--- name: strafrecht-spezial-noetigung-240-stgb description: "Noetigung nach § 240 StGB: Mit Gewalt oder durch Drohung mit empfindlichem Uebel jemanden rechtswidrig zu einer Handlung Duldung oder Unterlassung noetigen. Verwerflichkeitsklausel Abs. 2. Strafrahmen bis drei Jahre Freiheitsstraf..." --- # Noetigung nach § 240 StGB ## Arbeitsweg - Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht? - Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: die im Fachgebiet einschlägigen Verfahrens-, materiellen und Anmeldefristen vorab markieren und nicht aus Modellwissen finalisieren (insbesondere Widerspruch 1 Monat, Klage 1 Monat, Verjährung §§ 195, 199 BGB / spezialgesetzlich). - Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; StPO; StGB — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate. - Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail). - Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis. **Fokus:** Noetigung nach § 240 StGB. Mit Gewalt oder durch Drohung mit empfindlichem Uebel jemanden rechtswidrig zu einer Handlung Duldung oder Unterlassung noetigen. Verwerflichkeitsklausel Abs. 2. Strafrahmen bis drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Sitzblockaden Drohung kuenftiger Gewalt staendige BGH-Rechtsprechung. ### Noetigung § 240 StGB ## Worum geht es § 240 StGB schuetzt die **Freiheit der Willensentschliessung und -betaetigung**. Strafbar ist, wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Uebel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung noetigt. Strafrahmen: § 240 Abs. 1 StGB Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe. **Besonders schwerer Fall § 240 Abs. 4 StGB** (Regelbeispiele): Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fuenf Jahren. § 240 StGB ist Offizialdelikt – kein Strafantrag. In der Praxis ist § 240 StGB ein **Universaltatbestand**, der in fast allen Konfliktbereichen einschlaegig ist: Stalking, Drohanrufe, Sitzblockaden, haeusliche Gewalt, Schutzgelderpressung, Cyber-Bullying. ## Tatbestand und Auslegung **Objektiver Tatbestand:** 1. **Tatmittel:** Gewalt **oder** Drohung mit einem empfindlichen Uebel. 2. **Tatziel:** Noetigung zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung. 3. **Rechtswidrigkeit:** Mittel-Zweck-Relation muss verwerflich sein (§ 240 Abs. 2 StGB). **Subjektiver Tatbestand:** Vorsatz hinsichtlich Tathandlung und Tatziel; dolus eventualis genuegt. ## Tatbestandsmerkmale konkret **Gewalt:** Nach **modernem Gewaltbegriff** der staendigen BGH-Rechtsprechung und nach BVerfG-Rechtsprechung zur Sitzblockaden-Entscheidung 1995 (Az. 1 BvR 718/89 ua) erfordert Gewalt einen **koerperlich vermittelten Zwang**. **Sitzblockade:** Nicht Gewalt durch reines Sitzen vor dem ersten Fahrzeug; aber Gewalt gegenueber dem zweiten und folgenden Fahrer durch das vor ihnen stehende erste Fahrzeug (Zweite-Reihe-Rechtsprechung des BGH, staendige Linie seit BVerfG 1995). - **Vis absoluta:** Voellige Aufhebung der Willensfreiheit (Fesseln, Knockout). - **Vis compulsiva:** Beugung des Willens durch koerperliche Einwirkung (Schmerzzufuegung, Wegtragen). - **Vis in rebus:** Gewalt gegen Sache mit koerperlicher Auswirkung auf das Opfer. **Drohung mit empfindlichem Uebel:** In Aussichtstellen eines Uebels, dessen Verwirklichung in der Macht des Drohenden steht (oder so erscheint). Empfindlich ist das Uebel, wenn es geeignet ist, einen besonnenen Menschen in der Lage des Bedrohten zu der geforderten Handlung zu motivieren. - Drohung mit Gewalt, mit Strafanzeige (im Einzelfall), mit Verbreitung von Geheimnissen, mit Entlassung. - **Auch Drohung mit kuenftiger Gewalt** umfasst – im Unterschied zu § 249 StGB / § 177 Abs. 5 StGB, wo die Drohung **gegenwaertige** Gefahr für Leib oder Leben fordert. **Verwerflichkeit § 240 Abs. 2 StGB:** Die Tat ist nur rechtswidrig, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Uebels zum erstrebten Zweck als **verwerflich** anzusehen ist (Mittel-Zweck-Relation). Anerkannte verwerfliche Konstellationen: Schutzgelderpressung, Stalking, haeusliche Gewalt. Nicht verwerflich: Drohung mit Strafanzeige zur Durchsetzung einer berechtigten zivilrechtlichen Forderung (im Grundsatz; Einzelfall). **Regelbeispiele § 240 Abs. 4 StGB:** Besonders schwere