--- name: pension-buyout-strukturierung-und-de-risking description: "Pensionsbuyout und De-Risking strukturieren: Risikoauslagerung an Versicherungsunternehmen oder CTA. Normen: §§ 4 BetrAVG, VAG, IFRS. Prüfraster: Buyout-Voraussetzungen, Versicherungslösungen, Bilanzbereinigung. Output: Buyout-Strukturierungsmemo. Abgrenzung: nicht laufende Pensionsverwaltung im..." --- # Pension Buyout Strukturierung und De-Risking ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: BetrAVG § 1b Unverfallbarkeitsfrist 3 Jahre/21. Lebensjahr, § 16 Anpassungsprüfung 3 Jahre, EStG § 3 Nr. 63 Beitragsgrenze 8 % BBG, PSV-Beitrag jährlich. - Tragende Normen verifizieren: BetrAVG §§ 1, 1a, 1b, 2, 3, 7, 9, 11, 16, 17, 17b, 18, EStG §§ 3 Nr. 63, 4d, 4e, 6a, 19 Abs. 2, KStG § 5 (Pensionsfonds), VAG (Pensionskassen), HGB § 246 Abs. 2 S. 2, IDW RS HFA 30 — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Pensionskasse, Pensionsfonds, Versicherer, Versorgungsträger, PSVaG (Insolvenzsicherung), Versorgungsausgleichskasse, Betriebsrat (§ 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Versorgungsordnung, Pensionszusage, Entgeltumwandlungsvereinbarung, PSV-Anzeige, IFRS/HGB-Pensionsgutachten, versicherungsmathematisches Gutachten, Betriebsvereinbarung bAV — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Fachkern: Pension Buyout Strukturierung und De-Risking - **bAV-Problem:** Risikoauslagerung an Versicherungsunternehmen oder CTA. Normen: §§ 4 BetrAVG, VAG, IFRS. Prüfraster: Buyout-Voraussetzungen, Versicherungslösungen, Bilanzbereinigung. Output: Buyout-Strukturierungsmemo. Abgrenzung: nicht laufende Pensionsverwaltung. - **Normenanker:** BetrAVG, EStG/LSt, SGB IV, HGB/IFRS-Bilanzierung, InsO, ArbGG und arbeitsrechtliche Zusage-/Änderungsdogmatik je nach Durchführungsweg prüfen. - **Entscheidende Weiche:** Zusageart, Durchführungsweg, Unverfallbarkeit, Anpassung, PSV-Schutz, Steuer-/SV-Folge und M&A-/Insolvenzrisiko getrennt ausweisen. - **Arbeitsprodukt:** bAV-Entscheidungsvorlage mit Leistungsversprechen, Zahlenbasis, Risikoampel, HR-/Finance-To-dos und belastbarer Kommunikationslinie. ## Rechtsgrundlagen - §§ 236–242 VAG (Pensionsfonds; Genehmigung durch BaFin) - §§ 232–235 VAG (Pensionskassen; Genehmigungspflicht) - §§ 1, 4 BetrAVG (Portabilität und Übertragung; Zustimmungserfordernis Arbeitnehmer) - § 1 Abs. 1 S. 3 BetrAVG (Einstandspflicht des Arbeitgebers — verbleibende Subsidiärhaftung) - § 7 BetrAVG (PSV — verbleibende Absicherung) - VAG § 314 (Restrukturierung Versicherungsunternehmen — relevant bei Versicherer-Insolvenz) - Solvency II (RL 2009/138/EG) — Kapitalausstattung der Versicherungsunternehmen; relevant für Counterparty Risk - IORP II Art. 14 ff. (Portfolioübertragung auf EbAV cross-border) - IAS 19.8 (qualifying insurance policy als plan asset) - IAS 19.44–60 (Bilanztransfer bei plan amendments / settlements) - Rechtsprechung live prüfen: Keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über amtliche oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. --- ## Vorgehen ### Schritt 1: De-Risking-Strategie — Instrumentenauswahl fachliche Leitung stellt zunächst die drei klassischen De-Risking-Instrumente gegenüber: #### Buy-in **Definition:** Arbeitgeber bleibt Versorgungsschuldner; schließt aber eine Versicherung (Gruppenrentenversicherung) ab, die die Versicherungsleistungen exakt den Versorgungsansprüchen entsprechen lässt. Der Versicherungsvertrag ist plan asset (IAS 19.8). **Eigenschaft:** - Kein Rechtsübergang der Verpflichtung auf Versicherer - Arbeitgeber bleibt subsidiär haftend (§ 1 Abs. 1 S. 3 BetrAVG) - Plan asset-Saldierung nach IAS 19 möglich (qualifying insurance policy) - PSV-Pflicht bleibt grundsätzlich bestehen **Geeignet für:** Erste Stufe