--- name: dfg-projektbeschreibung-arbeitsprogramm description: "DFG-Projektbeschreibung und Arbeitsprogramm ausarbeiten: Forschungslücke, Stand der Forschung, Ziele, Hypothesen, Methoden, Arbeitspakete, Meilensteine, Risiken, Forschungsdaten und verwertbare Antragssprache." --- # Projektbeschreibung und Arbeitsprogramm ## Worum geht es Die Projektbeschreibung ist das **Herzstück** jedes DFG-Antrags. Sie entscheidet — nicht der Finanzplan, nicht das CV. Reviewer entscheiden in den ersten 10 Minuten der Lesung, ob sie den Antrag wohlwollend oder kritisch weiterlesen. Dieser Skill baut die Projektbeschreibung so, dass sie das wohlwollende Lesen begünstigt. **Alte-Hasen-Faustregel:** Wer in der Einleitung keine prüfbare Hypothese hat, ist verloren. Wer in den Vorarbeiten keine drei referierten Volltexte zur Forschungsfrage hat, ist verloren. Wer im Arbeitsprogramm fünf Arbeitspakete und 18 Meilensteine in 30 Monaten unterbringen will, ist verloren. **Drei Mal verloren ergibt ablehnen.** ## Wann dieses Modul hilft / Kaltstart-Fragen Dieser Skill kommt zum Einsatz, wenn die Programmschiene feststeht und die eigentliche Textarbeit beginnt — oder wenn ein Entwurf vorliegt, der überarbeitet werden muss. Kaltstartfragen: 1. **Forschungsfrage** in einem Satz. Wenn das nicht funktioniert, hier zuerst nachschärfen. 2. **Hypothesen** prüfbar? In Wenn-Dann-Logik formuliert? 3. **Stand der Forschung** vorhanden? Wie aktuell die jüngsten Treffer? 4. **Eigene Vorarbeiten:** zwei bis vier einschlägige Volltexte vorhanden? Konferenzbeiträge zählen nicht. 5. **Methodik:** Triangulation (zwei oder mehr Verfahren) oder Single-Method-Excellence? 6. **Zeitraum:** typisch 24 oder 36 Monate für Sachbeihilfe, 60 für Koselleck. ## Programm- bzw. Sachrahmen **Standardaufbau Projektbeschreibung** (Vordruck 53.01 — bitte am Einreichtag verifizieren): 1. **Stand der Forschung** — 5 bis 8 Seiten. 2. **Forschungsziele und Hypothesen** — 1 bis 2 Seiten. 3. **Eigene Vorarbeiten** — 2 bis 3 Seiten. 4. **Arbeitsprogramm** — 8 bis 12 Seiten. 5. **Mehrwert / Auswirkungen / Verwertungsperspektive** — 0.5 bis 1 Seite. **Seitenlimits.** Variieren nach Programm (Sachbeihilfe typisch 20 Seiten, Koselleck 30 bis 40, ENP teils anders). Vordruckhinweis prüfen. Eine Seite zu viel = Nachfrage der Geschäftsstelle = Verzug. **Schrift und Formatierung.** Typisch Arial 11 pt oder Times New Roman 12 pt, Zeilenabstand 1.15 bis 1.5. Wer 9 pt nimmt, fällt sofort auf. Wer den Standard einhält, hat schon gewonnen. ## Praxisleitfaden ### Stand der Forschung **Was schnelle Genehmigung produziert.** Nicht enzyklopädisch — **auf den Antrag zugeschnitten**. Der Stand der Forschung ist die Konfliktlandkarte vor der eigenen Frage. Reviewer wollen sehen: Welche Felder gibt es, welche Schulen stehen wo, wo ist die Konfliktlinie, wo die Lücke? **Was Reviewer triggert.** - "Stand der Forschung lückenhaft" — fataler Killersatz. Vermeiden durch systematische Literatur-Sweep (Literaturdatenbank, Snowballing aus Schlüsselarbeiten). - "Aktuelle Arbeiten fehlen" — Faustregel: mindestens 30 Prozent der Zitate aus den letzten 5 Jahren. - "Eigene Vorarbeiten überrepräsentiert" — wenn von 80 Zitaten 25 vom Antragsteller sind, wirkt das ich-bezogen. - "Schule X komplett übergangen" — wenn ein bekannter Konfliktpunkt ignoriert wird. **Wer kommt als Gutachter? Strategie.