--- name: cic-vorvertragliche-pflichten-schnittstelle description: "Klausurfall zu culpa in contrahendo nach §§ 280 Abs. 1 und 311 Abs. 2 BGB: Aufnahme von Vertragsverhandlungen, vorvertragliche Aufklärungs- und Schutzpflichten, Verschulden bei Vertragsschluss und Schadensersatz bei Abbruch oder Täuschung." --- # Culpa in contrahendo — Vorvertragliche Pflichten §§ 280 und 311 BGB ## Mandantenfall - Mandant hat auf Grund falscher Angaben des Vertragspartners in Verhandlungen einen nachteiligen Vertrag geschlossen — cic-Anspruch? - Verhandlungen wurden kurz vor Abschluss abgebrochen — kann Mandant Aufwendungsersatz fordern? - Klausurkonstellation: Aufklärungspflichtverletzung bei Grundstückskauf neben kaufrechtlichem Gewährleistungsanspruch. ## Erste Schritte 1. Schuldverhältnis nach § 311 Abs. 2 BGB: Aufnahme von Vertragsverhandlungen oder ähnlicher Geschäftskontakt? 2. Pflichtverletzung bestimmen: Aufklärungspflichtverletzung, Täuschung, Abbruch ohne triftigen Grund? 3. Verschulden des Schuldners nach § 276 BGB (Vorsatz oder Fahrlässigkeit). 4. Schaden: Welche Aufwendungen hat der Gläubiger im Vertrauen auf Vertragsschluss gemacht? 5. Kausalität: Hätte der Gläubiger bei ordnungsgemäßer Aufklärung anders gehandelt? 6. Schadensersatz: negatives Interesse (Vertrauensschaden), nicht positives Interesse (Erfüllungsschaden). ## Rechtsrahmen - § 311 Abs. 2 BGB: Schuldverhältnis durch Aufnahme von Vertragsverhandlungen. - § 311 Abs. 3 BGB: Schuldverhältnis mit Dritten, die besonderes Vertrauen in Anspruch nehmen. - § 280 Abs. 1 BGB: Schadensersatz wegen Pflichtverletzung des Schuldverhältnisses. - § 241 Abs. 2 BGB: Schutz- und Rücksichtspflichten im Schuldverhältnis. - § 123 BGB: arglistige Täuschung — cic tritt neben Anfechtungsrecht. - § 249 BGB: Schadensersatz in Natur oder Geldersatz. ## Prüfraster 1. Vorvertragliches Schuldverhältnis nach § 311 Abs. 2 BGB entstanden? 2. Welche Pflicht nach § 241 Abs. 2 BGB wurde verletzt (Aufklärung, Schutz, Rücksicht)? 3. Verschulden: Vorsatz oder Fahrlässigkeit des Schuldners? 4. Schaden: Vertrauensschaden (Aufwendungen, entgangene Alternativgeschäfte)? 5. Kausalität zwischen Pflichtverletzung und Schaden? 6. Verhältnis zu § 123 BGB: cic und Anfechtung nebeneinander möglich? 7. Abbruch der Verhandlungen: triftiger Grund oder treuwidriger Abbruch? ## Typische Fallstricke - cic ist kein Ersatz für kaufrechtliche Gewährleistung — Anspruchskonkurrenz klären. - Vertrauensschaden umfasst nur negatives Interesse, nicht das Erfüllungsinteresse. - § 311 Abs. 3 BGB erfordert besondere Vertrauensinanspruchnahme eines Dritten. - Abbruch von Vertragsverhandlungen ist grundsätzlich erlaubt — nur treuwidriger Abbruch begründet cic. ## Quellen - [§ 311 BGB — gesetze-im-internet.de](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__311.html) - [§ 280 BGB — gesetze-im-internet.de](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__280.html) - [§ 241 BGB — gesetze-im-internet.de](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__241.html) - [dejure.org § 311 BGB](https://dejure.org/gesetze/BGB/311.html) - [dejure.org § 280 BGB](https://dejure.org/gesetze/BGB/280.html) ## Vertiefung ### Systematik der cic Die culpa in contrahendo (§§ 311 Abs. 2 und 241 Abs. 2 BGB) begründet ein vorvertragliches Schuldverhältnis. Verletzt ein Beteiligter seine Rücksichtspflichten (§ 241 Abs. 2 BGB) bei Vertragsanbahnung, entsteht ein Schadensersatzanspruch nach § 280 Abs. 1 BGB. ### Hauptfälle der cic (1) Abbruch von Vertragsverhandlungen ohne triftigen Grund nach weit fortgeschrittenem Stadium, (2) Pflichtverletzung durch fehlerhafte vorvertragliche Aufklärung, (3) Verletzung von Schutzpflichten bei Anbahnung (Körperschäden im Geschäft des Vertragspartners). ### Klausur-Checkliste cic - Vorvertragliches Schuldverhältnis nach § 311 Abs. 2 BGB begründet? - Pflichtverletzung nach § 241 Abs. 2 BGB konkret benannt? - Verschulden des Schädigers nach § 276 BGB (Fahrlässigkeit ausreichend)? - Schaden: negatives oder positives Interesse — was verlangt der Geschädigte? - Abgrenzung zur Anfechtung nach § 123 BGB: Beide Wege möglich?