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Maschinenlesbares Transkript von Dokumenten und Materialien zu Eduard Hanslicks Ästhetik-Traktat „Vom Musikalisch-Schönen“.
Nichts hat die wissenschaftliche Entwicklung der mu
sikalischen Aesthetik so empfindlich gehemmt, als der
übermäßige Werth, welchen man den Wirkungen der
Musik auf die Gefühle beilegte. Je auffallender sich
diese Wirkungen zeigten, desto höher pries man sie als
Herolde musikalischer Schönheit. Wir haben im Ge
gentheil gesehen, daß gerade den überwältigendsten Ein
drücken der Musik der stärkste Antheil körperlicher
Erregung von Seite des Hörers beigemischt ist. Von
Seite der Musik liegt diese heftige Eindringlichkeit in
das Nervensystem eben so wenig in ihrem künstle
rischen Moment, das ja aus dem Geiste kommt,
Halbwach in ihren Fauteuil geschmiegt, lassen jene
Enthusiasten von den Schwingungen der Töne sich tra
gen und schaukeln, statt sie scharfen Blickes zu betrach
ten. Wie das stark und stärker anschwillt, nachläßt,
aufjauchzt oder auszittert, das versetzt sie in einen un
bestimmten Empfindungszustand, den sie für rein gei
stig zu halten so unschuldig sind. Sie bilden das
„dankbarste“ Publikum, und dasjenige, welches geeig
net ist, die Würde der Musik am sichersten zu diskre
ditiren. Das ästhetische Merkmal des geistigen Ge
nusses geht ihrem Hören ab; eine feine Cigarre, ein
pikanter Leckerbissen, ein laues Bad leistet ihnen unbe
wußt, was eine Symphonie. Vom gedankenlos gemäch
lichen Dasitzen der Einen bis zur tollen Verzückung
der Andern ist das Prinzip dasselbe: die Lust am
Elementarischen der Musik. Die neue Zeit hat
übrigens eine herrliche Entdeckung gebracht, welche für
Hörer, die ohne alle Geistesbethätigung nur den Ge
fühlsniederschlag der Musik suchen, diese Kunst weit
überbietet. Wir meinen den Schwefeläther. In der
That zaubert uns die Aethernarkose einen höchst ange
nehmen, wachsenden, den ganzen Organismus süßtraum
haft durchbebenden Rausch, — ohne die Gemeinheit
des Weintrinkens, welches auch nicht ohne musikalische
Wirkung ist.
Die Werke der Tonkunst reihen sich für solche Auf
fassung zu den Naturprodukten, deren Genuß
uns entzücken, aber nicht zwingen kann zu denken,
einem bewußt schaffenden Geiste nach zu denken.
Der süße Athem eines Akazienbaums läßt sich auch
geschlossenen Auges, träumend einsaugen. Hervorbrin
gungen menschlichen Geistes verwehren das durchaus,
wenn sie nicht eben auf die Stufe sinnlicher Natur
reize herabsinken sollen.
In keiner andern Kunst ist dies so hohen Grades
möglich, als in der Musik, deren sinnliche Seite
einen geistlosen Genuß wenigstens zuläßt. Schon
das Verrauschen derselben, während die Werke der
übrigen Künste bleiben, gleicht in bedenklicher Weise
dem Akt des Verzehrens.
Ein Bild, eine Kirche, ein Drama lassen sich nicht
schlürfen, eine Arie sehr wohl. Darum gibt auch der
Genuß keiner andern Kunst sich zu solch accessorischem
Dienst her. Die besten Kompositionen können als Ta
felmusik gespielt werden und die Verdauung der
Aus diesen Betrachtungen ergibt sich leicht die rich
tige Werthschätzung für die sogenannten „morali
schen Wirkungen“ der Musik, die als glänzendes
Der drängende Gläubiger, der durch die Töne seines
Schuldners bewogen wird, ihm die ganze Summe zu
schenken
Wird von dem
u. v. A. erzählt (
A.
