was uns als Kunstwerk begeistern und erheben soll. Mehr Recht hätten wir vielleicht, die Phantasie als jene feine und bewegliche Ur theilskraft des Gefühls zu bezeichnen, die nicht wie das gleichgültige Erkennen, nur die Thatbestände von Eigenschaften, Verhältnissen und Beziehungen auffaßt, sondern in jedem dieser Gegenstände ihres Schauens zugleich seinen Werth mitempfindet, in jeder Form überhaupt das Glück oder Leid der Regsamkeit, welcher sie natürlich ist, unmittelbar gegenwärtig fühlt. In dieser Phantasie werden die Werke der Kunst geboren, welche die Welt der Werthe in die Welt der Formen einführen, und sie ist ebenso das Organ des Verständnisses, durch das wir allein die äußerlichen Formen, mit denen alle Kunst spielt, auf jenes intensive Reich zurück zudeuten vermögen, in welchem unser eigenes We sen seine wahre Heimath hat. Diesen beständigen Antheil des Gefühls zu leugnen, darf die Aesthe tik uns nicht verführen; sie würde damit nur dies erlangen, daß das Reich des Schönen uns als eine gänzlich fremde Natur gegenüberstände, für die irgend ein Interesse zu hegen, kein Motiv in unserm eigenen Innern läge. Und ich fürchte, daß in der That diese Geringschätzung des subjec tiven Eindrucks ihren nachtheiligen Einfluß auf die Kunstübung bereits geäußert hat. An Erzeug nissen, die in sich vielleicht consequent und tiefsin nig entwickelt sind, und die doch mit dieser inne ren Vortrefflichkeit durchaus keinen Eindruck ma chen, hat es in der Kunst nie gefehlt; unsere Zeit aber scheint Anstalt zu machen, diese Gattung vorsätzlich auszubilden.

Mit dem Allen streite ich, wie sich zeigen wird, nicht eigentlich gegen die Ansicht des Verfs selbst, sondern gegen die wissenschaftliche Einleitung, die er für sie der herrschenden Aesthetik entlehnt hat, und die mit dem, was er meint, fast mehr im Widerspruch als im Einklang ist. Aus jener Lehre von dem reinen Schauen der Phantasie läßt sich die Theilnahme nicht erklären, die unser Gefühl, wenn auch nur accessorisch, so doch thatsächlich an dem gelungenen Kunstwerk nimmt; aus den An nahmen dagegen, welche wir oben machten, ent springt für uns die Nothwendigkeit ganz derselben Polemik, welche der Verf. mit Recht gegen die geläufige unmittelbare Beziehung der Musik und der Kunst überhaupt auf Erregung der Gefühle richtet. Nicht Gefühle überhaupt, nicht Gefühle um jeden Preis soll das Kunstwerk erregen, nicht der beschränkten, krankhaften einseitigen Sentimen talität des Einen schmeicheln, oder die träge Em pfänglichkeit des Andern durch ein Aufgebot hef tiger Reize aufstacheln, nicht durch jedes Mittel, am wenigsten durch das am kürzesten zum Ziele führende, soll sie eine Erschütterung des Gemüths erzwingen. Alle diese einseitigen, heftigen, an ein zelne Veranlassungen geknüpften Erregungen sind nicht jene ideale Form des geistigen Lebens, die sich in dem Schönen ausdrücken soll; eine vollen dete Uebersicht vielmehr, die keinem Einzelnen mehr Werth ertheilt als ihm zukommt, die Alles an seinen Ort stellend, die Welt als ein unendliches Ganzes zusammenstimmender Entwicklungen weiß, eine Festigkeit des Gemüthes, die von keinem be sondern Eindrucke sich weiter hinreißen läßt, als die Gerechtigkeit gegen die übrige Gesammtheit des Weltinhalts gestattet, und die eben deswegen in jeder einzelnen Erregung die Erinnerung an diese Gesammtheit mitklingen fühlt: diese innere Bildung müssen wir als das Maß bezeichnen, mit welchem das Kunstwerk übereinstimmen soll. Ge wiß kann daher die Kunst, wenn sie nicht den natürlichen Menschen, sondern den idealen in uns ergreifen soll, jenes Gefühl, das wir als ihren Zweck bezeichnen müssen, nur durch eine Darstel lung dieses Baues der Welt, nur durch eine con sequente Verknüpfung von Formen hervorbringen, in denen die Umrisse dieses Baues, die wahrhaft