--- name: strafrecht-spezial-btmg-31-aufklaerungshilfe-kronzeuge description: "§ 31 BtMG kleine Kronzeugenregelung: Strafmilderung oder Absehen von Strafe bei wesentlicher Aufklaerungshilfe: Abgrenzung zu § 46b StGB grosse K..." --- # § 31 BtMG kleine Kronzeugenregelung: Strafmilderung oder Absehen von Strafe bei wesentlicher Aufklaerungshilfe ## Arbeitsbereich **Betrug Stgb Btmg Grundtatbestand** ordnet den Fall über die tragenden Prüfungslinien: Betrug § 263 StGB Grundtatbestand, BtMG-Grundtatbestand § 29 Abs, BtMG-Qualifikation § 29a BtMG. Arbeite zuerst die tragende Rechtsfrage heraus; Nebenaspekte werden nur verarbeitet, soweit sie Frist, Zuständigkeit, Beweislast oder das konkrete Arbeitsprodukt tatsächlich beeinflussen. ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** § 31 BtMG kleine Kronzeugenregelung: Strafmilderung oder Absehen von Strafe bei wesentlicher Aufklaerungshilfe. Abgrenzung zu § 46b StGB grosse Kronzeugenregelung. Voraussetzungen, Verhandlungstaktik, Zeugenschutz. ### § 31 BtMG: Kleine Kronzeugenregelung Aufklaerungshilfe ## Worum geht es § 31 BtMG ist die spezialgesetzliche Kronzeugenregelung des BtMG. Sie ermoeglicht eine Strafrahmenverschiebung nach § 49 Abs. 1 oder Abs. 2 StGB oder das Absehen von Strafe, wenn der Taeter wesentliche Aufklaerungshilfe leistet. Abzugrenzen ist § 31 BtMG von § 46b StGB (allgemeine Kronzeugenregelung). § 31 BtMG ist die aeltere und in der BtMG-Praxis dominierende Norm; § 46b StGB ergaenzt für Straftaten ausserhalb des BtMG. ## Tatbestand und Stoffliche Erfassung **§ 31 Nr. 1 BtMG — Aufklaerungshilfe:** Der Taeter hat durch freiwillige Offenbarung seines Wissens wesentlich dazu beigetragen, dass die Tat ueber seinen Tatbeitrag hinaus aufgedeckt werden konnte. **§ 31 Nr. 2 BtMG — Praeventionshilfe:** Der Taeter hat sein Wissen so rechtzeitig einer Dienststelle offenbart, dass Straftaten nach § 29 Abs. 3, § 29a Abs. 1, § 30 Abs. 1, § 30a Abs. 1 BtMG, von deren Planung er weiss, noch verhindert werden konnten. **Voraussetzungen:** 1. Eigene Taetigkeit als BtMG-Taeter 2. Freiwilligkeit (nicht nach faktischer Ueberfuehrung; Druck mindert, schliesst aber nicht aus) 3. Offenbarung gegenueber zuständiger Stelle (Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht) 4. Wesentlichkeit (objektiver Beitrag zur Aufklaerung; nicht nur Bestaetigung Bekanntem) 5. Aufklaerungserfolg muss kausal auf der Offenbarung beruhen (BGH staendige Rspr.; verifizieren) **Rechtsfolge:** Pflichtmilderung (§ 49 Abs. 1 oder Abs. 2 StGB) oder Absehen von Strafe (nur bei Strafrahmen bis drei Jahre, § 31 Halbsatz 2 BtMG). ## Mengen und Schwellen § 31 BtMG ist anwendbar auf alle Taten nach § 29 BtMG bis § 30a BtMG, soweit diese betroffen sind. Die Strafrahmenverschiebung wirkt sich vor allem bei § 29a, § 30 und § 30a BtMG aus. | Ausgangsstrafrahmen | Nach § 31 BtMG + § 49 Abs. 1 StGB | |---|---| | § 29 Abs. 1 BtMG (bis 5 Jahre) | bis 3 Jahre 9 Monate Freiheitsstrafe, Mindeststrafe Geldstrafe | | § 29a BtMG (1 bis 15 Jahre) | Mindeststrafe 3 Monate, Hoechststrafe 11 Jahre 3 Monate | | § 30 BtMG (2 bis 15 Jahre) | Mindeststrafe 6 Monate, Hoechststrafe 11 Jahre 3 Monate | | § 30a BtMG (5 bis 15 Jahre) | Mindeststrafe 2 Jahre, Hoechststrafe 11 Jahre 3 Monate | ## Praktikertipps der Verteidigung - **Strategische Entscheidung vor Aussage:** Aufklaerungshilfe ist meist nicht reversibel. Vor der ersten Aussage Akteneinsicht abwarten, Beweislage einschaetzen, Mandant ueber Folgen aufklaeren. - **Wesentlichkeit dokumentieren:** Schriftliche Einlassung mit konkreten Namen, Daten, Mengen. Vage Hinweise reichen nicht. Lieber praezise und