--- name: wirtschaftsrecht-im-20-jahrhundert description: "Deutsche Rechtsgeschichte: Wirtschaftsrecht im 20. Jahrhundert. Kriegswirtschaftsrecht 1914-1918, Weimarer Wirtschaftsrecht, NS-Wirtschaftslenkung, Soziale Marktwirtschaft und Ordoliberalismus im Deutsche Rechtsgeschichte." --- # Wirtschaftsrecht im 20. Jahrhundert ## Historische Quellenanker Vor einer rechtlichen Schlussfolgerung diese Anker am aktuellen Normtext prüfen; Spezial- und Landesrecht nur hinzunehmen, wenn es den konkreten Auftrag traegt: - `Art. 20 Abs. 3 GG` — rechtsstaatlicher Gegenwartsanker. - `Art. 1 Abs. 1 GG` — Menschenwuerde als Zäsur- und Kontinuitaetsmassstab. - `Art. 123 Abs. 1 GG` — Fortgeltung vorkonstitutionellen Rechts. - `Art. 125 GG` — Fortgeltung als Bundesrecht. - `Art. 126 GG` — Meinungsverschiedenheiten ueber Fortgeltung. - `Art. 20 Einigungsvertrag` — öffentlicher Dienst und Rechtsuebergang. - `Art. 21 Einigungsvertrag` — Verwaltungsvermögen. - `Art. 22 Einigungsvertrag` — Finanzvermoegen. - `§ 1 VermG` — Anwendungsbereich Vermögensgesetz. - `§ 3 VermG` — Rückübertragung. Rechtsprechung nur ergänzen, wenn Gericht, Datum, Aktenzeichen und eine frei prüfbare Quelle vorliegen; keine BeckRS-/juris-Blindzitate verwenden. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: historisch — Verjährung nach jeweiliger Quelle; heutige Relevanz über Art. 184 ff. EGBGB und Auslegungshilfe für Grundrechtsverständnis. - Tragende Normen verifizieren: Sachsenspiegel, Schwabenspiegel, Carolina (CCC 1532), Preußisches ALR 1794, Code civil (1804), Sächsisches BGB 1865, BGB 1900, WRV 1919, GG 1949; rechtshistorische Quellen MGH, Constitutiones — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Rechtshistoriker, Quelleneditionen, Lehrstühle für deutsche Rechtsgeschichte, Verfassungsrechtler (Auslegungshintergrund), Restitutionsverfahren mit historischem Anker. - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Quellenedition, rechtshistorisches Gutachten, Vorlesungsskript, dogmenhistorischer Aufsatz, Verfassungsentstehungsgeschichte — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. ## Worum es geht Das Wirtschaftsrecht des 20. Jh. ist durch extreme Schwankungen gepraegt. Das Kaiserreich kannte liberalen Wirtschaftsprivatismus plus Sozialpolitik. Der Erste Weltkrieg brachte Zwangswirtschaft (Kriegswirtschaftsgesetze, Kriegsrohstoffamt). Die Weimarer Republik experimentierte mit Sozialisierungsgesetzgebung und Konjunkturpolitik. Der NS schuf totalitaere Wirtschaftslenkung (Vierjahresplan, Ruestungsbeschleunigung). Nach 1945 entwickelte Ludwig Erhard das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft (Wohlstand für alle, 1957) auf Grundlage des Ordoliberalismus (Freiburger Schule: Walter Eucken, Franz Boehm). Das GWB 1957 kodifizierte Wettbewerbsrecht. ## Kernnormen / Kernquellen - **Kriegsleistungsgesetz 1873 (RGBl. 1873, 129)**: Grundlage Kriegswirtschaftsrecht Kaiserreich - **RWirtschaftsG 1919 (RGBl. 1919, 341)**: Weimarer Wirtschaftslenkung - **Vierjahresplan-Verordnung 1936 (RGBl. I 1936, 887)**: NS-Wirtschaftslenkung - **GWB 1957 (BGBl. I 1957, 1081)**: Wettbewerbsrecht der Bundesrepublik ## Akteure und Institutionen - **Walter Rathenau** (1867-1922): Kriegswirtschaft-Organisator und Aussenminister - **Walter Eucken** (1891-1950): Ordoliberalismus, Freiburger Schule - **Franz Boehm** (1895-1977): GWB-Vater, Ordoliberalismus - **Ludwig Erhard** (1897-1977): Wirtschaftsminister, Soziale Marktwirtschaft ## Typische Streitfragen / Forschungsfragen 1. Kriegswirtschaft 1914-1918: War sie der Beginn staatlicher Wirtschaftslenkung? 2. Ordoliberalismus vs. Keynesianismus: Welche Idee praegte die BRD-Wirtschaft staerker? 3. GWB 1957: War es ein Erfolg oder blieb es zu zahnlos? 4. NS-Wirtschaftslenkung: War sie modern-planwirtschaftlich oder chaos-korporatistisch? 5. EU-Wettbewerbsrecht und GWB: Wurde das GWB durch EU-Recht ueberholt? ## Methodik - GWB: gesetze-im-internet.de; RGBl. 1957, 1081 (historisch) via ALEX/OeNB - Eucken Grundsaetze der Wirtschaftspolitik (1952): historische Ausgabe - Erhard Wohlstand für alle (1957): Erstausgabe - Vierjahresplan-Verordnung 1936: ALEX/OeNB