** Drei Namen identifizieren. Deren Schlüsselarbeiten **positiv und korrekt** zitieren. Nicht alles zitieren — aber die Hauptthese fair wiedergeben. **Niemand wird gern übergangen.** Wenn Sie wissen, dass Prof. X mit Prof. Y in einer methodischen Kontroverse steht — beide zitieren, nicht Partei ergreifen. ### Forschungsziele und Hypothesen **Hypothesen schärfen.** Prüfbar, falsifizierbar, in Wenn-Dann-Logik. Beispiel gut: > "H1: Wenn [Bedingung X] vorliegt, dann tritt [Phänomen Y] mit messbar erhöhter Häufigkeit auf — gemessen durch [Operationalisierung]." Beispiel schlecht: > "Das Projekt untersucht die Bedeutung von X für Y." (Keine Hypothese, sondern Beschreibung.) **Anzahl Hypothesen.** Für Sachbeihilfe: 2 bis 4 Hypothesen, davon eine zentrale. Für Kleinantrag: 1 bis 2. Für Koselleck: ein übergeordnetes Erkenntnisziel plus 2 bis 3 Teilhypothesen. **Salami-Hypothesen vermeiden** — fünf gleich wichtige Hypothesen wirken nach Sammlung von Restthemen. ### Eigene Vorarbeiten **Tabellenform schlägt Fließtext.** Drei Spalten: Publikation — Beitrag zum vorliegenden Antrag — Stand. Das ist Reviewer-freundlich, weil schnell scanbar. **Was zählt:** referierte Volltexte in einschlägigen Journalen, Monographien, Drittmittelprojekte. **Was zählt weniger:** Konferenzposter, Workshop-Beiträge, Kapitelbeiträge in nicht-referierten Sammelbänden. **Pilotstudie nennen.** Wenn vorhanden, eigene Pilotergebnisse zur Forschungsfrage explizit als Beleg für Machbarkeit. Ein Abbildungsbeispiel oder ein Tabellenausschnitt aus der Pilotstudie wirkt sehr überzeugend. ### Arbeitsprogramm **Was schnelle Genehmigung produziert.** - **3 bis 6 Arbeitspakete maximum.** Mehr verwirrt. Reviewer halten 5 oder 6 Pakete im Kopf, 8 nicht mehr. - **Jedes AP mit fester Struktur:** Ziel, Methode, Personal, Zeit, Meilenstein, Risiko, Mitigation. - **Klare Personalzuordnung pro AP.** Nicht "3 WMA für AP 1-3", sondern "WMA1 für AP1.1 und AP1.2 mit 100 Prozent, WMA2 für AP2.1 mit 65 Prozent, studentische Hilfskraft für AP3 mit 30 Prozent für 6 Monate". - **Zeitachse sichtbar** — Gantt-Chart ist nicht zwingend, aber sehr hilfreich. Schon eine einfache Balkengrafik überzeugt. - **Meilensteine prüfbar** — "M1.2: Erste Datenerhebung abgeschlossen, n = 50 Probanden" ist besser als "Datenerhebung läuft". **Was Reviewer triggert.** - "Salami-Slicing" — wenn ein Vorhaben offensichtlich aus drei Folgeprojekten besteht. - "Überambitioniert" — wenn 5 Pakete in 24 Monaten mit einer Stelle laufen sollen. - "Personalplanung unrealistisch" — z. B. 3 Doktoranden für 1 Themenfeld ohne klare Differenzierung. - "Methode im Detail fehlt" — wenn die statistische Auswertung in einem Satz abgehandelt wird. - "Risiken nicht adressiert" — wenn nirgendwo "Was, wenn nicht?" beantwortet ist. - "Aufzählung > 5 Punkte" — Listen mit 7 oder 8 Punkten überfordern das Lesen. ### Risiken und Mitigation Jedes Arbeitspaket muss ein **eigenes Risiko-Mitigations-Statement** haben. Format: > "Risiko: [konkretes Risiko, z. B. Rekrutierung der Probanden langsamer als erwartet]. Mitigation: [Plan B, z. B. Erweiterung der Erhebungsregionen auf [zwei zusätzliche Standorte], Kooperation mit Klinik X bereits sondiert (Anlage Z)]." **Trade-off Risiken offen vs. versteckt.