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Maschinenlesbares Transkript von Dokumenten und Materialien zu Eduard Hanslicks Ästhetik-Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“.
Die intensive Wirkung der Musik auf das Nerven
leben ist als Thatsache von der Psychologie wie von
der Physiologie vollständig anerkannt. Leider fehlt
noch eine ausreichende Erklärung derselben. Es vermag
die Psychologie nimmermehr das magnetisch Zwin
gende des Eindrucks zu ergründen, den gewisse Akkorde,
Klangfarben und Melodien auf den ganzen Organismus
des Menschen üben, weil es dabei zuvörderst auf eine
spezifische Reizung der Nerven ankommt. Eben so wenig
hat die im Triumph fortschreitende Wissenschaft der
Physiologie etwas Entscheidendes über unser
Problem gebracht und pflegt bei der Untersuchung des
Hörens vielmehr den Schall und Klang überhaupt, als
insbesondere den musikalisch verwendeten, im Auge
zu haben.
Was die musikalischen Monographen dieses Zwit
tergegenstandes betrifft, so ziehen sie es fast durchgän
gig vor, die Tonkunst durch Ausbreitung glänzender
Schaustücke in einen imposanten Nimbus von Wunder
thätigkeit zu bringen, als in wissenschaftlicher For
schung den Zusammenhang der Musik mit unserm Ner
venleben auf sein Wahres und Nothwendiges zurück
zuführen. Dies allein aber thut uns Noth, und weder
die Ueberzeugungstreue eines Doktor Albrecht, wel
Manchem Musikfreund dürfte es unbekannt sein, daß
wir eine ganze Literatur über die körperlichen Wirkun
gen der Musik und deren Anwendung zu Heilzwecken
besitzen. An interessanten Kuriositäten reich, doch in
der Beobachtung unzuverlässig, in der Erklärung un
wissenschaftlich, suchen die meisten dieser Musiko-Me
diziner eine sehr zusammengesetzte und beiläufige Eigen
schaft der Tonkunst zu selbstständiger Wirksamkeit auf
zustelzen.
Von Pythagoras der (nach
Rücksichtlich der Begründung ihrer Theorie las
sen sich diese Schriftsteller in zwei Klassen theilen.
Die Einen argumentiren vom Körper aus und
gründen die Heilkraft der Musik auf die physische Einwir
kung der Schallwallen, welche sich durch den Gehörnerv den
übrigen Nerven mittheile und durch solch’ allgemeine
Erschütterung eine heilsame Reaktion des gestörten Or
ganismus hervorrufe. Die Affekte, welche zugleich sich
bemerkbar machen, seien nur eine Folge dieser nervösen
Erschütterung, indem Leidenschaften nicht blos gewisse
körperliche Veränderungen hervorrufen, sondern diese
auch ihrerseits die ihnen entsprechenden Leidenschaften
zu erzeugen vermögen.
Nach dieser Theorie, welcher, (unter dem Vortritt
des Engländers Webb)
Das ist nun keine Musik. Daß diese mit jenen
so heftig auf die Nerven wirkenden Erscheinungen das
selbe Substrat, den Schall theilt, wird uns für spä
tere Folgerungen wichtig genug werden, hier ist —
einer materialistischen Ansicht gegenüber — lediglich
hervorzuheben, daß die Tonkunst erst da anfange, wo
jene isolirten Klangwirkungen aufhören, übrigens auch
die Wehmuth in welche ein Adagio den Hörer ver
setzen kann mit der körperlichen Empfindung eines
schrillen Mißklangs gar nicht zu vergleichen ist.
Die andere Hälfte unserer Autoren (unter ihnen
Kausch und die meisten Aesthetiker), erklärt die heil
Der Gedanke, durch Musik bestimmte Affekte, als
Liebe, Wehmuth, Zorn, Entzücken, in der Seele zu
erregen, welche den Körper durch wohlthätige Aufre
gung heilen, klingt so übel nicht. Uns fällt dabei stets
das köstliche Parere ein, welches einer unserer berühm
testen Naturforscher über die sogenannten „ Goldber
’schen elektromagnetischen Ketten“ abgab. Er sagte:
Darin kommen beide Theorien, die psychologische
und die physiologische überein, daß sie aus bedenklichen
Voraussetzungen noch bedenklichere Ableitungen folgern
und endlich die bedenklichste praktische Schlußfol
gerung daraus ziehen. Logische Ausstellungen mag sich
eine Heilmethode etwa gefallen lassen, aber daß sich
bis jetzt noch immer kein Arzt bewogen findet, seine
Typhuskranken in
oder statt der Lanzette ein Waldhorn herauszuziehen,
das ist gewiß unangenehm.
Die körperliche Wirkung der Musik ist weder an sich
so stark, noch so sicher, noch von psychischen und ästhe
tischen Voraussetzungen so unabhängig, noch endlich so
willkürlich behandelbar, daß sie als wirkliches Heil
mittel in Betracht kommen könnte.
