--- name: historisch-gewachsene-altsysteme-due-diligence description: "Due Diligence historisch gewachsener bAV-Altsysteme im Konzern: Bestandsanalyse, Haftungsrisiken. Normen: §§ 2 6a EStG, BetrAVG. Prüfraster: Durchführungswege, ungedeckte Verpflichtungen, Altregelungen. Output: Due-Diligence-Bericht bAV-Altsysteme. Abgrenzung: nicht laufende Versorgungsverwaltung..." --- # Historisch Gewachsene Altsysteme — Due Diligence ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: BetrAVG § 1b Unverfallbarkeitsfrist 3 Jahre/21. Lebensjahr, § 16 Anpassungsprüfung 3 Jahre, EStG § 3 Nr. 63 Beitragsgrenze 8 % BBG, PSV-Beitrag jährlich. - Tragende Normen verifizieren: BetrAVG §§ 1, 1a, 1b, 2, 3, 7, 9, 11, 16, 17, 17b, 18, EStG §§ 3 Nr. 63, 4d, 4e, 6a, 19 Abs. 2, KStG § 5 (Pensionsfonds), VAG (Pensionskassen), HGB § 246 Abs. 2 S. 2, IDW RS HFA 30 — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Pensionskasse, Pensionsfonds, Versicherer, Versorgungsträger, PSVaG (Insolvenzsicherung), Versorgungsausgleichskasse, Betriebsrat (§ 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Versorgungsordnung, Pensionszusage, Entgeltumwandlungsvereinbarung, PSV-Anzeige, IFRS/HGB-Pensionsgutachten, versicherungsmathematisches Gutachten, Betriebsvereinbarung bAV — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Fachkern: Historisch Gewachsene Altsysteme — Due Diligence - **bAV-Problem:** Bestandsanalyse, Haftungsrisiken. Normen: §§ 2 6a EStG, BetrAVG. Prüfraster: Durchführungswege, ungedeckte Verpflichtungen, Altregelungen. Output: Due-Diligence-Bericht bAV-Altsysteme. Abgrenzung: nicht laufende Versorgungsverwaltung. - **Normenanker:** BetrAVG, EStG/LSt, SGB IV, HGB/IFRS-Bilanzierung, InsO, ArbGG und arbeitsrechtliche Zusage-/Änderungsdogmatik je nach Durchführungsweg prüfen. - **Entscheidende Weiche:** Zusageart, Durchführungsweg, Unverfallbarkeit, Anpassung, PSV-Schutz, Steuer-/SV-Folge und M&A-/Insolvenzrisiko getrennt ausweisen. - **Arbeitsprodukt:** bAV-Entscheidungsvorlage mit Leistungsversprechen, Zahlenbasis, Risikoampel, HR-/Finance-To-dos und belastbarer Kommunikationslinie. ## Rechtsgrundlagen - §§ 1–30g BetrAVG (vollständig anwendbar auf Altzusagen, soweit nach dem 22.12.1974 erteilt) - § 1b BetrAVG (Unverfallbarkeit — historische Fristen: bis 1999 fünf Jahre + Alter 35; ab 2001 fünf Jahre + Alter 30; seit 2018 drei Jahre + Alter 21) - § 30f BetrAVG (Übergangsregelungen — Schutz für Zusagen zwischen 1975 und 2001) - § 30g BetrAVG (Übergangsregelungen für Zusagen vor 1975 — Sonderregelungen) - Rechtsprechung live prüfen: Keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über amtliche oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. - BetrVG § 99 ff. (Mitbestimmung bei Personalmaßnahmen — Relevanz für historische Sonderzusagen leitende Angestellte) - § 6a EStG (Steuerliche Passivierungspflicht für Direktzusagen — auch Altzusagen) - Tarifverträge: Altersversorgungstarifvertrag ATV, ATV-K (öffentlicher Dienst); branchenspezifische Tarifverträge (chemische Industrie, Metall, Banken) ### Quellenregel Quellenregel: Keine Kommentar-, Handbuch- oder Aufsatzfundstellen aus Modellwissen; Literatur nur mit Nutzerquelle oder lizenziertem Live-Zugriff. ## Vorgehen ### Schritt 1: Inventory-Aufbau — Systematische Erfassung fachliche Leitung entwickelt für jeden Mandanten ein strukturiertes Inventory-System (Global Plan Inventory — auf Deutschland bezogen: Deutschland-Inventory). **Inventory-Dimensionen:** 1. **Zusage-Ebene:** - Zusagegeber (Gesellschaft, ggf. Muttergesellschaft als Schuldbeitrittspartnerin) - Zusagedatum (entscheidet über anwendbare Unverfallbarkeitsfristen) - Zusageart (Leistungs-, beitragsorientierte Leistungs-, Beitragszusage mit Mindestleistung) - Durchführungsweg - Kollektiv- oder Einzelzusage; Gesamtzusage; Betriebsvereinbarung 2. **Personenkreis:** - Aktive Anwärter (mit Zusagedatum, Eintrittsdatum, Geburtsdatum) - Rentner (Beginn, Leistungsart, monatliche Rente) - Unverfallbar Ausgeschiedene (Berechnungsdatum, Anwartschaftshöhe) - Sonderfälle: Vorstandsmitglieder, Geschäftsführer (außerhalb BetrAVG — eigenes Register) 3. **Leistungsarten:** - Altersrente (Regelaltersrente, vorgezogene Rente) - Invalidenrente (volle/teilweise Erwerbsminderung) - Hinterbliebenenversorgung (Witwenrente, Waisenrente) - Einmalleistungen (Kapitalabfindungen, Sterbegeld) 4. **Besonderheiten Altzusagen (1970er/1980er):** - Gesamtversorgungszusagen (Bruttolohn- oder Nettolohnabhängig) — besonders risikoreich bei Rentenreformen - Dynamische Rentenformeln (endgehaltsbezogen, Karrierekurven-Berechnungen) - Anrechnungsklauseln auf gesetzliche Rente: Wie werden Rentenreformen (Absenkung Rentenniveau) berücksichtigt? - Vorstandsversorgungsordnungen (Dienstvertrag-basiert) — steuerliche Pensionsrückstellungen nach § 6a EStG besonders prüfen ### Schritt 2: Altzusagen-Spezifika (1970er/1980er) **Typische Problemfelder bei Altzusagen der 1970er und 1980er:** #### Gesamtversorgungssystem Viele Unternehmen hatten bis in die 1990er Jahre Gesamtversorgungssysteme: Die Betriebsrente soll zusammen mit der gesetzlichen Rente ein bestimmtes Gesamtversorgungsniveau (z.B. 75 % des letzten Nettogehalts) erreichen. Durch die Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus steigt die Betriebsrente automatisch — latentes Risiko. #### Schriftformprobleme #### Versorgungstarifverträge In zahlreichen Branchen existieren Versorgungstarifverträge (chemische Industrie — ChemTV, Metalltarifverträge, Banken-TV, öffentlicher Dienst ATV/ATV-K). Diese binden tarifgebundene Arbeitgeber und sind durch Betriebsvereinbarung grundsätzlich nicht unterschreitbar (§ 4 Abs. 3 TVG — Günstigkeitsprinzip). Besonderer Prüfbedarf: - Tarifbindung des Mandanten? (Mitgliedschaft AG-Verband, Haus-TV) - Branchenspezifische TV: Eigene Systeme oft abweichend von §§ 1 ff. BetrAVG (z.B. eigene Unverfallbarkeitsfristen, eigene Anpassungsregelungen) #### Sonderzusagen Führungskräfte Leitende Angestellte (§ 5 Abs. 3 BetrVG) und Vorstände haben häufig individuelle Versorgungsvereinbarungen im Dienstvertrag. Diese sind zu inventarisieren und auf: 1. Schriftformkonformität (§ 6a EStG verlangt Schriftlichkeit für Steueranerkennung) 2. Benachteiligung anderer Arbeitnehmer (§ 4 Abs. 4 BetrAVG) 3. Steuerliche Unverfallbarkeit (§ 6a EStG Abs. 2 Nr. 3 — keine Pensions-Rückstellung bei unter drei Jahren Zusage) 4. Angemessenheit (verdeckte Gewinnausschüttung bei GmbH) ### Schritt 3: Risk Map fachliche Leitung erstellt eine Risk Map als zentrales Steuerungsdokument: **Risk Map — Dimensionen:** | Risikokategorie | Beschreibung | Einstufung (1-4) | Handlungsbedarf | |----------------|-------------|-----------------|----------------| | Gesamtversorgungsrisiko | Anrechnung gesetzliche Rente; Rentenreform-Sensitivität | [1 bis 4] | [sofort/mittelfristig/beobachten] | | Altzusagen ohne Dokumentation | Mündliche Zusagen; betriebliche Übung; Rekonstruktionsbedarf | [1 bis 4] | [...] | | Versorgungstarifverträge | Tarifbindung; Günstigkeitsvergleich; Differenzlohnansprüche | [1 bis 4] | [...] | | Sonderzusagen FK | Vollständigkeit; Steuerkonformität; Angemessenheit | [1 bis 4] | [...] | | Pensionskassen-Unterdeckung | Sanierungsbeiträge; Haftung Arbeitgeber | [1 bis 4] | [...] | | § 16-Compliance | Anpassungshistorie; unterlassene Anpassungen | [1 bis 4] | [...] | | Drei-Stufen-Compliance | Historische Eingriffe; potenzielle Klagen | [1 bis 4] | [...] | | Datenvollständigkeit | Lücken in Mitarbeiterstammdaten; fehlende