Ruhende, den ein Walzermotiv plötzlich zum Tanz be
geistert. Der Erstere wird mehr durch die geistigeren
Elemente: Harmonie und Melodie, der Zweite durch
den sinnlicheren Rhythmus bewegt. Keiner von Beiden
handelt aber aus freier Selbstbestimmung, keiner über
wältigt durch geistige Ueberlegenheit oder ethische
Schönheit, sondern in Folge befördernder Nervenreize.
Die Musik löst ihnen die Füße oder das Herz, gerade
so wie der Wein die Zunge. Solche Siege predigen
nur die Schwäche des Besiegten.
Ein Erleiden unmotivirter ziel- und stoffloser Af
fekte durch eine Macht, die in keinem Rapport zu un
serm Wollen und Denken steht, ist des Menschengeistes
unwürdig. Wenn vollends Menschen in so hohem Grade
von dem Elementarischen einer Kunst sich hinreißen
lassen, daß sie ihres freien Handelns nicht mehr mäch
tig sind, so scheint uns dies weder ein Ruhm für die
Kunst noch viel weniger für die Helden selbst.
Die Musik hat diese Bestimmung keineswegs, allein
ihr intensives Gefühlsmoment macht es möglich, daß
sie in solcher Tendenz genossen werde. Dies ist der
Punkt, in welchem die ältesten Anklagen gegen die
Tonkunst ihre Wurzel haben: daß sie entnerve, ver
weichliche, erschlaffe.
Wo man Musik als Erregungsmittel „unbestimmter
Affekte“ macht, als Nahrung des „Fühlens“ an sich,
da wird jener Vorwurf nur zu wahr.
verlangte, die Musik solle dem Mann „Feuer aus dem
Geiste schlagen.“ Wohlgemerkt, „soll.“ Ob nicht
selbst ein Feuer, das durch Musik erzeugt und ge
nährt wird, die willensstarke, denkkräftige Entwick
lung des Mannes hemmend zurückhält?
Jedenfalls scheint uns diese Anklage des musikali
schen Einflusses würdiger als dessen übermäßige Lob
preisung. Sowie die physischen Wirkungen der
Musik im geraden Verhältniß stehen zu der krankhaf
ten Gereiztheit des ihnen entgegenkommenden Nerven
systems, so wächst der moralische Einfluß der Töne
mit der Unkultur des Geistes und Charakters. Je
kleiner der Widerhalt der Bildung, desto gewaltiger
das Dreinschlagen solcher Macht. Die stärkste
Wirkung übt Musik bekanntlich auf
Wilde.
Das schreckt unsere Musik-Ethiker nicht ab. Sie
beginnen, gleichsam präludirend, am liebsten mit zahl
reichen Beispielen, „wie sogar die Thiere“ sich der
Macht der Tonkunst beugen. Es ist wahr, der Ruf
der Trompete erfüllt das Pferd mit Muth und Schlacht
begier, die Geige begeistert den Bären zu Balletver
suchen, die zarte Spinne
Interessant ist die Thatsache, daß man bisher
nicht im Stande war, an der Spinne ein
Gehörorgan zu entdecken. Sie empfindet wie
viele andere Thiere die Töne blos als Bebun
gen. — (Vergl.
Auf die Thierproduktionen folgen die menschlichen
Kabinetsstücke. Sie sind meist im Geschmack
der Timotheus zuerst wüthend gemacht, hierauf durch
Wären solche „moralische Wirkungen“ der Musik
noch an der Tagesordnung, so käme man unseres Er
achtens vor innerer Empörung gar nicht dazu, sich über
die Hexenmacht vernünftig auszusprechen, welche in
souverainer Exterritorialität den Menschengeist, unbe
kümmert um dessen Gedanken und Entschlüsse bezwingt
und verwirrt.
