--- name: bgb-1900-und-soziale-frage description: "Deutsche Rechtsgeschichte: BGB 1900 und die soziale Frage. Kritik von Anton Menger und Otto von Gierke, fehlender Arbeitnehmerschutz im BGB, Mieterrecht und spaetere soziale Ausformung durch Rechtsprechung und Sondergesetze im Deutsche Rechtsgeschichte." --- # BGB 1900 und die soziale Frage ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: historisch — Verjährung nach jeweiliger Quelle; heutige Relevanz über Art. 184 ff. EGBGB und Auslegungshilfe für Grundrechtsverständnis. - Tragende Normen verifizieren: Sachsenspiegel, Schwabenspiegel, Carolina (CCC 1532), Preußisches ALR 1794, Code civil (1804), Sächsisches BGB 1865, BGB 1900, WRV 1919, GG 1949; rechtshistorische Quellen MGH, Constitutiones — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Rechtshistoriker, Quelleneditionen, Lehrstühle für deutsche Rechtsgeschichte, Verfassungsrechtler (Auslegungshintergrund), Restitutionsverfahren mit historischem Anker. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Quellenedition, rechtshistorisches Gutachten, Vorlesungsskript, dogmenhistorischer Aufsatz, Verfassungsentstehungsgeschichte — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Worum es geht Das BGB 1900 war auf formaler Gleichheit und Vertragsfreiheit aufgebaut, ohne die realen Machtungleichgewichte zu beruecksichtigen. Anton Mengers Das buergerliche Recht und die besitzlosen Volksklassen (1890) analysierte dies scharf: Das BGB schuetze Eigentuemer und Kreditgeber, nicht Mieter und Arbeitnehmer. Otto von Gierke kritisierte den fehlenden deutschen Genossenschaftsgeist. Die soziale Luecke wurde durch Sondergesetze gefuellt: Gewerbegerichtsgesetz 1890, BGB-Ergaenzungen durch Arbeitnehmerrecht, Mieterschutz im Ersten Weltkrieg. Die Rechtsprechung nutzte BGB § 242 (Treu und Glauben) als Korrektiv. Das 20. Jh. brachte schliesslich Arbeitnehmerschutzrecht (BetrVG, KSchG), Mieterschutz (BGB §§ 535 ff.), und Verbraucherschutz. ## Kernnormen / Kernquellen - **BGB § 242**: Treu und Glauben, sozialrechtliches Korrektivinstrument - **BGB § 618**: Fuersorgepflicht des Arbeitgebers (1900 bereits im BGB) - **Gewerbegerichtsgesetz 1890 (RGBl. 1890, 141)**: Arbeitsgerichtliche Vorlaeufernorm - **Mieterschutzverordnung 1917**: Erster staatlicher Mietschutz im Weltkrieg - **KSchG 1951 (BGBl. I 1951, 499)**: Kuendigungsschutzgesetz als BGB-Ergaenzung ## Akteure und Institutionen - **Anton Menger** (1841-1906): Sozialkritiker des BGB - **Otto von Gierke** (1841-1921): Deutschrechtliche und soziale BGB-Kritik - **Reichsgericht (RG)**: Nutzung von § 242 als Sozialkorrektur - **Weimarer Arbeitsbewegung**: Treiber für Arbeitnehmerschutzgesetze ## Typische Streitfragen / Forschungsfragen 1. War das BGB 1900 bewusst "arbeitgeberfreundlich" oder einfach neutral nach damaligem Verstaendnis? 2. § 242 BGB: Hat das RG damit die sozialen Luecken sinnvoll geschlossen? 3. Mieterschutz: Warum erst 1917? War Krieg als Anlass notwendig? 4. BetrVG 1952/1972: Welcher Teil der Sozialkritik ist ins Gesetz eingegangen? 5. Verbraucherschutz ab 1970er: Laesst sich das als Fortsetzung der Menger-Forderungen lesen? ## Methodik - Menger Das buergerliche Recht (1890): Erstausgabe zitieren - BGB § 242 und § 618: gesetze-im-internet.de; historisch Mugdan Bd. II - KSchG: gesetze-im-internet.de - Sekundaerliteratur: Knut Wolfgang Noerr, Privatrechtsgeschichte der Weimarer Republik