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Maschinenlesbares Transkript der Rezensionen der ersten Auflage von Eduard Hanslicks Ästhetik-Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“.
Es ist in dies. Bl. wiederholt auf die bedeutungs
volle Thatsache hingewiesen worden, daß seit einigen
Jahren schon eine so rege Thätigkeit auf musikwissen
schaftlichem Gebiet erwacht ist, wie eine solche früher
kaum jemals vorhanden war. Auch dieser Fortschritt
muß zum Theil als eine Folge des durch R.
gegebenen Anstoßes betrachtet werden. Uns gereicht
derselbe zu besonderer Befriedigung, da wir es ge
wesen sind, die immer auf die Nothwendigkeit einer
solchen Wendung für die Gegenwart hingewiesen haben.
Unberührt geblieben war bis jetzt noch das ästhetische
Gebiet im engeren und speciellen Sinne. Jetzt hat
der Verf. der hier angezeigten Schrift nun auch einen
Beitrag nach dieser Seite hin gegeben, und zwar einen
beachtenswerthen, einen Fortschritt, wenn auch noch
nicht begründenden, so doch anregenden, so daß nun
auch, was Aesthetik betrifft, ein erneuter, dem wissen
schaftlichen Standpunkt der Neuzeit entsprechender An
fang gemacht worden ist.
Die Wichtigkeit der Schrift rechtfertigt ein etwas
ausführlicheres Eingehen; ich will zunächst den Leser
mit dem Princip und Gedankengang derselben bekannt
zu machen suchen.
„Die bisherige Aesthetik der Tonkunst bedarf einer
durchgängigen Revision.“ Dies ist der Grundgedanke
des Verfs., und der Zweck der vorliegenden Schrift
daher, „die Grundsätze hinzustellen, die eine solche Re
vision in ihrer kritischen und construirenden Thätigkeit
festzuhalten hat.“ Demzufolge beschäftigt sich der
Verf. in dem ersten Kapitel mit der Nachweisung des
unwissenschaftlichen Standpunktes der bisherigen Aesthe
tik. Die Zeit, heißt es hier, wo man das Schöne
nur in Bezug auf die dadurch wach gerufenen „Em
pfindungen“ betrachtet habe, sei vorüber, der Drang
der Neuzeit auf objective Erkenntniß der Dinge ge
richtet. Die ästhetische Untersuchung hat das
schöne Object, nicht das empfindende Sub
ject zu erforschen. Näher ist man diesem Prin
Eben so wenig sind die Gefühle Inhalt der
Tonkunst. Die Begründung und Entwicklung die
Der Verf. war bisher negativ verfahren. Im
dritten Kapitel ist es demnach seine Aufgabe, die posi
tiven Bestimmungen zu geben, indem er die Frage
Obschon es nun zwar die erste Aufgabe einer
musikalischen Aesthetik ist, die usurpirte Herrschaft des
Gefühls unter die berechtigte der Schönheit zu stellen,
so behaupten doch die affirmativen Aeußerungen des
Fühlens im praktischen Musikleben eine zu auffallende
und wichtige Rolle, um durch bloße Unterordnung ab
gethan zu werden. Der Verf. giebt daher im vierten
Kapitel eine Analyse des subjectiven Eindruckes der
Musik. In der Wirklichkeit erweist sich das begrifflich
von unserem Fühlen unabhängige, selbstständige Kunst
werk als die wirksame Mitte zwischen zwei lebendigen
Kräften: seinem Woher und Wohin, d. h. dem
Componisten und dem Hörer. Was das Schaffen des
Tonsetzers betrifft, so muß durchgängig festgehalten
werden, daß es ein stetes Bilden ist, ein Formen
in Tonverhältnissen. Nirgend erscheint die Souveraine
tät des Gefühls, welche man so gern der Musik an
dichtet, schlimmer angebracht, als wenn man sie im
Componisten während des Schaffens voraussetzt und
dieses als ein begeistertes Extemporiren auffaßt. Ohne
innere Wärme zwar ist nichts Großes noch Schönes
im Leben vollbracht worden. So kann ein starkes,
bestimmtes Pathos Anlaß und Weihe manches Kunst
werkes werden, allein niemals dessen Gegenstand. Ein
inneres Singen, nicht ein inneres Fühlen treibt
den Musiker zur Erfindung eines Tonstückes. Was
die Wirkung der Musik auf den Hörer betrifft, so
handelt es sich hier um Zweierlei: worin im Unter
schied von anderen Gefühlsbewegungen der specifische
Charakter der Gefühlserregung durch Musik liege?
und wie viel von dieser Wirkung ästhetisch sei?