in ihm wirksamen Kräfte in dem Gewichte ihrer gegenseitigen Beziehungen anschaulich uns entge gentreten, und stets wird es ihrer Bestimmung unwürdig sein, das Gemüth an einzelnen Seiten anzugreifen und Gefühle hervorzurufen, die in ih rer Einseitigkeit über dies harmonische Maß einer idealen Stimmung hinausgehen. Man sieht leicht, wie sehr auf diese Weise die Consequenz ins Ge wicht fällt, mit der jede Kunst zunächst die Ele mente mit denen sie wirkt, nach den Regeln ihrer eigenen Technik zu dem Ganzen einer zusammen gehörigen Bildung verbindet. Sie will nur durch dieses Ganze, nicht durch die sinnliche Gewalt der Elemente wirken. Und hieraus kann leicht dies Mißverständniß entstehn, als sei das Kunstwerk überhaupt nur eine auf sich selbst beruhende Ve getation, der die Beziehung auf das Gefühl kaum äußerlich zukomme. Durch den völlig berechtigten Kampf gegen jene pathologischen Gefühlseindrücke scheint uns auch der Verf. über das gebotene Maß hinausgekommen zu sein und die ersten Abschnitte seiner Schrift verrathen zuweilen durch die wun derlichen Consequenzen, die er entschlossen zieht, den Zwiespalt seiner theoretischen Grundlage mit seinem lebendigen künstlerischen Gefühl. Er er zürnt sich, daß man dem Wesen der Musik immer von dieser Seite beikommen wolle; sei es denn je einem vernünftigen Architekten beigefallen, durch Baukunst Gefühle erregen zu wollen, oder ergründe man das Wesen des Weines, indem man ihn trinke? Warum sollen wir beide Fragen nicht bejahen? Wie anders, als durch Trinken, könnte man die Güte des Weins prüfen, denn von die ser, nicht von seinem Wesen, mußte consequent die Rede sein; und welchen andern Zweck hat der Architekt, sobald er mehr baut, als das nackte Bedürfniß erheischt, als eben den, eine Stimmung hervorzubringen? Denn freilich in dieser ruhigen Form, nicht in der eines in veränderlicher Melodie fortströmenden Gefühls wird sich hier die Anre gung des Gemüthes äußern müssen.

Daß nun gerade Reflexionen über Musik mehr als über andere Künste sich in jene leere Gefühls schwärmerei verlieren, die dem Verf. so anstößig ist, ist nicht wunderbar. Die Töne haben keine eigene Bedeutung, die durch directe Anregung von Erinnerungen ein bedeutendes stoffartiges Interesse hervorbringen könnte; es ist natürlich, daß man das Gefühl, welches sie hervorrufen, unmittelbar sogleich als den Inhalt der Musik und als ihren nächsten Zweck ansieht. Die Widerlegung dieser Auffassungen leitet den Verf. zu sehr richtigen und aufklärenden Reflexionen. Er zeigt, wie wenig das angeregte Gefühl in den Melodien selbst liegt, da vielmehr dieselbe Tonfolge sich gleich adäquat den Aeußerungen der allerentgegengesetztesten Stim mungen anschließt; er spricht es geradezu aus, daß die Darstellung eines Gefühles oder Affectes gar nicht in dem eigenen Vermögen der Tonkunst liege. „Was macht denn ein Gefühl zu diesem bestimmten Gefühl, zur Sehnsucht, Hoffnung, Liebe? Nur auf Grundlage einer Anzahl von Vorstellungen und Urtheilen kann unser Seelen zustand sich zu einem bestimmten Gefühl verdich ten. Hoffnung ist unabtrennbar von der Vorstel lung eines glücklichen Zustandes, welcher kommen soll und mit dem gegenwärtigen verglichen wird. Die Wehmuth vergleicht ein vergangenes Glück mit der Gegenwart. Ohne diesen Gedankenappa rat kann man das gegenwärtige Fühlen nicht Hoffnung, nicht Wehmuth nennen; er macht sie dazu. Abstrahirt man von ihm, so bleibt eine unbestimmte Bewegung, allenfalls die Empfin dung allgemeinen Wohlbefindens oder Mißbehagens. Was also kann die Musik von den Gefühlen dar stellen, wenn nicht deren Inhalt? Nur das Dy namische derselben. Sie vermag die Bewegung eines psychischen Vorgangs nach den Momenten schnell, langsam, stark, schwach, steigend, fallend, nachzubilden. Was uns außerdem in der Musik bestimmte Seelenzustände zu malen scheint, ist durchaus symbolisch.