--- name: strafrecht-spezial-aussagepsy-glaubhaftigkeit-glaubwuerdigkeit description: "Begriffsdifferenzierung: Glaubhaftigkeit bezieht sich auf die Aussage (Inhalt, Konstanz, Realkennzeichen): Glaubwuerdigkeit bezieht sich auf die Perso..." --- # Begriffsdifferenzierung: Glaubhaftigkeit bezieht sich auf die Aussage (Inhalt, Konstanz, Realkennzeichen) ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** Begriffsdifferenzierung: Glaubhaftigkeit bezieht sich auf die Aussage (Inhalt, Konstanz, Realkennzeichen). Glaubwuerdigkeit bezieht sich auf die Person des Zeugen (charakterliche Bewertung). Methodische Bedeutung der Trennung, Konsequenzen für Beweiswuerdigung, Verteidigerwerkzeug gegen die StA-Vermengung. ### Glaubhaftigkeit der Aussage vs. Glaubwuerdigkeit der Person ## Worum geht es In der Aussagepsychologie und in der Rechtsprechung des BGH werden zwei Begriffe streng getrennt, die in der staatsanwaltlichen Argumentation und in der Alltagssprache regelmaessig vermengt werden: Glaubhaftigkeit bezieht sich auf die Aussage selbst (Inhalt, Konstanz, Realkennzeichen), Glaubwuerdigkeit bezieht sich auf die Person des Zeugen (charakterliche Bewertung). Diese Begriffstrennung ist methodisch zentral, weil die aussagepsychologische Begutachtung sich auf die Aussage richtet, nicht auf die Person. Der Skill richtet sich an Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger. Er liefert die begriffliche Differenzierung, die methodische Folgewirkung und die Replik gegen die typische StA-Formel "die Zeugin hat einen glaubwuerdigen Eindruck gemacht". ## Methodische Grundlagen **Glaubhaftigkeit (Aussage).** Bezieht sich auf den Inhalt der Aussage. Pruefkriterien: - Realkennzeichen (CBCA nach Steller/Koehnken). - Konstanz und Aussageentwicklung. - Aussageentstehung und Suggestionseinfluss. - Logische Stimmigkeit. - Detailfuelle und Detailtiefe. Glaubhaftigkeit ist methodisch operationalisierbar und Gegenstand eines aussagepsychologischen Gutachtens. **Glaubwuerdigkeit (Person).** Bezieht sich auf die Person des Zeugen. Pruefkriterien (alltagspsychologisch, nicht aussagepsychologisch): - Vorstrafen, Falschaussagen in anderen Verfahren. - Persoenlichkeitsmerkmale, Auffaelligkeiten in Anamnese. - Aussagebereitschaft, Motivation. - Eindruck im persönlichen Auftreten. Glaubwuerdigkeit der Person ist nicht Gegenstand der aussagepsychologischen Methodik. Sie ist eher persoenlichkeitsdiagnostisch bzw. forensisch-psychiatrisch — und auch dort nur ein nachrangiges Pruefelement. **Methodische Konsequenz.** Eine Aussage einer "glaubwuerdigen" Person kann unglaubhaft sein (z. B. weil suggestiv kontaminiert). Eine Aussage einer "unglaubwuerdigen" Person (z. B. mit Vorstrafen) kann glaubhaft sein. Der Schluss vom persönlichen Eindruck der Zeugin auf die Wahrheit der Aussage ist methodisch unzulaessig. **Begriffsverwirrung in der Praxis.** Tatrichter und Staatsanwaelte verwenden die Begriffe oft unscharf. "Der Zeuge wirkte glaubwuerdig" ist eine Aussage ueber die Person, die methodisch wenig taugt. Sie ersetzt nicht die Wuerdigung der Aussage selbst. ## Praktikertipps Verteidigung - **Vermengung adressieren.** Wenn der Tatrichter oder die StA "die Zeugin wirkt glaubwuerdig" oder "die Zeugin ist glaubwuerdig" sagt, replizieren: "Das ist eine Aussage ueber die Person, nicht ueber die Aussage. Die methodisch entscheidende Frage ist die Glaubhaftigkeit der Aussage." - **Trennung im eigenen Sprachgebrauch sichern.