Müssen wir auch das Vermögen auf die Gefühle zu
wirken, allen Künsten ausnahmslos zu gestehen, so
ist doch der Art und Weise, wie die Musik es aus
übt, etwas Specifisches, nur ihr Eigenthümliches nicht
abzusprechen. Die intensivere Wirkung der Musik
ruht auf physiologischen Bedingungen. Leider
kann die Physiologie zur Zeit noch keine befriedigen
den Antworten auf die hierhin gehörigen Fragen geben.
Aus diesen physiologischen Resultaten aber ergiebt sich
für die Aesthetik der Tonkunst die Betrachtung, daß
diejenigen Theoretiker, welche das Princip des Schönen
in der Musik auf deren Gefühlswirkungen bauen,
wissenschaftlich verloren sind, weil sie über das Wesen
dieses Zusammenhanges nichts wissen können. Mit
der Schilderung der subjectiven Bewegungen, welche
den Kritiker bei Anhörung einer Symphonie überkom
men, wird er deren Werth und Bedeutung nicht er
gründen. Die beiden Fragen, — welches specifische
Moment die Gefühlswirkung durch Musik auszeichne,
und ob dies Moment wesentlich ästhetischer
Natur sei? — erledigen sich durch die Erkenntniß eines
und desselben Factors; der intensiven Einwirkung
auf das Nervensystem. Je stärker aber eine
Der Verf. wird auf diese Weise zur Beschreibung
des wahren Kunstgenusses geführt, der ästhetischen
Wirkung gegenüber der pathologischen, die er im
fünften Kapitel darlegt. Er betont hier das bewußte
Genießen, die Kunst des Hörens, gegenüber falschen
Aeußerungen des Enthusiasmus, der Berauschung.
Das sechste Kapitel handelt von den Beziehungen
der Tonkunst zur Natur. Es ist zu untersuchen, was
die Natur für die Tonkunst gethan. Die Antwort
hierauf ist, daß die Natur das Material zum Material
liefert; das eigentliche Material der Tonkunst ist ein
künstliches. Ebensowenig giebt es ein Naturschönes
für die Musik. Die anderen Künste empfangen Stoffe
von der Natur, die Musik nicht.
Die Untersuchung über das Verhältniß der Musik
zum Naturschönen hängt deshalb eng zusammen mit
der Frage nach dem Inhalt der Musik überhaupt.
Das siebente und letzte Kapitel beschäftigt sich daher
mit dieser Frage. Hat die Musik einen Inhalt?
fragt der Verfasser. Die Philosophen antworten vernei
nend, die Musiker bejahend. Erstere haben Recht. In
der Musik sind Stoff und Form in engster untheilbarer
Einheit verbunden. Andere Künste vermögen einen
und denselben Stoff vielfach zu gestalten, die Musik
nicht. Die primitiven Bestimmungen, welche man der
Musik zuschreibt, müssen sich immer am Thema, dem
musikalischen Mikrokosmus, nachweisbar finden. Was
aber ist dessen Inhalt? Was seine Form? Wo fängt
diese an, wo hört jener auf? Jeder praktische Versuch,
in einem Thema Form und Inhalt trennen zu wollen,
führt auf Widerspruch oder Willkühr. Deshalb aber,
schließt der Verf., ist die Musik nicht ohne geistigen
Gehalt. Sie ist ein Spiel, aber keine Spielerei. Die
gegenstandlose Formschönheit der Musik hindert sie
nicht, ihren Schöpfungen sogar Individualität
aufprägen zu können.
Betrachten wir jetzt die hier aufgestellten Sätze
näher, so muß ich zunächst meine vollkommene Ueber
einstimmung mit dem Princip des Verf.’s erklären.
Ich kann demselben um so leichter meine Zustimmung
schenken, als ich schon vor einer längeren Reihe von
Jahren in dies. Bl.
habe. Es heißt dort S. 10: „Die Kunst ist die in
nigste Vereinigung von Geist und Materie, Idee und
Stoff. Beide Seiten können nicht getrennt existiren
und in der Betrachtung auseinander gerissen werden.