ueberpruefbar. - **Freiwilligkeit:** Vor Ueberfuehrung offenbaren. Wer erst nach Beweismittellage spricht, kann Wesentlichkeit verlieren. Bei spaeter Offenbarung dennoch zumindest § 46b StGB pruefen. - **Praeventionshilfe § 31 Nr. 2 BtMG:** Besonders attraktiv: Auch Strafen anderer Personen koennen verhindert werden. Voraussetzung: rechtzeitige Offenbarung, bevor Tat begangen ist. - **Zeugenschutz:** Bei organisierter Kriminalitaet § 110a ff. StPO (V-Personen), Zeugenschutzgesetz, § 68 StPO Anonymisierung. Bei realer Gefahr Zeugenschutzprogramm erwaegen. - **Abgrenzung § 31 BtMG / § 46b StGB:** § 31 BtMG nur für BtMG-Taten; wenn Mandant ueber Nicht-BtMG-Taten aufklaert, § 46b StGB (Katalogtat erforderlich). - **Verfahrensoekonomie:** Aufklaerungshilfe haeufig in Verbindung mit § 257c StPO (Verstaendigung) — Detail-Skill `fachanwalt-strafrecht-verstaendigung-257c-toa-46a`. ## Trade-off-Matrix | Strategie | Vorteil | Nachteil | |---|---|---| | Frueh und vollstaendig aussagen | Hoechste Strafmilderung, Bewaehrung moeglich | Belastung Dritter, Konflikte in Haft, Lebensgefahr in OK-Faellen | | Spaet, nach Akteneinsicht | Bessere Beweiskenntnis | Wesentlichkeit gefaehrdet | | Schweigen | Keine Selbstbelastung, kein Konflikt | Keine § 31-Milderung; bei § 30a fuenf Jahre Mindeststrafe | | § 31 + § 257c StPO Verstaendigung | Planbare Strafe | Verhandlungsfuehrung anspruchsvoll, Bindungswirkung | | § 31 + § 46b StGB kumulieren | Maximale Milderung bei mehreren Deliktbereichen | Beweispflicht Wesentlichkeit doppelt | ## Konkurrenzen - § 31 BtMG zu § 46b StGB: § 31 BtMG vorrangig bei BtMG-Taten; § 46b StGB tritt hinzu, wenn der Aufklaerungsbeitrag auch ueber den BtMG-Rahmen hinaus reicht. - § 31 BtMG zu § 49 StGB: Strafrahmenverschiebung erfolgt zwingend nach § 49 Abs. 1 oder Abs. 2 StGB. ## Strafzumessung und Therapie statt Strafe - Strafrahmenverschiebung nach § 49 Abs. 1 StGB: 1/4 der gesetzlichen Hoechststrafe entfaellt, Mindeststrafe sinkt entsprechend. - Bei § 30a BtMG: Mindeststrafe 2 Jahre statt 5 Jahre. Bewaehrung erst ab Strafe bis 2 Jahre. § 31 ist also der Schluessel zur Bewaehrungsfaehigkeit bei § 30a BtMG. - Kombination mit § 30a Abs. 3 BtMG (minder schwerer Fall): Mindeststrafe sechs Monate. - § 35 BtMG (Therapie statt Strafe) bleibt anwendbar. ## Mustertexte **Schriftsatz Aufklaerungshilfe § 31 BtMG:** "Namens und im Auftrag meines Mandanten lege ich folgende Aufklaerungshilfe gemaess § 31 Nr. 1 BtMG vor: 1. Mein Mandant offenbart freiwillig: [Sachverhaltskomplex mit Namen, Daten, Mengen] 2. Die Offenbarung erfolgt vor wesentlicher Ueberfuehrung, ist umfassend und nachpruefbar. 3. Der Beitrag fuehrt ueber den eigenen Tatbeitrag meines Mandanten hinaus zur Aufklaerung von [konkrete Taten]. Wir beantragen Strafrahmenverschiebung nach § 49 Abs. 1 StGB, hilfsweise Absehen von Strafe nach § 31 Halbsatz 2 BtMG." **Antrag § 257c StPO Verstaendigung:** "Mein Mandant ist bereit, Aufklaerungshilfe nach § 31 BtMG zu leisten und ein umfassendes Gestaendnis abzulegen. Im Rahmen einer Verstaendigung wird eine Strafe nicht ueber [X] Jahren Freiheitsstrafe mit Bewaehrungsvorbehalt angeregt." ## Quellen Stand 06/2026 - § 31 BtMG in der geltenden Fassung. - § 46b StGB allgemeine Kronzeugenregelung. - § 49 Abs. 1 und Abs. 2 StGB Strafrahmenverschiebung. - BGH staendige Rspr. zur Auslegung "wesentlich" (Aktenzeichen mit BGH-Linie verifizieren). - BGH staendige Rspr. zur Freiwilligkeit der Aufklaerungshilfe. - §§ 68, 110a ff. StPO Zeugenschutz. - Zeugenschutzgesetz ZSHG. - Methodik siehe `references/methodik-buergerliches-recht.md`. - Zitierregeln siehe `references/zitierweise.md`.