--- name: rechtstatsachen-und-sozialgeschichte description: "Deutsche Rechtsgeschichte: Rechtstatsachen und Sozialgeschichte des Rechts. Eugen Ehrlichs lebendes Recht, Rechtstatsachenforschung, soziologische Rechtswissenschaft und Recht in der Alltagspraxis im Deutsche Rechtsgeschichte." --- # Rechtstatsachen und Sozialgeschichte des Rechts ## Historische Quellenanker Vor einer rechtlichen Schlussfolgerung diese Anker am aktuellen Normtext prüfen; Spezial- und Landesrecht nur hinzunehmen, wenn es den konkreten Auftrag traegt: - `Art. 20 Abs. 3 GG` — rechtsstaatlicher Gegenwartsanker. - `Art. 1 Abs. 1 GG` — Menschenwuerde als Zäsur- und Kontinuitaetsmassstab. - `Art. 123 Abs. 1 GG` — Fortgeltung vorkonstitutionellen Rechts. - `Art. 125 GG` — Fortgeltung als Bundesrecht. - `Art. 126 GG` — Meinungsverschiedenheiten ueber Fortgeltung. - `Art. 20 Einigungsvertrag` — öffentlicher Dienst und Rechtsuebergang. - `Art. 21 Einigungsvertrag` — Verwaltungsvermögen. - `Art. 22 Einigungsvertrag` — Finanzvermoegen. - `§ 1 VermG` — Anwendungsbereich Vermögensgesetz. - `§ 3 VermG` — Rückübertragung. Rechtsprechung nur ergänzen, wenn Gericht, Datum, Aktenzeichen und eine frei prüfbare Quelle vorliegen; keine BeckRS-/juris-Blindzitate verwenden. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: historisch — Verjährung nach jeweiliger Quelle; heutige Relevanz über Art. 184 ff. EGBGB und Auslegungshilfe für Grundrechtsverständnis. - Tragende Normen verifizieren: Sachsenspiegel, Schwabenspiegel, Carolina (CCC 1532), Preußisches ALR 1794, Code civil (1804), Sächsisches BGB 1865, BGB 1900, WRV 1919, GG 1949; rechtshistorische Quellen MGH, Constitutiones — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Rechtshistoriker, Quelleneditionen, Lehrstühle für deutsche Rechtsgeschichte, Verfassungsrechtler (Auslegungshintergrund), Restitutionsverfahren mit historischem Anker. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Quellenedition, rechtshistorisches Gutachten, Vorlesungsskript, dogmenhistorischer Aufsatz, Verfassungsentstehungsgeschichte — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Worum es geht Rechtstatsachen sind die empirischen Befunde der Rechtswirklichkeit: Wie wird Recht tatsaechlich angewendet? Eugen Ehrlich (Grundlegung der Soziologie des Rechts, 1913) unterschied lebendes Recht (tatsaechlich gelebte Regeln) von Buchrecht (kodifiziertes Recht). Rechtstatsachenforschung ist empirische Untersuchung der Rechtspraxis. Die Sozialgeschichte des Rechts verbindet Rechtsgeschichte mit Gesellschaftsgeschichte: Wem nutzte das Recht, wem schadete es? Klassische sozialgeschichtliche Themen: BGB und Eigentuemerschutz, Mietrecht und Wohnungsnot, Strafrecht und Klassengesellschaft. Marc Bloch und die Annales-Schule inspirierten sozialgeschichtliche Rechtsgeschichte in Deutschland (Dieter Simon, Klaudia Lohwasser). ## Kernnormen / Kernquellen - **Ehrlich, Grundlegung der Soziologie des Rechts** (1913): Theorie des lebenden Rechts - **BGB §§ 535 ff.** (1900 a.F.): Mietrecht als soziales Problem - **GewO § 152** (1869): Koalitionsfreiheit und soziale Realitaet - **Statistisches Bundesamt**: Rechtstatsaechliche Grunddaten (Gerichtsentscheidungen, Vertragsstreit) - **BGH-Statistiken**: Rechtstatsaechliche Auswertung der Rechtsprechung ## Akteure und Institutionen - **Eugen Ehrlich** (1862-1922): Begruender der Rechtssoziologie - **Roscoe Pound** (1870-1964): Soziological Jurisprudence (USA), Parallelentwicklung - **Fritz Redlich** (1892-1978): Wirtschaftsgeschichte und Rechtsgeschichte - **Dieter Simon** (*1935): Deutsche Rechtstatsachenforschung ## Typische Streitfragen / Forschungsfragen 1. Lebendes Recht vs. Buchrecht: Ist das eine sinnvolle Unterscheidung? 2. Sozialgeschichte des Rechts: Wie vermeide ich Projektionen moderner Kategorien? 3. Quantitative Rechtsgeschichte: Sind Gerichtsstatistiken verlaeessliche Quellen? 4. BGB als Klassenrecht: War Mengers Sozialkritik richtig oder polemisch? 5. Rechtstatsaechenforschung: Ist sie Rechtswissenschaft oder Soziologie? ## Methodik - Ehrlich 1913: Erstausgabe (Muenchen/Leipzig), Seite angeben - Sozialgeschichtliche Methode: Quellenkritik empirischer Rechtsquellen (Statistiken, Protokolle) - Anachronismus-Vermeidung: Keine modernen Konzepte (z. B. Arbeitnehmerbegriff) in 1900-Quellen - Kombination: Normquellen und empirische Quellen (Gerichtsprotokolle, Notariatsakten)