De-Risking; Rentner-Kollektiv (cleanest risk transfer) #### Buy-out (Vollständige Verpflichtungsablösung) **Definition:** Rechtsübergang der Versorgungsverpflichtung auf einen Versicherer (Pensionskasse, Lebensversicherer) mit vollständiger Enthaftung des Arbeitgebers. **Rechtliches Erfordernis:** § 4 Abs. 1 BetrAVG — bei Übertragung auf externen Versorgungsträger ist Zustimmung des Versorgungsberechtigten erforderlich, sofern Rechtsanspruch übergeht. Bei Direktversicherung und Pensionskasse: automatischer Rechtsübergang möglich (§ 4 Abs. 2 BetrAVG bei Einverständnis). **Eigenschaft:** - Vollständige Bilanzentlastung (HGB und IFRS) bei echter Enthaftung - IAS 19.99–101: Settlement-Buchung (Gewinn/Verlust aus Verpflichtungsablösung) - Regulatorische Genehmigung BaFin erforderlich bei Portfolioübertragung auf Pensionskasse/Pensionsfonds #### Longevity Swap **Definition:** Derivative Absicherung des Langlebigkeitsrisikos ohne Übergang der Verpflichtung; Arbeitgeber zahlt festgelegte Leistungen basierend auf erwarteten Sterblichkeitskurven; Swap-Partner (Bank oder Rückversicherer) zahlt tatsächliche Leistungen. **Eigenschaft:** - Kein Bilanzabgang (nur Hedge-Accounting-Frage unter IFRS 9/IAS 39) - Investitionsrisiko und Inflationsrisiko verbleiben beim Arbeitgeber - Counterparty Risk (Bonität des Swap-Partners) - Typischerweise OTC-Derivat; EMIR-Clearing-Pflicht prüfen ### Schritt 2: Versichererauswahl (marktüblicher Prozess) fachliche Leitung begleitet den Mandanten bei einem strukturierten Ausschreibungsverfahren (RFP — Request for Proposals). Ohne Nennung realer Versicherer gilt folgendes Prüfschema: **Auswahlkriterien:** 1. Solvency II-Bedeckungsquote (Solvency Capital Requirement — SCR-Quote; Mindest: 150 % empfohlen) 2. Bonität: mindestens BBB+ (S&P/Fitch) oder Aa3 (Moody's) für Langzeit-Engagement 3. Track Record: Erfahrung mit Gruppenrentenversicherungen vergleichbarer Größenordnung 4. Preisindikation: EUR-Prämiensatz auf DBO; ggf. Longevity Loading 5. Konditionen zum Counterparty Risk: Back-to-back Rückversicherung? Kapitalanlage-Transparenz? 6. BaFin-Lizenz und Genehmigungsstatus **RFP-Prozess:** 1. Long-List (vier bis sechs Anbieter) → Versand Information Memorandum 2. Indikative Angebote → Short-List (zwei bis drei Anbieter) 3. Due Diligence Daten-Raum (Versicherter Personenkreis, Sterbetafeln, Leistungsdaten) 4. Verbindliche Angebote → Verhandlung Term Sheet 5. Signing und Regulatory Filing (BaFin) ### Schritt 3: Regulatorische Genehmigung BaFin Bei Portfolioübertragung (Buy-out über Pensionskasse oder Pensionsfonds): - §§ 232–235 VAG (Pensionskasse): BaFin-Genehmigung der Übertragung gem. § 13 VAG (Bestandsübertragung) - §§ 236–242 VAG (Pensionsfonds): Analog - Verfahren: Antrag durch übernehmende/abgebende Einrichtung; BaFin-Prüfung ca. drei bis sechs Monate - Arbeitnehmer-Information (§ 234 Abs. 5 VAG): Berechtigte müssen über Übertragung informiert werden; Widerspruchsrecht prüfen --- ## Templates ### Template 1: Term Sheet Pension Buy-in (Muster) ``` TERM SHEET — PENSION BUY-IN Vertraulich — Entwurf Auftraggeber: [Konzern Muster AG], Düsseldorf Versicherer: [Versicherungsgesellschaft] Datum: [Datum] Beratung: bAV-Projektteam fachliche Leitung 1. GEGENSTAND Abschluss einer Gruppenrentenversicherung (Buy-in) zur Absicherung der Versorgungsansprüche des Rentner-Kollektivs der [Konzern Muster AG]. 