Der Geist ist nichts ohne das sinnliche Material, in
dem er erscheint und das sinnliche Material nichts ohne
den Geist. Der Geist ist nichts Jenseitiges,
was nur äußerlich und locker an die har
monische Grundlage gebunden wäre, nichts
Aber der Verf. wird in dem Drange nach Objec
tivität der Erkenntniß ungerecht gegen die bisher gel
tende subjective Auffassungsweise, die ihre große Be
rechtigung hatte und dieselbe auch fernerhin neben dem
neuen Princip behaupten wird. Der allgemeine Gang
der Entwicklung, der Fortschritt in der Erkenntniß
überhaupt besteht nicht darin, daß an die Stelle eines
durchaus Irrigen plötzlich das Wahre gestellt werden
könnte. Der Fortgang ist der, daß für das meist
gleich Anfangs richtig Gemeinte aber ungenügend
Gesagte später die immer entsprechendere Fassung,
der adäquatere Ausdruck gefunden wird. Das gilt
auch von dem vorliegenden Fall. Diese subjective
Auffassungsweise, das Ergehen in Gefühlen, der Stand
punkt der psychologischen Beschreibung, war nothwendig,
um aus dem rein Technischen, was früher als das
Einzige galt, herauszukommen. Er war die Folge
des großen Aufschwunges der Kunstwissenschaft seit
der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und hat
zum Resultat gehabt, daß man auch in der Tonkunst
ein künstlerisches Schaffen anerkennen lernte, während
früher nur die Arbeit des Verstandes als das Wesent
liche erschien. Der Verf. stellt den Standpunkt der
psychologischen Beschreibung zu sehr als Irrthum dar,
während er nur eine Einseitigkeit war. Unsere Auf
gabe kann nicht darin bestehen, das auf diese Weise
Gewonnene als etwas Unbrauchbares bei Seite zu
werfen, es kann nur darauf ankommen, dasselbe durch
den gegenwärtig versuchten Fortschritt tiefer zu be
gründen. Das Ungenügende bestand blos darin, in
dem subjectiven Eindruck, statt in dem Kunstwerk selbst,
die Erkenntniß zu suchen. Der subjective Eindruck und
das was dadurch gewonnen wurde aber bleibt in der
Hauptsache in Geltung. Aus diesem Grunde glaube ich
auch das Richtigere gesagt zu haben, wenn ich in dem
oben angef.
und Resultat des bisherigen darstellte, nicht wie der
Verf. thut, als das einzig Wahre einem schlechthin
Verwerflichen gegenüber.
Zunächst freilich könnte der Verf. hierauf erwidern,
daß er einen Gehalt, wie ihn die psychologische Be
schreibung zu Tage förderte, gar nicht anerkenne, daß
ein solcher gar nicht für ihn existire und daß er erst
in Folge dieser Auffassung zu solchen Consequenzen
gekommen sei. Dieser Einwand jedoch erledigt sich
durch Nachstehendes.
Es ist gegen den Verf. noch ein zweiter, wich
tigerer Einspruch zu erheben. Der Verf. nämlich wird
in dem Streben nach Objectivität zu weit geführt, er
gelangt zu einer einseitigen Spitze, schießt über das
Ziel hinaus, er fällt in den entgegengesetzten Fehler,
indem er der alten Einseitigkeit eine neue gegenüber
stellt. Richtig ist das Princip, begründet und festzu
halten der große Fortschritt der Immanenz, die
Einsicht, daß wir es einzig und allein mit den Tönen
zu thun haben. Der Geist, das Gefühl ist nicht
etwas über den Tönen schwebendes, nicht etwas äußer
lich und locker damit Verbundenes. Statt nun
aber den Geist, das Gefühl wirklich in den
Tönen zu suchen, in der bestimmten Gestal
tung eines Tonstückes diesen bestimmten
Geist zu finden, dem Princip der Imma
nenz gemäß, wird der Verf. fast zu dem
Extrem geführt, ein Läugner des Geistes
zu werden, nur Töne zu erblicken, nicht die
denselben immanente Idee. Allerdings ver
Im Gegensatz hierzu ist das Wahre, jenen von
dem Verf. sowohl, wie von mir zuerst bezeichneten
Standpunkt der Immanenz festzuhalten, nun aber in
den Tönen selbst den gestaltenden, concreten Geist
zu erfassen, die Idee, welche diese bestimmten Gestal
tungen hervorrief; schärfer gefaßt, zu erkennen, daß
diese bestimmten Toncombinationen unmittelbar
und an sich selbst dieser bestimmte Gedanke, dieses
So viel im Allgemeinen. Ich wende mich nur
zu dem Einzelnen. Aus der schiefen Stellung, welche
der Verf. seinem Princip gegeben hat, erklärt sich eine
Menge von Irrthümern, die die Schrift enthält. Diese
Irrthümer sind meist unzweifelhaft, lassen sich mit
Evidenz darthun. Die Nachweisung derselben gewährt
daher meiner Entgegnung noch eine zweite, von der
principiellen Betrachtung unabhängige Begründung.