** Versteckte Risiken kommen im Gutachten zurück. Offene Risiken mit guter Mitigation wirken professionell. ### Mehrwert und Auswirkungen Oft unterschätzt — hier punktet man. **Drei Ebenen:** 1. **Wissenschaftlich** — welche Theorie, welches Feld profitiert? 2. **Methodisch** — welcher Methodensatz wird entwickelt und für andere nutzbar? 3. **Gesellschaftlich / praktisch** — wer in der Praxis profitiert (vorsichtig, nicht überverkaufen, in Grundlagenforschung nicht zwingend). ## Trade-off-Matrix | Trade-off | Pfad A | Pfad B | Empfehlung | | --- | --- | --- | --- | | Stand der Forschung breit vs. fokussiert | enzyklopädisch | zugeschnitten | Zugeschnitten — Reviewer wollen die Konfliktlandkarte | | Hypothesen viele vs. wenige | 5 Hypothesen | 2 Hypothesen | Wenige, scharf — keine Salami | | Methodentriangulation vs. Single-Method | zwei Methoden | eine Methode in Tiefe | Triangulation für Robustheit, Single-Method für Disziplinen mit Exzellenz-Norm | | Gantt-Chart vs. Fließtext-Zeitplan | Grafik | Text | Grafik schlägt Text, kostet eine halbe Seite | | Risiken offen vs. versteckt | offen + Mitigation | nicht erwähnt | Offen — Reviewer findet sie sowieso | | AP-Anzahl 3 vs. 6 | 3 große Pakete | 6 kleine Pakete | Je nach Komplexität — Faustregel 3-4 für Kleinantrag, 4-6 für Standard | ## Schritt für Schritt 1. **Ein-Seiten-Fassung** zuerst schreiben — Vision, Frage, Hypothese, Methode, Erkenntnisgewinn. 2. **Stand der Forschung** als Konfliktlandkarte aufbauen. Drei Cluster identifizieren, eigene Position im Cluster verankern. 3. **Hypothesen schärfen** — in Wenn-Dann-Logik prüfbar formulieren. 4. **Vorarbeiten-Tabelle** anlegen. 5. **Arbeitspakete entwerfen** — 3 bis 6 Pakete, jedes mit fester Innenstruktur. 6. **Zeitachse zeichnen** — Gantt oder einfaches Balkendiagramm. 7. **Meilensteine** definieren, prüfbar. 8. **Risikomatrix** anlegen — eines pro AP. 9. **Mehrwert / Auswirkungen** schreiben — kurz, drei Ebenen. 10. **Sprachpolish** — Modewörter raus, Abkürzungen bei Erstnutzung definieren. 11. **Reviewer-Brille:** lesbar in 90 Minuten? ## Mustertexte / Vorlagen **Einleitungs-Eröffnungssatz** (Vorlage): > "Trotz intensiver Forschung zu [Phänomen X] ist die Frage [konkrete Frage] bislang nicht systematisch geprüft. Das vorliegende Projekt schließt diese Lücke, indem es [Methodenkombination] auf [Material / Population / Datensatz] anwendet und prüft, ob [Hypothese H1]." **Hypothese im Wenn-Dann-Stil** (Vorlage): > "H1: Wenn [Bedingung A], dann zeigt sich [Phänomen B] mit Effektgröße d > 0.5 — operationalisiert durch [Messverfahren]. Eine Widerlegung würde [theoretische Konsequenz Z] nahelegen." **Arbeitspaket** (Vorlage): > **AP2 — Datenerhebung Feldstudie (Monate 6-18)** > > *Ziel:* Sammlung