“ Diese Aeußerungen, die ich zusammengestellt habe, zeigen uns also, daß nach der Meinung des Verfs die Musik nicht die empirischen Gefühle malt, wie sie im Gemüthe sich aus einzelnen Veranlassungen entwickeln, als bestimmte Größen der Lust und Unlust, welche eben von dem Inhalte und Werthe ihrer Anlässe abhängen; daß sie vielmehr die allgemeinen For men der Bewegung allein festhält, in die das Ge müth geräth, und die allerdings für sehr verschie dene, ja für entgegengesetzte empirische Gefühle dieselben sein können. Sie zeichnet gewissermaßen die Temperamente der Seele, aber nicht die mit Namen benennbaren Gefühle, in die das Tempe rament unter bestimmten Anlässen ausbricht. Daran schließt sich eine andere paradoxe und doch sehr richtige Bemerkung des Verfs über den bekannten Satz, die Musik könne nicht die außer ihrem Be reich liegende Erscheinung schildern, sondern nur das Gefühl malen, das in uns durch sie erregt wird. „Gerade umgekehrt. Die Musik kann nur die äußere Erscheinung nachzuahmen trachten, nie mals aber das durch sie bewirkte specifische Füh len. Das Fallen der Schneeflocken, das Flattern der Vögel kann ich musikalisch so malen, daß ich analoge, diesen Phänomenen dynamisch verwandte Gehörseindrücke hervorbringe. In Höhe, Stärke, Schnelligkeit, Rhythmus der Töne bietet sich dem Ohre eine Figur, deren Eindruck jede Analogie mit der bestimmten Gesichtswahrnehmung hat, welche Sinnesempfindungen verschiedener Gattun gen erreichen können. Zwischen der Bewegung im Raume und jener in der Zeit, zwischen der Farbe, Feinheit, Größe eines Gegenstandes und der Höhe, Stärke, Klangfarbe eines Tones herrscht eine wohlbegründete Analogie, die uns erlaubt, in der That einen Gegenstand musikalisch zu malen; das Gefühl aber in Tönen schildern zu wollen, das der fallende Schnee, der zuckende Blitz in uns hervorbringt, ist widersinnig.“ Auch hier also hebt die musikalische Darstellung nur Verknüpfungs- und Bewegungsformen des Mannichfaltigen hervor, aber sie läßt die empirische Bestimmtheit des Be wegten und Verknüpften völlig fallen. Und so scheint dem Verf. die Beziehung der Musik auf Gefühle überhaupt aus der Aesthetik zu verban nen; da sie bestimmte nicht zeichne, so zeichne sie gar keine, unbestimmte darzustellen, sei ein Wider spruch. Aber zwischen jenen scharfsinnigen Bemer kungen, denen wir völlig beistimmen müssen, und dieser Folgerung liegt doch vielleicht noch etwas mitten inne, zu dessen Aufsuchung ohnehin nahe liegende Gründe drängen. Da die Musik kein Naturproduct ist, das wir nehmen müßten, wie es ist, was ist es dann, was den Menschen an treibt, sie beständig hervorzubringen, wenn ihr In halt nichts Anderes ist, als jenes Dynamische und die unendlich mannichfachen Variationen seiner Ele mente? Worin anders kann dieser Antrieb liegen, als eben darin, daß alle diese Formen der Ver knüpfung und Entwicklung, in denen die Musik ihre Töne verbindet, nicht bloß mögliche Thatsa chen, sondern Gebilde sind, in denen unser Ge müth einen eigenthümlichen Werth findet, dessen Genuß sein Gefühl zu befriedigen vermag? Wenn es zugegeben werden muß, daß die Musik keines jener Gefühle darstellt, die in ihrem ganzen In halt nur begreiflich sind durch die Vorstellung der empirischen Veranlassungen, von denen sie ausge hen, warum können nicht an die Figuren der Ton kunst sich andere Gefühle knüpfen, die darum nicht unbestimmter sind, weil sie wegen des Mangels kenntlicher Objecte, auf die sie sich beziehen, gro ßentheils namenlos bleiben müssen? Die Erörte rungen des Verf. führen uns nur zu der Noth wendigkeit, den empirischen Gefühlen eine Gattung anderer entgegenzustellen, und zu derselben Forde rung leitet uns die Annahme, von welcher unsere ganze Betrachtung ausging.