Faelle: - Noetigung einer Schwangeren zum Schwangerschaftsabbruch (Nr. 1). - Missbrauch der Befugnisse oder Stellung als Amtstraeger (Nr. 2). ## Praktikertipps der Verteidigung - **Gewaltbegriff:** Bei Sitzblockaden, Demonstrationen, Strassenblockaden BVerfG-Linie 1995 (Sitzblockaden-Entscheidung) anwenden. Erste Reihe = nicht Gewalt; Zweite Reihe = ggf. Gewalt durch das blockierte erste Fahrzeug. - **Drohung erschuettern:** War das in Aussicht Gestellte tatsaechlich ein empfindliches Uebel? War es objektiv geeignet, einen besonnenen Menschen zu beugen? - **Verwerflichkeitspruefung Abs. 2:** Mittel und Zweck zueinander in Beziehung setzen. Bei legitimem Zweck (z. B. Durchsetzung berechtigter Anspruch) und legitimen Mittel (z. B. Drohung mit Strafanzeige) keine Verwerflichkeit. Bei Schutzgelderpressung oder Stalking immer verwerflich. - **Rechtfertigung:** Notwehr (§ 32 StGB), rechtfertigender Notstand (§ 34 StGB). - **§ 153, § 153a StPO:** Bei einfachen Noetigungen oft Einstellungspraxis. - **Versuch:** § 240 Abs. 3 StGB – Versuch strafbar. ## Trade-off-Matrix - **Schweigen vs. Aussage:** Bei strittiger Verwerflichkeit Aussage des Beschuldigten hilfreich (legitimer Zweck, situative Eskalation). - **Geststaendnis und TOA:** Klassischer Strafmilderungsweg; oft Einstellung nach § 153a StPO. - **Glaubwuerdigkeit:** Bei "Aussage gegen Aussage" (Stalking, haeusliche Gewalt) Beweisaufnahme intensiv. - **Nebenklage:** § 395 StPO – Nebenklage bei einfacher § 240 StGB nur ausnahmsweise (besonders schwerer Fall ggf.). ## Konkurrenzen - **§ 249 StGB:** Wenn zur Wegnahme – vorrangig. - **§ 253 StGB:** Bei Vermoegensverfuegung – vorrangig. - **§ 177 StGB:** Bei sexueller Handlung – vorrangig (§ 177 Abs. 5 StGB als spezielle Noetigung). - **§ 238 StGB Nachstellung:** Tateinheit moeglich. - **§ 241 StGB Bedrohung:** Tateinheit moeglich. - **§§ 223, 224 StGB Koerperverletzung:** Tateinheit oder Verdraengung im Einzelfall. - **§§ 105, 106 StGB:** Noetigung von Verfassungsorganen. - **§§ 113, 114 StGB:** Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte – vorrangig bei Diensthandlungen. ## Strafzumessung - **Strafrahmen § 240 Abs. 1 StGB:** Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe. - **Strafrahmen § 240 Abs. 4 StGB:** Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fuenf Jahren. - **Versuch:** § 240 Abs. 3 StGB strafbar; § 23 Abs. 2 StGB iVm § 49 Abs. 1 StGB. - **§ 46a StGB / TOA:** Strafrahmenverschiebung oder Absehen von Strafe. - **Bewaehrung:** Bei Strafe bis zwei Jahren grundsaetzlich moeglich. - **§§ 153, 153a StPO:** Bei Erstmaligkeit und Geringfuegigkeit haeufig Einstellung. ## Mustertexte **Einlassung (Auszug, Verwerflichkeit):** > Der Angeklagte hat dem Geschaedigten gegenueber geaeussert, er werde Strafanzeige wegen des Diebstahls erstatten, wenn dieser nicht das entwendete Geld zurueckzahle. Es handelt sich um die rechtmäßige Ankuendigung einer Strafanzeige zur Durchsetzung einer berechtigten zivilrechtlichen Forderung. Die Mittel-Zweck-Relation ist nicht verwerflich iSd § 240 Abs. 2 StGB. **Plaedoyer-Snippet (Sitzblockade):** > Nach der staendigen Rechtsprechung des BVerfG (Sitzblockaden-Entscheidung 1995) ist das blosse Sitzen auf der Strasse ohne koerperliche Einwirkung auf den ersten Fahrer keine Gewalt iSd § 240 StGB. Die Anklage trifft den Angeklagten nur im Verhaeltnis zu den nachfolgenden Fahrzeugen, die durch das vor ihnen stehende erste Fahrzeug physisch blockiert wurden. Im Verhaeltnis zum ersten Fahrer scheidet § 240 StGB aus. **Antrag § 153a StPO:** > Es wird beantragt, das Verfahren gemaess § 153a Abs. 1 StPO einzustellen. Der Angeklagte ist nicht vorbestraft, die Tat ist von geringer Schwere und der Angeklagte ist zur Zahlung einer Geldauflage in Hoehe von ... EUR an die Staatskasse / die genannte gemeinnuetzige Einrichtung bereit. ## Quellen Stand 06/2026 - § 240 StGB Noetigung (gesetze-im-internet.de). - BVerfG, Beschluss vom 10.01.1995 – 1 BvR 718/89 ua (Sitzblockaden-Entscheidung; im BVerfG-Volltext live verifizieren). - BGH staendige Rspr. zum Gewaltbegriff (Zweite-Reihe-Rechtsprechung). - BGH staendige Rspr. zur Verwerflichkeit der Mittel-Zweck-Relation. - § 153, § 153a StPO; § 46a StGB. - Verifizierung in amtliche Quellen empfohlen.