Gesetzt auch, es wäre mir nicht gelungen, das Irrige
principiell nachzuweisen, so muß sich dies jetzt aus der
Einzelbetrachtung ergeben. Weil die Schrift der Verf.’s
im Einzelnen viele Irrthümer enthält, so muß seine
Entwicklung des Princips eine irrige oder einseitige
sein. Die practischen Bemerkungen beweisen die theil
weise Unhaltbarkeit seiner Theorie. Selbst den Verf.
hätte der allzuschroffe Widerspruch, in den er zu vielem
allgemein als mehr Angenommenen tritt, vor man
chen seiner Consequenzen warnen können. Er schließt
zu sehr von einer einseitigen Theorie aus auf die Er
fahrung, statt seine Theorie der Erfahrung gemäß zu
gestalten.
(Fortsetzung folgt.)
Der Verf. tritt (S. 6) jener Ansicht gegenüber,
welche in der Wirkung der Musik auf das Gefühl
etwas derselben specifisch Eigenes erblickt. „Allein
eben so wenig“, heißt es am angef. O., „als wir
diese Wirkung als die Aufgabe der Künste überhaupt
anerkannten, können wir in ihr eine specifische Wir
kung der Musik erblicken. Einmal festgehalten, daß
die Phantasie das eigentliche Organ des Schönen
ist, wird eine secundäre Wirkung dieser auf das Ge
fühl in jeder Kunst vorkommen.“ Ich muß dem
Verf. gegenüber die bisherige Ansicht als die ent
sprechendere vertreten. Sehr richtig zwar wird be
merkt, daß alle Künste etwas Verwandtes, Gemein
schaftliches in ihrer Wirkung auf das Gefühl haben.
Mit der bisher gebräuchlichen Ansicht aber ist durch
aus nicht gemeint, daß die Tonkunst allein das Ge
fühl beschäftige, es ist eben so wenig gesagt, daß hier
das Gefühl unmittelbar in Anspruch genommen
werde, in anderen Künsten aber nur durch Vermitt
lung anderer Seelenthätigkeiten; die Bedeutung jenes
Satzes ist diese: Die ästhetische Wirkung der Künste
ist bei allen wesentlich dieselbe, für alle Künste ist die
harmonische Erregung der Seelenkräfte das Charakte
ristische. Jede Kunst aber unterscheidet sich in ihrer
Wirkung dadurch von den anderen, daß in der
harmonischen Erregung der Seelenkräfte
eine einseitige Bestimmtheit überwiegend
hervortritt. Die Poesie wirkt harmonisch anregend
S. 8 wird die Thatsache, daß ein und dasselbe
Tonstück auf verschiedene Hörer einen ganz entgegen
gesetzten Eindruck macht, benutzt, um darzuthun, daß
der Zusammenhang desselben mit der dadurch hervor
gerufenen Gemüthsbewegung kein nothwendig cau
saler sei. Diese Thatsache indeß beweist durchaus
Daß der Verf. (S. 18) das Beispiel der
hoven
daran die Unbestimmtheit und Vieldeutigkeit des mu
sikalischen Ausdrucks darzuthun, wurde gleichfalls in
meiner im Eingange gegebenen Darstellung des Haupt
gedankenganges erwähnt. Der Verf. versucht das
Gefühl, welches im Thema enthalten sein soll, in
Worte zu fassen. Der Irrthum besteht hier zunächst
darin, das Gefühl unmittelbar in Worte über
setzen zu wollen. Das, was im Reiche der Empfin
dung vorgeht, ist allerdings in Worte zu fassen, aber
nur nach Zurücklegung eines längeren Weges, nach
Beendigung des Vermittlungsprocesses, welcher die
Reproduction des Gefühls im Reiche des Gedan
kens zur Folge hat, und dann auch nur Schritt vor
Auch in der Vocalmusik ist es nicht die Musik,
welche dem darzustellenden Gegenstande die nöthige
Bestimmtheit verleiht, sondern der Text. Der Verf.