2. VERSICHERTER PERSONENKREIS Alle Rentenempfänger per Stichtag [Datum]: [Anzahl] Personen Gesamte jährliche Rentenlast: EUR [Betrag] Hinterbliebenenversorgung: eingeschlossen / nicht eingeschlossen 3. LEISTUNGSUMFANG Versicherungsleistungen entsprechen 1:1 den Versorgungsansprüchen gem. Versorgungsordnung [Bezeichnung] in der Fassung vom [Datum]. Anpassungen gem. § 16 BetrAVG: [passthrough / eingeschlossen bis X% / nicht] 4. PRÄMIE Einmalprämie (Indikation): EUR [Betrag] Entspricht ca. [X]% der IAS 19 DBO des Rentner-Kollektivs (Longevity Loading: ca. [X]% über Best-Estimate) 5. LAUFZEIT UND KÜNDIGUNG Laufzeit: Lebenslange Rente bis zum Tod des letzten Berechtigten Vorzeitige Kündigung: nur mit Rückkaufswert-Vereinbarung; nicht vor [Jahr] 6. QUALIFYING INSURANCE POLICY (IAS 19) Beide Parteien bestätigen, dass der Buy-in die Anforderungen an eine qualifying insurance policy gem. IAS 19.8 erfüllt (ausschließliche Zweckbindung, Zahlungsausfallrisiko beim Versicherer, kein Zugriff Dritter). 7. SUBSIDIÄRHAFTUNG Arbeitgeber bleibt gem. § 1 Abs. 1 S. 3 BetrAVG subsidiär haftbar, sofern der Versicherer ausfällt. Dieses Restrisiko ist durch Solvency II-Kapitalanforderungen begrenzt. 8. WESENTLICHE CLOSING-BEDINGUNGEN □ BaFin-Genehmigung (sofern Portfolioübertragung) □ Zustimmung Betriebsrat (Information gem. § 87 BetrVG, soweit erforderlich) □ Aktualitätsbestätigung Sterbetafeln durch unabhängigen Aktuar □ Signing Gruppenversicherungsvertrag 9. GEPLANTER ZEITPLAN Indikation: [Datum] Due Diligence: [Datum] – [Datum] Verbindliches Angebot: [Datum] Signing: [Datum] Closing/Prämientransfer: [Datum] ``` ### Template 2: Checkliste Buy-out Due Diligence (Datenraum-Anforderungen) ``` DATENRAUM-ANFORDERUNGEN PENSION BUY-OUT bAV-Projektteam · fachliche Leitung A. VERSORGUNGSBERECHTIGTE □ Vollständige Bestandsliste (Name, Geburtsdatum, Rentenbeginn, monatliche Rente, Hinterbliebenen-Status) □ Sterbetafeln (zuletzt verwendete Grundtafeln — z.B. DAV 2004 R) □ Geschlechterverteilung, Altersstruktur □ Hinterbliebenen-Proportion (Verhältnis Witwen/Witwer zu Rentnern) B. LEISTUNGSDATEN □ Versorgungsordnung(en) mit allen Anlagen und Änderungen □ Anpassungshistorie (§ 16 BetrAVG, letzte zehn Jahre) □ Sonderzahlungen, Einmalleistungen (Kapitalwahlrechte) C. FINANZIELLE DATEN □ IAS 19-Gutachten letzter zwei Jahre (inkl. Annahmen) □ HGB-Rückstellungen letzter zwei Jahre □ PSV-Meldungen letzter zwei Jahre D. RECHTLICHE DOKUMENTATION □ Alle Versorgungsverträge (Einzel- und Kollektivzusagen) □ Betriebsvereinbarungen mit BAV-Bezug □ Etwaige Rechtsstreitigkeiten (laufend oder drohend) □ Sonstige Zusagen (Gesamtzusagen, Auswahlrichtlinien) ``` --- ## Fallstricke 1. **Subsidiärhaftung trotz Buy-out:** § 1 Abs. 1 S. 3 BetrAVG verbleibt beim Arbeitgeber — auch nach vollständigem Buy-out. Fällt der Versicherer aus, muss der Arbeitgeber leisten. Bei Solvency II-schwachen Versicherern oder Rückversicherern ist das kein theoretisches Risiko. 2. **Zustimmungserfordernis § 4 Abs. 1 BetrAVG:** Arbeitnehmer/Rentner müssen bei echtem Schuld-Transfer auf Versicherer zustimmen, sofern kein gesetzlich geregelter Transfer-Mechanismus greift. Ohne Zustimmung: nur Buy-in (kein Rechtsübergang). 3. **IAS 19 Settlement-Buchung:** Bei echtem Buy-out (Liability de-recognition) entsteht nach IAS 19.99 ein Settlement Gain/Loss — kann erheblich sein, je nach Verhältnis von Prämienzahlung zu DBO. Dies ist oft ein Überraschungseffekt im P&L. 4. Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. 5. **BaFin-Verfahrensdauer:** Portfolioübertragungen gem. § 13 VAG können drei bis sechs Monate dauern. Closing-Timelines in M&A-Kontexten müssen dies berücksichtigen. --- ## Querverweise zu anderen Skills - → `cta-contractual-trust-arrangement-strukturierung` — CTA als Vorstufe - → `psv-pensionssicherungsverein-und-haftungsketten` — PSV-Konsequenzen - → `buyout-im-ma-deal-asset-vs-share` — Buy-out im M&A-Kontext - → `internationale-buyout-datenflows-und-datenschutz` — Datenschutz bei Datenraum - → `drei-stufen-theorie-eingriffsanalyse` — Eingriff in Versorgungsrechte durch Ablösung ## Ergaenzende Rechtsprechung (v14.2)