Die Betrachtung jedoch, daß die berühmtesten dieser
musikalischen Trophäen dem grauen Alterthum ange
hören, macht wohl geneigt, der Sache einen historischen
Standpunkt abzugewinnen.
Es leidet gar keinen Zweifel, daß die Musik bei
den alten Völkern eine weit unmittelbarere Wirkung
äußerte wie gegenwärtig, weil die Menschheit eben
in ihren primitiven Bildungsstufen dem Elementa
rischen viel verwandter und preisgegebener ist, als
Der Mangel an Harmonie, die Befangenheit der
Melodie in den engsten Grenzen rezitativischen Aus
drucks; endlich die Entwicklungsunfähigkeit des alten
Tonsystems zu wahrhaft musikalischem Gestaltenreich
thum machten eine absolute Bedeutung der Musik als
Tonkunst im ästhetischen Sinne unmöglich; sie ward
auch fast niemals selbstständig, sondern stets in Ver
bindung mit Poesie, Tanz und Mimik angewendet,
mithin als eine Ergänzung der andern Künste. Musik
hatte nur den Beruf durch rhythmischen Pulsschlag
und Verschiedenheit der Klangfarben zu beleben; end
lich als intensive Steigerung rezitirender Deklama
tion Worte und Gefühle zu kommentiren. Die Ton
Diese gesteigerten tonlichen Verhältnisse der Alten
fanden für ihren engen Kreis überdies eine viel größere
Empfänglichkeit in den Hörern vor. Wie das
chisch
zu fassen fähig war, als es das unsere in der schwe
benden Temperatur auferzogene ist, so war auch das
Gemüth jener Völker der wechselnden Umstimmung durch
Musik weit zugänglicher und begehrlicher, als wir, die
an dem künstlerischen Bilden der Tonkunst ein kontem
platives Gefallen hegen, das deren elementarischen Ein
fluß paralysirt. So erscheint denn eine intensivere Wir
kung der Musik im Alterthum wohl begreiflich.
Desgleichen ein bescheidener Theil der Historien, die
uns von der spezifischen Wirkung der verschiedenen Ton
arten bei den Alten überliefert sind. Sie gewinnen
Wir setzen jenem pathologischen Ergriffenwerden das
bewußte reine Anschauen eines Tonwerks entgegen.
Diese kontemplative ist die einzig künstlerische, wahre
Form des Hörens; ihr gegenüber fällt der rohe Af
fekt des Wilden und der schwärmende des Musikenthu
siasten in Eine Klasse. Dem Schönen entspricht ein
Genießen,
Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, wel
cher das Auffassen eines Tonwerks begleitet und zum
Genuße macht, wird am häufigsten übersehen. Es ist
die geistige Befriedigung, die der Hörer darin
findet, den Absichten des Komponisten fortwährend zu
folgen und voran zu eilen, sich in seinen Vermuthun
gen hier bestättigt, dort angenehm getäuscht zu finden.
Es versteht sich, daß dieses intellektuelle Hinüber- und
Herüberströmen, dieses fortwährende Geben und Em
pfangen, unbewußt und blitzvoll vor sich geht. Nur
solche Musik wird vollen künstlerischen Genuß bieten,
welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich
ein Nachdenken der Phantasie genannt wer
den könnte, hervorruft und lohnt. Ohne geistige Thä
tigkeit gibt es überhaupt keinen ästhetischen Genuß.
Der Musik aber ist diese Form von Geistes
thätigkeit darum vorzüglich eigen, weil ihre Werke
nicht unverrückbar und mit Einem Schlag dastehen,
sondern sich successiv am Hörer abspinnen, daher sie
von diesem kein, ein beliebiges Verweilen und Unter
brechen zulassendes Betrachten, sondern ein in schärf
ster Wachsamkeit unermüdliches Begleiten fordern.