erinnert an Beispiele aus den
Ich kann diese Beweisführung ebenfalls keine glück
liche nennen. Daß die Musik der Bestimmtheit der
Vorstellung ermangelt, ist eine längst ausgesprochene,
bekannte Sache. Ein Anderes aber ist es, ob ganz
verschiedenartige Vorstellungen auf ein und dieselbe
Musik bezogen werden sollen, ein Anderes die Wahl
nur solcher Vorstellungen, die alle ein und dasselbe
Gefühl im Gefolge haben. Das Gefühl ist mehrdeu
tig, in so weit sehr verschiedene Vorstellungen dasselbe
Gefühl zur Begleitung haben können. An sich selbst
aber ist das Gefühl sehr bestimmt und gar nicht mit
anderen zu verwechseln. Dasselbe gilt von der Musik.
Ob also z. B. die Sehnsucht nach dem Meere oder
nach der Schweiz gerichtet ist, ist für das Gefühl und
in Folge davon für die Musik sehr gleichgültig. Die
Sehnsucht an sich aber wird in dem Tonstück, wenn
es rechter Art ist, so bestimmt ausgesprochen sein, daß
man sie durchaus nicht z. B. mit einem Zornesaus
bruch verwechseln kann. Selbst wenn die Musik nichts
vermöchte, als nur die Form, in der sich die Leiden
schaft bewegt, äußerlich nachzubilden, die Umrisse, die
Linien zu zeichnen, die ein Gefühl umgrenzen, die
Form seiner Bewegung in Bezug auf Schnelligkeit
oder Langsamkeit, würde sie größerer Bestimmtheit
fähig sein. Wenn
Freude etc., so haben wir sogar körperlich dabei die
Empfindung eines ungehinderten Ausströmens des Ge
fühls, erhöhter Lebensthätigkeit, schnelleren Blutum
laufs, während eine Stimmung, wie die in den Wor
ten „Er soll mir nicht entkommen“ ausgesprochene
das Gefühl in sich zurückdrängt, die Lebensthätigkeit
hemmt, körperlich das Athemholen beeinträchtigt. Beide
Stimmungen geben sich schon körperlich in ganz ent
gegengesetzten Formen, und wenn die Musik allein
diese abbildete, würde sie zu ganz verschiedenen Aus
drucksmitteln greifen müssen. Ein paar Noten freilich
können hier nichts entscheiden, und deshalb ist auch
hier das Beispiel des Verf.’s falsch gewählt. Eine
so kurze Figur kann mit gleichem Rechte bei der Dar
stellung ganz verschiedenartiger Affecte vorkommen.
Es ist dies derselbe Irrthum, wie oben bei der
türe
nügen sollte. Daraus, daß die ausdrucksvollsten Ge
sangsstellen, wie der Verf. sagt, uns höchstens rathen
lassen, welches Gefühl sie ausdrücken, folgt nicht, daß
die Musik wie weiches Wachs wäre, das bildsam sich
jeder Bestimmtheit fügt, der Grund ist der schon an
gegebene, daß ein und dasselbe Gefühl mit verschiedenen
Vorstellungen vergesellschaftet sein kann, er liegt ferner
darin, daß zur Zeit das bewußte Erkennen noch weit
hinter dem, was der geniale Instinkt gefunden hat,
zurücksteht.
