--- name: neu-002-rheinisches-recht-gerichtsverfassung-und-notariat description: "Deutsche Rechtsgeschichte: Rheinisches Recht Gerichtsverfassung und Notariat im Deutsche Rechtsgeschichte." --- # Deutsche Rechtsgeschichte: 002 Rheinisches Recht Gerichtsverfassung Und Notariat ## Historische Quellenanker Vor einer rechtlichen Schlussfolgerung diese Anker am aktuellen Normtext prüfen; Spezial- und Landesrecht nur hinzunehmen, wenn es den konkreten Auftrag traegt: - `Art. 20 Abs. 3 GG` — rechtsstaatlicher Gegenwartsanker. - `Art. 1 Abs. 1 GG` — Menschenwuerde als Zäsur- und Kontinuitaetsmassstab. - `Art. 123 Abs. 1 GG` — Fortgeltung vorkonstitutionellen Rechts. - `Art. 125 GG` — Fortgeltung als Bundesrecht. - `Art. 126 GG` — Meinungsverschiedenheiten ueber Fortgeltung. - `Art. 20 Einigungsvertrag` — öffentlicher Dienst und Rechtsuebergang. - `Art. 21 Einigungsvertrag` — Verwaltungsvermögen. - `Art. 22 Einigungsvertrag` — Finanzvermoegen. - `§ 1 VermG` — Anwendungsbereich Vermögensgesetz. - `§ 3 VermG` — Rückübertragung. Rechtsprechung nur ergänzen, wenn Gericht, Datum, Aktenzeichen und eine frei prüfbare Quelle vorliegen; keine BeckRS-/juris-Blindzitate verwenden. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: historisch — Verjährung nach jeweiliger Quelle; heutige Relevanz über Art. 184 ff. EGBGB und Auslegungshilfe für Grundrechtsverständnis. - Tragende Normen verifizieren: Sachsenspiegel, Schwabenspiegel, Carolina (CCC 1532), Preußisches ALR 1794, Code civil (1804), Sächsisches BGB 1865, BGB 1900, WRV 1919, GG 1949; rechtshistorische Quellen MGH, Constitutiones — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Rechtshistoriker, Quelleneditionen, Lehrstühle für deutsche Rechtsgeschichte, Verfassungsrechtler (Auslegungshintergrund), Restitutionsverfahren mit historischem Anker. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Quellenedition, rechtshistorisches Gutachten, Vorlesungsskript, dogmenhistorischer Aufsatz, Verfassungsentstehungsgeschichte — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Gerichtsverfassung im Rheinland - **Tribunal de premiere instance** in jedem Arrondissement. - **Cour d'Appel** in Köln (gegruendet 1819 als Rheinischer Appellationsgerichtshof). - **Cour de Cassation** in Berlin als Revisionsinstanz für rheinisches Recht (Sondersenat). - **Friedensgerichte** (Justices de paix) als unterste Instanz. - **Notariat** als selbststaendiger Berufstand neben dem Anwalt (anders als Preussen mit Anwaltsnotariat). ## Reichsjustizgesetze 1877/79 - **Gerichtsverfassungsgesetz 27.01.1877**. - **Zivilprozessordnung 30.01.1877**. - **Strafprozessordnung 01.02.1877**. - **Konkursordnung 10.02.1877**. Inkrafttreten zum **01.10.1879** — Vereinheitlichung des Verfahrensrechts; rheinische Sonderregeln entfallen. ## Notariat - Anders als preussisches Anwaltsnotariat: rheinische Notare sind hauptberufliche Beurkunder. - Bestellung auf Lebenszeit durch Justizministerium. - Beurkundung von Vertraegen, Testamenten, Erbteilungen, Grundstuecksgeschaeften. - Aufbewahrung der Urkunden in einem zentralen Archiv ("minutes notariales"). ## Heutige Fortwirkung - Notarielle Beurkundungs- und Tradition. - Im NRW (Rheinland) Nurnotariat statt Anwaltsnotariat (anders als andere Bundeslaender mit gemischtem System). - BNotO 1961. ## Subsumtionsbeispiel: Erbschaftsstreit Koeln 1850 Erbschaft aus Köln; Erbteilung durch Notar. - Rheinisches Recht: Code civil + Sondernotariat; Notar fertigt acte de partage; alle Erben unterschreiben. - ALR (Vergleich): Erbteilung beim Gericht (kein Notarmonopol). - BGB heute: Erbauseinandersetzung kann notariell oder privatschriftlich erfolgen.