Diese Begleitung kann bei verwickelten Kompositionen
sich bis zur geistigen Arbeit steigern. Wie viele ein
zelne Individuen, so können auch manche Na
tionen sich ihr nur sehr schwer unterziehen. Die sie
Das bei jedem Kunstgenuß nothwendige geistige
Moment wird sich bei mehreren Zuhörern desselben
Tonwerks in sehr verschiedener Abstufung thätig erwei
sen; es kann in sinnlichen und gefühlvollen Naturen
auf ein Minimum sinken, in vorherrschend geistigen
Persönlichkeiten das geradezu Entscheidende werden. Die
wahre „rechte Mitte“ muß sich, nach unserm Gefühl,
hier etwas nach rechts neigen. Zum Berauscht-werden
brauchts nur der Schwäche, aber es gibt eine Kunst
des Hörens.
Das Gefühlsschwelgen ist meist Sache jener Hörer,
welche für die künstlerische Auffassung des musika
lisch Schönen keine Ausbildung besitzen. Der Laie
Der Laie und Gefühlsmensch frägt gerne, ob eine
Musik lustig sei oder traurig? — Der Musiker, ob
sie gut sei oder schlecht? Dieser kurze Schlagschatten
weist deutlich, auf welch verschiedener Seiten beide
Parteien gegen die Sonne stehen.
Wenn wir sagten, daß unser ästhetisches Wohlge
fallen an einem Tonstück sich nach dessen künstlerischem
Werth richte, so hindert dies nicht, daß ein einfacher
Hornruf, ein Jodler im Gebirg uns zu größerem Ent
zücken aufrufen kann, als jede Beethoven’sche Sym
Die nothwendigste Forderung einer ästhetischen
Aufnahme der Musik ist aber, daß man ein Tonstück
um seiner selbst willen höre, welches es nun
immer sei und mit welcher Auffassung immer. Sobald
die Musik nur als Mittel angewandt wird, eine ge
wisse Stimmung in uns zu fördern, accessorisch, deko
rativ, da hört sie auf, als Kunst zu wirken. Das
Elementarische der Musik wird unendlich oft
mit der künstlerischen Schönheit derselben ver
wechselt, also ein Theil für das Ganze genommen,
und dadurch namenlose Verwirrung verursacht. Hundert
Aussprüche, die über „die Tonkunst“ gefällt werden,
gelten nicht von dieser, sondern von der sinnlichen Wir
kung ihres Materials.
Wenn Heinrich der Vierte bei
Eben so häufig als die elementarische Wirkung der
Musik, wird deren maßhaltendes, Ruhe und Bewegung,
Dissonanz und Konkordanz vermittelndes, allgemein
harmonisches Element mit der Tonkunst selbst verwech
selt. Bei dem gegenwärtigen Stand der Tonkunst und
der Philosophie dürfen wir uns im Interesse beider
die
auf alle Wissenschaft und Kunst, so wie auf die Bil
dung sämmtlicher Seelenkräfte nicht gestatten. Die be
rühmte Apologie der Tonkunst im „
Venedig
Tonkunst selbst mit dem sie beherrschenden Geist des
Wohlklangs, der Uebereinstimmung des Maßes. Man
könnte in ähnlichen Stellen ohne viel Aenderung statt
„Musik“ auch „Poesie,“ „Kunst,“ ja „Schönheit“ über
haupt setzen. Daß aus der Reihe der Künste gerade die
Musik hervorgeholt zu werden pflegt, verdankt sie der
zweideutigen Macht ihrer Popularität. Gleich die wei
teren Verse der angeführten Rede bezeugen dies, wo
die zähmende Wirkung der Töne auf Bestien sehr ge
rühmt wird, die Musik also wieder einmal als van
Die lehrreichsten Beispiele bieten Bettina’s „mu
Das Recht historischer Bildungen und poetischer
Freiheit halten wir in Ehren. Wir begreifen es, war
um Aristophanes in den „