Der Verf. kommt S. 23 auf die Theorie von der
Nachahmung sichtbarer oder unmusikalisch hörbarer
Gegenstände durch die Tonkunst, auf die musikalische
Malerei zu sprechen. Mit lehrsamer Wohlweisheit,
heißt es, werde uns versichert, die Musik könne keines
wegs die außer ihrem Bereich liegende Erscheinung
selbst malen, sondern nur das Gefühl, welches da
durch in uns erzeugt wird. Umgekehrt aber verhalte
sich die Sache. Die Musik könne nur die äußere Er
scheinung nachzuahmen trachten, niemals aber das
durch dieselbe bewirkte specifische Fühlen. Das Fallen
der Schneeflocken, das Flattern der Vögel, den Auf
gang der Sonne könne man nur so musikalisch malen,
daß man analoge, diesen Phänomenen dynamisch ver
wandte Gehörseindrücke hervorbringe. Es ist hierauf
zu erwidern, daß der Verf. nicht richtig verstanden hat,
was mit der bisherigen Lehre gemeint ist. Die bis
herige Ansicht ist die richtige, nur daß dieselbe unge
nügend ausgedrückt wurde, und der wahre Sinn dieser:
Der Künstler soll nicht mit dem Verstande, nicht
mit den Augen des Naturforschers beobachten,
nicht äußerlich nachbilden, — auf diese Weise
würde er nur eine trockene Copie, ein todtes Gebild,
ein künstlerisches Monstrum zu Tage fördern — der
Künstler soll mit der Phantasie aufnehmen, soll
den Gegenstand schildern, wie er in seiner Phantasie
sich abspiegelt. Daß er dabei ganz der Nachbildung
der äußeren Erscheinung entbehren könne, ist noch Nie
mand eingefallen zu behaupten. Der Mangel der bis
herigen Lehre war demnach, daß sie nur vom Gefühl
sprach, und die Nachbildung des Aeußeren dabei still
schweigend voraussetzte, der größere Mangel in der
Fassung des Verf.’s, daß er das künstlerische Auf
nehmen der Erscheinung übersieht. Daß man bezüg
lich der musikalischen Malerei im gegenwärtigen Jahr
hundert meist nur vom Gefühl gesprochen hat, lag
darin, daß die frühere Zeit in der That solche trockene
Copien oder Schilderungen ganz gewöhnlicher, pro
saischer Vorkommnisse geliefert hat. Man fand mit
Recht, daß das keine Kunstwerke seien, und erkannte
in der Mitwirkung des Gefühls, d. h. in der künst
lerischen Erfassung das Wahre, indem man dabei, wie
gesagt, stillschweigend voraussetzte, was schon erreicht
und vorhanden war, die Nachbildung des Aeußeren
nämlich.
(Schluß folgt.)
Noch entschiedener, als der Verf. die Möglich
keit musikalischer Gefühlsdarstellung bekämpft, glaubt
Ich habe diese schon oben in Kürze bezeichnete
Ansicht des Verf.’s hier noch etwas ausführlicher wie
dergegeben, weil sie von Wichtigkeit ist, reich an Be
ziehungen auf die Fragen der Gegenwart. Der Verf.
hat zunächst in gewissem Sinne Recht. Das ein
seitige Ringen nach Bestimmtheit des Ausdrucks
Ich muß, bevor ich weiter gehe, noch auf einige
andere Sätze des Verf.’s Rücksicht nehmen. Der Verf.
kämpft (S. 25) gegen die auch von uns vertretene
Ansicht einer Zuspitzung der Tonkunst zu immer grö
ßerer Bestimmtheit des Ausdrucks im Laufe ihrer ge
schichtlichen Entwicklung. S. 50 wird als falsch und
unzulässig gerügt, wenn man sage, die Musik habe
sich „zur Sprache erhoben“. „Herablassen“, müsse
man es eigentlich nennen, meint der Verf. Wir haben
hier ganz dasselbe Mißverständniß, was so eben schon
angedeutet wurde. Wenn gesagt wird, die Musik solle
sich zur Sprache erheben, so heißt das nicht, sie solle
der Sprache sich unterordnen, das Wesen derselben in
sich aufnehmen mit Hintanstellung ihrer Eigenthüm
lichkeit; es heißt: die Musik soll auf der Grund
lage ihres Wesens, mit
Es handelte sich in dem eben Gesagten nur um
die Berichtigung eines einzelnen Mißverständnisses,
nur um die Nachweisung, daß Künstler und Aestheti
ker in der Regel und in der großen Mehrzahl von
der von dem Verf. untergeschobenen Einseitigkeit
frei gewesen sind, mit einem Worte, daß der Verf.