Unterlagen | [1 bis 4] | [...] | Einstufung: 1 = kein Risiko, 2 = geringes Risiko, 3 = mittleres Risiko, 4 = hohes Risiko --- ## Templates ### Template 1: Inventory-Matrix Altzusagen (Grundstruktur) ``` INVENTORY-MATRIX BETRIEBLICHE ALTERSVERSORGUNG [Konzern Muster AG] — Stand: [Datum] Federführung: fachliche Leitung, bAV-Projektteam [Tabellenstruktur:] Nr. | Gesellschaft | Zusagetyp | Datum | Durchführungsweg | Anwärter | Rentner | DBO-IAS19 EUR | Risikoeinstufung ----|-------------|-----------|-------|-----------------|---------|---------|--------------|--------------- 1 | [Gesellschaft A] | Direktzusage VO 1978 Gesamtversorgung | 1.1.1978 | Direktzusage | [X] | [X] | [X] Mio. | 4 (Hoch) 2 | [Gesellschaft B] | Pensionskasse Branchenkonzern | 1.4.1985 | Pensionskasse | [X] | [X] | [X] Mio. | 3 (Mittel) 3 | [Gesellschaft C] | Direktversicherung Einzelzusage FK | 1.6.1990 | Direktversicherung | [X] | — | [X] Mio. | 2 (Gering) ``` ### Template 2: Checkliste Altzusagen-Audit (Due Diligence) ``` CHECKLISTE ALTZUSAGEN-AUDIT bAV-Projektteam · fachliche Leitung DOKUMENTATIONS-CHECK: □ Alle Versorgungsordnungen (einschl. Vorgängerversionen) vorhanden? □ Betriebsvereinbarungen mit BAV-Bezug vollständig erfasst? □ Dienstverträge leitende Angestellte und Vorstände mit Versorgungsregelungen? □ Mündliche Zusagen / betriebliche Übung: Zeugen, Protokolle, Schriftverkehr? □ Tarifverträge mit Versorgungsregelungen (alle Versionen seit Gründung)? □ Alle Änderungsvereinbarungen zu Versorgungsordnungen (Aktennotizen, Protokolle)? RECHTLICHE ANALYSE: □ Unverfallbarkeitsfristen korrekt angewendet (historische Fristen § 30f BetrAVG)? □ § 16-Anpassungshistorie vollständig und rechtmäßig dokumentiert? □ Gesamtversorgungsklauseln: Anrechnungsmechanismus bei Rentenreform analysiert? □ Tarifbindung aktuell und historisch gecheckt (TV-Ansprüche von Arbeitnehmern)? □ Sonderzusagen FK: § 6a EStG-Konformität (Schriftform, Alter bei Zusage, Erdienbarkeit)? □ Keine rechtswidrigen Eingriffe in Stufe-1-Positionen erkennbar? QUANTITATIVE PRÜFUNG: □ IAS 19-Gutachten aktuell (höchstens zwölf Monate alt)? □ Aktuarielle Annahmen plausibel (Diskontierungszins, Sterbetafeln DAV 2004 R)? □ HGB-Rückstellungen vollständig gebildet? □ PSV-Meldungen vollständig und korrekt? □ Pensionskassen-Funding-Status geprüft (§ 233 VAG)? ``` --- ## Fallstricke 1. **Gesamtversorgungsklauseln und Rentenabsenkung:** Bei Gesamtversorgungszusagen führt die Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus (Reformen seit 2001) zu automatisch steigenden Betriebsrenten. Dieser Mechanismus ist bilanziell oft unzureichend modelliert. 2. **Historische Unverfallbarkeitsfristen:** Bis zum 1.1.2001 galten fünf Jahre + Alter 35; ab 2001 fünf Jahre + Alter 30. Falsche Anwendung führt zu rechtswidrigem Anwartschaftsverfall — nachzuversteuernde Ansprüche ex-Arbeitnehmer. 3. **Betriebliche Übung Altzusagen:** Jahrzehntelange einheitliche Handhabung kann eine Versorgungszusage durch betriebliche Übung begründen — auch ohne formale VO oder BV. Insbesondere Weihnachtsgeldversprechen, Ruhegehaltszahlungen an frühere Mitarbeiter ohne formale Grundlage. 4. **§ 6a EStG — Erdienbarkeit:** Sonderzusagen an Vorstände/GF, die innerhalb der letzten zehn Jahre vor Regelaltersgrenze erteilt werden, sind steuerlich nicht rückstellungsfähig (mangelnde Erdienbarkeit gem. § 6a Abs. 2 Nr. 3 EStG). Altzusagen prüfen. --- ## Querverweise zu anderen Skills - → `harmonisierung-und-migration-rechtssicher` — Schritte nach dem Audit - → `drei-stufen-theorie-eingriffsanalyse` — historische Eingriffe bewerten - → `buyout-im-ma-deal-asset-vs-share` — Altsysteme im M&A-Kontext - → `versorgungsordnung-und-betriebsvereinbarung-drafting` — neue VO nach Bereinigung Altsystem