--- name: invitatio-ad-offerendum-und-werbung description: "Klausurfall zur Abgrenzung von Angebot und invitatio ad offerendum nach §§ 145 bis 147 BGB: Werbung im Schaufenster und Online-Shop als bloße Aufforderung zur Angebotsabgabe, verbindliche Preisauszeichnung, automatisierte Bestellbestätigung. Output: Subsumtionsraster und Gutachtenstil." --- # Invitatio ad offerendum und Werbung — Angebot oder Aufforderung? ## Mandantenfall - Online-Shop listet Artikel für 1 € statt 100 € — Preisfehler: Ist die Preisangabe ein verbindliches Angebot? - Schaufensterwerbung mit Preisschild: Kunde fordert Verkauf zum angezeigten Preis — Angebot oder invitatio? - Klausurkonstellation: Katalogversand eines Händlers enthält konkrete Mengen- und Preisangaben — Bindungswirkung? ## Erste Schritte 1. Willenserklärung des Werbenden prüfen: Enthält die Werbung alle wesentlichen Vertragsbestandteile (essentialia negotii)? 2. Rechtsbindungswille: Wollte der Erklärende sich verbindlich binden oder nur zur Angebotsabgabe auffordern? 3. Auslegung nach §§ 133 und 157 BGB: Empfängerhorizont eines objektiven Dritten anlegen. 4. Lagerbestand und Kapazitätsgrenzen: Kann ein Anbieter bei Massengeschäften an unbegrenzt viele Kunden gebunden sein? 5. Automatisierte Bestellbestätigung: Ist sie Annahme oder nur Eingangsbestätigung? 6. Rechtsfolge: Vertragsschluss oder Anfechtung wegen Irrtums (§ 119 Abs. 1 BGB) bei Preisfehler. ## Rechtsrahmen - § 145 BGB: Antrag — Bindungswirkung für den Antragenden. - § 147 BGB: Annahmefrist unter Anwesenden und Abwesenden. - §§ 133 und 157 BGB: Auslegung von Willenserklärungen und Verträgen nach Treu und Glauben. - § 119 Abs. 1 BGB: Irrtumsanfechtung wegen Inhalts- oder Erklärungsirrtum bei Preisfehler. - § 122 BGB: Schadensersatzpflicht des Anfechtenden gegenüber dem gutgläubigen Empfänger. ## Prüfraster 1. Enthält die Werbung alle wesentlichen Vertragsbestandteile (Ware, Preis, Menge)? 2. Rechtsbindungswille nach objektivem Empfängerhorizont bejaht oder verneint? 3. Handelt es sich um ein Massengeschäft ohne feste Mengenbegrenzung (typisch invitatio)? 4. Automatisierte Bestellbestätigung: Rechtsfolge Annahme oder nur Zugangsbestätigung? 5. Bei Preisfehler: Voraussetzungen der Irrtumsanfechtung § 119 Abs. 1 BGB prüfen. 6. Schadensersatz aus § 122 BGB: positives oder negatives Interesse des Empfängers? 7. Sonderproblem Online-Auktionen: §§ 156 und 312 ff. BGB beachten. ## Typische Fallstricke - Schaufensterwerbung ist in Deutschland grundsätzlich invitatio, nicht Angebot — häufiger Klausurfehler. - Automatisierte Eingangsbestätigungen im Online-Handel sind keine Annahmeerklärung. - Preisfehler-Anfechtung nach § 119 Abs. 1 BGB erfordert unverzügliche Erklärung (§ 121 BGB). - § 122 BGB schützt den Empfänger: Anfechtender haftet auf das negative Interesse. ## Quellen - [§ 145 BGB — gesetze-im-internet.de](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__145.html) - [§ 119 BGB — gesetze-im-internet.de](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__119.html) - [§ 122 BGB — gesetze-im-internet.de](https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__122.html) - [dejure.org § 145 BGB](https://dejure.org/gesetze/BGB/145.html) - [dejure.org § 157 BGB](https://dejure.org/gesetze/BGB/157.html) ## Vertiefung ### Wirtschaftliche Bedeutung der Abgrenzung Die Abgrenzung von Angebot und invitatio ad offerendum hat erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen: Wäre jede Preisauszeichnung ein verbindliches Angebot, wäre der Einzelhändler an jeden Preis gebunden, auch bei Schreibfehlern. Deshalb ist die Schaufensterwerbung in Deutschland grundsätzlich invitatio. ### Internet-Preisfehler in der Praxis BGH-Rechtsprechung zu Preisfehlern im Internet: Das Einstellen eines Artikels im Online-Shop ist in der Regel eine invitatio. Die Bestellung des Kunden ist das Angebot. Die Bestellbestätigung kann Annahme sein — hier kommt es auf die konkrete Formulierung an. ### Klausur-Checkliste invitatio - Alle essentialia negotii in der Werbung enthalten? - Rechtsbindungswille nach objektivem Empfängerhorizont? - Massengeschäft ohne Mengenbegrenzung typischerweise invitatio? - Automatisierte Bestellbestätigung: Annahme oder nur Eingangsbestätigung? - Preisfehler: Anfechtung nach § 119 Abs. 1 BGB — unverzüglich nach § 121 BGB?