--- name: strafrecht-spezial-aussetzung-221-stgb description: "Aussetzung nach § 221 StGB: Konkretes Gefaehrdungsdelikt. Versetzen in hilflose Lage oder Imstichlassen bei Obhuts- oder Beistandspflicht. Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschaedigung. Qualifikationen Abs. 2 und Er..." --- # Aussetzung nach § 221 StGB ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** Aussetzung nach § 221 StGB. Konkretes Gefaehrdungsdelikt. Versetzen in hilflose Lage oder Imstichlassen bei Obhuts- oder Beistandspflicht. Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschaedigung. Qualifikationen Abs. 2 und Erfolgsqualifikation Tod Abs. 3. ### Aussetzung § 221 StGB ## Worum geht es § 221 StGB ist ein **konkretes Gefaehrdungsdelikt** zum Schutz von Leben und Gesundheit. Der Taeter versetzt das Opfer in eine hilflose Lage oder laesst das Opfer in einer solchen Lage im Stich, wodurch es in die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschaedigung geraet. Strafrahmen: - **§ 221 Abs. 1 StGB:** Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fuenf Jahren. - **§ 221 Abs. 2 StGB (Qualifikation):** Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bei Tat gegenueber Schutzbefohlenen oder bei schwerer Gesundheitsschaedigung als Folge. - **§ 221 Abs. 3 StGB (Erfolgsqualifikation Tod):** Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren. - **Minder schwerer Fall § 221 Abs. 4 StGB:** Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fuenf Jahren (Abs. 2) bzw. von einem Jahr bis zu zehn Jahren (Abs. 3). In der Praxis sind die wichtigsten Konstellationen: Vernachlaessigung von Kindern und Pflegebeduerftigen; Liegenlassen von Verletzten; Ausladen von Drogenabhaengigen, Betrunkenen oder Verletzten an einsamen Orten. ## Tatbestand und Auslegung **Aufbau:** Zwei Tathandlungsvarianten und konkrete Gefahr. **1. Versetzen in hilflose Lage:** Aktive Handlung, durch die das Opfer in eine Lage geraet, in der es sich nicht selbst helfen kann. **2. Imstichlassen in hilfloser Lage:** Passive Variante (Unterlassen). Voraussetzung: Pflicht zur Obhut, zum Beistand oder Garantenstellung iSd § 13 StGB. Der Taeter laesst das Opfer in einer bereits bestehenden hilflosen Lage zurueck. **Hilflose Lage:** Zustand, in dem das Opfer nicht in der Lage ist, sich aus eigener Kraft den Gefahren zu entziehen oder fremde Hilfe zu beschaffen. Klein- und Kleinstkinder, schwer kranke oder verletzte Personen, stark intoxikierte Personen. **Konkrete Gefahr:** Aufgrund der Lage muss tatsaechlich die nahe Moeglichkeit eines schweren Erfolges (Tod oder schwere Gesundheitsschaedigung) bestehen. **Subjektiver Tatbestand:** - Abs. 1 Tathandlung: Vorsatz hinsichtlich Tathandlung und Gefahrenlage. Dolus eventualis genuegt. - Abs. 3 Todesfolge: Mindestens Fahrlaessigkeit nach § 18 StGB. ## Tatbestandsmerkmale konkret **Versetzen:** Aktive Handlung. Klassisch: Aussetzen eines Saeuglings, Verbringen eines Schwerkranken an einen einsamen Ort. **Imstichlassen:** Verlassen oder Unterlassen der gebotenen Hilfeleistung trotz Garantenstellung. Voraussetzung: Es muss eine **Obhuts- oder Beistandspflicht** bestehen. **Obhutsbezug:** Eltern, Lebenspartner, Pflegekraefte; Personen, die das Opfer in die hilflose Lage gebracht haben (Ingerenz); bei vorausgegangenem gefaehrlichen Tun. **Beistandspflicht:** Garant aus Gesetz, Vertrag, enger Lebensbeziehung oder vorausgegangenem Tun. **Konkrete Gefahr Todes oder schwere Gesundheitsschaedigung:** - **Tod:** Naheliegender Eintritt des Todes. - **Schwere Gesundheitsschaedigung:** Gleichwertig mit § 226 Abs. 1 StGB-Folgen. **Qualifikation Abs. 2 Nr. 1 (Schutzbefohlene):** Bei Personen, die der Taeter zu erziehen oder zu betreuen hat, oder die ihm in einem Dienst- oder Arbeitsverhaeltnis untergeordnet sind. **Qualifikation Abs. 2 Nr. 2 (schwere Gesundheitsschaedigung als Folge):** Schwere Gesundheitsschaedigung muss tatsaechlich eingetreten sein. **Erfolgsqualifikation Abs. 3 (Tod):** Tatsaechlicher