qualitativer Interviewdaten zur Prüfung von H2. > > *Methode:* Halbstrukturierte Leitfaden-Interviews (n = 30), Transkription nach Dresing/Pehl, thematische Analyse nach Braun/Clarke. > > *Personal:* WMA1 (TV-L 13, 100 Prozent, Erhebung und Transkription), SHK (10 h/Woche für Monate 12-18, Codierung). > > *Meilenstein M2.1 (Monat 12):* 15 Interviews durchgeführt und transkribiert. > > *Meilenstein M2.2 (Monat 18):* Vollständige Datenerhebung und erste Codierung abgeschlossen. > > *Risiko:* Rekrutierung verzögert sich aufgrund pandemischer Einschränkungen. > > *Mitigation:* Online-Interviews als Backup, Kooperation mit zwei zusätzlichen Standorten bereits sondiert (Anlage 6). **Risiko-Mitigations-Statement** (Vorlage allgemein): > "Risiko: [konkrete methodische / personelle / sachliche Unwägbarkeit, in einem Satz]. Mitigation: [Plan B in einem Satz, idealerweise mit Verweis auf eine Kooperationszusage, einen Alternativdatensatz oder einen methodischen Rückfallpfad]." ## Typische Fehler - "Das Projekt untersucht..." als Hypothese — keine Hypothese, sondern Beschreibung. - 80 Seiten Stand der Forschung in einem 20-Seiten-Antrag — keine Selbstdisziplin. - Vorarbeiten ohne Tabelle — Reviewer findet nichts. - "Innovativ", "neuartig", "interdisziplinär" ohne Substanz — Modewörter rauswerfen. - Abkürzungen ohne Erstdefinition — Reviewer fragt nach, Punktabzug. - Personal "3 WMA und 1 SHK" ohne Zuordnung zu AP. - Risiken nicht erwähnt — Reviewer notiert "Risikoblindheit". - "Kürzlich erschienen (2020)" mit Antrag 2026 — "kürzlich" wirkt verzögert; entweder Zitat aktualisieren oder "kürzlich" streichen. - Gantt-Chart fehlt — kostet halbe Seite, bringt sehr viel. - Eigene Vorarbeiten überrepräsentiert — wenn mehr als 25 Prozent der Zitate vom Antragsteller, wirkt selbstbezogen. ## Regelungs- und Quellenanker Arbeitsfokus: **Projektbeschreibung und Arbeitsprogramm**. Prüfe diese Anker am Sachverhalt; ergänze nur Normen, die denselben Output, dieselbe Frist oder dieselbe Beweisfrage tragen: - `Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG` — Wissenschaftsfreiheit. - `Art. 91b Abs. 1 GG` — Forschungsförderung im Bund-Länder-System. - `§ 23 BHO` — Zuwendungsvoraussetzungen. - `§ 44 Abs. 1 BHO` — Bewilligung, Nachweis und Prüfung. - `§ 7 Abs. 1 BHO` — Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. - `§ 48 Abs. 1 VwVfG` — Rücknahme rechtswidriger Bewilligungen. - `§ 49 Abs. 1 VwVfG` — Widerruf rechtmäßiger Bewilligungen. - `DFG-Kodex Leitlinie 1` — Redlichkeit. - `DFG-Kodex Leitlinie 7` — Qualitätssicherung. - `DFG-Kodex Leitlinie 14` — Autorschaft. Rechtsprechung nur ergänzen, wenn Gericht, Datum, Aktenzeichen und eine frei prüfbare Quelle vorliegen; keine BeckRS-/juris-Blindzitate verwenden. ## Quellen Stand 05/2026 - DFG-Vordruck 53.01 (Sachbeihilfe-Antragsvorlage) — vor Einreichung live ziehen. - DFG-Hinweise Antragstellung: dfg.de - DFG-FAQ Begutachtung: dfg.de - DFG-Leitfaden für die Antragstellung (programmspezifisch): dfg.de Seitenlimits und Gliederungsempfehlungen variieren nach Programm und Vordruck — am Einreichtag aktuelle Version verifizieren.