Wie die moralische Beurtheilung auf die allge meine Gesinnung, aus der eine Handlung unter nommen wurde, aber nur sehr wenig auf die Größe des Vortheils Gewicht legt, der durch sie für die Welt gewonnen wird, so wird jene ideelle Gemüthslage, von der wir ausgingen, auf die em pirischen Veranlassungen ihrer Gefühle gleichfalls keinen höheren Werth legen, sondern sie eben als Gelegenheiten betrachten, die ihr nur die Erinne rung an ein allgemeineres Glück erwecken. Wir freuen uns nicht bloß der bestimmten Mannich faltigkeit von Gegenständen, die uns in diesem Augenblicke, zusammengefaßt in unserm Bewußt sein, Unterhaltung gewährt, wir freuen uns viel mehr auch des allgemeinen Gedankens einer Man nichfaltigkeit überhaupt, die doch zur Einheit sich verbinden läßt. In unserer Erinnerung verschwin det allmälig der bestimmte Gehalt der einzelnen, uns vom Glücke geschenkten Eindrücke, die im Augenblicke, als wir sie empfingen, einzelnen Be dürfnissen und Wünschen entsprachen; aber es bleibt uns die allgemeine, nicht minder von tiefem Gefühl durchdrungene Anschauung, daß es über haupt in der Welt diese gegenseitige freundliche Beziehung ihrer Elemente auf einander gibt, aus der einzelne hellere Punkte des Glückes hervortre ten können. Finden wir uns durch unablässige Consequenz des Handelns einem bestimmten Ziele näher geführt, so schätzen wir nicht nur diesen be stimmten Vortheil, der aus dem Inhalte dieses Zieles entspringt, sondern wir erfreuen uns nicht minder an dem Gedanken der Consequenz und Stetigkeit überhaupt, der nirgends die Erreichung ihres Zweckes fehlen werde. Wird unsere Hoff nung auf eine bestimmte einzelne Wendung un sers Schicksals befriedigt, so liegt doch der ganze Genuß weder in der Erwartung, noch in der Er langung dieses einzelnen Vortheils, sondern auch die allgemeine Ueberzeugung, daß es im Laufe der Schicksale überhaupt Wendungen und erreichbare Punkte der Befriedigung gibt, schließt ein bestän diges und dauerndes Gefühl ein. Ueberblicken wir endlich die Welt im Ganzen und finden wir, daß sie nicht in principlose Mannichfaltigkeiten zer fällt, sondern daß fest bestimmte Gattungen der Geschöpfe, in verschiedenen Graden der Verwandt schaft auf einander bezogen, jede sich in ihrer Weise stetig entwickelt, und jede zu ihrer Entwi ckelung in der umgebenden äußern Welt die gün stigen und hinlänglichen Bedingungen antrifft, so bleibt aus dieser Anschauung, wenn wir längst die einzelnen Punkte vergessen haben, dies Bild einer harmonisch geordneten Fülle zurück, in der jeder einzelne lebendige Trieb nicht allein und ver lassen sich ins Leere ausbreitet, sondern darauf hoffen kann, begleitende Bewegungen zu finden, die ihn heben, verstärken und zum Ziele führen.