Eintritt des Todes; Voraussehbarkeit nach § 18 StGB. ## Praktikertipps der Verteidigung - **Hilflosigkeit pruefen:** War das Opfer in der konkreten Lage wirklich hilflos? Bei volljaehrigen, leicht alkoholisierten Personen kann Hilflosigkeit fehlen. - **Konkrete Gefahr:** Sachverstaendiger zur tatsaechlichen Gefahrenlage; Pruefung, ob die Gefahr im Rechtssinne konkret war. - **Garantenstellung:** Bei Unterlassungsvariante genaue Pruefung. Ohne Garantenstellung scheidet § 221 StGB in der Variante Imstichlassen aus; nur § 323c StGB (unterlassene Hilfeleistung) bleibt. - **Subjektive Voraussehbarkeit:** Bei Erfolgsqualifikation Abs. 3 pruefen, ob der Tod für den Taeter konkret voraussehbar war. - **Minder schwerer Fall § 221 Abs. 4 StGB:** Bei besonderen Tatumstaenden (Eigenueberforderung, Unbedarftheit, Geststaendnis). ## Trade-off-Matrix - **Schweigen vs. Aussage:** Bei strittiger Garantenstellung oder Hilflosigkeit kann Aussage zum Vorgeschehen helfen. - **Geststaendnis und TOA:** Bei Vernachlaessigung von Schutzbefohlenen oft Strafmilderungsweg. - **Glaubwuerdigkeit:** Bei "Aussage gegen Aussage" zur Hilflosigkeit Beweisaufnahme zu medizinischer Lage des Opfers. - **Nebenklage:** § 395 Abs. 1 Nr. 3 StPO – bei Aussetzung mit Folgen Nebenklage moeglich. ## Konkurrenzen - **§§ 211, 212 StGB:** Bei Toetungsvorsatz vorrangig (Aussetzung als Toetungshandlung). - **§ 222 StGB:** Bei fehlendem Vorsatz – fahrlaessige Toetung. - **§§ 223, 224 StGB:** Bei tatsaechlicher Verletzung – Tateinheit moeglich. - **§ 225 StGB:** Bei Schutzbefohlenen Tateinheit moeglich; § 225 StGB schuetzt umfassender (Quaelen, Misshandeln). - **§ 227 StGB:** Bei Todesfolge der Koerperverletzung – Tateinheit oder Spezialitaet streitig. - **§ 323c StGB:** Bei fehlender Garantenstellung – unterlassene Hilfeleistung als Auffangtatbestand. - **§ 171 StGB:** Verletzung Fuersorgepflicht – allgemein. ## Strafzumessung - **Strafrahmen § 221 Abs. 1 StGB:** Drei Monate bis fuenf Jahre Freiheitsstrafe. - **Strafrahmen § 221 Abs. 2 StGB:** Ein bis zehn Jahre Freiheitsstrafe. - **Strafrahmen § 221 Abs. 3 StGB:** Nicht unter drei Jahren (bis 15 Jahre). - **Minder schwerer Fall § 221 Abs. 4 StGB:** Strafrahmen 3 Monate bis 5 Jahre bzw. 1 Jahr bis 10 Jahre. - **§ 49 StGB:** Strafrahmenverschiebung bei vertypten Milderungsgruenden. - **Bewaehrung:** Bei Strafe bis zu zwei Jahren grundsaetzlich moeglich (Abs. 1, ggf. Abs. 4). ## Mustertexte **Einlassung (Auszug):** > Der Angeklagte raeumt ein, dass er den Geschaedigten am Tattag in das Krankenhauseingangsgebaeude verbracht und dort zurueckgelassen hat. Es war ihm bewusst, dass der Geschaedigte unter Drogeneinfluss stand. Er ging davon aus, dass die Mitarbeitenden der Notaufnahme den Geschaedigten unmittelbar versorgen wuerden. Eine hilflose Lage iSd § 221 StGB lag im Eingangsbereich der Klinik nicht vor. **Plaedoyer-Snippet:** > Die Hilflosigkeit iSd § 221 StGB setzt voraus, dass das Opfer aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, sich Hilfe zu verschaffen. Im konkreten Fall war der Geschaedigte ansprechbar und befand sich an einem Ort mit unmittelbarer medizinischer Versorgung. Eine konkrete Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschaedigung lag nicht vor. **Hilfsbeweisantrag:** > Hilfsweise wird beantragt, einen rechtsmedizinischen Sachverstaendigen zur konkreten Gefahrenlage zum Tatzeitpunkt zu vernehmen. Beweisthema: Eine konkrete Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschaedigung bestand zum Tatzeitpunkt aufgrund der konkreten Lage und Umstaende nicht. ## Quellen Stand 06/2026 - § 221 StGB Aussetzung (gesetze-im-internet.de). - § 13 StGB Unterlassen. - § 323c StGB unterlassene Hilfeleistung. - §§ 211, 212, 222 StGB. - §§ 223 ff. StGB Koerperverletzung. - § 225 StGB Schutzbefohlene. - BGH staendige Rspr. zur hilflosen Lage und zur Garantenstellung (live verifizieren). - § 395 StPO Nebenklage. - Verifizierung in amtliche Quellen empfohlen.