diese Aussprüche falsch verstanden hat. Der
Conflict selbst aber bleibt stehen. Bis zum Extrem
verfolgt, hebt eine Seite die andere auf; die Wahr
heit vernichtet die Schönheit und umgekehrt. Dies
Alles galt indeß nur für die bisherige
Entwicklung der Tonkunst, für den Stand
punkt, den dieselbe bis jetzt eingenommen
hat. Mit dem bisherigen musikalischen Princip stritt
S. 37 bemerkt der Verf., es sei nichts irriger und
häufiger, als die Anschauung, welche schöne Musik mit
oder ohne geistigen Gehalt unterscheidet. Auch hier
versteht er nicht, was mit diesem Satze gemeint ist.
Nur die Fassung ist ungenügend, der Sinn aber richtig.
Alles wahre Verständniß, beiläufig bemerkt,
beruht nicht darauf, daß man sich an die
Worte hält, insbesondere auf einem Gebiet, wie
Es könnte auf diese Weise das Verzeichniß der
Irrthümer des Verf.’s noch um ein sehr Beträchtliches
vermehrt werden. Nur zum kleinsten Theile sind die
selben bis jetzt besprochen. Der Verf. ist zu wenig
mit dem musikalischen Sprachgebrauch vertraut, er tritt
zu sehr nur als Mann der Wissenschaft, als Syste
matiker hervor und hält sich an die in der That oft
ungenügenden Worte. Eine weitere ausführlichere Er
örterung aber würde den mir vergönnten Raum über
schreiten. Derartige Untersuchungen können überhaupt
nur in Büchern geführt werden. Ich beschränke mich
daher nur noch auf eine kurze Angabe einiger Haupt
punkte.
Durchgreifender Ergänzung und Berichtigung be
darf, was (S. 48) über die Versuche, die Musik mit
der Sprache zu parallelisiren gesagt wird. Unbegrün
det ist (S. 51) der Vorwurf gegen Dr.
derselbe in einer
die
spricht, und der „Musik“ mit keinem Worte gedenkt,
schief aufgefaßt die Parteistellung in Bezug auf die
Punkt gedenke ich ein anderes Mal mich ausführlicher
auszusprechen. Zur Rechtfertigung
sagen, daß man nicht eher von einem höheren Stand
punkt aus operiren kann, bevor nicht dieser Stand
punkt selbst begründet und entwickelt ist. Damals
aber war von dem Princip der Immanenz noch gar
nicht die Rede. Auch jetzt hilft uns die Erkenntniß
desselben so lange noch nichts, als wir nicht die wirk
lich durchgeführte, diesem Princip entsprechende Aesthe
tik besitzen. Mit der Schilderung der subjectiven Be
wegung, welche den Kritiker bei Anhörung einer Sym
phonie überkommt (S. 68), ist daher in der That noch
keineswegs Alles gethan, es ist damit durchaus nur
die eine Seite der Sache erfaßt, wir werden uns aber
damit bis zu jenem Moment begnügen müssen, wo
die Grundzüge objectiver Erkenntniß wirklich gegeben
sind. Was endlich die
zum wenigsten unsere Partei dieselbe nie für ein voll
endetes Kunstwerk ausgegeben, und der Verf. ist da
her im Irrthum, wenn er die Ansichten über dieselbe
so schroff einander gegenüber stellt.