Und dieses große Bild können wir kaum aus sprechen, ohne daß es von selbst sich für uns in Musik verwandelte; ohne daß wir sogleich inne würden, wie gerade dies die Aufgabe der Ton kunst ist, das tiefe Glück auszudrücken, das in diesem Baue der Welt liegt, und von welchem die Lust jedes einzelnen empirischen Gefühls nur ein besonderer Widerschein ist. Indem die Musik die endlichen Veranlassungen verschweigt, von de nen im wirklichen Leben unsere Gefühle ausgehen, sagt sie sich doch nicht von dem Gefühle überhaupt los, sondern sie idealisirt es in einer so eigenthüm lichen Weise, daß sie hierin von keiner andern Kunst erreicht, noch weniger überboten werden kann. Nicht dadurch nämlich wirkt sie, daß sie in sich selbst das fertige Gefühl enthielte und uns über lieferte, sondern dadurch, daß sie uns die allge meinen Beziehungen des Mannichfaltigen anschau lich vorführt, in deren gemeinsamer, aber unend lich bildsamer Form Alles sich entwickelt, was im Laufe des äußern und des innern Lebens für un ser Gemüth von Werth ist. So geben wir völlig dem Verf. Recht, wenn er als den unmittelbaren Inhalt der Musik nur jenes Dynamische bezeichnet, d. h. farblose Umrisse von Ereignissen, welche selbst namenlos und ungenannt bleiben; aber der Werth dieser Figuren selbst ist kein eigener; sie erscheinen schön, indem sie der Phantasie die Erinnerung un zähliger Güter erwecken, die in dem gleichen Rhyth mus des Geschehens, in denselben Formen der Entwicklung auftraten und nur in ihnen denkbar sind. (Schluß folgt).

Leipzig Schluß der Anzeige: „Vom Musikalisch-Schö nen. Ein Beitrag zur Revision der Aesthetik der Tonkunst. Von Dr. Ed. Hanslick.“

Die Musik wird hierin auf das günstigste durch die Natur ihres Materials, der Töne, unterstützt. Ortlos und gestaltlos, aber nicht vorstellbar ohne eine gewisse Zeitdauer, ist der Ton von Anfang an zum Ausdruck eines innerlichen geistigen Da seins bestimmt, und zwar eines Daseins, welches nur als beständige Thätigkeit, nicht als ruhendes unlebendiges Bestehen erscheint. Einer unendlichen Abstufung der Stärke und Dauer und beider zu gleich fähig, geben die Töne uns ferner in ihren Unterschieden nach Höhe und Tiefe die lebhafteste Anschauung einer eigenthümlichen qualitativen Ener gie, deren Analogien im geistigen Leben uns wohl fühlbar sind, während keine andere Sinnesempfin dung sie gleich mannichfaltig und gleich streng in einer vollkommen deutlich geordneten Skala dar bietet. Wir finden endlich, daß der geradlinige Fortschritt der Höhe doch jene eigenthümlichen Wahlverwandtschaften der Harmonie einschließt, ver möge deren entlegenere Punkte der Skala einan der näher stehen, als zunächst sich folgende. So wird in diese Reihe von Elementen unmittelbar ergreifend dieser Eindruck einer qualitativen Man nichfaltigkeit eingeführt, deren Glieder dennoch ge rade durch das, was sie zu verschiedenen macht, innerlich auf einander bezogen sind. Jede Ton folge, indem sie irgend einer Tonart angehört, und nur nach bestimmten Gesetzen in eine andere über gehen kann, symbolisirt uns auf diese Weise das Wesen jeder Entwicklung überhaupt, die indivi duelle lebendige Kraft, die ihrer eigenen Einge bung folgt, und die allgemeine Gesetzlichkeit, der sie nicht entgeht, an deren beständiger Gegenwart sie aber zugleich die Begünstigungen ihrer eigenen Entfaltung, die sicheren Punkte findet, an denen sie ruhen, oder auf welche gestützt sie neue Wen dungen versuchen kann. Und alle diese innere Organisation des Tonreichs ist durch eine physio logische Nothwendigkeit so bereits mit sinnlichen Gefühlen verbunden, daß um so mehr die Ver knüpfung, welche erst die Kunst seinen Elementen gibt, jede bedeutungsvolle Form auch zum Gegen stand eines lebhaften ästhetischen Gefühles macht.