Jede mit Beihilfe von Musik vollführte Kur trägt
den Charakter eines Ausnahmsfalls, dessen Gelingen
niemals der Musik allein zuzuschreiben war, sondern
zugleich von speziellen, vielleicht ganz individuellen kör
perlichen und geistigen Bedingungen abhing. Es däucht
uns sehr bemerkenswerth, daß die einzige Anwendung
von Musik, welche wirklich in der Medizin vorkommt,
nämlich in der Behandlung von Irrsinnigen, vorzugs
weise auf die geistige Seite der musikalischen Wir
kung reflektirt. Die moderne Psychiatrie verwendet
bekanntlich Musik in vielen Fällen und mit glücklichem
Erfolge. Dieser beruht aber weder auf der materiellen
Erschütterung des Nervensystems, noch auf der Erre
gung von Leidenschaften, sondern auf dem besänftigend
aufheiternden Einfluß, welcher das halb zerstreuende,
halb fesselnde Tonspiel auf ein verdüstertes oder über
reiztes Gemüth auszuüben vermag. Lauscht der Gei
steskranke auch dem Sinnlichen, nicht dem Künstleri
schen des Tonstücks, so steht er doch, da er mit Auf
merksamkeit hört, schon auf einer, wenn gleich
Was nun alle diese musikalisch medizinischen Werke
für die richtige Erkenntniß der Tonkunst beitragen?
Die (schon durch ihre bloße Existenz dargethane) That
sache einer von jeher beobachtenden starken physischen
Erregung bei allen durch Musik hervorgerufenen „Affek
ten“ und „Leidenschaften.“ Steht einmal fest, daß ein
integrirender Theil der durch Musik erzeugten Ge
müthsbewegung physisch ist, so folgt weiter, daß
dies Phänomen als wesentlich in unserm Nervenleben
vorkommend, auch von dieser seiner körperlichen Seite
erforscht werden müsse. Es kann demnach der Musiker
über dies Problem sich keine wissenschaftliche Ueberzeu
gung bilden, ohne sich mit den Ergebnissen bekannt zu
machen, bei welchen der gegenwärtige Standpunkt der
Physiologie in Untersuchung des Zusammenhangs
der Musik mit den Gefühlen hält.
Verfolgen wir, ohne Benützung des anatomischen
Details, den Gang, welchen eine Melodie nehmen
muß, um auf unsere Gemüthsstimmung zu wirken.
Zuerst treffen die Töne den Gehörsnerv. Die Physio
logie, in Verbindung mit der Anatomie und Akustik
weisen die Bedingungen nach, unter welchen unser Ohr
einen Ton vernehmen kann oder nicht, wie viel Luft
schwingungen zum höchsten oder tiefsten wahrnehmbaren
Ton erforderlich sind, in welcher Stärke und Schnel
ligkeit sich diese Luftstöße zum Akustikus fortpflanzen.
Diese und ähnliche dahin gehörende Kenntnisse darf
die Aesthetik voraussetzen. Nicht der entstehende,
sondern erst der fertige, vom Ohre aufgenommen Ton
und dieser erst in Verbindung mit andern, gehört ihr
an. Der Weg vom vibrirenden Instrument bis zum
Gehörnerv ist, vollends für das ästhetische Interesse,
hinreichend aufgeklärt, obwohl schon hier die Schwierigkeit
hemmend eintritt, daß wir am menschlichen Ohr nicht
experimentiren können und mit akustischen Apparaten
uns begnügen müssen
„Die inneren Theile des Ohrs sind so klein und
liegen so tief in der unmittelbaren Nachbarschaft
der wesentlichen Lebenswerkzeuge verborgen, daß sich
keine Versuche an ihnen anstellen lassen.“
G. Valentin,
Dies alles kann, — so weit unser Wissen und Ur
theil reicht, — die Physiologie nicht beantworten. Wie
sollte sie auch? Weiß sie doch nicht, wie der Schmerz
die Thräne erzeugt, wie die Freude das Lachen, —
weiß sie doch nicht, was Schmerz und Freude sind!
Hüte sich deshalb Jeder, von einer Wissenschaft Auf
schlüsse zu verlangen, die sie nicht geben kann.
Freilich muß der Grund jedes durch Musik hervor
gerufenen Gefühls vorerst in einer bestimmten Affek
tionsweise der Nerven durch einen Gehöreindruck lie
gen. Wie aber eine Reizung des Gehörnervs, die wir
nicht einmal bis zu dessen Ursprungstelle verfolgen kön
nen, als bestimmte Empfindungsqualität ins Bewußt
sein fällt, wie der körperliche Eindruck zum Seelenzu
stand, die Empfindung endlich zum Gefühle wird, —
das liegt jenseits der dunklen Brücke, die von keinem
Forscher überschritten ward. Es sind tausendfältige
Umschreibungen des Einen Urräthsels: vom Zusam
menhang des Leibes mit der Seele. Diese Sphynx
wird sich niemals ins Wasser stürzen.