Ebenso bedürfen die im sechsten und siebenten Ka
pitel verhandelten Fragen noch einer tiefer eingehenden
Erörterung, obschon die Anregungen des Verf.’s, so
wie überhaupt, auch hier sehr dankenswerth genannt
werden müssen. Richtig ist zunächst, was über die
von den anderen Künsten abweichende Stellung der
Tonkunst zur Natur gesagt wird. Es finden hier
durchgreifende Verschiedenheiten Statt. Aber die ge
gebenen Bestimmungen sind doch nur der erste Schritt
für die Erfassung dieses Verhältnisses. Daraus, daß
die Stellung des Tonkünstlers zur Natur eine andere
ist, folgt nicht, daß er in gar keiner Beziehung
zu derselben, sowohl der sinnlichen, wie der geistigen
steht. Das Verhältniß ist nur ein abweichendes, wo
bei die eigene Thätigkeit des Tonkünstlers in einem
höheren Grade in Anspruch genommen ist, als in den
übrigen Künsten. Wie der Dichter, der Maler erhält
auch der Tonkünstler Anregungen von der Natur, wie
jene beobachtet er das menschliche Herz, die Leiden
schaften, Affecte u. s. w., nur daß er bei der Dar
stellung derselben einen längeren Weg zurückzulegen
hat, bevor er ihnen eine künstlerische Gestalt verleihen
kann. Deshalb kann ich mich auch nicht mit den
Bestimmungen des Verf.’s über Form und Inhalt ein
verstanden erklären. Der Inhalt der Tonkunst sind
die Stimmungen der Seele. Dieß ist der für alle
Tonkünstler in gleicher Weise vorhandene Stoff. Die
selbe Stimmung aber erhält durch verschiedene Künstler
einen verschieden gestalteten, bald mehr bald weniger
adäquaten Ausdruck. Das ist die Form. Dieser Proceß
ist natürlich aber nicht so zu fassen, wie ihn der Verf.
vorstellt, als ein Uebersetzen der Stimmung in die
Sprache der Töne. Der ganze Vorgang ist ein über
wiegend bewußtloser, die Tonreihen sind der unmit
telbare, instinktmäßig, mit bald größerer, bald
Ich habe mit etwas größerer Ausführlichkeit die
vorliegende Schrift besprochen, weil in ihr auf eigen
thümliche Weise Wahres und Irriges vermengt ist.
Gegen manchen der angeführten Sätze wird jeder Mu
siker sogleich protestiren, und zwar mit vollem Recht.
Dabei aber liegt die Gefahr nahe, daß das durchaus
Begründete in den Ansichten des Verf.’s, das, was
einen Fortschritt verspricht, zugleich mit verkannt wird.
Es sind daher die verschiedenen Elemente sorgfältig
zu scheiden. Die Aufgabe, die sich der Verf. stellt,
muß auf’s Neue in Angriff genommen werden, mit
Bewahrung des richtigen Ausgangspunktes, aber mit
Vermeidung der falschen Consequenzen. Statt sein
Princip mit der Erfahrung in Einklang zu bringen,
jenes durch diese zu ergänzen, zu entwickeln, diese durch
jenes zu läutern und auf gedankliche Bestimmungen
zurückzubringen, folgert er aus seinem einseitig erfaßten
Princip gegen die Erfahrung, schlägt ihr ins Gesicht.
Das ist der Grundirrthum in dem Verfahren des
Verf.’s. Ich wiederhole daher noch einmal:
Daß das musikalische Kunstwerk Nichts blos aus
drückt, Nichts
Indem ich so meine Auffassung der des Verf.’s
gegenüber stellte, muß ich ausdrücklich betonen, daß
ich weit entfernt bin von der Meinung, als ob durch
meine Entgegnung die Sache ihre Lösung gefunden
und zum Abschluß gekommen wäre. Auch meine Sätze
sind nur annähernde Bestimmungen, vorarbeitende An
deutungen, bestimmt, in eine erschöpfendere Fassung
auszumünden. Weiter können wir überhaupt zur Zeit
nichts thun. Ich habe schon bemerkt, daß wir einan
der in die Hände arbeiten müssen. Nichts ist ver
werflicher, als unbedingtes Absprechen, so sehr dies
leider auf musikalischem Gebiet Mode geworden ist
und — ich füge hinzu, so wenig auch unser Verf. an
einzelnen Stellen davon frei ist. Bestimmtheit der
Ansicht ist allerdings nothwendig, denn ohne eine solche
ist nicht von der Stelle zu kommen. Aber man muß
stets bereit sein, wohlmeinender Berichtigung und Er
gänzung gegenüber, das, was sich als Irrthum her
ausstellt, sofort aufgeben zu können. Bewältigen
konnte unser Verf. seine Aufgabe schon darum nicht,
weil er der neueren und neuesten Richtung gegenüber
zu viele Mißverständnisse mitbringt. Jetzt ist derselbe
in der That unser Gegner. Hoffen und wünschen wir,
daß eine Annäherung stattfinden möge.
Fr.