Gewiß also kann die Musik weder ein bestimm tes Element der Sittlichkeit, noch ein concretes Ereigniß oder einen besonderen Gegenstand dar stellen; sie gibt statt ihrer aller nur Figuren von Tönen, aber sie trägt auf diese Figuren den Ge fühlswerth über, den für uns der Inhalt hat, an welchen sie erinnern, und nur durch diese Sym bolik erscheint sie schön. Nicht die Gerechtigkeit, wohl aber die unverrückbare Consequenz des Han dels, die ihr formelles Symbol ist, läßt sich mu sikalisch darstellen, nicht das bestimmte unablässige Streben des menschlichen Gemüths nach irgend einem Ziel, wohl aber der Wechsel von Anspan nung und Ermüdung und die beständige Rückkehr zu demselben sich doch immer steigernden Auf schwung; nicht Wohlwollen und Hoffnung, aber das nachgiebige Eingehen auf Umstände, die der ursprünglichen Richtung der Entwicklung fremdar tig, nun doch harmonisch von ihr aufgenommen und verklärt werden; nicht eine Pflanze, nicht ein Thier läßt sich in Tönen malen, aber wohl die Stetigkeit, Kraft, Elasticität und Mannichfaltigkeit ihrer Erscheinung. Alle diese Formen des Daseins gewähren uns lebhafte, obgleich empirisch unbe stimmte, nicht wieder ausschließlich auf einzelne Objecte zu deutende Gefühle. Aber gerade in ih nen, die der Verf. verwirft, glauben wir die we sentlichste Eigenthümlichkeit der Musik zu finden. Die zeichnenden Künste und die Poesie fesseln un sere Einbildungskraft an bestimmte Gestalten der wirklichen Welt. Gewiß ist nun gerade diese Wirklichkeit mit der Anordnung dieser ihrer Um stände für uns die unentbehrliche Grundlage zur Gewinnung der wesentlichsten Güter. Aber es bleibt uns doch die Sehnsucht, die Mannichfaltig keit und Kraft der geistigen Regsamkeit anzuschauen und zu genießen, so wie sie an sich selbst ist vor aller Beziehung auf besondere und beschränkte Objecte ihres Handelns; es bleibt das Verlangen, uns in das Innere der Erscheinungen zu versetzen, deren Formen keine Aehnlichkeit mit den Lebens bedingungen unserer eigenen Gattung, und deren Zwecke nichts mit den unsrigen gemein haben. Die Musik löst diese Aufgabe, indem sie uns eben jenes Dynamische der Regsamkeit an sich zwar in unendlich mannichfaltiger Thätigkeit, aber gebah rend mit einem Material darstellt, das an sich ohne Bedeutung, sich eben nur als Substrat gel tend macht, an welchem die Fülle des mannich faltigen Lebens sich äußern kann. So ist jede Musik eine unendliche Allegorie; ohne etwas Be stimmtes darzustellen, erinnert sie an unzählige Bilder des Geschehens und Strebens, und ge währt uns ein Versenken in die schaffende Kraft, wie sie sich regt, noch ehe sie an der vollendeten Schöpfung bestimmter Gattungen der Dinge und bestimmter Ordnungen der Umstände eine Schranke für die Freiheit ihrer weiteren Entwicklung gefun den hat. Hierin liegt ebensowohl der Grund der mächtigen Erhebung, welche sie stets in dem Ge müthe hervorbringen wird, als die Erklärung für die kraftlose, dem wirklichen Leben und seinen praktischen Zielen abgewendete Entnervung, die ihre ausschließliche populäre Cultur zum großen Theil in unserer Zeit mitverschuldet hat.

Die Aufgabe der Specialästhetiken einzelner Künste würde es sein, zu zeigen, wie in den verschieden sten Weisen sich doch überall diese Figuren wie derfinden, an welche sich neben dem Werthe des erkennbaren Gedankeninhaltes die Schönheit der Kunstwerke knüpft. Die Musik dürfte mit der Architectur allein vielleicht in Bezug auf die Er giebigkeit der hierher gehörigen Betrachtungen wett eifern können, und dem Verf. dieser Schrift wür den wir sehr dankbar sein müssen, wenn er die scharfsinnige und eingehende Untersuchung, die er hier dem allgemeinen Standpunkte der Musik zu gewandt hat, zu dem Versuch einer ästhetischen Verwerthung und Erläuterung der in der musi kalischen Technik anerkannten einzelnen Formen ausdehnte.

H. Lotze.