** In Schriftsaetzen und Plaedoyer konsequent die richtigen Begriffe verwenden — und einleitend die Trennung kurz erklaeren. - **Glaubwuerdigkeitspruefung nicht zur Beweiswuerdigung machen.** Vorstrafen der Zeugin, Persoenlichkeitsstoerungen u. dgl. sind Hilfsindizien. Sie ersetzen die methodische Pruefung der Aussage selbst nicht. - **Im Revisionsangriff: Begriffsfehler des Tatrichters ruegen.** Wenn die Urteilsgruende sich im Wesentlichen auf den Eindruck der Zeugin stuetzen, ohne die Aussage methodisch zu pruefen, ist die Beweiswuerdigung luckenhaft. - **Glaubwuerdigkeit nicht ueberbewerten.** Auch wenn die Person der Zeugin "glaubwuerdig" wirkt — der Anschein traegt methodisch nicht. ## Trade-off-Matrix | Strategie | Vorteil | Nachteil | |---|---|---| | Begriffstrennung methodisch herausarbeiten | Methodisch sauber; revisionsfest | Wirkt akademisch, ggf. distanziert | | Glaubwuerdigkeitspruefung der Zeugin angreifen (Vorstrafen, Persoenlichkeitsmerkmale) | Konkret | Risiko der Aufwertung des Themas; ggf. kontraproduktiv | | Im Plaedoyer Trennung explizit auflisten | Strukturell, paedagogisch | Wirkt belehrend | | Hilfsbeweisantrag SV-Gutachten (Glaubhaftigkeit) | Methodisch fundiert | Zeitverzug | ## Verwendung im Plaedoyer Im Plaedoyer trennen Sie die Begriffe explizit: "Es ist zu unterscheiden zwischen der Glaubwuerdigkeit der Person und der Glaubhaftigkeit der Aussage. Die Glaubwuerdigkeit der Zeugin steht hier ausdruecklich nicht in Frage. Sie ist eine ordentliche Person, ohne erkennbare Motivation zur Falschbeschuldigung. Aber das ist nicht die methodisch entscheidende Frage. Die Frage ist, ob die Aussage selbst die Anforderungen an die Glaubhaftigkeit erfuellt. Und hier zeigt die methodische Pruefung [Realkennzeichen / Konstanz / Aussagegenese], dass [Befund]." ## Mustertexte **Mustersatz für Schriftsatz:** "Die Anklageschrift fuehrt aus, die Zeugin sei glaubwuerdig. Hierzu ist methodisch klarzustellen: Glaubwuerdigkeit ist eine Eigenschaft der Person und ersetzt nicht die Pruefung der Glaubhaftigkeit der Aussage. Glaubhaftigkeit wird nach aussagepsychologischer Methodik anhand der Aussageentstehung, der Aussagekonstanz und der Realkennzeichen geprueft (vgl. BGH, Urteil vom 30.07.1999, 1 StR 618/98, BGHSt 45, 164)." **Mustersatz für Plaedoyer:** "Wenn das Gericht den Eindruck haben sollte, die Zeugin sei eine glaubwuerdige Person, ist dies nachvollziehbar. Es ist jedoch methodisch nicht das Pruefkriterium. Massgeblich ist die Glaubhaftigkeit der Aussage, und diese ist nach der Hypothesen-gegen-Hypothesen-Methode des BGH zu pruefen. Die Methode verlangt, dass alle plausiblen Alternativen ausgeschlossen werden — Suggestion, Falscherinnerung, Motivation. Diese Alternativen sind hier nicht ausgeschlossen. Damit ist die Verurteilung nicht zu tragen." ## Quellen Stand 06/2026 - BGH, Urteil vom 30.07.1999, 1 StR 618/98, BGHSt 45, 164 (Glaubhaftigkeit der Aussage als methodisches Pruefkriterium, nicht Glaubwuerdigkeit der Person). - BGH staendige Rechtsprechung zur Beweiswuerdigung in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen (Folge-Aktenzeichen mit aktueller BGH-Linie verifizieren). - Volbert, R., Steller, M., zur Begriffsdifferenzierung Glaubhaftigkeit vs. Glaubwuerdigkeit (Lehrbuch-Bezug, generisch). - Methodik siehe `references/methodik-buergerliches-recht.md` (entsprechend). - Zitierregeln siehe `references/zitierweise.md`. - Begriffstrennung ist verbindlicher Stand der Aussagepsychologie. Schriftsaetze und Plaedoyer hierauf ausrichten.