--- name: sondergerichte-und-justizgeschichte description: "Deutsche Rechtsgeschichte: Sondergerichte und NS-Justizgeschichte. Volksgerichtshof, Sondergerichte 1933, Kriegsgerichtsbarkeit, NS-Richter nach 1945 und Aufarbeitung durch Ingo Mueller im Deutsche Rechtsgeschichte." --- # Sondergerichte und NS-Justizgeschichte ## Historische Quellenanker Vor einer rechtlichen Schlussfolgerung diese Anker am aktuellen Normtext prüfen; Spezial- und Landesrecht nur hinzunehmen, wenn es den konkreten Auftrag traegt: - `Art. 20 Abs. 3 GG` — rechtsstaatlicher Gegenwartsanker. - `Art. 1 Abs. 1 GG` — Menschenwuerde als Zäsur- und Kontinuitaetsmassstab. - `Art. 123 Abs. 1 GG` — Fortgeltung vorkonstitutionellen Rechts. - `Art. 125 GG` — Fortgeltung als Bundesrecht. - `Art. 126 GG` — Meinungsverschiedenheiten ueber Fortgeltung. - `Art. 20 Einigungsvertrag` — öffentlicher Dienst und Rechtsuebergang. - `Art. 21 Einigungsvertrag` — Verwaltungsvermögen. - `Art. 22 Einigungsvertrag` — Finanzvermoegen. - `§ 1 VermG` — Anwendungsbereich Vermögensgesetz. - `§ 3 VermG` — Rückübertragung. Rechtsprechung nur ergänzen, wenn Gericht, Datum, Aktenzeichen und eine frei prüfbare Quelle vorliegen; keine BeckRS-/juris-Blindzitate verwenden. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: historisch — Verjährung nach jeweiliger Quelle; heutige Relevanz über Art. 184 ff. EGBGB und Auslegungshilfe für Grundrechtsverständnis. - Tragende Normen verifizieren: Sachsenspiegel, Schwabenspiegel, Carolina (CCC 1532), Preußisches ALR 1794, Code civil (1804), Sächsisches BGB 1865, BGB 1900, WRV 1919, GG 1949; rechtshistorische Quellen MGH, Constitutiones — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Rechtshistoriker, Quelleneditionen, Lehrstühle für deutsche Rechtsgeschichte, Verfassungsrechtler (Auslegungshintergrund), Restitutionsverfahren mit historischem Anker. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Quellenedition, rechtshistorisches Gutachten, Vorlesungsskript, dogmenhistorischer Aufsatz, Verfassungsentstehungsgeschichte — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Worum es geht Das NS-Regime schuf ein paralleles Gerichtssystem neben der ordentlichen Gerichtsbarkeit. Die Sondergerichte (Verordnung vom 21. Maerz 1933, RGBl. I 1933, 136) urteilten schnell und ohne volle Prozessgarantien ueber politische Delikte. Der Volksgerichtshof (VGH, geschaffen 1934 nach dem Reichstagsbrandprozess) war für Hochverrat und Landesverrat zuständig. Roland Freisler als VGH-Praesident (ab 1942) wurde zur personifizierten NS-Justiz. Kriegsgerichte vollstreckten Todesurteile schnell. Nach 1945 amtierten viele NS-Richter weiter. Ingo Mueller analysierte dies in Furchtbare Juristen (1987). ## Kernnormen / Kernquellen - **Verordnung ueber Sondergerichte 1933 (RGBl. I 1933, 136)**: Gruendung der Sondergerichte - **Volksgerichtshofgesetz 1934 (RGBl. I 1934, 341)**: Gruendung des Volksgerichtshofs - **Kriegsstrafverfahrensordnung 1939 (RGBl. I 1939, 1457)**: Kriegsgericht-Grundlage - **Heimtueckegesetz 1934 (RGBl. I 1934, 1269)**: Straftatbestand für Kritik an NS - **NS-Aufhebungsgesetz 1998 (BGBl. I 1998, 2501)**: Nachtraegliche Aufhebung von NS-Strafurteilen ## Akteure und Institutionen - **Roland Freisler** (1893-1945): VGH-Praesident, Symbol NS-Justizterror - **Otto Thierack** (1889-1946): Reichsjustizminister, verantwortlich für NS-Strafrecht - **Bundesjustizminister** 1959-1978: Weitgehende Nichtaufarbeitung NS-Richterkontinuitaet - **Ingo Mueller** (*1940): Furchtbare Juristen (1987), wissenschaftliche Aufarbeitung ## Typische Streitfragen / Forschungsfragen 1. War der Volksgerichtshof ein Gericht oder ein politisches Tribunal? 2. Legalitaet der Sondergerichte 1933: Hatten sie eine formell gueltige Rechtsgrundlage? 3. Weiterwirken NS-Richter: Wer prueft heute Urteile auf NS-Hintergrund? 4. NS-Aufhebungsgesetz 1998: Warum dauerte es so lange? 5. Sondergerichts-Tradition: Gibt es problematische Weiterungen in heutigen Schnellverfahren? ## Methodik - Sondergerichtsverordnung 1933: RGBl. I 1933, 136 via ALEX/OeNB - VGH-Urteile: Bundesarchiv Berlin (BArch, Bestand R 3018 Volksgerichtshof) - NS-Aufhebungsgesetz 1998: BGBl. I 1998, 2501; gesetze-im-internet.de - Mueller Furchtbare Juristen (1987): historische Erstausgabe, Seite angeben