Was die Physiologie der Musikwissenschaft bietet,
ist ein Kreis von objektiven Anhaltspunkten, welche
vor einschlägigen Fehlschüssen bewahren. Mancher Fort
schritt in Erkenntniß der durch Gehörseindrücke her
vorgebrachten Erscheinungen kann durch die Physiolo
gie noch geschehen, in der musikalischen Hauptfrage
wird dies nicht leicht der Fall sein.
Hierüber mögen die Aussprüche zweier der geistvoll
sten Physiologen der Gegenwart Platz finden, die über
dies der Musik ein aufmerksameres Interesse zuwenden
als es die Männer dieser Wissenschaft zu haben
pflegen.
Hr. Lotze sagt in seiner „
E. Harleß spricht sich über die Bedingungen, von
Aus diesen physiologischen Resultaten ergibt sich für
die Aesthetik der Tonkunst die Betrachtung, daß die
jenigen Theoretiker, welche das Prinzip des Schönen
in der Musik, auf deren Gefühlswirkungen bauen,
wissenschaftlich verloren sind, weil sie über das Wesen
dieses Zusammenhangs nichts wissen können, also
besten Falls nur darüber zu rathen oder zu phantasiren
vermögen. Vom Standpunkte des Gefühls wird eine
künstlerische oder wissenschaftliche Bestimmung der Mu
sik niemals ausgehen können. Mit der Schilderung
der subjektiven Bewegungen, welche den Kritiker bei
Anhörung einer Symphonie überkommen, wird er deren
Werth und Bedeutung nicht begründen, eben so wenig
kann er von den Affekten ausgehend den Kunstjünger
etwas lehren. Letzteres ist wichtig. Denn stünde der
Zusammenhang bestimmter Gefühle mit gewissen mu
sikalischen Ausdrucksweisen so zuverläßig da, als man
geneigt ist zu glauben, und als er dastehen müßte, um
die ihm vindizirte Bedeutung zu behaupten, so wäre
es ein Leichtes, den angehenden Komponisten bald zur
Höhe ergreifendster Kunstwirkung zu leiten. Man
wollte dies auch wirklich. Matheson lehrt im dritten
Diese an sich bodenlosen Regeln für die musikalische
Erweckung bestimmter Gefühle gehören jedoch um so
weniger in die Aesthestik, als die erstrebte Wirkung
keine rein ästhetische, sondern ein unausscheidbarer An
theil daran körperlich ist. Das ästhetische Rezept
müßte lehren, wie der Tonkünstler das Schöne in
der Musik erzeuge, nicht aber beliebige Affekte im
Auditorium. Wie ganz ohnmächtig diese Regeln wirk
lich sind, das zeigt am schönsten die Erwägung, wie
zaubermächtig sie sein müßten. Denn wäre die Ge
fühlswirkung jedes musikalischen Elementes eine noth
wendige und erforschbare, so könnte man auf dem Ge
müth des Hörers, wie auf einer Klaviatur spielen. Und
falls man es vermöchte, — würde die Aufgabe der
Kunst dadurch gelöst? So nur lautet die berechtigte
Frage und verneint sich von selbst. MusikalischeSchönheit allein ist das Ziel des Tonkünsters.
Auf ihren Schultern schreitet er sicher durch die reißen
den Wogen der Zeit, in denen das Gefühlsmoment
ihm keinen Strohhalm bietet vorm Ertrinken.
Man sieht, unsre beiden Fragen, — nämlich, wel
ches spezifische Moment die Gefühlswirkung durch
Musik auszeichnen, und ob dies Moment wesentlich
ästhetischer Natur sei? — erledigen sich durch
die Erkenntniß ein und desselben Faktors: Der in
tensiven Einwirkung auf das Nervensystem.
Auf dieser beruht die eigenthümliche Stärke und Un
mittelbarkeit, mit welcher die Musik im Vergleich mit
jeder andern nicht durch Töne wirkenden Kunst, Af
fekte aufzuregen vermag.
Je stärker aber eine Kunstwirkung körperlich über
wältigend, also pathologisch auftritt, desto geringer
ist ihr ästhetischer Antheil; ein Satz der
sich freilich nicht umkehren läßt. Es muß darum in
der musikalischen Hervorbringung und Auffassung ein
anderes Element hervorgehoben werden, welches das
unvermischt Aesthetische dieser Kunst repräsentirt, und
als Gegenbild zu der spezifisch-musikalischen Gefühls
erregung, sich den allgemeinen Schönheitsbedin
gungen der übrigen Künste annähert. Dies ist die
reine Anschauung. Ihre besondere Erscheinungs
form in der Tonkunst, so wie die vielgestaltigen Ver
hältnisse, welche sie in der Wirklichkeit zum Gefühls
leben eingeht, mag unser zweiter (zugleich letzte) Aufsatz
zu beleuchten versuchen.